Körperliche und seelische Verspannungen
spielen bei vielen Krankheiten eine Rolle. Spricht man dieses Thema an,
wird meist über Stress geklagt. Gibt es denn Möglichkeiten, sich in
dieser Situation zu helfen?
Das
Wort Stress ist ursprünglich zur Beschreibung der physiologischen
Reaktion von Menschen und Tieren auf eine akute Belastung oder Bedrohung
verwendet worden. Man stellte fest, dass eine Menge Veränderungen in den
Körperfunktionen zu beobachten sind, wenn der Ernstfall eintritt: Der
Muskeltonus, Blutdruck und die Herzfrequenz steigen, die Funktionen des
Immunsystems werden unterdrückt. Die Arbeit des ganzen Körpers wird
darauf ausgerichtet, fliehen oder kämpfen zu können. Dadurch ist das
Überleben in extremen Situationen gesichert. Ist die Gefahr beseitigt,
kommen die physiologischen Funktionen ganz schnell wieder in die ruhigeren
Bahnen. Schwierig wird die Situation, wenn die belastenden Faktoren
bestehen bleiben, die physiologischen Veränderungen werden zwar nach
einiger Zeit reduziert, bleiben jedoch bestehen. Auf die Dauer wirkt
dieser Zustand gesundheitsschädlich.
Im Gegensatz zu den meisten Tieren hat der Mensch eine ausgeprägte
Fähigkeit, die zukünftige Entwicklung einer Situation vorausschauend zu
planen. Die Gefahren und belastende Leistungsanforderungen werden
meistens im Voraus angekündigt. Sei es eine schwierige Operation, ein
Gespräch mit dem Vorgesetzten oder eine Prüfung, wir machen uns oft
schon Wochen im Voraus Gedanken darüber. Das bedeutet, dass die
physiologische Stressreaktion auf eine lange Zeitspanne ausgedehnt wird.
Wie
kann man diese Belastung reduzieren? Ist es möglich, die körperlichen
Symptome zu lindern, ohne dass wir auf das vorausschauende Denken
verzichten müssen? Es zeigt sich, dass bei einer gewissen Übung jeder
Mensch die Stressreaktionen des eigenen Körpers steuern kann.
Inzwischen sind Strategien entwickelt worden, die das möglich machen.

Solche Entspannungstechniken nutzen den Effekt, dass wir nicht
angespannt bleiben können, wenn wir uns auf eine Sache ganz stark
konzentrieren. Ein ähnlicher Zustand tritt auf, wenn wir uns in ein Buch,
ein Gespräch oder eine andere Tätigkeit so stark vertiefen, dass wir die
Vorstellung vom Lauf der Zeit verlieren. Solche Beschäftigungen werden
meistens als sehr erholsam erlebt. Im Rahmen einer Meditation wird dieser
Zustand bewusst herbeigeführt. Die Aufmerksamkeit kann sich dabei sowohl
auf das eigene Körperempfinden richten als auch auf die Reize um uns
herum. So kann z.B. Musik oder ein vorgegebener Rhythmus eingesetzt
werden, oder auch die Aufforderung, sich mit geschlossenen Augen bestimmte
Bilder ganz genau vorzustellen. Man fängt mit einfachen geometrischen
Figuren an, und mit der Zeit werden die Bilder immer komplexer. Der
Vorteil dieser Art von Entspannungstechniken besteht darin, dass das
Augenmerk von der Entspannung abgelenkt wird. Werden die Übungen
professionell eingeleitet, lässt sich die ängstlich-angespannte
Erwartung körperlicher Veränderungen vermeiden, die bei Anfängern die
Entspannung oft erschwert. In der Arbeit mit psychisch schwer belasteten
Patienten kommen diese Techniken jedoch an ihre Grenzen: insbesondere
diejenigen Menschen, die von starken Ängsten oder Schmerzen geplagt sind,
oder keinen Ausweg aus ihrem Grübeln finden, sind oft nicht in der Lage,
sich über längere Zeit auf ein vorgegebenes Objekt zu konzentrieren. In
diesem Fall können die Übungen an der Stelle der Entspannung eine neue
Welle der Verzweiflung auslösen. Außerdem bietet dieser Ansatz kaum
Techniken, die in einer belastenden Situation angewendet werden können.
Aus diesen Gründen werden sie in der klinischen Praxis eher zur Senkung
vom allgemeinen Spannungsniveau oder als Einstieg für das Erlernen von
weiteren Techniken eingesetzt.
Auf
ähnliche Art und Weise funktionieren auch die so genannten Phantasiereisen.
Dabei wird von dem Therapeuten eine Geschichte über eine Reise zum Ort
der Ruhe erzählt und die Übenden werden aufgefordert, sich die Reise
bildlich vorzustellen. Die Vorstellung eines solchen Ortes löst in uns
fast automatisch das Gefühl der Geborgenheit aus und ermöglicht die
Entspannung. In diesem Fall sollte man jedoch besonders auf die
Qualifikation des Trainingsleiters achten: es ist nicht auszuschließen,
dass im Rahmen einer solchen Phantasiereise verdeckte
Kindheitserinnerungen wach werden und dazugehörende Gefühle mobilisiert
werden. Auf jeden Fall muss die Möglichkeit gegeben sein, solche
Erlebnisse direkt nach dem Training mit einem psychotherapeutisch
qualifizierten Helfer zu besprechen.

Die
zwei Techniken, die in der klinischen Praxis besonders oft eingesetzt
werden, sind „Autogenes Training“ und „Progressive
Muskelrelaxation“. Beide haben das Ziel, eine Strategie zur Bewältigung
von Stress zu vermitteln, die auch außerhalb des Therapieraumes in einer
sehr belastenden Situation funktioniert. Dadurch sind beide Techniken sehr
gut zur unterstützenden Behandlung von Angstzuständen und chronischen
Schmerzen geeignet, aber auch dazu, zu lernen, wie man in einer
schwierigen Lage einen kühlen Kopf behält.
Bei
der Progressiven Muskelrelaxation geht es darum, zu lernen, wie
sich die einzelnen Muskelgruppen anfühlen, wenn sie angespannt und wenn
sie entspannt sind. Die meisten Menschen in unserer Kultur sind es nicht
gewöhnt, auf das Gefühl des eigenen Körpers zu achten. Verspannungen
bleiben oft über Jahre hinweg unbemerkt bestehen. Im Rahmen der
„Progressiven Muskelentspannung“ kann dagegen gelernt werden, die
entsprechenden Zustände zu erkennen und bewusst zu lösen. Im Liegen oder
Sitzen unter der Anleitung eines Therapeuten werden alle Muskelgruppen
einzeln durchgegangen. Die Übenden werden gebeten jede Muskelgruppe
anzuspannen, den Spannungszustand für einige Sekunden zu halten und dann
wieder zu entspannen und dabei auf die Unterschiede zu achten. Nach einem
längeren Training können auch die Verspannungen von mehreren
Muskelgruppen gleichzeitig schnell gelöst werden.
Am
Ursprung des Autogenen Trainings stand die Entdeckung, dass wir
unsere Körperfunktionen durch Gedanken und Vorstellungen verändern
können. Dieser Effekt ist besonders bei negativen Erlebnissen gut zu
beobachten, weil sie meistens besonders intensiv sind: Wir kennen das,
wenn jemand blass wird, obschon er nur daran denkt, was schlimmes
passieren könnte. Das gleiche gilt jedoch auch für andere Arten der
Vorstellungen. Wenn wir uns das Gefühl von Wärme in den Händen
vorstellen und uns intensiv auf dieses Erlebnis konzentrieren, werden
unsere Hände über eine Mehrdurchblutung messbar wärmer. Auf diese Weise
können wir wichtige Körperfunktionen wie Atmung, Herzfrequenz oder
Durchblutung in gewissem Maße verändern und auf den Zustand der Ruhe
einstellen. In den Anfangsstadien des Trainings werden entsprechende
Formeln von dem Trainingsleiter vorgeschlagen und im Liegen oder Sitzen
geübt. Entscheidend ist jedoch, dass die Teilnehmer lernen, die
entsprechenden Übungen ohne Anleitung durchzuführen. Allerdings
erfordert diese Technik eine gute Vorstellungskraft und Ausdauer. Werden
die Übungen regelmäßig durchgeführt, ist es oft jedoch nach Wochen bis
wenigen Monaten möglich, auch in Stresssituationen eine Entspannung
herbeizuführen. Der große Vorteil des „Autogenen Trainings“ liegt
darin, dass es in fortgeschrittenen Stufen ermöglicht, komplexere
Verhaltensweisen zu beeinflussen.

In
der letzten Zeit werden oft Entspannungsprogramme auf Tonträgern
angeboten. Meist stellen sie eine Kombination aus meditativen Techniken
und Phantasiereisen dar. Der Vorteil dieser Methoden ist offensichtlich:
die Übungen können von Beginn an täglich zu Hause durchgeführt werden.
Wichtig ist, diese Möglichkeit als Ergänzung und nicht als Ersatz eines
Gruppenangebotes zu nutzen, damit die entstehenden Unsicherheiten und
mögliche Probleme zu jeder Zeit mit dem Gruppenleiter besprochen werden
können. Besonders die ersten Erfahrungen mit Entspannungstechniken
sollten in einer Gruppe unter professioneller Anleitung gemacht werden.
Mögliche Probleme wie Auslösung eines Anfalls beim Asthmatiker,
Blutdruckabfall oder Aufflackern von belastenden Erinnerungen sind zwar
selten, kommen aber hin und wieder vor. Bei einer professionellen
Anleitung können solche Probleme aufgefangen und meist Strategien im
Umgang mit Störungen und Schwierigkeiten bei den Entspannungsübungen
entwickelt werden.
Vertiefende
und weiterführende Literatur:
Das
Original-Übungsheft für das Autogene Training -
Konzentrative Selbstentspannung. J. H. Schultz. TRIAS, 2000
Autogenes Training - Ruhe und Gelassenheit lernen.
Daniel Wilk. Verlag Huber, 1999
Entspannung erfolgreich vermitteln - Progressive
Muskelentspannung und andere Verfahren. Ulrike Sammer. Klett-Cotta, 1999
Stressfrei durch Progressive Relaxation.
CD. Ohm/Garattoni. TRIAS, 1998