Einnässen
in der Nacht oder während des Tages ist ein Problem, mit dem viele
Familien zu kämpfen haben. Immerhin haben 15% der Kinder im fünften
Lebensjahr Schwierigkeiten dieser Art. Bei den 8-Jährigen liegt die Rate
bei 7%. Es gibt keine scharfe Grenze dafür, ab wann dieses Problem als
eine Krankheit bezeichnet werden kann. Meistens spricht man von Enuresis
(krankhaftem Einnässen), wenn es bei einem Kind im Alter von 4-5 Jahren
oder später wiederholt zur ungewollten Blasenentleerung kommt. Wichtig
ist dabei das Wort „wiederholt“. Vereinzelte „Unfälle“ dieser Art
können bis zum achten Lebensjahr vorkommen, ohne dass sie als eine
Krankheit anzusehen sind. Und noch eine wichtige Bedingung: Von seiner
intellektuellen Entwicklung muss das Kind wenigstens das Niveau eines 4-Jährigen
erreicht haben. Aber auch wenn diese Bedingungen erfüllt sind, wird die
entsprechende Diagnose relativ selten gestellt. Der Grund dafür ist
einfach: Die meisten Eltern gehen damit gar nicht zum Arzt. In den USA
sind es ca. 38% der Eltern, die Enuresis ihrer Kinder behandeln lassen.
Wie viele dies in Deutschland tun, kann man schwer sagen. Die Tatsache,
dass sich eine organische Krankheit hinter dem Einnässen verstecken kann,
ist den meisten Eltern nicht bewusst. Dabei ist die Liste von möglichen
Ursachen relativ lang: Harnwegsinfekte, Fehlbildungen der Blase und
Harnwege müssen ausgeschlossen werden, genau so wie Diabetes oder
neurologische Störungen, welche die Steuerung der Blase erschweren.
Seltener können auch nächtliche Epilepsie-Anfälle hinter diesem Symptom
stehen.
Das
Gespräch mit einem Arzt ist aber in jedem Fall sinnvoll, auch wenn keine
körperliche Krankheit vorliegt. Es lohnt sich, sich über mögliche Lösungswege
zu informieren. Wie eine an der Universität Tübingen durchgeführte
Studie zeigte, schätzen die meisten Eltern die Wirksamkeit von
unterschiedlichen Behandlungsansätzen falsch ein. Viele Familien greifen
auf die Hausmittel zurück, die kaum erfolgsversprechend sind. Die
beliebtesten darunter sind Einschränken des Trinkens und das regelmäßige
auf die Toilette Schicken. Das erstere wird überwiegend bei denjenigen
Kindern eingesetzt, die nachts einnässen. Man hofft, dass in den nächtlichen
Stunden kein Blasendruck entsteht, wenn die Kinder am Abend zuvor kaum
trinken. Laut vieler Studien liegt die Wirksamkeit dieser Methode bei
Null. An der Beliebtheit hat sie aber bis heute nichts eingebüßt.
Auffallend ist, dass sogar Familien, die diese Methode schon über Jahre
erfolglos angewendet haben, häufig an ihr festhalten.
Was
das regelmäßige auf die Toilette Schicken angeht, in dieser Frage sind
sich Eltern und Wissenschaftler einig – diese Methode ist wirksam.
Allerdings stufen sie die meisten Eltern als sehr wirksam ein, während
klinische Studien ihr nur mittelmäßige Erfolge bescheinigen.
Entscheidend ist jedoch das genaue Vorgehen. Muss das Einnässen im Laufe
des Tages bekämpft werden, ist es auf jeden Fall sinnvoll, mehr auf die
Befindlichkeit des Kindes zu achten als auf einen Zeitplan. Kinder, die
immer dann auf die Toilette geschickt werden, wenn sie Anzeichen einer
voller Blase zeigen, lernen viel schneller selbstständig auf die
entsprechenden Signale zu achten, als diejenigen, die in regelmäßigen
Abständen auf das Töpfchen geschickt werden. Geht es dagegen um das nächtliche
Einnässen, bleibt kaum eine andere Möglichkeit übrig, als die Kinder zu
einer bestimmten Zeit für einen Toilettengang zu wecken. Die meisten
betroffenen Familien machen es „nach Gefühl“. Im Rahmen einer
therapeutischen Behandlung von Enuresis stellt man meistens einen festen
Zeitplan auf: Am Anfang wird das Kind in der Zeit geweckt, wo es gerade
noch nicht einnässt. Zeigt diese Methode einen Erfolg, dann wird in den nächsten
Schritten versucht, die nächtliche Weckzeit allmählich nach hinten bis
in die frühen Morgen-Stunden zu verschieben.
Mit
viel Skepsis betrachten dagegen die meisten Eltern zwei weitere Methoden,
die in den klinischen Studien sehr gut abschneiden. Vor allem, was die
Behandlung mit Medikamenten betrifft, sind sich die meisten Eltern einig,
dass diese wenig erfolgversprechend wäre. Statistisch gesehen zeigen sie
jedoch sehr gute Ergebnisse, wenngleich es meist zu einem Rückfall kommt,
sobald das Medikament wieder abgesetzt wird. Ähnlich ist die Einstellung
zur Behandlung mit einer so genannten Klingelhose oder Klingelmatte. Die
beiden Geräte funktionieren ähnlich: Wenn das erste Tröpfchen Urin in
der Hose oder auf der Schlafunterlage landet, ertönt ein Klingelsignal.
Dieses erinnert das Kind daran, den Schließmuskel zusammenzuziehen und
auf die Toilette zu gehen. Laut verschiedener Studien gehört diese
Methode neben der Medikamentenbehandlung zu den effektivsten. Die
erzielten Erfolge bleiben meist bestehen, wenn man später auf das
Hilfsmittel wieder verzichtet. Diejenigen Familien, die schon einmal ihre
Kinder auf diese Art behandeln ließen, sprechen ihr hohe Wirksamkeit zu,
auch wenn die Mehrheit der Eltern dieser Möglichkeit eher kritisch gegenüber
steht.
Lieber
würden die meisten, den eigenen Angaben zufolge, auf weichere Methoden
zurückgreifen: Die Kinder systematisch loben, an positiven Beispielen
deren Motivation stärken, ihnen die negativen Konsequenzen vor Augen führen,
zum Beispiel, indem Kinder beim Wechsel der nassen Wäsche helfen müssen.
Wenn eine therapeutische Behandlung angestrebt wird, sprechen sich die
meisten Eltern für eine Spiel- und Familientherapie aus. Diesen beiden
Verfahren wird von den Eltern besondere Wirksamkeit zugeschrieben. Diese
Einstellung ist auf keinen Fall falsch, sagen die Wissenschaftler. Es ist
bekannt, dass die Eltern von einnässenden Kindern häufig auch andere
Schwierigkeiten bei ihren Kindern beobachten: vor allem allgemeine Ängstlichkeit,
soziale Ängste und zwanghafte Züge. Nicht selten tritt Enuresis auch als
Reaktion auf eine andauernde psychische Belastung auf. Diese Probleme können
im Rahmen einer Spiel- oder Familientherapie am besten bearbeitet werden.
Vor allem tiefenpsychologisch orientierte Psychotherapeuten vertreten die
Meinung, dass Behandlungserfolge in diesem Fall nachhaltiger sind und an
der Ursache der Störung ansetzen. Diese warnen vor der so genannten
„Symptomverschiebung“, wenn Enuresis einfach „wegtrainiert“ wird.
Diese würde bedeuten, dass das Einnässen zwar verschwindet, an deren
Stelle aber in kürzester Zeit eine neue psychische Störung entsteht. In
dieser Form manifestiere sich das ungelöste innere Problem immer wieder.
Die Statistik von Behandlungserfolgen spricht in diesem Fall eine andere
Sprache: Solche Verfahren helfen es zwar, die begleitenden psychischen
Probleme zu lösen. Werden sie aber ohne gleichzeitige Trainingsmaßnahmen
eingesetzt, ist die Aussicht auf eine schnelle Verbesserung der
Symptomatik eher gering. Das gleiche gilt auch für die so genannten
lerntheoretischen Methoden, wie Loben, positive Beispiele zeigen,
Konsequenzen spürbar machen. Auch diese sind unerlässlich, wenn es darum
geht, positive Motivation beim Kind aufzubauen und aufrecht zu erhalten.
Besonders zu erwähnen sind die in der Therapie häufiger angewendeten
„Sonnenkalender“, in denen „trockene“ Tage mit einer strahlenden
Sonne oder mit einem lächelnden Gesicht markiert werden. Inzwischen gibt
es auch einige Kinderbücher, die sich mit dem Thema „trocken werden“
auseinandersetzen. Aber auch in diesem Fall ist die Erfolgsrate eher
niedrig, wenn die Behandlung kein gezieltes Training einschließt.
Und
abschließend eine gute Nachricht für alle Eltern, die mit dem Einnässen
ihrer Kinder zu kämpfen haben: Auch wenn der Kampf manchmal aussichtslos
zu sein scheint, in den meisten Fällen verschwindet diese Störung bis
zur Pubertät und zieht keine weiteren psychischen Probleme nach sich.
Vertiefende
und weiterführende Literatur
Haug-Schnabel
G (1994) Enuresis.
Reinhardt
von
Gontard A, Lehmkuhl G (2004) Enuresis. Leitfaden Kinder- und
Jugendpsychotherapie. Hogrefe