Immer in
Bewegung und auf der Suche nach neuen Reizen, ständig am Laufen, Hüpfen,
Stampfen, Trommeln oder Reden, schnell abgelenkt, leicht frustriert...
Wenn Kinder ähnlich wie der Zappelphilipp von Carl Hoffmann auftreten,
kommt bei Erziehern und Eltern schnell der Verdacht, es könnte sich um ADS
oder ADHS handeln, beides Abkürzungen für Aufmerksamkeitsdefizithyperaktivitätssyndrom.
Was ist
ADHS? Die Diagnose ADHS bedeutet, dass das Kind übermäßig aktiv,
impulsiv und unaufmerksam ist. Was hinter ständigem Zappeln häufig übersehen
wird, diese Kinder sind kreativ, haben ein ausgezeichnetes
visuell-räumliches Vorstellungsvermögen und sind sehr empfindsam für die
Stimmung der Erwachsenen. Schon als Kleinkinder finden sie sich ungewöhnlich
gut in fremden Räumen zurecht und lassen sich kaum mit gespielten Mienen
überlisten. Bei vielen Größen des 20. Jahrhunderts, wie Edison, Einstein,
Hermann Hesse, finden wir diese Charakterzüge. Die Kehrseite der Genialität:
Auch mit ihnen hatten es die Eltern und Lehrer nicht leicht.
Vermutlich
sind Besonderheiten des Stoffwechsels im Gehirn für die Eigenarten der
ADHS-Kinder verantwortlich. Was deren Ursache ist, kann man jedoch im Moment
nicht genau sagen. Schwierige Schwangerschaft oder Sauerstoffmangel unter
der Geburt sind in der Krankheitsgeschichte vieler dieser Kinder zu finden.
Häufig wird aber auch beobachtet, dass ADHS-Züge in einer Familie von einer
Generation zur nächsten weitergegeben werden, ein Hinweis darauf, dass diese
genetisch beeinflusst sind. Eine nicht unumstrittene Hypothese geht davon
aus, dass bei einer kleinen Gruppe der Kinder Nahrungsmittelallergien
ADHS-Symptome verursachen könnten. Das Einhalten einer speziellen Diät
scheint bei diesen Kindern zu einer Verbesserung der Aufmerksamkeit zu
führen. Aus dem Verhalten der Kinder kann man jedoch nicht vorhersagen, bei
wem eine solche Diät erfolgreich sein könnte (siehe: Keller G, Zierau MT:
Hilfe bei AD(H)S).
Wo
liegt die Grenze zwischen der natürlichen Lebhaftigkeit und einer Krankheit?
Die Diagnose ADHS kann erst im Grundschulalter mit Sicherheit gestellt
werden. Erst ab dieser Zeit gelten folgende Beschreibungen der drei
wichtigsten ADHS-Symptome:
Unaufmerksamkeit: Das Kind macht viele Flüchtigkeitsfehler, hat
Schwierigkeiten, längere Zeit bei den Aufgaben oder beim Spielen aufmerksam
zu bleiben (Vorsicht vor unrealistischen Erwartungen! Die
Aufmerksamkeitsspanne eines Grundschülers beträgt im Normalfall etwa 20
Minuten), scheint oft nicht zuzuhören, wenn es angesprochen wird, führt
Arbeiten und Spiele nicht zu Ende, hat Schwierigkeiten, eigene Aktivitäten
zu organisieren, verliert häufig Spielzeug, Hefte und ähnliches, ist
ablenkbar und vergesslich.
Hyperaktivität: Zappelt mit Händen und Füßen, fällt in den
Situationen, in denen Stillbleiben erwartet wird, regelmäßig auf, hat
Schwierigkeiten, „ruhigen“ Freizeitbeschäftigungen nachzugehen, wirkt „wie
getrieben“, läuft herum und klettert in Situationen, in denen es unpassend
ist, redet übermäßig viel.
Impulsivität: Platzt mit Antworten heraus, ehe die Frage zu Ende
gestellt ist, kann nicht warten bis es an der Reihe ist.
Viel
schwieriger gestaltet sich die Diagnostik im Vorschulalter. Die Strukturen
im Gehirn, die für Steuerung der Aufmerksamkeit zuständig sind, befinden
sich in dieser Zeit noch im Aufbau. Nur etwa die Hälfte der als anstrengend
und hyperaktiv beschriebenen Kindergartenkinder, entwickeln im
Grundschulalter ADS, bei dem Rest verschwinden die Symptome ohne jegliche
Behandlung. Einige Besonderheiten in der Entwicklung des Kindes können zwar
als Warnsignale für ADS gesehen werden, es handelt sich aber immer um eine
Vorläufige Diagnose, die mit sieben Jahren nochmals überprüft werden muss.
Schon
im ersten Lebensjahr scheinen spätere ADS-Kinder über unerschöpfliche
Energie zu verfügen. Sie wirken aktiv und kommunikativ, fangen oft früh an
zu krabbeln, beruhigen sich schwer, schlafen nur kurz und unruhig.
Plötzliche und heftige Bewegungen scheinen sie zu genießen, sanftes
Streicheln, Liebkosten, Baby-Massage beunruhigen sie dagegen. Häufig handelt
es sich dabei um Schreibabys.
Im
Alter von ein bis zwei Jahren kommen Trotzphasen und heftige Wutanfälle
dazu, diese können bis zu Affektkrämpfen und kurzer Bewusstlosigkeit gehen.
Die Kinder wirken furchtlos und immer zu haarsträubenden Aktionen bereit.
Heftige Stürze und Stöße scheinen ihnen nicht viel auszumachen, das Kind
kommentiert sie mit einem kurzen „aua“ und spielt weiter.
Die Eltern
berichten oft, dass diese Kinder besonders ungeduldig sind und schwer auf
Signale reagieren. Man darf jedoch nicht vergessen, dass die Aufmerksamkeit
eines zwei bis drei-jährigen Kindes generell auf einen Kanal fixiert ist. Es
ist normal, dass ein Kind in diesem Alter nur schwer auf die Worte der
Erwachsenen reagieren kann, wenn es mit einem Spiel beschäftigt ist. Wird
das Spiel durch die Ansprache des Erwachsenen oder durch Ablenkungen
unterbrochen, wird es nicht wieder aufgenommen. Auch die Entwicklung der
Selbstkontrolle setzt erst mit zwei Jahren ein. Ab diesem Alter sind die
meisten Kinder in der Lage, abzuwarten, wenn sie etwas brauchen, oder
angenehme Beschäftigungen bewusst zu unterbrechen. Zweijährige sind dabei
noch auf die Unterstützung der Erwachsenen angewiesen: Sie brauchen eine
Beschäftigung, wenn sie warten sollen, klare Strukturierung, „Jetzt mache
ich das, danach können wir spielen“ und Rituale, zum beenden von angenehmen
und Einleiten von weniger angenehmen Beschäftigungen.
Mit
drei bis fünf Jahren sind die meisten Kinder in der Lage, Ablenkungen
auszuschalten und über kurze Zeit von ca. 10 bis 15 Minuten konzentriert zu
spielen. Sie reagieren auf die Anrede des Erwachsenen und setzen ihr Spiel
fort. Die ADS-Kinder sind dagegen leicht abgelenkt und wechseln häufig von
einer Tätigkeit zur nächsten. Besonders deutlich sind diese Auffälligkeiten,
wenn diese Kinder sich allein beschäftigen sollen und die Art des Spiels im
gewissen Rahmen vorgegeben ist. Wenn das Kind vom Spiel fasziniert ist, wenn
es ungeteilte Aufmerksamkeit eines Erwachsenen genießt, aber auch beim
Computer Spielen, verschwinden häufig die ADS-Symptome. Vermutlich sind
viele der ADS-Kinder schon in der Lage, ihre Impulse zu steuern, nur fällt
es ihnen deutlich schwerer als ihren Altersgenossen. Daher klappt es erst,
wenn sie stark motiviert sind. Es sei jedoch davor gewarnt, den Computer als
einen „Therapeuten“ einzusetzen. Ständige Belohnung mit „Pluspunkten“
erleichtert es zwar den Kindern, ihre Aufmerksamkeit über längere Zeit
aufrechtzuerhalten, im Alltag ist aber eher die Fähigkeit gefragt, die
eigene Aufmerksamkeit selbstständig zu steuern, und diese wird in keiner
Weise trainiert.
Was
können wir tun? Als erstes gilt es, sich selbst klar zu machen, dass
ADS-Symptome kein elterliches Versagen bedeuten. Es handelt sich um Kinder,
die im Alltag besonders schwierig sind. Die Vergleiche mit „gut erzogenen
Kindern“ der Nachbarn sind daher unangemessen. Häufig ist die Entlastung der
Mutter, zum Beispiel durch eine Kindertagesstätte bitter nötig. Erst dadurch
können Spannungen in ihrer Beziehung mit dem Kind gemildert werden.
Fester
Tagesablauf, Rituale zum Essen, Schlafen gehen, Beenden von Spielen und
ähnlichem, sind für diese Kinder besonders wichtig, weil Erfassen von
zeitlichen Abfolgen zu ihren Schwächen gehört. Schon ein einfacher Satz
„Eins, zwei, drei, Spielen ist vorbei“, regelmäßig eingesetzt, ermöglicht
es, manchen Ärger zu vermeiden. Es gibt Hinweise darauf, dass regelmäßiges
Toben und die Möglichkeit zum freien Spielen die Impulskontrolle verbessern.
Ansonsten
wird die Strategie der kleinen Schritte eingesetzt. Das heißt, das Kind bei
kleineren Wünschen kurz warten zu lassen und dann ausdrücklich zu loben,
vorschnelle Antworten bei gemeinsamen Spielen mit Punkteabzug zu quittieren
(Beschreibung von entsprechenden Spielen gibt es in: Brandau u.a.: ADHS bei
Klein- und Vorschulkindern), bei ruhigen Beschäftigungen am Anfang darauf zu
achten, dass kaum Ablenkungen im Raum sind und dann die Belastung langsam zu
steigern, Spiele und Beschäftigungen wählen, die das Kind besonders spannend
findet.
Aber auch
unbedingt mit einem Kinderarzt reden, wenn Bedenken bestehen. Dieser wird
klären, ob nicht eine andere Krankheit die Symptome verursacht. Hör- und
Sehprobleme, Depression, Schilddrüsenerkrankungen, Schlafstörungen,
Entwicklungsverzögerung aber auch Überbegabung kommen dabei in Frage.
Bestätigt sich die Diagnose ADS, bedeutet das nicht, dass sofort ein
Medikament verschrieben wird, häufig erweist sich Ergo- oder Psychotherapie
als der bessere Weg in die Normalität. Sind die Symptome sehr hartnäckig,
kann z.B. mit Ritalin behandelt werden. Das Medikament ist bei Schulkindern
schon seit langem im Einsatz. Bei Vorschulkindern wird es eher in
Ausnahmefällen verschrieben.
Und noch
eine Bitte an alle, die beruflich oder privat mit betroffenen Kindern in
Kontakt kommen: Es ist zum Standard geworden, dass ein dynamisches,
„lautes“, auffälliges Kind von allen Seiten vorwurfsvolle Blicke erntet. An
überheblichen Kommentaren über vermeintliche Erziehungsfehler mangelt es
nie. Derartiger Druck hat meistens zu Folge, dass die Eltern-Kind-Beziehung
zusätzlich belastet wird und sich die ADS-Symptome beim Kind verschlimmern.
Wer in so einer Situation helfen will, sollte daher unterstützen, statt zu
verurteilen.
Vertiefende und weiterführende Literatur:
Brandau H, Pretis M, Kaschitz W (2003) ADHS bei Klein- und Vorschulkindern.
Ernst Reinhardt
Harms H (2005) ADHS im Jugend- und Erwachsenenalter.
Was wurde aus Zappelphilipp als er erwachsen war?. IPSIS
Keller G, Zierau MT (2004) Hilfe bei AD(H)S.
Knaur
Neuy-Bartmann A (2005) ADS.
Erfolgreiche Strategien für Erwachsene und Kinder.
Klett-Cotta
Warnke A, Satzger-Harsch U (2004). ADHS.
Das Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom. TRIAS