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ADHS im Jugend- und
Erwachsenenalter
Was wurde aus Zappelphilipp als er
erwachsen war?
Von Dipl.-Psych. Helena Harms |
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Lange Zeit ging man davon aus, dass das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom, kurz
ADHS, eine Kinderkrankheit ist. Die betroffenen Kinder entwickeln sich zwar
häufig zu „schwierigen“ Jugendlichen, diese zeigen aber meistens keine
klassischen Symptome der Hyperaktivität: Sie klettern nicht und rennen nicht
umher, richten kein Chaos an, auch die typischen Unfälle im Sinne von
Zappelphilipp werden eher selten. Der innere Bewegungsdrang wird in der
Pubertät in neue Bahnen gelenkt. Heftiges Gestikulieren, häufiger
Positionswechsel beim Sitzen, die Gewohnheit, ständig mit den Fingern zu
trommeln oder mit kleinen Gegenständen wie Schlüsselanhänger zu spielen –
diese Anzeichen der motorischen Unruhe sind nur noch für das geschulte Auge
erkennbar. Dafür geraten andere Symptome in den Vordergrund. Jetzt sorgen
Impulsivität und Aufmerksamkeitsstörungen für neue Probleme, deren
Zusammenhang mit ADHS wird aber häufig übersehen.
In der Grundschulzeit brauchen Kinder mit ADHS besonders viel Unterstützung
beim Strukturieren der eigenen Aktivitäten. Die meisten Familien passen sich
diesen Anforderungen an. Die beginnende Pubertät bringt die eingespielte
Rollenverteilung durcheinander. Die ADHS-Jugendlichen erleben immer wieder,
dass sie von ihren Eltern besonders streng kontrolliert werden und wehren
sich vehement dagegen. Schon im Kleinkindalter neigen die betroffenen Kinder
dazu, sich mit viel Energie gegen elterliche Forderungen durchzusetzen. Im
Jugendalter verstärkt sich diese Tendenz. Vor allem direkter Druck löst
meistens heftige Gegenreaktionen aus. Auf diesem Weg müssen sie jedoch
häufiger als Gleichaltrige Niederlagen einstecken. Ihre Ungeduld,
Unbeständigkeit, Organisationsdefizite und starken Stimmungsschwankungen
führen immer wieder dazu, dass sie den eigenen Erwartungen nicht genügen.
Die Schere zwischen Vorstellungen und Realität geht immer weiter
auseinander. Steigende Anforderungen an passive Aufmerksamkeit sorgen für
zusätzlichen Frust. Sowohl in der Schule als auch im Freundeskreis wird nun
automatisch davon ausgegangen, dass der Jugendliche über längere Zeit ruhig
bleiben und zuhören kann. Dies ist bei den Betroffenen häufig nicht der
Fall. Die Jugendlichen fühlen sich überfordert, hilflos und von allen Seiten
missverstanden. Zweifel an sich selbst, der die Betroffenen ihr ganzes Leben
lang begleitet, ist oft die Folge dieser Entwicklung.
Heranwachsende Menschen gehen mit dieser Situation sehr unterschiedlich um.
Die einen ziehen sich zurück, stumpfen scheinbar ab und geben eigene
Ansprüche und Pläne auf, um weitere Misserfolge zu vermeiden.
„Null-Bock-Syndrom“ ist eine treffende Bezeichnung für diese Haltung. Andere
greifen auf skurrile soziale Rollen, zum Beispiel Klassenclown, zurück oder
werden aggressiv. Wiederum andere versuchen die innere Spannung abzubauen
und „sich selbst zu beweisen“, indem sie gefährliche Situationen suchen.
Ein spezifisches Bild eines ADHS-Jugendlichen gibt es nicht. Auch
Gleichaltrige ohne ADHS reagieren häufig wie oben beschrieben. Zudem
entwickeln sich hyperaktive Kinder nicht selten zu unauffälligen
Jugendlichen.
Das Geheimnis einer erfolgreichen Bewältigung liegt in der Entwicklung
sozialer Kompetenz. Kinder, die aufgrund ihrer ADHS-Symptome schon in der
Grundschule von der Gruppe ausgeschlossen und in langwierige Konflikte mit
Erwachsenen verwickelt sind, haben als Jugendliche eine besonders schwierige
Entwicklung vor sich. Diese brechen viel häufiger als die Gleichaltrigen die
Schule ab, greifen auf Alkohol oder Drogen zurück.
Soziale Anpassung bleibt auch im Erwachsenenalter für viele ADHS-Betroffene
ein wichtiges Thema. Ungeduldig, reizbar, leicht frustriert – so werden sie
häufig von ihrer Umwelt erlebt. Starke Stimmungsschwankungen und geringes
Selbstwertgefühl sind meistens Probleme, mit denen sie zu kämpfen haben.
Langes Zuhören fällt vielen immer noch sehr schwer. Die einen schweifen
dabei in ihre Tagträume ab, die anderen unterbrechen ihr Gegenüber ständig.
Die Kollegen ärgern sich häufig über deren chaotischen Arbeitsstil, die
Angehörigen darüber, dass Freizeit mit verschiedensten Aktivitäten voll
gepackt wird. Ständige Konflikte sind in dieser Situation vorprogrammiert,
mindestens so lange, bis die Betroffenen das Problem erkennen und
Gegenstrategien entwickeln. Zum Beispiel:
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sämtliche Termine für sich eine halbe Stunde früher eintragen als diese
vereinbart sind, um ständige Verspätungen zu vermeiden, nach Möglichkeit
unscharfe Zeitpunkte verabreden. „Ich komme zwischen zehn und halb elf
vorbei“; |
 | Einen
Teil der Aktivitäten für sich allein einplanen, sich bewusst machen, dass
andere ihr gutes Recht auf Pausen haben; |
 | Die
Aussagen anderer Menschen gedanklich strukturieren und anschließend auf
den Punkt bringen: „So wie ich Sie verstanden habe, schlagen Sie vor...“ |
Häufig finden die Betroffenen einen Bereich, in dem sie diese Besonderheiten
ausleben können. Manche greifen auf extreme Sportarten zurück, andere suchen
sich einen Beruf, der mit viel Abwechslung verbunden ist. In den Berufen, in
denen man die eigenen Aktivitäten und vor allem die Aktivitäten anderer
organisieren muss, sind die Betroffenen meistens weniger erfolgreich. Bei
gleichmäßigen statischen Arbeiten mit wenig Abwechslung, machen sie oft zu
viel Flüchtigkeitsfehler. Auch lange Sitzungen und Besprechungen werden für
die Betroffenen häufig zu einer Qual.
Immer wieder klagen die Erwachsenen mit ADHS über die eigene Rastlosigkeit.
Die innere Unruhe steigert sich ganz besonders, wenn sie tatenlos auf etwas
warten müssen. Ob im Restaurant oder in einer Warteschlange, immer wieder
kommt es zu Wutausbrüchen. Vermutlich könnte man diese lindern, wenn die
Betroffenen lernen,
 | deren
Vorzeichen zu erkennen (Ich bin wieder in einer typischen Wartesituation;
ich merke, dass ich zunehmend wütend werde; am liebsten würde ich
demonstrativ weg gehen oder mich vordrängeln); |
 | die
eigenen Gedanken über die Situation in friedliche Bahnen lenken (alle
müssen warten, einigen fällt das vielleicht noch schwerer); |
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gezielt Entspannungstechniken einsetzen. |
Hat man gelernt, derartige Reaktionen unter Kontrolle zu halten und hat man
ein passendes Arbeitsfeld für sich gefunden, dann kommen die positiven
Seiten des ADHS zur Geltung: Flexibilität, Offenheit für Neues, ein Händchen
für ungewöhnliche Lösungen, gute Auffassungsgabe, die Fähigkeit, an mehreren
Aufgaben gleichzeitig zu arbeiten, ohne den Überblick zu verlieren – dies
sind andere Seiten von ADHS, die hinter den Schwierigkeiten häufig übersehen
werden.
Vertiefende und weiterführende Literatur:
Brandau H, Pretis M, Kaschitz W (2003) ADHS bei Klein- und Vorschulkindern.
Ernst Reinhardt
Harms H (2005) ADHS im Kindesalter. Von
Schreibabys und Energiebündeln. IPSIS
Hesslinger B, Philipsen A, Richter H (2004) Psychotherapie der ADHS im
Erwachsenenalter. Ein Arbeitsbuch. Hogrefe
Keller G, Zierau MT (2004) Hilfe bei AD(H)S.
Knaur
Neuy-Bartmann A (2005) ADS.
Erfolgreiche Strategien für Erwachsene und Kinder.
Klett-Cotta
Warnke A, Satzger-Harsch U (2004). ADHS.
Das Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom. TRIAS
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