Angst wird immer auch körperlich erlebt, eine
Korrektur des Angsterlebens kann und sollte deshalb auch auf körperlicher
Ebene ansetzen. Der psychomotorische Zugang der Bewegungstherapie geht von
dem Phänomen aus, dass mit Angststörungen (Agoraphobie und/oder Panikstörung)
auch eine gestörte Beziehung zum eigenen Körper
und zum physikalischen und sozialen Lebensraum
einhergeht. Dem entsprechen die Ziele
und Methoden
der Bewegungstherapie:
1.
Förderung der Selbstwahrnehmung
1.1 Körperwahrnehmung
Körpersignale wie z. B. Herzklopfen, Schwitzen und Schwindel werden bei
Angststörungen als gefährlich interpretiert und als angsterregend erlebt.
In der Bewegungstherapie wird versucht, durch
Konzentration auf neutrale oder angenehme Körperempfindungen die angstverstärkende
Selbstwahrnehmung („Teufelskreis der Angst“) abzubauen und Vertrauen in
den Körper aufzubauen. Der Fokus wird
auf die Körperpartien gesetzt, die im Kontakt mit dem Boden und anderen
tragenden Elementen wie Wand, Stuhllehne usw. sind. Dadurch wird die
Beziehung zum Boden, zur Schwerkraft deutlicher gespürt. Auf diese Weise
kann man sich mehr „geerdet“ und getragen fühlen und Halt spüren. So können die
Angstempfindungen leichter ertragen werden. Durch Spüren des Körpers in
Ruhe und Bewegung entsteht ein Gespür für sein unwillkürliches
Funktionieren. Ein wichtiger
Teil der Körperwahrnehmung ist auch die Wahrnehmung des Atemrhythmus: hier
wird das Ausatmen bewusst zugelassen, was beruhigt und einer
angststeigernden Hyperventilation (übermäßig gesteigertes Atmen)
entgegenwirkt.
1.2 Gefühlswahrnehmung
Körpersignale werden hier eher als Hinweis auf Gefühle und
weniger als Gefahrensignale gedeutet. Gefühle wie Angst und Unsicherheit,
aber auch Ärger und Wut werden im Zusammenhang
mit dem Erleben von Situationen gesehen. Körperliche Erregung geht
ja nicht nur mit Angst, sondern auch mit Gefühlen wie Wut Freude usw.
einher. Der Umgang mit solchen „Schwächen“
fällt Menschen, die immer stark sein und „alles im Griff“ haben
wollen, schwer. Gefühle wie Angst oder Wut, die oft negativ erlebt werden,
können mehr wahrgenommen und verstanden werden. Die mit ihnen einhergehende körperliche
Erregung wird verständlicher und verliert an Schrecken.

2.
Förderung der Raumorientierung
Das Raumerleben ist bei Angst von Instabilität, Grenzenlosigkeit und
Entfremdung geprägt. Stillstand, Rückzug und krampfhaftes
Sich-Festhalten sind die Folge. Dadurch entsteht Beengung, Einschränkung,
Behinderung der Bewegungsfreiheit. Dieses Enge-Gefühl kann Unruhe,
ungerichtete Hyperaktivität erzeugen. Zum Abbau der Kontrollverlustangst
werden Übungen wie z. B. sicheres Stehen, Balance, Fallen und
Sich-Selbst-Auffangen und "blindes" Gehen angeboten. Die Körperkonturen, die Haut als Körpergrenze
und die eigene Ausdehnung im Raum werden bewusst. Die Erfahrungen von
Oben/Unten, Vorn/Hinten, Rechts/Links, Nähe/Ferne werden prägnanter.
Dies stärkt Gleichgewicht und Selbstvertrauen. Über eine Anregung aller
Sinneskanäle wird die Umgebung wieder greifbarer, der Realitätsbezug wird gestärkt.
Die Wahrnehmung tritt an die Stelle ängstigender Gedanken. So entsteht allmählich wieder ein
Bewegungsspielraum.

3.
Förderung der Beziehungsgestaltung, der Bewegung im sozialen Raum
Angst zeigt sich auf der Beziehungsebene oft in Anklammerungstendenzen oder
extremer Distanzierung. Kommunikative Bewegungsübungen in
der Bewegungstherapie-Gruppe fördern die Wahrnehmung eigener und fremder Grenzen, die Bereitschaft zur Auseinandersetzung und das Vertrauen
in andere. Wünsche
und Ängste in Bezug auf Nähe und Distanz werden deutlicher. Es wird geübt,
eigene Bedürfnisse direkt zu äußern. Der Umgang mit zwiespältigen Gefühlen,
mit Beengung, Einschränkung und Alleinsein wird erprobt. Es werden
Zusammenhänge zwischen befriedigender Beziehungsgestaltung und körperlichem
Wohlbefinden erforscht. Die
Selbstsicherheit im Kontakt mit anderen kann dadurch wachsen. Dies wirkt sich positiv auf Selbstwertgefühl,
Kreativität und soziale Kompetenz aus.
Setting
Bewegungstherapie-Gruppe wird zusätzlich zu verhaltenstherapeutischer
Angstbewältigungsgruppe und Einzel-Gesprächen meist stationär in
psychosomatischen Rehabilitationskliniken angeboten, vereinzelt auch
ambulant. Ebenso kann Bewegungstherapie mit analytischen und
tiefenpsychologischen Verfahren kombiniert werden.

Vertiefende
und weiterführende Literatur:
Braunbarth I (2002) Integrative
Bewegungstherapie. IPSIS
Braunbarth I (2003) Hilfreiche Instrumente gegen Angst und
für mehr Selbstvertrauen. Serie von Übungen für Zuhause. In: Deutsche
Angst-Zeitschrift (daz) Nr. 23-30, 2003-2005, Dt. Angst-Selbsthilfe (DASH)
München
Feldenkrais M (1981) Das Körperschema der Angst. In:
Feldenkrais, M.: Die
Entdeckung des Selbstverständlichen. Suhrkamp
Schnapper U, Süßmilch A (2000) Angst
und Angsterkrankungen. IPSIS
Stolze H (1989) Möglichkeiten der Psychotherapie von
Angstzuständen durch Konzentrative Bewegungstherapie. In: Die
Konzentrative Bewegungstherapie. Helmuth Stolze. Springer
Schubert
A (1996) Das Körperbild in der Verhaltenstherapie. In: Verhaltenstherapie
und
psychosoziale Praxis (VPP, Verbandszeitschrift der dgvt)
2/1996
Trautmann-Voigt
S (2003) Zur Integration von Körpersprache und Bewegungsanalyse in eine
Psychotherapie mit einem Angstpatienten. In: Psychotherapie im Dialog 1,
2003