Der Begriff „die psychische Geburt des Menschen“ geht auf die
Psychoanalytikerin Margret Mahler zurück, die in dem gleichnamigen Buch
die Entstehung des kindlichen Ichs und die Entwicklung der eigenen Grenze
des Kleinkindes beschreibt. Das Wissen um die psychische Geburt des
Menschen kann Eltern davor schützen, Fehler in der Erziehung ihrer
Kleinkinder zu machen und einen wichtigen Beitrag zur gelungen
Eltern-Kind-Bindung und zur psychischen Stabilität ihrer Kleinen zu
leisten.
1.
Einleitung
Der Zustand des Neugeborenen ist geprägt von Unreife, sowohl im
physiologischen als auch im emotionalen Bereich, ohne die erstaunlichen Fähigkeiten
des Säuglings abwerten zu wollen. Der lange Zustand der Unreife, der den
Menschen im Vergleich zu anderen Säugetieren sehr störungsanfällig
macht, bedingt eine einige Jahre dauernde Abhängigkeit von einer beschützenden
und versorgenden, aber eben auch schädigenden Umwelt. Der emotionale und
physiologische Wachstumsprozess ist gekennzeichnet durch eine abnehmende
Symbiose (=der einseitig abhängige
Zustand des Neugeborenen, der noch nicht „Ich“ von „Nicht-Ich“
unterscheiden kann), aus der das Kind in sein selbstständiges
Leben hineinwächst. Abgesehen von der grobstofflichen Lösung aus der
gemeinsamen Grenze mit der Mutter, der physischen Geburt, wird sich der Säugling
nach ein paar Monaten seiner eigenen Ichheit bewusst, was Mahler als
„ein Ausschlüpfen aus der gemeinsamen Mutter-Kind-Membran“
beschreibt. Dabei „ist das symbiotische Bedürfnis nach der Mutter für
den Säugling absolut, für die Mutter aber relativ“, was nicht weiter
verwundert, da der Säugling von der Mutter unmittelbar abhängig ist, die
Mutter aber nicht vom Säugling.
2.
Die Phasen der psychischen Geburt des Menschen
Mahler beschreibt nach langer Mutter-Kind-Forschung nach zwei Vorläuferphasen
eine Reihe von vier aufeinanderfolgenden und nicht austauschbaren Phasen,
die für die geglückte psychische Geburt des Menschen Pate stehen. Die
erste Vorläuferphase nennt Mahler die
Normale
autistische Phase,
deren
Benennung ich in Anlehnung an den pathologischen Zustand des eigentlichen
Autismus (=Verlust des Umweltkontaktes und Rückzug in eine eigene
Phantasiewelt) ungünstig finde. Sie ist geprägt von physiologischen
Prozessen, die hauptsächlich der Nachreifung dienen, der Säugling zeigt
eine relative Gleichgültigkeit gegenüber Außenreizen. Trotz dieser
scheinbaren Gleichgültigkeit ist auch hier schon das Phänomen der
organismischen Selbstregulation (Perls et al, 1994) im primitivsten Ausmaß
zu beobachten, d.h. das Neugeborene ist in der Lage, diejenigen Signale
der Umwelt gegenüber auszusenden, die für die Erfüllung seiner
unmittelbarsten Bedürfnisse nötig sind. Es folgt als zweite Vorläuferphase
die
Symbiotische
Phase,
die
geprägt ist von der psychischen „Fusion mit der Mutter und insbesondere
von der illusorischen Vorstellung einer gemeinsamen Grenze der beiden in
Wirklichkeit getrennten Individuen.“ Von besonderer Bedeutung scheint
das „kontakt-perzeptuelle Erleben des ganzen Körpers“ zu sein, den
das Kind über die sinnliche Berührung beim Stillen erfährt. Ein
beachtenswertes Ergebnis ist, dass „die Symbiose dann optimal war, wenn
... die Mutter dem Säugling unbekümmert erlaubte, sie anzusehen, ...
insbesondere während sie mit ihm sprach“
D.h., der gute Kontakt ist nicht allein davon geprägt, dass die
Mutter das Kind anschaut, dass sie um dessen Bedürfnisse weiß und sie
erfüllen kann, sondern dass sie dem Kind auch die Möglichkeit zur
offenen, erkundenden Kontaktaufnahme bietet. Beide Vorläuferphasen gehen
um den 6. Lebensmonat in die erste der vier Hauptphasen, die
Phase
der Differenzierung und die Entwicklung des Körperschemas
über.
Das Kind beginnt Loslösung und Individuation zu erproben, es zeigen sich
„sichere Anzeichen dafür, dass das Kind den eigenen Körper von dem der
Mutter zu unterscheiden beginnt." Voraussetzung dafür ist die
Entwicklung des Körperschemas, das mit zunehmender motorischer
Geschicklichkeit und der Eroberung des Raumes einhergeht. In dieser Zeit
sind die Übergangsobjekte, gemeint sind möglichst geruchsintensive und
schmuddelige Kuscheltiere für die Herausbildung der inneren Repräsentation
der Mutter sehr wichtig, um sie in Zeiten der Abwesenheit zu ersetzen. Das
Entfernen des Kindes von der Mutter und das genaue Ansehen der Mutter aus
der Entfernung ist in dieser Phase genauso wichtig wie die Möglichkeit,
bei drohender Gefahr/Unbehagen zu ihr zurückkommen zu können. Auch hier
ist interessant, dass Kinder, die von ihren Müttern keine emotional
behagliche Atmosphäre geboten bekamen, eher die Tendenz des vorzeitigen
Ausschlüpfens aus der gemeinsamen Mutter-Kind-Membran zeigten. Die zweite
Hauptphase, die sogenannte
Übungsphase
schließt
sich unmittelbar an, die Übergänge sind fließend. Im „frühen“ Üben,
zwischen dem 8. - 10. Monat, erschließt sich das Kind durch Watscheln und
Krabbeln die unmittelbare Umgebung, dabei ist die Mutter als „emotionale
Auftankstation“ immens wichtig. In der eigentlichen Übungsphase
zwischen dem 10. und 18. Monat lernt es das aufrechte Stehen, und das
Laufen. Damit wächst das autonome Ich des Kleinkindes enorm, das sehr
empfindlich gegenüber den Gefühlen der Mutter ist, die sie gegenüber
der gewonnenen Freiheit des Kindes erlebt. Optimal zeigt sie Freude an den
Fortschritten und signalisiert ihm, dass es in Ordnung ist, wenn es sich
seine Welt erobert. Im ungünstigen Fall lasten Angst und Misstrauen der
Mutter, dass das Kind zu autonom wird, auf seinen Erkundungsbemühungen.
Hier ist die Mutter gefordert, dem Entstehen der autonomen Grenze des
Kindes eine positive Grundlage zu geben. Die dritte Phase, nach ca. 18
Monaten, ist die
Wiederannäherungsphase
Das
Kind hat laufen gelernt, es macht zudem enorme geistige Fortschritte, es
wird sich seiner physischen Getrenntheit immer bewusster. Daraus entsteht
eine mehr oder weniger starke Ambivalenz, ausgelöst einerseits durch die
Freude an den eigenen Fähigkeiten, die Welt zu entdecken, und
andererseits durch die Angst, die Mutter zu verlieren und das Getrenntsein
rückgängig machen zu wollen. Das vorher noch so erkundungsfreudige Kind
zeigt evtl. wieder Trennungsangst, und ist jetzt sehr auf die liebevolle
und unterstützende Mutter angewiesen. Verhält sich die Mutter in dieser
Phase den Rückversicherungswünschen des Kindes gegenüber ablehnend,
kann dies zu großer Verunsicherung und in Folge zu gezielten
Trotzreaktionen führen, die letztendlich doch wieder die Aufmerksamkeit
der Mutter zum Ziel haben. Ich denke hier besonders an aufmerksamkeitsgestörte
und hyperaktive Kinder, die in den letzten Jahren vermehrt in das öffentliche
Interesse rückten. Bis zum 25. Monat kommen zunehmend kognitive
(=geistig-intellektuelle) Entwicklungen, der zunehmende Spracherwerb, aber
auch das Entdecken der eigenen Geschlechtlichkeit hinzu, bevor das Kind in
die vierte Phase eintritt, die Mahler die
Konsolidierung
(Verfestigung)
der Individualität
und
die
Anfänge
der emotionalen Objektkonstanz
nennt.
Objektkonstanz meint das stabile innere Bild der geliebten Personen (also
z.B. der Mutter oder des Vaters) in der Seele des Kindes. Die vierte Phase
erstreckt sich über das 3. Lebensjahr, und ist als solche für die
Entwicklung von großer Bedeutung. Es entsteht jetzt „ein stabiles Gefühl
der Einheitlichkeit (Selbstgrenzen) des eigenen Ichs ..., eine primitive
Konsolidierung der Geschlechtsidentität ... und die geglückte
Objektkonstanz beinhaltet jetzt nicht nur die Bewahrung der Repräsentanz
des abwesenden Liebesobjekts (hier meist Mutter oder Vater, der Autor),
... sie beinhaltet auch die Vereinigung von „gutem und bösem“ Objekt
zu einer Gesamtrepräsentanz.“ Das bedeutet, dass das Kleinkind sowohl
„gute“ als auch „böse“ Seiten der Mutter nebeneinander sehen
kann. Die missglückte Vereinigung dieser beiden gegensätzlichen Anteile
ist ein häufiges Symptom bei Menschen mit der sogenannten Borderline-Störung.
Soweit zu Mahlers Entwicklungsphasen. Ich denke, es kommt nicht von ungefähr,
dass unsere Kleinkinder ab dem dritten Lebensjahr reif für den Besuch des
Kindergartens sind, denn sie verfügen dann über die nötige psychische
Individualität, um als soziales Wesen andere Kinder als Wesen mit eigenen
Grenzen zu erkennen. Obwohl die Phasen bis zur geglückten psychischen
Geburt nur bis zum vollendeten dritten Lebensjahr reichen, heißt das
nicht, das in den verbleibenden Lebensjahren nicht auch gravierende Störungen
auftreten können, sie haben aber bei weitem nicht die erschütternde
Wirkung auf das Selbst, wenn das Fundament der psychischen Identität
stabil ist.
Vertiefende
und weiterführende Literatur:
Dornes
M (1993) Der kompetente Säugling. Fischer-Verlag.
Dornes
M (1997) Die frühe Kindheit. Entwicklungspsychologie der ersten
Lebensjahre. Fischer-Verlag
Harms
H (2002) Beziehung lernen.
Grundlagen
der Bindungstheorie. IPSIS
Mahler
M, Fuhrer M (1998) Symbiose und Individuation. Psychosen
im frühen Kindesalter. Klett-Cotta
Mahler
M, Pine F, Bergmann A (1999) Die psychische Geburt des Menschen
– Symbiose und Individuation. Fischer-Verlag
Autor:
Bernhard Broekman, Dipl.-Psychologe, Klinischer Psychologe BDP,
Psychotherapeut in freier Praxis, Supervisor und Lehrbeauftragter für das
Gestalt-Institut-Frankfurt, führt seit 10 Jahren im Raum Wiesbaden/Mainz
für Krankenkassen und Unternehmen Nichtraucherkurse und
Stressmanagementkurse durch.