Der Abbau von intellektuellen
Leistungen setzt relativ früh im Leben ein. Die bekanntesten Beispiele
dafür sind die Lernfähigkeit und das Gedächtnis. Schon ab dem frühen
Erwachsenenalter sinken die Leistungen in diesen Bereichen kontinuierlich.
Jeder kennt dieses Phänomen: man kann sich nur wundern, mit welcher
Leichtigkeit Jugendliche Fremdsprachen lernen, besonders wenn sie in eine
neue sprachliche Umgebung kommen. Damit kann man sich schon als Zwanzig-
oder Dreißigjähriger nicht mehr messen. In diesem Alter beunruhigt einen
dieses Phänomen jedoch noch nicht - die Leistungseinbußen fallen noch
nicht so stark ins Gewicht. Man zweifelt noch nicht an sich, wenn ein
altbekannter Name einem einfach nicht einfallen will. Mit steigendem Alter
kommt jedoch in solchen Situationen Angst auf. Diese ist nicht nur durch
kontinuierlich sinkende Leistungen verursacht, sondern auch durch die
allgemeine Demenz*-Ängstlichkeit, die in
unserer Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten Einzug gehalten hat. Die
Angst “zu verdummen” ist ein Thema, das im Rahmen der Therapie mit
alten Menschen besonders oft angesprochen wird. Die Frage, die sich
meistens dahinter versteckt, lautet: Bin ich normal? Sind die neu
auftretenden Schwierigkeiten eine Alterserscheinung, oder sind es
erschreckende Zeichen einer nahenden Demenz, was ist überhaupt normal,
wenn man älter wird?
In der Entwicklungspsychologie, einem Zweig der Psychologie, der sich mit
der Entwicklung und Veränderung des Menschen im Laufe seines Lebens
befasst, geht man von der Existenz von zwei Typen der Intelligenz aus: Der
fluiden und kristallinen Intelligenz. Die fluide Intelligenz
beinhaltet alle Funktionen, die uns ermöglichen, neuartige Situationen zu
erfassen und Lösungen für neue Probleme zu finden. Dazu gehört die Fähigkeit,
Gesetzmäßigkeiten von bestimmten Veränderungen oder Verläufen zu
erkennen, sinnloses Material zu lernen und Schlussfolgerungen zu ziehen.
Diese Art der Intelligenz fällt im Rahmen eines Intelligenztestes am stärksten
ins Gewicht und genau die sinkt kontinuierlich mit steigendem Alter.
Anders sieht es mit der kristallinen Intelligenz aus. Diese bezieht
sich auf das im Laufe des Lebens erworbene Wissen und erlernte
Fertigkeiten. Dazu zählen der Wortschatz, das Sprachverständnis,
Erfahrungen und Routinen bei der Problemlösung und das Verständnis für
die allgemeinen Lebenszusammenhänge. Diese Bereiche werden bei einem
gesunden Menschen bis ins hohe Alter hinein erhalten und aufgebaut.
Dadurch können die alters spezifischen Einbußen im Bereich der fluiden
Intelligenz kompensiert werden.
Ein gesunder Mensch besitzt also zwei Arten von Intelligenz: die fluide
Intelligenz, zuständig für die Erfassung von Zusammenhängen und
neuartigen Situationen, die mit steigendem Alter immer weniger leistungsfähig
ist, und die kristalline Intelligenz (der Schatz an Fertigkeiten und
Erfahrungen), die im Laufe des ganzen Lebens aufgebaut wird und Einbußen
im Bereich der fluiden Intelligenz kompensiert. Anders sieht die Situation
aus, wenn ein krankhafter Abbau stattfindet. In diesem Fall werden beide
Arten der Intelligenz gleichermaßen angegriffen.
Im weiteren stelle ich einige Beispiele für Fertigkeiten vor, die von
einem gesunden Erwachsenen bis ins hohe Alter beherrscht werden, für
einen Demenz-Erkrankten jedoch ein ernsthaftes Problem darstellen. Es wird
wahrscheinlich so sein, dass die Aufgaben den meisten Lesern zu einfach
erscheinen, aber schon in einem sehr frühen Stadium der Erkrankung können
die meisten Patienten einige dieser Aufgaben nicht richtig lösen. Dabei
sind es meistens Menschen, die in ihren alltäglichen Aktivitäten noch
nicht auffällig sind.
Ich möchte außerdem davor warnen, aufgrund von diesen Aufgaben eine
Diagnose stellen zu wollen. Auch wenn in vielen Bereichen Schwierigkeiten
festgestellt werden, kann dies sehr verschiedene Ursachen haben. Mein Ziel
ist nur zu verdeutlichen, welche Ausfälle als ein möglicher Hinweis auf
eine Erkrankung zu sehen sind. Die weitere Untersuchung muss dann von Ärzten
und Psychologen vorgenommen werden.
Das
Gedächtnis: Können Sie sich
genau an die Sachen erinnern, welche sich vor einigen Minuten ereigneten?
Machen Sie einen kleinen Test. Lassen Sie sich von jemandem drei Gegenstände
nennen und versuchen Sie nach 10-15 Minuten sich an diese zu erinnern. Sie
dürfen allerdings nicht in der Ecke sitzen und die drei Sachen vor sich
immer wieder aufsagen, sondern müssen in der Zwischenzeit abgelenkt sein.
Versuchen Sie darauf zu achten, ob Sie die wichtigen Punkte eines Gespräches,
das vor ein paar Stunden stattgefunden hatte, wiedergeben können.
Versuchen Sie den Ablauf des heutigen und des gestrigen Tages zu
rekonstruieren. Schreiben Sie einen Stundenplan und achten Sie darauf, ob
“Lücken” vorhanden sind, wo Sie einige Stunden überhaupt nicht
zuordnen können. Gehen Sie Ihren Lebenslauf durch. Wiederum übertreiben
Sie nicht, es ist ganz normal, nicht alle Namen der Mitschüler aus der
Grundschule zu wissen, achten Sie jedoch darauf, ob Sie die wichtigsten
Ereignisse sicher datieren können und die Reihenfolge rekonstruiert
werden kann. Versuchen Sie auch hier auf mögliche Lücken zu achten.
Die
Sprache ist die nächste
wichtige Fähigkeit, die wir in der frühen Kindheit erworben haben. Im
Normalfall bleiben die sprachlichen Fähigkeiten bis ins hohe Alter
erhalten, deswegen können starke und deutliche Verschlechterungen in
diesem Bereich auch ein wichtiges Alarmzeichen sein. Passiert es Ihnen in
der letzten Zeit öfters, dass Ihnen ganz einfache Wörter nicht
einfallen? Können Sie in einer normalen Unterhaltung den Sinn längerer Sätze
oft nur sehr schwer erfassen? Ist im letzten Jahr eine deutlich
Verschlechterung aufgetreten? Dies kann auch ein Alarmzeichen sein.
Probieren Sie, die Bedeutung von verschiedenen Wörtern und Sprichwörtern
zu erklären. Was bedeutet z.B. „Die Katze im Sack kaufen”? Bei dieser
Übung brauchen Sie jedoch unbedingt einen Partner, der die Aufgaben
stellt und die Richtigkeit der Antworten kontrolliert, weil sonst die
Gefahr besteht, dass Sie nur solche Wörter und Sprichwörter nehmen, die
Ihnen sehr geläufig sind, bzw. Sie die Falschheit der Antworten gar nicht
erkennen. Aber Vorsicht, man darf auch kleine situative Verschlechterungen
nicht überbewerten! Jeder hat mal einen Aussetzer in diesem Bereich. Vor
allem, wenn er müde oder gestresst ist, oder unter Leistungsdruck steht.
Jeder kennt das Gefühl, das richtige Wort liegt ihm auf der Zunge, es
will ihm aber nicht einfallen. Wir meinen hier nur Veränderungen, die über
eine längere Zeit stabil bleiben.
Das
Rechnen: Probieren Sie es mit
Kopfrechnen im Bereich der zweistelligen Zahlen. Über diese Aufgabe sind
viele meiner Patienten etwas frappiert, und nachher sind sie verwundert
und erschrocken, wenn das nicht klappt. Man geht meist davon aus, man könne
das. Oder probieren Sie doch einfach Monate und/oder Wochentage rückwärts
aufzusagen. Diese Aufgabe greift auf so viele Fähigkeiten zurück, dass
ich sie gar nicht zu einem bestimmten Bereich zuordnen will.
Es ist zu empfehlen, alle Aufgaben zusammen mit einem Partner durchzuführen,
weil es für Demenz-Erkrankte oft sehr schwierig ist, eigene Fehler
festzustellen. Die beschriebenen Fertigkeiten erscheinen außerdem so
einfach und selbstverständlich, dass es für einen selber fast unmöglich
ist, Defizite in diesen Bereichen zu bemerken. Dies ist der Grund, warum
die meisten demenziellen Erkrankungen erst relativ spät diagnostiziert
werden. Meistens erst, wenn der Betroffene wegen Folgen oder
Begleiterscheinungen des intellektuellen Abbaus in ärztliche Behandlung
kommt. Viel öfter melden sich bei den entsprechenden Beratungsstellen
diejenigen, die bei sich eine Demenz-Erkrankung wie die
Alzheimer-Krankheit befürchten, es sich tatsächlich um einen
„normalen“ altersbedingten Abbau von Gedächtnisleistungen handelt.
Ich hoffe, dass dieser Artikel es dem Leser ermöglicht die Unterschiede
zwischen einem altersbedingten Abbau und einer Erkrankung besser zu
erkennen.
*Demenz:
Hiermit wird der krankhafte
Abbau intellektueller Funktionen – wie Gedächtnis, Sprache und Rechnen
– aufgrund organischer Veränderungen im Gehirn bezeichnet.
Vertiefende
und weiterführende Literatur:
Lehrbuch der
Gerontopsychosomatik und Alterspsychotherapie. Heuft, G. et al.
Uni-TB, 2000
Weitere Infos zu diesem Buch
Altern und
Alter: Ein interdisziplinärer Studientext zur Gerontologie.
Baltes, P. B. et al. De
Gruyter, 1994. Derzeit vergriffen, Neuauflage vorgesehen.