Was mag Sie
veranlasst haben, auf dieser Seite nachzuschlagen? Hat Ihr Schulkind
gestohlen? Oder verzweifeln Sie über Essgewohnheiten und Bekleidungsform?
Bringt Sie eher der Fernsehkonsum, das nasse Bett oder die Lügerei auf
die Palme? Keine Hilfe im Haushalt, heimliches Rauchen oder Unpünktlichkeit?
Sind Sie ratlos, wie Sie sich bei Trotz, Streitereien zwischen den
Geschwistern, beim Schuleschwänzen verhalten sollten?
Es mag Sie ein wenig erleichtern: Diese oder ähnliche Sorgen bewegen
irgendwann einmal jede Mutter und jeden Vater – ob alleinerziehend oder
als Elternpaar. Alle Erziehenden
kennen die zeitweilig auftretenden Gefühle von Ohnmacht, Hilflosigkeit
oder Resignation über das eigene Kind – ob es nun 1 Jahr oder 17 Jahre
alt ist. Und die meisten Eltern wissen aus eigener Erfahrung, wie weit weg
die harmonische Werbewelt mit den wundersam funktionierenden, glücklichen
Familien von der Realität sein kann. Deshalb sollten Sie sich nach dieser
– manchmal schmerzhaften – Erkenntnis nicht gleich zur unfähigen
Mutter/Vater degradieren. Im Gegenteil! Denn Sie begeben sich auf die
Suche nach Veränderung für eine belastende Situation – eine
Verantwortung, die nicht jede/r zu übernehmen bereit ist.

Vorab
Vielleicht erwarten Sie auf dieser Seite eine schnelle und probate Lösung
für Ihre Schwierigkeit nach dem Prinzip: Bei Problem X sollte man dies
oder jenes tun, dann verschwindet das Problem sehr zügig. Übrigens:
Viele Probleme verschwinden im Laufe der Zeit wirklich von selbst, weil
ihr Auftreten zwangsläufig an die Entwicklung Ihres Kindes gekoppelt ist.
Denken Sie nur an die anstrengende Phase des ersten Begreifens im
Kleinstkindalter! Die Zeit, in der Ihr Kind im wahrsten Sinne des Wortes
alles be-greifen wollte – um es anschließend wieder fallen zu lassen.
Nein, universelle Ratschläge können Sie im Folgenden nicht lesen.
Weil: Sie leben mit Ihrem Kind in einer ganz eigenen, in Ihrer Umwelt, die
sich aus sehr speziellen Bedingungen und Beziehungen zusammensetzt, die möglicherweise
Teil des Problems darstellen und damit auch zur Fundgrube für Ihre Lösung
sein werden.
Allgemeine Ratschläge lassen zwangsläufig diese familienspezifischen
Faktoren außer acht. Außerdem vermag auch manch gesprochener oder
geschriebener Ratschlag eines vermeintlichen Profis – wie von
Verwandten, Lehrern, Erziehern oder andere professionellen Beratern –
nicht nur bei Erziehungsproblemen erschlagend wirken. Deshalb betrachten
Sie das Folgende eher als allgemeinen unterstützenden Denkanstoß für Ihre
individuelle Suche nach Lösungen und Veränderungsschritten.
Die anschließenden Fragen können hier nur als Anregung dienen.
Vielleicht gelangen Sie über deren Beantwortung zu neuen Zusammenhängen
und Sichtweisen, die es Ihnen dann ermöglichen, etwas Neues
auszuprobieren und zugleich Bewährtes beizubehalten. Eine richtige oder
falsche Antwort kann es dabei nicht geben, entscheidend ist, dass Sie Ihre
Antwort entdecken.

Der Ist-Stand
Nehmen Sie sich in einem ungestörten Augenblick Zeit und finden Sie ein
treffendes Wort oder eine „Schlagzeile“, um das leidliche Problem aus
Ihrer Sicht zu beschreiben, z.B. Trotz, Lügen, Unordnung,
Leistungsabfall. Das ist der Ausgangspunkt und Ist-Zustand, den Sie
verändern möchten. Dieses ‚Sie’ ist hervorgehoben. Denn es kann
sein, dass Sie dieses Problem mehr als andere Familienmitglieder beschäftigt,
vielleicht weil Sie auf besondere Weise von den Folgen betroffen sind.
Ein genauer Blick auf das leidliche Problem kann hilfreich sein. In
welchen Situationen tritt es zum Beispiel nicht auf? Gibt es Tageszeiten,
Orte oder Personen, die das unliebsame Verhalten zeitweise verschwinden
lassen? Es mag sein, dass es in verschiedenen Konstellationen schlicht weg
nicht vorkommt. Was ist dann anders, was machen Sie in dieser
Situation anders? Auch der Zeitpunkt des ersten Auftretens kann
interessante Informationen geben. Seit wann besteht dieses Problem? Veränderten
sich in letzter Zeit für Sie und Ihr Kind vertraute Abläufe? Welche
Funktion könnte die Schwierigkeit haben?
Die berühmte Wunderfrage sei noch gestellt: Was würde sich verändern, wäre
das Problem schlagartig verschwunden? Sagen Sie nicht sofort aufseufzend:
Das wäre wunderbar! Woran würden Sie zuallererst spüren, das sich das
Problem in Luft auflöste?

Der Soll-Zustand
Es könnte sinnvoll sein, wenn Sie sich detailliert vor Augen führen, was
künftig anders sein soll bzw. was Ihr ganz persönliches Ziel ist,
das Sie erreichen wollen. Wünschen Sie mehr Ordnung, berechenbare
Pünktlichkeit, Diskussionen in normaler Zimmerlautstärke? Wie
erstrebenswert findet überhaupt Ihr Partner, Ihr Kind oder XY dieses
Ziel? Unabhängig von Ihrer hypothetischen Antwort in diesem Augenblick
ist es ratsam, wenn Sie Ihren Partner, Ihr Kind und XY konkret danach
fragen, sozusagen Ihr Anliegen abgleichen.
Wie realistisch ist das von Ihnen ersehnte Ziel? Versuchen Sie, sich auf
einer Skala von 1 (für unrealistisch) bis 10 (für absolut realistisch)
festzulegen. Anhand dieser Skala können Sie ab und zu sichtbar überprüfen,
wo Sie gerade bezüglich Ihres favorisierten Ziels stehen. Wie lange
sollte es dauern, bis Sie dieses Ziel erreicht haben wollen? Wer könnte
Sie dabei unterstützen? Was ist Ihr erster kleiner Schritt auf dem Weg zu
diesem Ziel? Woran würden Sie, Ihr Kind, Ihr Partner oder XY merken, dass
Sie dem Ziel ein Stück näher gekommen sind?

Der Weg vom Ist zum Soll
Veränderung dauert, erfordert Geduld und Konsequenz. Die Einführung
neuer oder Veränderung von bestehenden Regeln als notwendige Orientierung
für alle, bringt einen für alle Familienmitglieder vertrauten Ablauf
zuallererst aus dem Takt. Ein gewohntes und berechenbares
Gefüge in Ihrer Familie muss sich neu sortieren. Rückschläge in
„die Steinzeit“ als Test gehören deshalb mit dazu. Es ist in gewisser
Weise die Überprüfung, ob sich eine familienspezifische Neuheit auch als
wirkungs- und sinnvoll erweist. Deshalb könnte es auch hilfreich sein,
dass Sie Ihren Wunsch und Ihre Absicht, etwas verändern zu wollen, veröffentlichen.
Gönnen Sie sich außerdem sehr bewusst konkrete Gedanken darüber,
was gut funktioniert – schon immer oder neuerdings zeitweise. Ihnen fällt
garantiert etwas ein! Unterschätzen Sie nicht die berühmten
Kleinigkeiten, die in angespannten Zeiten als Selbstverständlichkeiten
herhalten müssen und nicht mehr beachtet werden! Machen Sie mehr davon. Es hat eine zwingende Logik, dass
automatisch dem Nichtfunktionierenden die Zeit beschnitten wird.
Die allerletzte Frage soll gleichzeitig ein Anfang sein: Wann haben Sie
Ihr Kind zum letzten Mal für was gelobt? Und Sie sich selbst?...
Vertiefende
und weiterführende Literatur:
Hargens
J (2002). Kinder, Kinder... - oder: wer erzieht wen... und wie. Verlag borgmann publishing
Eder R (2002). Dauernd
ist sie beleidigt
- Wie Töchter und Mütter gut durch die Pubertät kommen. Herder Verlag
Dreikurs R, Soltz V (2001). Kinder
fordern uns heraus
- Wie erziehen wir sie zeitgemäß? Klett-Cotta
Dreikurs R, Grey L (2000). Kinder
lernen aus den Folgen
- Wie man sich Schimpfen und Strafen sparen kann. Herder Verlag
Weitere Literaturhinweise finden Sie auf unserer Literaturseite
"Kinder, Erziehung, Familie".