Der Begriff „Depression“ hat schon seit langem
Einzug in die Umgangssprache gehalten. Traurige oder bedrückte Stimmung,
Rückzug von angenehmen Aktivitäten und der Wunsch, in Ruhe gelassen zu
werden, reichen im Alltag oft aus, um von einer Depression zu sprechen.
Es handelt sich dabei aber um Verhaltensweisen, welche im höheren
Alter bei sehr vielen Menschen zu beobachten sind: die gewohnten Aktivitäten
fallen einem immer schwerer und sind in großem Maße von der körperlichen
Form abhängig. Die soziale Isolierung macht sich immer mehr bemerkbar.
Die Lebensperspektive ist ganz anders als in jüngeren Jahren – positive
Veränderungen werden in der Zukunft kaum noch erwartet, dafür aber neue
Verluste und Einschränkungen, die mit dem Älterwerden einhergehen. Die
Reaktion eines alternden Menschen, der sich immer mehr in der eigenen
Wohnung zurückzieht und den Veränderungen im eigenen Leben nachtrauert
ist daher für Nahestehende meistens verständlich. Auf der anderen Seite
stellt sich sowohl bei den Angehörigen als auch beim Alternden die Frage
nach der Abgrenzung zwischen einer „normalen“ und einer krankhaften
Entwicklung. Wann wird eine Auseinandersetzung mit dem Alterungsprozess zu
einer Depression?
Zu einer Depression im Sinne einer Erkrankung gehören:
·
Gedrückte
Stimmung über mehrere Tage (Tagesschwankungen mit „Morgentief“ oder
„Abendtief“ sind denkbar);
·
Interessensverlust:
Themen und Aktivitäten, die früher einen wichtigen Lebensinhalt
bildeten, werden als langweilig empfunden;
·
Verminderte
Fähigkeit, sich über eine freundliche Umgebung und günstige Ereignisse
zu freuen;
·
vermindertes
Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen (die Einstellungen wie „Jetzt bin
ich sowieso zu nichts mehr nütze“, „Die jüngeren Menschen langweilen
sich bloß mit mir“, „Dafür bin ich sowieso zu alt, das schaffe ich
nie“);
·
Sterbewunsch;
·
Weigerung,
eigene Wünsche aktiv zu äußern oder sich dafür einzusetzen („mir ist
ja alles egal“, „die anderen sollen es mal machen, wie sie es
wollen“).
Bei älteren Menschen sind jedoch diese Symptome oft
sehr gut versteckt, so dass sie weder für die anderen offensichtlich,
noch dem Alternden selbst bewusst sind. Dies führt dazu, dass
Altersdepressionen (solche mit dem erstmaligen Auftreten der Symptomatik
nach dem 60. Lebensjahr) oft von den behandelnden Ärzten übersehen
werden.
In den Vordergrund rücken in diesem Fall psychisch
verursachte körperliche Symptome, wie Schmerzen, Übelkeit, Herzklopfen,
Schwindel- oder Schwitzanfälle u.s.w. Typisch ist, dass in diesem Fall
auch bei einer sehr gründlichen Untersuchung keine wesentliche
Grunderkrankung festgestellt werden kann, die diese Symptome verursacht.
Bei älteren Menschen, die oft sehr viele Erkrankungen mitbringen, ist
jedoch die Unterscheidung zwischen körperlich und psychisch verursachten
Symptomen auch für einen Arzt oft sehr schwierig. Die psychisch bedingten
körperlichen Erkrankungen ermöglichen es dem alten Menschen, die durch
seine Depression bedingten Wünsche zu verwirklichen (wie z. B. in Ruhe
gelassen und versorgt zu werden, möglichst wenig das Haus verlassen zu müssen,
sich alles Positive zu entsagen), ohne dass die entsprechenden Stimmungen
deutlich angesprochen oder für den betroffenen selbst bewusst werden.
Wenn es im Rahmen einer Therapie gelingt, die depressive Grundstimmung zu
verändern, kommt es oft auch zum Verschwinden der körperlichen Symptome.
Bei solchen Beschwerden handelt es sich nicht um Einbildung oder
Schauspielerei, sondern um eine Erkrankung, die echtes Leid verursacht und
ärztlich behandelt werden muss.
Mangelndes Interesse an „wichtigen“ Ereignissen täuscht
sehr oft den Eindruck eines intellektuellen Abbaus vor. Die Tatsache, dass
der Betroffene sich offensichtlich nicht an die Sachen erinnert, die zuvor
besprochen waren, wird oft als eine Gedächtnisstörung interpretiert. Für
die gesunden Familienangehörigen ist es meistens schwer vorstellbar, dass
sich der Alternde für relevante Ereignisse des Familienlebens nicht
interessiert und daher nur sehr schwer dem Gespräch folgen kann. Die von
anderen gestellte Diagnose „Vergesslichkeit“ wird in vielen Fällen
vom Betroffenen selbst gestärkt, indem er immer wieder über sinkende Gedächtnisleistungen
klagt. Die für die Depression typische Eigenart, eigene Fehlleistungen
ganz deutlich wahrzunehmen, zu betonen und daraus auf negative
Entwicklungen zu schließen, spielt in diesem Prozess die entscheidende
Rolle. Die Unterscheidung zwischen einem organisch bedingten
intellektuellen Abbau und einer Leistungsminderung durch eine Depression
ist oftmals sehr schwierig. Charakteristisch für eine Depression ist,
dass die Leistungen im Rahmen einer relativ kurzen Zeitspanne
„sprunghaft“ sinken und dieser Prozess vom Betroffenen öfters
angesprochen wird. Hingegen ist in der klinischen Praxis seit langem
bekannt, dass Patienten mit altersbedingten Gedächtnisstörungen bei
hirnorganischen Abbauprozessen diese in den Anfangsstadien der Erkrankung
oft gar nicht registrieren oder sie vertuschen.
Schwer fällt oft auch die Unterscheidung zwischen
einer Depression und einer Trauerreaktion. Von älteren Patienten wird oft
geklagt, dass schon ein bis zwei Monate nach dem Tod des Ehepartners von
den Familienangehörigen ein Ende der Trauerphase erzwungen wird. Der
Grund dafür ist oft die Angst, der Hinterbliebene sei oder werde
depressiv. Die Folge kann eine aktiv vorgetragene Erwartung sein,
derjenige solle nicht mehr traurig sein und sich wieder über das Leben
freuen. Da gerade alte Leute von der familiären Unterstützung in einem
sehr großen Maße abhängen, neigen sie dazu, sich dem Druck zu beugen
und negative Stimmungen zu unterdrücken, ohne dass der Trauerprozess
abgeschlossen werden konnte. Als Reaktion auf diese Verdrängung kommen
oft die zuvor besprochenen körperlichen Symptome zustande, die es dem
alten Menschen ermöglichen, sich zurückzuziehen, ohne ständig ermahnt
zu werden. Hieraus sollte nicht geschlossen werden, dass der Betroffene
nicht in die Familienaktivitäten einbezogen werden darf. Wichtig ist
aber, dass die Möglichkeit besteht, über die Angst, Trauer und
Verunsicherung zu reden.
Die Trauerreaktion hat mit der Depression viele
Symptome gemeinsam: in beiden Fällen treten Rückzugstendenzen, Interesselosigkeit,
bedrückte Stimmung und Schlafstörungen auf. Auch das Gefühl der Erschöpfung
und Schuldgefühle – z.B. dem Verstorbenen gegenüber – sind in beiden
Fällen möglich. Das Gefühl, wertlos und für alle anderen nur eine
Belastung zu sein, zunehmende Hoffnungslosigkeit und vor allem Gedanken,
das eigene Leben möge zu Ende gehen, sind jedoch wichtige Hinweise dafür,
dass eine Trauerreaktion in eine Depression übergeht. Ähnliches gilt,
wenn die Trauersymptome auch nach mehr als einem halben Jahr noch in
voller Stärke vorliegen und nicht allmählich abklingen.
Wenn die Befürchtung besteht, es könnte eine
Depression vorliegen, ist es auf jeden Fall ratsam, mit dem Hausarzt oder
einem Facharzt darüber zu sprechen. Es sollte auch daran gedacht werden,
dass depressive Verstimmungen auch als Nebenwirkung von einigen
Medikamenten, als Folge von versteckten körperlichen Erkrankungen und
Mangelerscheinungen auftreten können. Es kommt immer wieder vor, dass
depressive Erkrankungen bagatellisiert werden, und die Nahestehenden
versuchen, diese in Eigenregie durch viel Zuspruch zu kurieren. Die
Eigenart der Erkrankung besteht jedoch gerade darin, dass der Betroffene
keine Energie finden kann, um sich an Aktivitäten zu beteiligen und sich
über die Zuwendung zu freuen. Die Aufforderungen sich zusammenzureißen führen
ihm seine Hilflosigkeit noch deutlicher vor Augen. Hilfreich kann sein,
den Betroffenen zu ermuntern, über seine Situation und sein Erleben zu
sprechen, womit er sich dann ernst genommen fühlt. Hierbei gilt es aber
auch, die eigenen Grenzen wahrzunehmen und mit den eigenen Kräften zu
haushalten.

Vertiefende
und weiterführende Literatur:
Hautzinger,
M. (2000) Depression im Alter.
Psychologie
Verlagsunion
Hegerl,
U. (2001) Depression und Demenz im Alter. Springer Verlag
Heuft,
G. et. al. (2000). Lehrbuch der Gerontopsychosomatik und
Alterspsychotherapie. Uni-TB
Katschnig,
H. & Demal, U. (2001) Trauer und Depression.
Universitätsverlag, Wien