Haben Sie ein gutes Gedächtnis? Erfahrungsgemäß wird diese Frage selten
einsilbig beantwortet. Es kommt meistens darauf an, was erinnert werden
muss: Die einen haben es schwer mit Telefonnummern, die anderen können
sich keine Gesichter und Namen merken. Ältere Menschen berichten oft,
dass sie sich zwar an die Jahrzehnte zurück liegenden Ereignisse
wunderbar erinnern, bei neuen Informationen jedoch Schwierigkeiten haben.
Die Vielfalt solcher Auskünfte trägt der Tatsache die Rechnung, dass es
verschiedene Gedächtnis-Arten gibt. Was sind das für Arten? Wie spiegeln
sie sich in unterschiedlichen Gedächtnisstörungen wieder? Wie kann man
das eigene Gedächtnis sinnvoll trainieren?
Wie wir an unserem
Beispiel sehen, fallen im Alltag vor allem die Unterschiede in der Merkfähigkeit
für verschiedenes Material auf, wie Zahlen, Texte, neue Wörter,
Melodien, Gerüche usw. Und
gerade diese Unterschiede hängen weniger mit den Besonderheiten vom Gedächtnis
zusammen, sondern mit Systemen, die entsprechende Daten für die
Speicherung vorbereiten. Ist ein Mensch geübt im Umgang mit Zahlen, so
hat er vermutlich schon einen Pool an wichtigen Informationen im Kopf, die
in Zahlen ausgedrückt sind. Es ist egal, ob es sich um Kalorientabellen
oder Bilanzen der letzten Jahre handelt. Jede neue Zahl wird automatisch
mit anderen Informationen verglichen und damit in die schon vorhandene
Struktur fest eingebettet. Genau so kostet es beim Erlernen einer neuen
Sprache meistens viel Mühe, die ersten Vokabeln zu lernen, während im
fortgeschrittenen Stadium der Wortschatz wie von selbst wächst. Diesen
Effekt kann man bewusst nutzen, wenn man neue Informationen willkürlich
mit etwas bekanntem verbindet: Neue Telefonnummern lassen sich manchmal
mit wichtigen Daten assoziieren. Neue Namen und Vokabeln werden mit schon
bekannten Wörtern verglichen oder gereimt. Oder man überlegt, wie man zu
lernende Informationen als Bild darstellen kann. Je merkwürdiger und
bizarrer dieses Bild ausfällt, um so wahrscheinlicher ist es, dass es
fest in der Erinnerung bleibt. Gut eingeübt kompensieren solche Tricks
wunderbar die Merkschwierigkeiten im Alltag.
Anders ist es, wenn es
sich um echte Gedächtnisstörungen handelt. Um zu verstehen, wie diese
aufgebaut sind, werfen wir zuerst einen Blick auf die Struktur des Gedächtnisses:
Es wird zwischen dem prozeduralen und deklarativen Gedächtnis
unterschieden. Das prozedurale Gedächtnis ermöglicht es uns, neue
Strategien und Informationen zu speichern. Egal ob wir Kravatte-Binden
lernen oder uns ein Gedicht merken wollen, ist dabei das prozedurale Gedächtnis
am Werk. Handlungsschritte, Texte, Lösungswege - das alles wird darin
gespeichert, um später abgerufen zu werden. Im deklarativen Gedächtnis
bleibt dagegen die Information, dass wir versucht haben diese Dinge zu
lernen und wie erfolgreich wir waren. Ähnlich wie die Kartei einer großen
Bibliothek ermöglicht uns diese Art des Gedächtnisses den Überblick darüber,
was wir alles können und wissen. Und genau so wie eine solche Kartei wird
es getrennt von Büchern aufbewahrt. Es kommt relativ oft vor, dass das
deklarative Gedächtnis durch eine Krankheit oder Trauma stärker geschädigt
wird als das prozedurale. Für den Betroffenen heißt das, dass er unter
der entsprechenden Anleitung neue Strategien und Techniken lernen kann. Er
ist jedoch nicht in der Lage, die neu erworbenen Fähigkeiten aktiv zu
nutzen, weil die Erinnerung an diese fehlt.
Außerdem werden die Gedächtnistypen je nach Dauer der Speicherung
unterschieden. In diesem Fall spricht man von Kurzzeit- und Langzeitgedächtnis.
Im Kurzzeitgedächtnis werden die Informationen nur über einige
Minuten behalten - für die Zeit, in der damit gearbeitet wird. Diese Gedächtnis-Art
wird eingesetzt, um eine Telefonnummer auf dem kurzen Weg vom Notizblock
zum Telefon zu behalten oder den Namen eines flüchtigen Bekannten für
die Dauer des Gesprächs präsent zu haben. Nach dieser Zeit werden die
meisten Informationen vergessen. Nur ein kleiner Teil davon wandert in das
Langzeitgedächtnis und bleibt uns über Tage und Wochen erhalten.
Greifen wir in der nächsten Zeit mehrmals darauf zurück, zum Beispiel
weil wir mit dem neuen Bekannten immer wieder zu tun haben, dann festigt
sich die Information im Gedächtnis, so dass sie über Jahre behalten
werden kann.
Da die vom Langzeitgedächtnis umfasste Spanne so groß ist, wird es in
Alt- und Neugedächtnis unterteilt. Das Neugedächtnis ist dafür
zuständig, neue Informationen dauerhaft zu speichern. Erinnern wir uns an
einen am Tag zuvor gesehenen Film oder an eine vor zwei Wochen getroffene
Verabredung, fällt das in den Kompetenz-Bereich des Neugedächtnisses.
Die Rekonstruktion von Jahre zurück liegenden Ereignissen erfolgt dagegen
durch das Altgedächtnis. Auch diese verschiedenen Gedächtnistypen
sind bei unterschiedlichen Krankheiten in verschiedenem Maße betroffen.
Vor allem bei Schlaganfällen, Sauerstoffmangel im Gehirn oder
Hirntraumata können die Störungen des Neu- und Altgedächtnisses
getrennt auftreten. Ist das Neugedächtnis überwiegend beeinträchtigt
erinnert sich der Betroffene ziemlich genau an alles, was vor dem
kritischen Ereignis passiert ist. Die Erinnerungen an die Zeit danach
fehlen jedoch. Die neuen Informationen werden gar nicht oder nur sehr unpräzise
gespeichert. In diesem Fall spricht man von einer proterograden Amnesie.
Ist dagegen das Altgedächtnis überwiegend betroffen, dann fehlen die
Erinnerungen an die Zeit vor der Erkrankung. Besonders belastend ist in
diesem Fall, dass auch viele wichtige persönliche und biographische Daten
dem Betroffenen verloren gehen. Diese Art der Erkrankung wird als retrograde
Amnesie bezeichnet. Sind die beiden Gedächtnisformen betroffen wird
von einer globalen Amnesie gesprochen.
Die Prognose der Amnesie hängt überwiegend davon ab, welche Erkrankung
sie ausgelöst hat. Nach Hirn-Schädel-Traumata kommt es meistens
zu einer proterograde Amnesie, die in den nächsten Tagen oder Wochen
wieder abklingt. Für den Betroffenen bedeutet es, dass eine Gedächtnislücke
entsteht, welche die erste Zeit nach dem Trauma umschließt. Nach Schlaganfällen
und Sauerstoffmangel sind meistens Neu- und Altgedächtnis betroffen,
wobei die Erinnerungen nicht komplett fehlen, sondern unscharf und lückenhaft
sind. Die Prognose ist jedoch bei Schlaganfallpatienten günstiger. Bei
ihnen verbessern sich häufig die Gedächtnisleistungen im ersten halben
Jahr nach dem Schlaganfall. Ist dagegen die Schädigung durch
Sauerstoffmangel ausgelöst worden, sind nur wenig Verbesserungen zu
erwarten. Sehr schwere globale Amnesie tritt in Folge vom chronischen
Alkoholismus auf. Diese Erkrankung ist als Korsakow-Syndrom
bekannt und zeichnet sich durch totalen Verlust des Alt- und Neugedächtnisses
auf. Dabei bleiben nur noch sehr weit zurück liegende Erinnerungen
teilweise erhalten. Die Besonderheit dieser Erkrankung besteht auch darin,
dass die Betroffenen ihr Problem kaum zu bemerken scheinen. Befragt man
sie zu vergangenen Ereignissen, werden die Antworten oft frei erfunden.
Auch die Alzheimer-Krankheit ruft in späteren Stadien eine globale
Amnesie hervor. Als erste Anzeichen der Erkrankung fallen meistens die
Schwierigkeiten im Bereich des Neugedächtnisses auf, während die
Erinnerungslücken in Bezug auf „alte Zeiten“ häufig sehr lange übersehen
werden. Auch kurze amnestische Episoden kommen manchmal vor. Diese
dauern meistens weniger als 24 Stunden und kommen ohne eine Vorwarnung
oder sichtliche Ursache. Von einer Minute auf die nächste scheint der
Betroffene nicht mehr zu wissen, wer er ist und wo er sich befindet.
Gelernte Fähigkeiten wie Autofahren, Schreiben und Lesen, Umgang mit Geld
und Kreditkarte und ähnliches bleiben jedoch erhalten - ein Hinweis dafür,
dass nur das deklarative Gedächtnis betroffen ist. Eine solche Episode
endet meistens genau so abrupt wie sie angefangen hat. Die Erinnerung an
die eigene Identität kehrt wieder zurück, dafür kann sich der
Betroffene nicht mehr an die Zeit der Amnesie erinnern. Viele beschreiben
das daher als plötzliches Aufwachen. Über die Ursache von solchen Anfällen
gibt es noch kaum Erkenntnisse. Neurologen vermuten dahinter
Durchblutungsstörungen im Gehirn, die eventuell durch Migräne-Anfälle
ausgelöst werden.
Sind die Gedächtnisstörungen aufgetreten, richtet sich die Behandlung
meistens darauf, alltägliche Aufgaben trotzdem bewältigen zu können.
Vorstrukturierte Tagebücher und Terminkalender, sowie Strategien zum
assoziativen Lernen kommen dabei zum Einsatz. Bei Störungen des Altgedächtnisses
versucht man die Erinnerungslücken mit Hilfe von Familienmitgliedern zu
schließen. Wichtig dabei ist, mit dem Training so früh wie möglich
anzufangen.
Vertiefende
und weiterführende Literatur:
Gauggel
S, Kerkhoff G, Hrsg. (1997). Fallbuch der klinischen Neuropsychologie
- Praxis der Neurorehabilitation. Hogrefe
Harms
H (2001) Ich bin so vergesslich geworden - habe ich die
Alzheimer-Krankheit? Über normale und krankhafte Veränderungen
der intellektuellen Funktionen im Alter. IPSIS
Hartje
W, Poeck K, Hrsg. (2002) Klinische Neuropsychologie. Thieme.
Markowitsch
HJ (2002). Dem Gedächtnis auf der Spur - Vom Erinnern und
Vergessen. Primus Verlag
Metzig
W, Schuster M (2003). Lernen zu lernen - Lernstrategien
wirkungsvoll einsetzen. Springer
Rose
S, Hrsg. (2000)
Gehirn, Gedächtnis und Bewusstsein - Eine Reise zum Mittelpunkt
des Menschseins. Lübbe