Unsere
Vitalität ist von vielen Faktoren abhängig, doch nichts ist elementarer
und körperlich so eng mit unserem Dasein verbunden wie der Atem. Er kann
keine Pause machen. Seinen Rhythmus und seine Intensität nehmen wir erst
wahr, wenn wir uns bewusst auf ihn konzentrieren oder wenn wir uns wegen
außergewöhnlicher Situationen mit ihm auseinandersetzen müssen –
beispielsweise dann, wenn es uns den Atem verschlägt und wir unsportliche
Kurzatmigkeit feststellen oder wenn wir hyperventilieren, weil intensive
Gefühle von Angst, Panik oder Lust in uns aufsteigen. Seelische Probleme,
Stress, Veränderungen im Herz-Kreislauf-System und im neurologischen
Bereich können unser Atemmuster tief greifend beeinflussen. Von allen
Körperfunktionen des Menschen scheint der Atem am umfassendsten mit allen
anderen Ebenen des Menschen verknüpft. Jeder von außen oder von innen
kommende Reiz verändert unsere Art und Weise zu atmen. Einflüsse aus der
Umwelt wie z.B. Luftverschmutzung oder Lärm wirken sich ebenso auf unser
Atemverhalten aus, wie jede Empfindung, jeder Gedanke und jedes Gefühl.
Eine flache, schnelle und stressbedingte Atmung führt zu Engegefühlen,
Panikattacken, Müdigkeit und Herzklopfen, während eine langsame und tiefe
Atmung eine entspannende und befreiende Wirkung zeigt.
Alle
Atemschulen gehen davon aus, dass man mit der Arbeit am Atem jede Ebene des
Menschen erreicht und so eine Harmonisierung möglich wird. Die Atemtherapie
macht sich unsere menschliche Fähigkeit zunutze, den normalerweise
automatisch ablaufenden Vorgang des Luftholens bewusst zu beeinflussen.
Unsere Atmung reagiert unmittelbar auf psychische und physische
Veränderungen; wir können sie willentlich steuern, obwohl sie ununterbrochen
unwillkürlich abläuft. Sie beeinflusst die Herzfunktion, die
Sauerstoffversorgung, den Blutkreislauf und den Stoffwechsel, aber auch
unser Zentralnervensystem und verschiedene Bewusstseinsvorgänge.
Geschichte
Die
Atemtherapie gehört zu den alternativen Heilverfahren, bei dem die
körperliche Behandlung mit meditativen Techniken zum bewussten Atmen
verknüpft wird. Sie betrachtet den Menschen in seiner Einheit von Körper,
Geist und Seele. Ihre Wurzeln sind unter anderem in den Jahrtausende alten
Erfahrungen des Buddhismus, Tao, Tai Chi und dem Yoga zu finden. Die Kraft
des Atems wurde in Westeuropa seit Beginn des 20. Jahrhunderts intensiv
erforscht. Die Atemtherapie entwickelte sich aus der westlichen Atemlehre
mit verschiedenen Elementen von Gymnastik, Tanz, Psychotherapie und dem
fernöstlichen Wissen.
Es gibt
verschiedene Formen, die sich jedoch nur hinsichtlich ihrer Methodik
unterscheiden. Einige atemtherapeutische Methoden arbeiten mit dem
‚unbewussten Atem’, andere mit dem ‚willentlichen’ oder dem ‚zugelassenen’
Atem. Als namhafte Pioniere gelten Dürckheim, Schlaffhorst, Anderson, Glaser
oder Schmitt. Prof. Ilse Middendorf entwickelte eine spezielle Art von
Atemtherapie, die auf das bewusste Selbsterleben und Wahrnehmen des eigenen
Atems fokussiert. Aber auch Hildegard von Bingen soll schon außergewöhnliche
Kenntnisse vom Atem besessen haben, ohne die ihre Gesangskompositionen nicht
praktikabel gewesen wären.
Manche
Atemschulen beziehen sich ausschließlich auf den Atem selbst, während andere
entweder tiefenpsychologisch fundiert oder der humanistischen bzw. der
transpersonalen Psychotherapie zuzuordnen sind, zu denen Namen wie A. Lowen,
C.G. Jung, W. Reich und A. Adler gehören. Auf der psycho-physischen Ebene
tangiert das Wissen um den Atem die Psychologie, Medizin, Spiritualität und
die Philosophie.
Therapie
Die Idee
der Atemtherapie beruht darauf, dass der Atem die stoffliche und die
geistige Welt miteinander zu verbinden vermag, da er durch die Nase
einströmt und jede Zelle des Körpers durchdringt. Auf diese Weise verbindet
er unsere innere Welt mit der äußeren. Dem eigenen Atem bewusst zu lauschen,
ihn zu erfahren und zuzulassen, ist ein wichtiger Bestandteil der Therapie.
Dazu gehören die Wahrnehmung und Erfahrung des Körpers in der Bewegung und
in der Ruhe. Im Prozess der Selbsterfahrung kann man dem natürlichen und
individuellen Rhythmus seines Atems folgen. Körperbereiche, Blockaden und
Verspannungen, die der eigenen Wahrnehmung entzogen sind, werden fühlbar und
können gelöst werden. Durch die Arbeit am Atem kann das Vertrauen in den
eigenen Körper wieder gewonnen oder neu gefunden werden.
Die
Atemtherapie unterscheidet zwischen der Therapie d e r Atmung, die sich
mit den Krankheiten und Funktionsstörungen von Lunge und Stimmapparat
befasst und der Therapie m i t d e m Atem als Selbsterfahrung. Abhängig
vom Ausmaß der Beschwerden und der Bereitschaft, sich auf einen
therapeutischen Prozess einzulassen, ist eine entsprechende
Vorbereitungszeit und Aufklärungsarbeit über die konkreten Inhalte der
jeweiligen Atemtherapie erforderlich. Die Therapie wird entweder in Einzel-
oder in Gruppenarbeit durchgeführt. Bei der Einzeltherapie kann der
Therapeut gezielt mit seinen Händen den Atemfluss nachspüren und lenken,
vorhandene Blockaden lösen und Atemräume erweitern. Hier verwischen sich oft
die Grenzen zwischen Atemtherapie und Osteopathie, einer manuellen
Behandlungsform. Im Gruppenunterricht werden unter Anleitung meditative
Übungen durchgeführt, so dass man gezielt den Atem in jeden Bereich des
Körpers bewusster fließen lassen kann. Hier geht es hauptsächlich um das
eigenständige Üben (Bewegungen, Dehnungen, Druckpunkte und Stimme). Im
anschließenden Gespräch besteht die Möglichkeit, auftretende Gefühle,
Stimmungen und Wahrnehmungen mit dem Therapeuten zu besprechen.
Anwendungsbereiche und
Indikation
Abhängig
von den bestehenden Beschwerden, dem Leidensdruck und der Motivation und
Bereitschaft zur Veränderung kann man mit Hilfe der Atemtherapie
verschiedene natürliche Lebensprozesse und Lebenskrisen lindernd begleiten.
Die Atemtherapie verspricht Heilung und Linderung bei verschiedenen
psychischen und physischen Bereichen. Sie gilt als förderlich bei
Schwangerschaft und Geburt. Sie soll außerdem zum Abbau Atem hemmender
Widerstände, zur Sekretlösung und der Kräftigung der Atemmuskulatur und zu
einer allgemeinen Leistungssteigerung beitragen. Angewandt wird sie häufig
bei Atemstörungen wie Asthma oder chronische Bronchitis. Aber auch bei
funktionellen Störungen des Herz- und Kreislaufsystems sowie des
Verdauungstrakts und bei psychosomatischen Störungen ist sie ein geeignetes
Mittel der Wahl. Psychische Beschwerden wie Erschöpfungs- und
Spannungszustände, Depressionen, Panik und Ängste, Schlafstörungen lassen
sich mit Hilfe der Atemtherapie positiv beeinflussen.
Darüber
hinaus öffnet Atemtherapie die Atemräume bei Sängern und Rednern, erweitert
die Resonanz und fördert die Bühnenpräsenz bei Schauspielern. Wer sich nicht
gut "geerdet" fühlt, sollte die Atemarbeit achtsam dosieren. Vorsicht ist
auch in Krisenzeiten und bei starker psychischer Belastung geboten. Eine
Absprache mit dem Therapeuten ist in solchen Fällen auf jeden Fall
anzuraten.
Die
Atemtherapie wird vor allem in Einzelpraxen angeboten, besitzt aber auch
seit Jahren in vielen psychosomatischen Einrichtungen und Rehakliniken einen
festen Platz. Die bedeutenden Atemschulen sind in Deutschland in der
Arbeits- und Forschungsgemeinschaft für Atempflege e.V. (AFA) zusammen
geschlossen. Ein entsprechendes AFA-Diplom gewährleistet die Qualität des
Atemtherapeuten.
Vertiefende
und weiterführende Literatur:
Rutte R, Sturm S (2003) Atemtherapie.
Springer
Faller N (2006) Atem und Bewegung.
Theorie und 100
praktische Übungen. Springer
Dahlke R, Neumann A, Dahlke M (2000) Die wunderbare Heilkraft des Atmens.
Integral