Der folgende Text soll einen allgemeinen Überblick über den
Alkoholkonsum in Deutschland geben. Beachtet werden neben dem Ausmaß auch
die Ursachen für vermehrten Alkoholgebrauch und damit verbundene
individuelle und gesellschaftliche Probleme.
Die Deutsche Hauptstelle gegen die Suchtgefahren e.V. (DHS) gibt für das
Jahr 2000 einen bundesdeutschen Verbrauch an reinem Alkohol von 10,5
Litern pro Kopf an. Dies entspricht der beachtlichen Menge von 125,5
Litern Bier, 19 Litern Wein, 4,1 Litern Schaumwein/Sekt und 5,8 Litern
Spirituosen (Weinbrand, Likör, Schnaps etc.). Damit nimmt Deutschland
auch im internationalen Vergleich einen Spitzenplatz ein. Betrachtet man
zum Vergleich den Pro-Kopf-Konsum an reinem Alkohol in den USA, so lag
dieser im Jahr 1998 bei rund 6,5 Litern - in Italien trank jeder Einwohner
durchschnittlich 7,7 Liter. Bei diesen Angaben ist zu bedenken, dass
Kinder, Jugendliche, Ältere und Menschen, die geringere Mengen bzw.
keinen Alkohol trinken, mitgezählt werden - etwa 7-12% der Bundesbürgerinnen
und Bundesbürger leben alkoholabstinent. Für die stärker trinkenden Bevölkerungsgruppen
heißt das, dass die genannten Konsummengen für sie wesentlich höher
liegen.
Obwohl das Trinken von Alkohol weit verbreitet ist und nur eine Minderheit
alkoholische Getränke strikt ablehnt, ist das Risiko, ein Problemtrinker
zu werden geringer als die obigen Zahlen erwarten lassen. Rund 10 bis 15%
der Bevölkerung entwickeln ein Trinkverhalten, das als problematisch zu
bezeichnen ist.
Die Zahl der Menschen mit einem riskanten Alkoholkonsum wird in
Deutschland mit 5 Millionen angegeben (bei einer Bevölkerungszahl von
derzeit rund 82 Mio.). Hinzu kommen mindestens 1,6 Mio. abhängige
Alkoholkranke und rund 2,7 Mio. Menschen, die Alkohol missbräuchlich zu
sich nehmen, wobei die Frage, wie weit der Genuss geht und wann der
Missbrauch beginnt, häufig kontrovers diskutiert wird. Generell ist davon
auszugehen, dass dann, wenn Alkohol wiederholt oder über einen längeren
Zeitraum hinweg in überhöhten Mengen und/oder in „unpassenden“
Situationen (z.B. am Steuer, als Einschlafhilfe oder vor beruflichen
Herausforderungen) getrunken wird, von einem missbräuchlichen
Trinkverhalten ausgegangen werden kann. Gleiches gilt für fortgesetztes
Trinken, obwohl der Betroffene bereits erkannt hat, dass es dadurch zu
wiederkehrenden Problemen in verschiedenen Lebensbereichen kommt
(psychisch, sozial, beruflich oder körperlich) bzw. diese sich durch den
Alkoholkonsum noch verschlimmern.
Typischerweise sind die Übergänge zwischen dem „normalem“, d.h. dem
risikoarmen, genussvollen Trinken, und dem riskanten und problematischen
Trinken fließend. Eine zweifelsfreie Zuordnung zu der einen oder anderen
Gruppe ist häufig erst dann möglich, wenn sich bereits eine Abhängigkeit
entwickelt hat. Ein Grund hierfür mag sein, dass Warnzeichen von
Betroffenen selbst und in ihrer Umgebung oft erst sehr spät erkannt und
so ernst genommen werden, dass entsprechende Schritte folgen (z.B. Gespräche
mit einem Arzt oder Psychologen, Aufsuchen einer Beratungsstelle oder
Selbsthilfegruppe).
Egal, aus welchen Gründen Menschen Alkohol trinken, sei es aus Durst,
Gewohnheit, weil es schmeckt, zur Entspannung oder durch Gesellschaft
bedingt, die Wirkung tritt auf jeden Fall ein. Positiv äußert sie sich
in Entspannung, Beruhigung und einer verbesserten Stimmung. Gleichzeitig fällt
es schwerer, Aufgaben zu bewältigen, bei denen man sich konzentrieren
muss oder die eine schnelle Reaktion erfordern. Mittlere oder höhere
Dosierungen können dazu führen, dass die gelöste Stimmung in
Gereiztheit, emotionale Unzugänglichkeit und Aggression umschlägt.
Obwohl die Alkoholwirkung dämpfend ist, was man z.B. an den verlangsamten
Reflexen beobachten kann, wird sie von dem betreffenden Menschen meist
nicht so empfunden. Ganz im Gegenteil, sie fühlen sich tatkräftig und
stark. Die Ursache liegt darin, dass bestimmte Vorgänge im Gehirn, die für
Hemmungen und Ängste zuständig sind, durch Alkohol blockiert werden. Bei
mäßigen Konsum wird die beruhigende Wirkung des Alkohols oft als
anregend und angenehm empfunden.
Dass Menschen behagliche Dinge wiederholen, liegt sehr nahe, zumal sich im
Alltag vielfältige Anlässe finden (Feierabendbier, Verdauungsschnaps,
Sektempfang, Piccolo für den Kreislauf, Einstand, Glühwein zum Aufwärmen
usw.). Ein Großteil der Bevölkerung trinkt Alkohol, um positive
Ereignisse zu unterstreichen, z.B. auf Geburtstagen und Hochzeiten, an
Feiertagen, bei gesellschaftlichen Anlässen, beim Kennenlernen und zum
Wiedersehen, bei bestandenen Prüfungen oder einem beruflichen Aufstieg.
Der Übergang zum Missbrauch hat häufig mit Unkenntnis, einem
leichtfertigen Umgang mit Alkohol im Freundes- und Bekanntenkreis und
falsch eingeschätzten Konsequenzen zu tun.
Riskant wird es, wenn sich bestimmte negative Verhaltensmuster
verfestigen. Wenn das Trinken von Alkohol z.B. dazu dient, unangenehme Gefühle
(bedingt durch Stress, Unruhe, Aufregung, beruflichen Druck,
Unzufriedenheit, das Gefühl innerer Leere oder Minderwertigkeit,
Langeweile, Selbstzweifel oder Einsamkeit usw.) in angenehme Gefühle
umzuwandeln oder wenn der Alkohol dazu dient, eine ausgeglichene Stimmung
herbeizuführen. Hieraus kann leicht ein Teufelskreis entstehen: ich
trinke, weil ich Probleme habe und ich habe Probleme, weil ich trinke.
Eine weitgehend regelmäßige und längerfristige Einnahme von Alkohol führt
biochemisch zu einer deutlich verminderten Wirkung. Der Organismus stellt
sich auf die häufige Zufuhr ein, die er dann zügiger verarbeiten kann.
Es kommt zur Gewöhnung (Toleranzsteigerung), was auch heißt, dass sich
die Trinkmenge erhöht, die benötigt wird, um die Alkoholwirkung zu spüren.
Die Risiken und Folgen des Alkoholkonsums sind vielgestaltig und lassen
sich grob einteilen in solche, die akut und andere, die längerfristig
wirksam sind. Aufgrund der verminderten Konzentrations- und Reaktionsfähigkeit
und der beeinträchtigten Wahrnehmung können bereits geringe Mengen zu
einer erhöhten Unfallgefahr führen, was insbesondere im Straßenverkehr
auch für unbeteiligte Dritte riskant werden und tödlich ausgehen kann.
Übermäßiger Alkoholkonsum beeinträchtigt die Urteilskraft und es kommt
vermehrt zu Aggression und Gewalt. Zahlreiche Straftaten -
insbesondere auch im familiären Umfeld -
werden unter Einfluss von Alkohol begangen.
Regelmäßig erhöhter Alkoholkonsum hat zur Folge, dass sich das Risiko
schwerwiegender gesundheitlicher Schäden erhöht. Hierzu zählen Zellschädigungen,
ein erhöhtes Krebsrisiko und Organschäden, vor allem Veränderungen der
Leber, der Bauchspeicheldrüse, des Herzens sowie des Nervensystems und
der Muskulatur. Zudem kann Alkoholkonsum während der Schwangerschaft zu
schwerwiegenden Schädigungen des Kindes führen.
Missbrauch und Abhängigkeit können auch mit psychischen Beeinträchtigungen
einher gehen, z.B. Stimmungsschwankungen, Ängsten und depressiven
Verstimmungen. Und schließlich sind mögliche weit reichende Veränderungen
im sozialen Umfeld zu nennen, z.B. Partnerschaftsprobleme, Trennungen und
Verlust des Arbeitsplatzes. Schätzungsweise 8 Mio. Menschen leben in
Deutschland in Gemeinschaft mit einem alkoholabhängigen Menschen. Spätestens
an dieser Stelle wird deutlich, dass nicht nur der Alkoholkonsum, sondern
auch der Umgang mit denjenigen, die Probleme mit diesem haben, fest in der
Gesellschaft verankert ist, obwohl es manchmal den Anschein hat, als würden
Alkoholprobleme im öffentlichen Geschehen ausgeblendet.
Wer sich aktiv mit s/einem Alkoholproblem auseinander setzen möchte - sei
es das eigene oder das eines anderen Menschen - braucht einen ehrlichen
und offenen Gedanken- und Gefühlsaustausch. Hierbei sollten Sie jemanden
wählen, dem Sie vertrauen und der sich fachlich mit dem Thema auskennt.
Angebote von Freunden, Verwandten oder Kollegen, die Ihnen ihre Unterstützung
anbieten, sind sicher gut gemeint, doch besteht die Gefahr, dass Ihr Gegenüber
nicht aus einer neutralen Position heraus handelt. Gleiches gilt für die
Unterstützung von Personen, die selbst ein ungeklärtes Verhältnis zum
Alkohol haben. Die Wahl eines Helfers sollte an Kompetenz, Vertrauen und
Neutralität orientiert sein, damit eine ehrliche, nüchterne und positive
Unterstützung gewährleistet ist.
Gerade das Eingeständnis, die - professionelle - Hilfe eines anderen zu
brauchen, ist für Menschen, die trinken, eine große Herausforderung -
und gleichzeitig der erste Schritt.
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