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Beziehung
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Grundlagen der Bindungstheorie
Von Dipl.-Psych. Helena Harms |
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Die Bindungstheorie beschäftigt sich
damit, wie die Beziehung eines Neugeborenen und des Säuglings mit der
ersten Bezugsperson - meist mit der Mutter - sein Verhalten in späteren
Beziehungen beeinflusst.
Die Grundlagen der Bindungstheorie sind in den 60er
Jahren entstanden. Damals fielen den Forschern Ähnlichkeiten im Verhalten
von Kleinkindern und jungen Affen auf. Wurde ein junges Äffchen von
seiner Mutter getrennt, fing es sofort ununterbrochen zu schreien an und
konnte durch nichts abgelenkt werden. Nach mehreren Stunden des
ergebnislosen Kampfes gab das Tier auf und verfiel in Apathie
(teilnahmsloser Rückzug), zeigte kein Interesse am Futter und den Aktivitäten
von anderen Affen. Ähnliche Verhaltensweisen konnten auch bei kleinen
Kindern beobachtet werden, die von ihren Müttern getrennt wurden. Es
wurde daher vermutet, dass diese Art des Verhaltens angeboren sei und
sowohl bei Menschen als auch bei Affen instinktiv ist. Weitere
Untersuchungen mit Kindern zeigten jedoch, dass bei weitem nicht alle
Kinder nach diesem Schema reagieren, wenn sie sich in einer ungewohnten
Umgebung von Müttern trennen müssen. Als ein für unsere Kultur
typisches Beispiel ist die „Wartezimmersituation“ untersucht worden:
Mutter und Kind kommen in ein dem Kind bisher nicht vertrautes
Wartezimmer, das Kind hat ein paar Minuten Zeit, die Umgebung zu erkunden,
danach muss die Mutter kurz weg, und das Kind wird für einige Minuten
alleine gelassen - eine Szene, die auch im Alltag öfters vorkommt. Wie
gehen 1 bis 2-jährige Kinder mit dieser Herausforderung um? Viele
verhalten sich nach dem von den Forschern erwarteten Schema: sie sind
verzweifelt wenn die Mutter weg geht, schreien und versuchen ihr zu
folgen. Kommt die Mutter zurück, wollen diese Kinder von ihr sofort in
den Arm genommen werden. Andere wiederum verhalten sich ganz ruhig und
scheinen von dem Weggehen und Wiederkommen der Mutter kaum Notiz zu
nehmen. Es gibt noch eine dritte Gruppe von Kindern, diese reagieren argwöhnisch
auf das verlassen werden und machen ihrem Ärger Luft, wenn die Mütter
zurückkommen. Bedeutet das, dass nicht alle Kinder unter Stress stehen,
wenn sie kurzzeitig von den Müttern in einer neuen Umgebung verlassen
werden?
Ein weiterer Schritt wurde möglich, als der Speichel
der Kinder nach Spuren vom Stresshormon Cortison untersucht wurde. Es
zeigte sich, dass die ganz ruhigen Kinder einen viel höheren
Cortison-Spiegel aufweisen. Sie stehen nach rein physiologischen
Parametern also viel stärker unter Stress als diejenigen, die ihren Unmut
deutlich machen. Diese Kinder haben also nicht weniger Angst, in einer
nicht vertrauten Umgebung allein gelassen zu werden. Sie haben nur schon
in diesem frühen Alter gelernt, ihre Emotionen zu verstecken und leiden
dadurch noch mehr unter der Situation. Die Forschung zeigt, dass es sich
dabei nicht um eine zufällig auftretende Verhaltensweise handelt, sondern
um eine Charaktereigenschaft.
Wenn keine großen Umbrüche im Leben des Kindes
auftreten, kann man daraus die Verhaltenstendenzen in späteren Jahren
abschätzen. Diejenigen Kinder, die sich mit einem Jahr trauen, ihre Gefühle
offen zu zeigen, haben im Kindergarten mehr Freunde und sind später
sicherer im Umgang mit neuen Situationen. Leider gibt es sehr wenig
Forschung zu der Entwicklung dieser Kinder über das Kindergarten-Alter
hinaus. Es gibt jedoch indirekte Hinweise darauf, dass der Umgang mit
schwierigen Situationen im Erwachsenenalter mit dem in der frühen
Kindheit erlernten Verhaltensstil zusammenhängt.
Wie kommt es dazu, dass das Verhalten der Kinder so
unterschiedlich ist? Hängt es mit den Erfahrungen zusammen, die die
Kinder in ihrem ersten Lebensjahr gesammelt hatten? Kann es durch das
Verhalten der Mütter beeinflusst werden? Um diese Fragen beantworten zu können,
wurde der Umgang der Mütter mit ihren Kindern im ersten Lebensjahr
gefilmt. Es wurde untersucht, wie die Mütter auf die Bedürfnisse und
Signale des Säuglings eingehen. Drei Möglichkeiten sind in diesem Fall
offen:
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Die Wünsche des Kindes werden überwiegend beachtet. Dies
ist der Fall bei den einfühlsamen Müttern. Diese wissen sehr schnell,
was mit dem Kind los ist - ob es weint, weil es Hunger hat, oder durch zu
viel Abwechslung überfordert ist. Sie gehen auf das Kind ein, wenn es
Kontakt sucht, lassen das Kind aber auch in Ruhe, wenn ihm alles zu viel
wird. In diesem Fall macht das Kind vom ersten Tag an die Erfahrung, seine
Wünsche zeigen zu können und dadurch Hilfe in schwierigen Situationen zu
erhalten. |
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Anders ist es bei den Müttern, die nicht so gut auf die Bedürfnisse
des Kindes eingehen können, manchmal weil sie die Signale des Kindes
nicht sicher interpretieren können. Es kann aber auch sein, dass sie zu
schnell oder zu langsam reagieren, nicht die Geduld haben, auf die
Reaktion des Kindes zu warten oder durch äußere Umstände überfordert
sind. Für das Kind bedeutet es, dass auf jede Unmut-Äußerung
seinerseits gleich eine Menge verschiedenster Angebote kommen, die sich
viel zu schnell abwechseln, oder es wird mit seinem Kummer allein
gelassen. In beiden Fällen lernen die Kinder, ihre Emotionen zu
verbergen, weil eine Gefühlsäußerung keine Verbesserung, sondern oft
eine Verschlechterung der Situation für das Kind mit sich bringt. Dies
sind die Kinder, die sich schon mit einem Jahr in stark belastenden
Situationen gleichgültig geben.
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Was passiert, wenn das Verhalten der Mutter ständig
zwischen diesen beiden Extremen wechselt? Hat die Mutter einen guten Tag,
nimmt sie die feinsten Zeichen des Kindes wahr und reagiert feinfühlig
darauf. Hat sie jedoch einen schlechten, funktioniert die Kommunikation
gar nicht mehr. Die Kinder, die diese Erfahrung gemacht haben, werden
schon in den ersten Lebensmonaten sehr in Bezug auf die
zwischenmenschlichen Beziehungen stark verunsichert. Dadurch scheint der
Wunsch zu entstehen, das Verhalten der Mutter steuern zu können. Dies
sind die Kinder, die später versuchen, ihre Mütter für das Weggehen zu
bestrafen, manche wenden sich von der Mutter ab und ignorieren ihre
Spielangebote, manche werden quengelig und lassen sich durch nichts mehr
beruhigen. Manche gehen sogar so weit, dass sie die Mutter schlagen oder
beißen. Das heißt jedoch nicht, dass es sich um die Kinder handelt, die
im späteren Altern besonders aggressiv sind.
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Die beschriebenen Reaktionen sind nur im Alter von 1
bis 2 Jahren zu beobachten und machen dann ganz anderen Verhaltensweisen
platz, so dass sehr oft der Eindruck entsteht, die Kinder würden sich ins
Gegenteil umwandeln. Diejenigen, die mit einem Jahr noch bis an das Äußerste
darum gekämpft hatten, bei der Mutter bleiben zu dürfen, sind meist
diejenigen, die sich am leichtesten im Kindergarten eingewöhnen und sich
am besten mit anderen Kindern verstehen. Die Verunsicherten, die noch vor
Kurzem die Tendenz zeigten ihre Mutter für alles zu bestrafen, lernen oft
sehr früh die Erwachsenen gegen einander auszuspielen und das eigene
„niedliche“ Erscheinen zu Vorteilen zu nutzen. Die Gleichgültigen
ziehen sich gerne zurück oder klammern sich an die Erwachsenen. Wir können
in diesem Fall nur von Verhaltenstendenzen sprechen, weil es neben der frühkindlichen
Beziehungserfahrung mit der Mutter noch eine große Menge von Faktoren
gibt, die die Entwicklung des Kindes beeinflussen. Was relativ stabil
bleibt, ist der Umgang mit schwierigen und belastenden Situationen.
Allerdings wird vermutet, dass diese Eigenschaft mit einem Jahr keineswegs
stabil ist, sondern durch den Erziehungsstil der Eltern - der sich
meistens über Jahre kaum ändert - immer wieder aufs Neue bekräftigt
wird, bis irgendwann eine feste Charaktereigenschaft entsteht. Dies
bedeutet, dass sich der Beziehungsstil des Kindes ändern kann, wenn sich
das Verhalten der Mutter nachhaltig ändert.
Die Erkenntnisse der Bindungstheorie werden in
Erziehungs- und Beratungsstellen eingesetzt und können vor allem bei der
Behandlung von „Schreikindern“ im Säuglingsalter helfen.
Vertiefende
und weiterführende Literatur:
Broekman B (2003) Die psychische Geburt
des Menschen. Eine Darstellung der frühkindlichen Entwicklung
(nach Margaret Mahler). IPSIS
Spangler
G, Zimmermann P (1995) Die Bindungstheorie. Grundlagen, Forschung
und Anwendung. Klett-Cotta
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Veröffentlicht am 3. Januar 2002,
ergänzt am 1. Mai 2003
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