„Seelisch ausgebrannt“. Idealismus und Freude, mit denen früher jeder
Arbeitstag begann, sind wie ausgeblasen, Müdigkeit und innere Leere nehmen
deren Platz ein. Nun heißt das Motto: Aushalten, die Wut über Kunden und
Kollegen unterdrücken, womöglich nicht zeigen, dass man innerlich gar
nicht mehr da ist. Da vor allem in den Helfer-Berufen diese Entwicklung
relativ häufig ist, soll an diesem Beispiel der Verlauf beschrieben
werden: Am Anfang stehen meistens Idealismus und hohe Erwartungen an sich
selbst. Man identifiziert sich mit dem gewählten Beruf, engagiert sich bis
zur Selbstausnutzung für die Patienten, um in einiger Zeit festzustellen,
dass die Behandlungserfolge, gemessen an eigenen Investitionen eher
bescheiden ausfallen. Die Ursachen dafür sind vielfältig: Der
wirtschaftliche Druck legt den Helferbemühungen einen engen Rahmen an. Die
Zusammenarbeit mit den Klienten entwickelt sich häufig nicht so
reibungslos, wie einst erträumt. Angebotene Hilfe wird nicht selten
abgelehnt oder falsch aufgenommen. Die eigenen Ansprüche lassen sich nicht
umsetzen. Der Enthusiasmus wird zum Frust, man zieht sich innerlich
zurück, investiert immer weniger in den Beruf und leidet deswegen an
Schuldgefühlen. Vermehrte Anstrengungen, den alten Elan und die Tatkraft
wieder zu gewinnen, gleichen dem Versuch, gegen einen starken Strom
anzukämpfen. Erschöpfung und das Gefühl der Hilflosigkeit sind dessen
Folgen. An diesem Punkt angekommen, sagen viele, am liebsten würden sie
für sich einen neuen Job suchen. Man fühlt sich durch äußere Zwänge an die
Arbeit gebunden, die man innerlich schon aufgegeben hat. Die einen
flüchten in den Zynismus und lassen so ihrer Wut über Klienten, unsinnige
Arbeitsvorgänge und die eigene Situation freien Lauf. Die anderen
schlucken den Ärger und die Verzweiflung in sich hinein und reagieren mit
psychosomatischen Krankheiten, von häufigen Infekten bis zu schwereren
Leiden wie Bluthochdruck, Asthma und Schmerzsyndrome – oder eben
depressiver Erschöpfung.
Ähnliche Entwicklungen zeigen Tiere, die unter Laborbedingungen einem
ständigen und unkontrollierbaren Stress ausgesetzt sind. Am Anfang werden
sie besonders aktiv, suchen nach Auswegen, versuchen die Kontrolle über die
eigene Situation wieder zu erlangen. Nach einiger Zeit nimmt ihre Aktivität
jedoch stark ab. Nun scheinen die Tiere die Belastungen kaum zu
registrieren, verhalten sich auffällig passiv. Die körpereigenen
Abwehrkräfte gehen zurück, die Anfälligkeit für Infekte steigt. Ist
vielleicht auch Burnout nichts anderes als eine physiologische Reaktion auf
Dauerstress? Einige Fragen lässt diese Theorie offen. Warum sind vor allem
Helfer- und Dienstleistungsberufe von diesem Problem betroffen? Warum leiden
einige Mitarbeiter unter Burnout, während deren unmittelbare Kollegen mit
ähnlichen Belastungen anscheinend gut klar kommen?
Überhöhte Erwartungen an den Beruf und sich selbst ist einer der
wichtigsten Risikofaktoren. Man möchte die Probleme der anderen immer
verstehen und lösen können, sich immer liebevoll und offen dem Klienten
zuwenden, immer ausgeglichen sein. Wer würde sich nicht einen Lehrer, einen
Arzt, eine Krankenschwester wünschen, die diesem Bild entsprechen? Dieses
Ideal hat nur einen Makel, kein Mensch könnte ihm je voll entsprechen. Sieht
man jede Abweichung davon als eine berufliche Niederlage, ist das ein
sicherer Weg zum Ausgebrannt-Sein.
Auch
übertriebene Konzentration auf die Ergebnisse der eigenen Arbeit
bedeutet häufig ein erhöhtes Risiko für das Burnout. Was damit gemeint ist
veranschaulicht am besten folgendes Beispiel: Stellen Sie sich zwei Spieler
einer Hobby-Fußballmannschaft kurz nach dem Ende eines Spiels vor. Der eine
ist entspannt und glücklich, weil ihm das Spiel an sich Spaß gemacht hat;
der andere verzweifelt und wütend, weil die eigene Mannschaft eine
Niederlage erlitt, das Spiel unabhängig vom Ergebnis zu genießen wäre ihm
gar nicht in den Sinn gekommen. Der erste ist bei seiner Tätigkeit stark auf
den Prozess orientiert, der zweite auf das Ergebnis. Die innere Haltung der
meisten Menschen liegt irgendwo in der Mitte zwischen diesen beiden
Extremen. Schon durch das Schul- und Ausbildungssystem haben wir gelernt,
das Ergebnis immer im Auge zu behalten. Die Orientierung auf den Prozess ist
bei den einen mehr und bei den anderen weniger ausgeprägt. Die Vertreter von
Helfer-Berufen, die stark ergebnisorientiert sind, sind vom Ausbrennen mehr
bedroht als ihre eher prozessorientierten Kollegen. Der Grund dafür liegt
auf der Hand: Der Erfolg eines Lehrers, eines Psychotherapeuten oder eines
Arztes hängt nicht allein von seinem Engagement und seinen Kenntnissen ab.
Entscheidend ist häufig die Mitarbeit des Schülers, Klienten oder Patienten,
seine Vorgeschichte, seine innere Einstellung, alles Dinge, die man kaum
beeinflussen kann. Der natürliche Frust in solchen Situationen wird umso
belastender erlebt, je stärker man sich mit den Ergebnissen der eigenen
Arbeit identifiziert.
Die Suche nach der emotionalen Bestätigung durch die Arbeit birgt in
sich ein ähnliches Frustrationspotential. Viele entscheiden sich bei der
Berufswahl für die Helferberufe, weil sie, häufig unbewusst, besondere
Dankbarkeit der Klienten für die eigenen Bemühungen erwarten. Auch diese
Rechnung erweist sich als falsch. Auch hier gilt es: Man hat jeden Tag mit
sehr verschiedenen Menschen zu tun, die sehr unterschiedlich auf die
Hilfsangebote reagieren. Die einen sind mit der eigenen Situation so
überlastet, dass sie die Helfer-Bemühungen übersehen, die anderen tendieren
eher dazu, mehr zu fordern oder Hilfe abzulehnen. Die emotionale Bestätigung
bleibt immer wieder aus.
Lösungsansätze
Der
erste Schritt zur Lösung heißt meistens, das Problem überhaupt zu erkennen.
Wie paradox es auch scheinen mag, ist dies gar nicht so einfach. Man gewöhnt
sich an die alltägliche Belastung und registriert diese häufig nicht mehr.
Das Gefühl für die Feinsignale des eigenen Körpers geht verloren. Es lohnt
sich übrigens zunächst abzuklären, ob hinter der Müdigkeit und Erschöpfung
nicht unerkannte körperliche Leiden stehen, etwa Herz-Kreislauf- oder
Schilddrüsenerkrankungen. Die Abstumpfung, emotionale Abwesenheit, aber auch
Wut auf die Klienten und die Kollegen, Widerwillen, zur Arbeit zu gehen oder
sich neuen Anforderungen zu stellen, Schuldgefühle, das Gefühl des
Versagens... All das sind deutliche Warnzeichen des nahenden Zusammenbruchs.
Häufig wünscht man sich nichts sehnlicher, als einen langen Urlaub oder eine
neue Arbeitsstelle. Beides bringt meistens eine Linderung von Symptomen,
jedoch keine dauerhafte Lösung mit sich. Will man dem Problem auf den Grund
gehen, ist es sinnvoll, für sich Klarheit über ihre Ursachen zu verschaffen.
Sind die eigenen Ansprüche und Erwartungen zu hoch angesetzt? Welche Motive
habe ich, dass ich dem Beruf einen so hohen Stellenwert beimesse? Gibt es
weitere Probleme, welche die Arbeit zusätzlich erschweren, zum Beispiel
schlechtes Arbeitsklima, kaum zu bewältigendes Arbeitsvolumen, Unsicherheit
des Arbeitsplatzes, kleinliche Kontrollen des Vorgesetzten und ähnliches?
Auch
wenn viele dieser Faktoren nicht zu ändern sind, ist es sinnvoll, sich
darüber bewusst zu werden. Außerdem sollte man darauf achten, dass nach dem
Feierabend die meiste Zeit nicht damit verbracht wird, über die
Arbeitsprobleme zu grübeln. Klappt das nicht auf Anhieb, kann man zu diesem
Zweck auf verschiedene Tricks zurückgreifen, wie zum Beispiel eine Trennung
zwischen Arbeits- und Freizeitkleidung, wobei man sich beim Umziehen
vorstellt, zusammen mit der Kleidung auch entsprechende Gedanken abzulegen.
Eine andere Methode wäre, am Ende jedes Arbeitstages einen Zettel zu
schreiben, auf dem stichpunktartig aufgelistet wird, was man gemacht und
worüber man sich geärgert hat. Der Zettel wird jeweils mit dem Satz beendet.
„Das ist gut so und jetzt ist Schluss damit!“. Wenn diese Methoden keine
Loslösung ermöglichen, könnte man auf eine Technik zurückgreifen, die als
„Gedankenstopp“ bezeichnet wird. Dabei lernt man die destruktiven
Gedankenschleifen schon beim entstehen zu erkennen und diese dann bewusst zu
unterdrücken. Die entsprechenden Strategien lernt man z.B. im Rahmen einer
Verhaltenstherapie.
Auch
konsequente Psychohygiene hilft meistens, ein neues Lebensgefühl aufzubauen.
Das bedeutet: soweit wie möglich auf ausreichend Schlaf und Bewegung zu
achten, nicht die Dinge vernachlässigen, die einem Spaß machen. Wie viele
andere psychische Probleme auch, mündet Burnout in einen Teufelskreis: Man
fühlt sich so erschöpft und erledigt nach der Arbeit, dass sämtliche
Aktivitäten wie Kino- und Freundes-Besuche auf bessere Zeiten verschoben
werden. Im Endeffekt hat man aber nichts mehr, woraus man neue Kraft
schöpfen könnte. Wenn man eine Liste der eigenen Aktivitäten anfertigt,
merkt man aber ziemlich schnell, dass sich darin viele Sachen finden, die
Zeit und Energie kosten. Diese müssten genau unter die Lupe genommen werden.
Sind diese notwendig, oder entspringen auch sie den überzogenen
Anforderungen an sich selbst? Steht vielleicht übertriebene Fürsorge für die
Mitmenschen dahinter, oder der Wunsch, alles unter der Kontrolle zu haben
und immer selbst zu erledigen? Reduziert man das Unnötige und besonders
Belastende, sorgt das meistens für ein verbessertes Lebensgefühl.
Wenn
solche Selbsthilfe-Strategien nicht ausreichen, ist es sinnvoll und
hilfreich, professionelle psychotherapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen.
Diese kann helfen, besser zu verstehen, warum ich genau so reagiere, die
Möglichkeiten auszuloten, wie ich auch mit unveränderbaren Belastungen
umgehen kann und schließlich diese einzuüben.
Vertiefende
und weiterführende Literatur:
Fengler, Jörg (2001).
Helfen macht müde. Pfeiffer bei Klett-Cotta
Kolitzus, Helmut (2003).
Das Anti-Burnout-Erfolgsprogramm. dtv
Schmidbauer, Wolfgang (1997). Hilflose
Helfer. Rowohlt