Sie
schauen durch andere Menschen hindurch. Sie scheinen keinen Trost und
keine Zuwendung zu brauchen, am liebsten sind sie allein. Ihre Sprache ist
arm. Ihre Reaktionen auf die ganz gewöhnlichen Dinge des Alltags oft
merkwürdig. Autistische Menschen – ein Volk, das nach seinen eigenen
Gesetzen lebt.
Autismus
ist eine relativ seltene Erkrankung: von 10.000 Kindern sind circa drei
betroffen, Jungen drei- bis viermal so häufig wie Mädchen. Und trotzdem
ist diese Krankheit vielen bekannt, häufig verbunden mit dem Bild eines
Autisten, der zwar mit einfachen Dingen des Lebens nicht klar kommt, dafür
aber in bestimmten Bereichen zu erstaunlichen Leistungen fähig ist. Das
erstaunliche Zahlen-Gedächtnis oder Zeichnungsbegabung sind die
bekanntesten Beispiele dafür. Auch diese Art von Autismus gibt es. In den
meisten Fällen ist die Realität jedoch weit davon entfernt.
Eine
autistische Erkrankung muss nicht zwangsläufig mit einer
Intelligenzminderung einhergehen. Fast 30% der Autisten wären in der
Lage, eine normale Schule zu besuchen, viele sind sogar hochbegabt. Mit
ihrem Alltag würden diese Menschen auch relativ gut klar kommen, wenn sie
nicht ständig auf ungesprochene soziale Konventionen stoßen würden. Nur
die Gefühle und Wünsche anderer nachzuempfinden, fällt ihnen schwer. Es
muss sich so anfühlen, als wäre eine Wand zwischen ihnen und dem Rest
der Welt. Sie sehen keinen Grund, sich an die Anforderungen der Umwelt
anzupassen. Die Hänseleien der Mitschüler stören sie genau so wenig,
wie die Aufregung der Lehrer. Wenn sie auch noch dazu neigen, immer wieder
dieselbe stereotype Handlung zu wiederholen oder auf das Einhalten einer
bestimmten Ordnung zu bestehen, sind arge Schwierigkeiten spätestens nach
dem Schuleintritt nicht zu vermeiden. Oft gehen diese so weit, dass trotz
der hohen Intelligenz eine Sonderschule gesucht werden muss. Aber trotz
solcher Schwierigkeiten hat diese Gruppe von Autisten die besten Chancen,
als Erwachsene ihren Platz in der Gesellschaft zu finden. Das mangelnde
Gefühl für andere Menschen kann häufig durch bewusstes Verständnis für
Regeln der zwischenmenschlichen Kommunikation kompensiert werden.
Schwieriger
haben es viele andere, bei denen Autismus mit einer geistigen Behinderung
einhergeht. Zwei wichtige Schlüssel zum Verständnis der Welt – der
rationale Verstand und das emotionale Mitgefühl – fehlen ihnen. Sie
haben kaum eine Chance, ihre Wünsche und Sorgen mitzuteilen, ihre plötzlichen
Stimmungswechsel wirken daher chaotisch und sind für uns, „die
Normalen“, kaum nachzuvollziehen. Häufig schreien oder lachen sie ganz
plötzlich ohne Vorwarnung los, rennen weg, greifen jemanden an, ohne dass
ein Grund dafür erkennbar wäre. Manchmal haben sie wirklich außergewöhnliche
Fähigkeiten auf einem Gebiet, ihre Unberechenbarkeit im Alltag wird
dadurch aber bei weitem nicht kompensiert. Die Sprache bleibt ungelenk.
Oft beschränken sich diese Kinder darauf, die gehörten Phrasen oder Wörter
nachzusprechen oder wiederholen immer dieselben stereotypen Sätze. Sie
nehmen von sich aus keinen Kontakt mit anderen Menschen auf, spielen nicht
mit anderen Kindern, machen die alltäglichen Handlungen der Erwachsenen
nicht nach. Veränderungen werden kaum geduldet: der Weg vom Kindergarten
muss immer derselbe sein, das Spielzeug exakt an derselben Stelle eingeräumt
werden. Dadurch entstehen häufig auch viele Rituale, die strengstens
eingehalten werden müssen. Auch die Neigung zu stereotypen Handlungen und
Bewegungen – etwas immer wieder in die Luft werfen, einen Gegenstand hin
und her schieben, Schaukeln oder auf etwas Klopfen – ist für Autismus
typisch.
Obwohl
die Symptome einleuchtend erscheinen, ist die Diagnose in der Realität
meistens sehr schwierig. Es gibt eine Menge psychischer Störungen, die im
frühen Kindesalter auftreten und vom Autismus nur sehr schwer zu
unterscheiden sind. Eine davon ist frühkindliche Sprachstörung, in
Fachkreisen frühkindliche Aphasie genannt. Auch eine geistige Behinderung
und die Vernachlässigung im frühen Kindesalter können Charakterzüge
hervorrufen, die „autistisch“ anmuten. Der Grund dafür ist
naheliegend: durch derart ungünstige Bedingungen haben die Kinder oft
keine Chance, ein altersentsprechendes soziales Verhalten zu entwickeln.
Sie ziehen sich zurück und entwickeln, ähnlich wie Autisten, stereotype
Bewegungsmuster. Die Ursache liegt in diesen Fällen aber nicht an
mangelndem Mitgefühl mit anderen Menschen.
Und
was ist die Ursache von Autismus? Lange Zeit vermutete man den Einfluss
des Elternhauses dahinter. Die in der psychiatrischen Literatur
beschriebenen Einzelfälle schienen diese Vermutung zu bestätigen.
Scheinbar waren es häufig zurückgezogene und sozial abgekapselte
Menschen, die autistische Kinder hatten. Die spätere Forschung ging von
dieser Hypothese weg. Es fiel auf, dass die meisten Betroffenen neben dem
Autismus auch weitere Behinderungen haben. Neben der geistigen Behinderung
treten Seh- und Hörschäden sowie Epilepsie besonders häufig auf. Daher
vermutete man, dass angeborene Störungen im Gehirn die Ursache von
Autismus sein könnten. Weitere Forschung bestätigte diese Hypothese. Man
konnte aber keine spezifische Störung finden, die immer mit dem Autismus
einhergeht.
Es ist
bis heute nicht gelungen, Medikamente gegen autistische Symptome zu
finden. Die Therapie richtet sich überwiegend darauf, ein sicheres Umfeld
zu schaffen, in dem sich die Betroffenen wohlfühlen. In den meisten Fällen
heißt das, dass Räumlichkeiten und Wege überschaubar gehalten werden
und alltägliche Aktivitäten auf feste Rituale aufbauen. Nichts darf in
dieser Welt ohne Not verändert werden. Erst in dieser sicheren Umgebung
kann man versuchen, die sozialen Kontakte der Betroffenen auszubauen und
ihnen Schritt für Schritt die Normen des menschlichen Zusammenlebens
beizubringen. Die Prognose ist dabei um so besser, je weniger andere
Behinderungen neben dem Autismus vorliegen.
Vertiefende
und weiterführende Literatur:
Kehrer
HE (2000) Autismus. Asanger
Keulen
K et al. (2003) Zu niemandem ein Wort. Piper
Lelord
G, Rothenberger A (2000) Dem Autismus auf der Spur. Vandenhoeck
& Ruprecht
Nieß
N,
Dirlich-Wilhelm H (1995) Leben
mit autistischen Kindern. Herder