Immer dann, wenn ein Mensch an persönliche Grenzen des seelisch
Tragbaren oder Machbaren stößt und sich auf die Suche nach einer
geeigneten Hilfe begibt, steht er vor der Frage: An welchen Therapeuten
wende ich mich? Dabei geht es nicht allein um die Entscheidung, ob es
eher ein Therapeut oder eine Therapeutin sein sollte, der man sich
anvertrauen möchte. Eine wichtige Rolle spielt dabei auch die
Entscheidung für ein bestimmtes therapeutisches Verfahren. Denn hinter
jeder therapeutischen Richtung – wie zum Beispiel der Psychoanalyse, der
Verhaltens-, Familien- oder Gestalttherapie – verbirgt sich ein anderer
methodischer Ansatz, der den Inhalt und die Art und Weise der Therapie
bestimmt.
Zur
Gesprächspsychotherapie
So
wie beispielsweise die Psychoanalyse eng mit ihrem Begründer Sigmund Freud
verbunden ist, gehört der Amerikaner Carl R. Rogers untrennbar zur
klientenzentrierten Gesprächspsychotherapie, der dieses Verfahren 1942
begründete. Das Konzept der Gesprächspsychotherapie geht davon aus, dass der
Mensch ein angeborenes Bestreben zur Selbstverwirklichung besitzt, das bei
entsprechend positiven Umständen für die ständige Weiterentwicklung und
Reifung der Persönlichkeit sorgt. Die Erziehung in der Kindheit und der
Einfluss wichtiger Bezugspersonen, wie Vater und Mutter, führen dazu, dass
jeder Mensch ein Gerüst von Einstellungen sich selbst gegenüber entwickelt,
das Rogers als Selbstkonzept bezeichnete. Dieses Selbstkonzept, das bei
jedem Mensch verschieden ist, beinhaltet den Antrieb, die individuelle
Gestaltung von Beziehungen sowie unser Handeln in allen Lebensbereichen.
Führten jedoch ungünstige Faktoren in der Kindheit dazu, dass wir uns
bestimmter Gedanken, Wünsche und Gefühle schämen lernten, sie als gefährlich
oder gar bedrohlich für uns selbst und das eigene Handeln erleben, so
versuchen wir sie – bewusst oder unbewusst – auszublenden. Denn kaum ein
Mensch konfrontiert sich gern absichtlich mit Ereignissen oder Gefühlslagen,
von denen er ahnt, dass sie ihm unangenehm sein könnten und schmerzen. Gerät
man im Alltag jedoch genau in solche Situationen oder Stimmungen, denen man
nicht mehr begegnen möchte, entsteht ein innerer Konflikt, begleitet von
Spannungen und unerträglichen Emotionen. Das wirkliche, unmittelbare Erleben
passt in diesem Augenblick nicht zu dem Bild, das wir im Laufe der Zeit von
uns selbst erstellt haben. Viele solcher Situationen begegnen uns täglich,
wir setzen uns mit ihnen fast automatisch auseinandersetzen und ändern unser
persönliches Bild entsprechend neuer Erfahrungen, ohne dass wir uns dabei
abwerten oder nachhaltig in Frage stellen. Doch häufig sind Menschen
entwicklungsbedingt in verschiedenen Erlebensbereichen gezwungen, einen
anderen, schmerzhaften Weg zu gehen: Was nicht in das eigene Bild zu passen
scheint, wird verdrängt oder solange „bearbeitet“, bis es akzeptabel
erscheint. Als stellvertretendes Beispiel könnten Partnerkonflikte stehen:
Kommt es zu Schwierigkeiten, übersehen viele Partner unbewusst ihren Anteil
am Problem. Sie sind bestrebt, dem anderen die Hauptschuld zu geben. Dieses
Verzerren des eigenen Erlebens hilft ihnen, das gewohnte Bild von sich
selbst aufrechtzuerhalten. Misslingt das, folgt als ungewollte Konsequenz
innere Spannung oder Angst, die mit einem fassadenhaften Verhalten im Umgang
mit anderen Menschen versucht wird, zu überdecken.
Rogers nannte diesen Zustand Inkongruenz. Es fehlt eine Deckungsgleichheit
zwischen den persönlichen inneren Wahrnehmungen und den dann gezeigten
Gefühlen. Diese Inkongruenzen entstehen im Laufe des Lebens dadurch, dass
bedeutsame Bezugspersonen, wie Eltern oder andere nahe stehende Personen,
uns nicht so annehmen und akzeptieren, wie wir wirklich sind. Um die
Anerkennung von eben diesen wichtigen Bezugspersonen zu erhalten, zwingen
wir uns dann dazu, dass wir uns entsprechend ihrer Vorstellungen verhalten,
etwas wider den eigenen Wünschen und Vorstellungen tun und die dabei
auftretenden unangenehmen Gefühle verleugnen und verdrängen. Rogers sah
damals in lang anhaltender oder stark ausgeprägter Inkongruenz die Ursache
fast aller seelischen Störungen. Diese Sichtweise ist auf Grund von neueren
Forschungsergebnissen so generalisierend nicht mehr haltbar, da es nicht nur
eine Ursache für seelische Beeinträchtigungen gibt, sonder viele
Faktoren zusammentreffen müssen.
In
der Gesprächspsychotherapie gibt es nicht – wie etwa in der
Verhaltenstherapie – ein unterschiedliches Vorgehen bei verschiedenen
Störungen. Die Vorgehensweise des Therapeuten bleibt im Prinzip immer
gleich. Durch einfühlendes Verstehen, Achtung, Sorge, Wärme und Echtheit
ermutigt er den Klienten, sein wirkliches Erleben in Konfliktsituationen
bewusst zuzulassen und es ohne Verstellung zu äußern. Auf diese Weise wird
ein therapeutischer Rahmen geschaffen, in dem man zu seinen Gefühlen stehen
lernt, um dann schrittweise das Selbstkonzept entsprechend zu verändern,
damit ein ‚echtes’ bzw. kongruentes Erleben entsteht. Und hier kann
Gesprächspsychotherapie eine Chance bedeuten. Ziel einer jeden
Gesprächspsychotherapie ist im Wesentlichen, dass man authentisch sich
selbst gegenüber werden kann, mehr Klarheit über seine eigene Gefühlswelt,
über Werte oder Einstellungen erhält und Dinge und Beziehungen in einen
anderen – weniger belastenden – Zusammenhang stellt.
Rogers beschrieb bei seinen ersten Veröffentlichungen nicht nur, wie er sich
therapeutische Gespräche vorstellte, sondern er verdeutlichte auch, dass
Gesprächspsychotherapie in seinem Sinne weder Beratung, noch Interpretation
sei. Einer direkten Lenkung oder indirekten Beeinflussung durch erklärende
oder wertende Kommentare habe sich ein Therapeut zu enthalten.
Viel
mehr stehen in einer Gesprächspsychotherapie einfühlendes Verstehen und
aktives Zuhören im Vordergrund, so dass sich der Klient mit seinem ganz
individuellen Erleben akzeptiert und angenommen fühlt, sich öffnen kann, um
auf der Grundlage einer guten und tragfähigen therapeutischen Beziehung sein
Selbstbild so abzuändern, dass sich die belastenden Inkongruenzen
reduzieren.
Zur
Borderline-Störung
Diagnosen benennen Störungen oder Krankheiten. Dabei stellt die Beschreibung
einer gewissen Anzahl verschiedener Symptome stets den Ausgangspunkt einer
solchen Diagnose dar. Weil Beschreibungen aber auch immer eine Wertung
beinhalten, besteht die Gefahr, dass sich betroffene Menschen – neben der
hilfreichen Entlastung, eine ‚richtige’ Krankheit zu besitzen – mit der
Diagnose ‚Borderline-Störung’ abgewertet fühlen. Die Diagnose würde in
diesem Fall ihren erklärenden Wert verlieren und zur Bedrohung werden.
Der
Begriff der Borderline-Störung repräsentiert eine lange Entwicklung. Schon
im 17. Jahrhundert berichtete ein Arzt von Menschen, die durch ihre
außerordentliche Launenhaftigkeit auffielen und ohne jedes Maß jene lieben,
die sie kurz darauf ohne ersichtlichen Grund hassen würden. Gegenwärtig
ordnet man die Borderline-Störung den Persönlichkeitsstörungen zu. Die
Grundlage dafür liegt in der psychoanalytischen Betrachtungsweise. Diese
Sichtweise geht davon aus, dass die Qualität der Beziehung zu wesentlichen
Bezugspersonen – wie Mutter und Vater – für die Entwicklung ihres Kindes von
großer Bedeutung dafür ist, wie das Kind sich später selbst bzw. andere
Menschen sieht. Ist diese Beziehung in früher Kindheit gestört, so entsteht
später eine fortgesetzte Instabilität in wichtigen sozialen Beziehungen,
aber auch der emotionalen Stimmung bzw. Affektivität und im Selbstbild. Das
äußert sich unter anderem in intensiven, häufig wechselnden Beziehungen, der
Neigung zu selbstgefährdendem Verhalten oder starken Gefühlsausbrüchen.
Viele Betroffene haben eine schwierige Kindheit durchlebt, das von
unberechenbarem Verhalten der Eltern geprägt war, bei dem sich z. B. maßlose
Bestrafungen mit großer Fürsorglichkeit unvorhersehbar abwechselten.
Missbrauch und Gewalt spielten häufig eine Rolle. Auf diese Weise fehlt für
später die Grundlage, um einen angemessenen Umgang mit eigenen Bedürfnissen,
Gefühlen und Beziehungen, zu erlernen. Diese Folgen schlagen sich in
verschiedenen Lebens- und Erlebensbereichen nieder.
Zusätzlich zu den anstrengenden, oft chaotisch erscheinenden Formen
zwischenmenschlicher Beziehungen tritt bei Menschen mit einem solchen
Störungsbild auch verstärkt selbstschädigendes Verhalten auf, ob durch
Geldausgeben, in der Sexualität oder beim Essverhalten, beim Drogenkonsum
oder durch rücksichtsloses Fahren. Selbstschädigung richtet sich aber auch
häufig gegen die eigene Person – über Suizidandrohungen und –versuche oder
Selbstverletzungen. Unkontrollierte Gefühlsausbrüche können sich mit Leere
abwechseln und gar zu Wahnvorstellungen führen.
Vor
diesem Hintergrund kann Menschen mit der Diagnostik ‚Borderline-Störung’ die
Entscheidung für eine Therapie nicht leicht fallen. Oft steht vor Beginn
einer Therapie auch die Not, endlich etwas unternehmen zu müssen und das
Drängen anderer, die diesen Zustand nicht mehr aushalten. Die
Gesprächspsychotherapie bietet für den Klienten die Möglichkeit, dass er aus
der Sicherheit einer guten therapeutischen Beziehung heraus, seine erlebten
Verletzungen zu formulieren wagen lernt, seine Gefühle sich selbst gegenüber
nicht mehr aus Selbstschutz verleugnen muss und er infolge dessen sein
Selbstkonzept in Teilen für sich neu zu schreiben vermag.
Vertiefende
und weiterführende Literatur:
Rahn E (2001) Borderline. Psychiatrie-Verlag
Kernberg O, Dulz B, Sachsse U (2004) Handbuch der Borderline-Störungen.
Schattauer
Finke J (2004) Empathie und Interaktion. Methodik und Praxis der
Gesprächspsychotherapie. Thieme
Finke J (1999) Beziehung und Intervention. Interaktionsmuster,
Behandlungskonzepte und Gesprächstechnik in der Psychotherapie. Thieme