Essstörungen beginnen zum überwiegenden Teil in der Pubertät, einer
Zeit, in der sich Jugendliche auf die Suche nach ihren eigenen Wegen
begeben, um ihren künftigen Platz in der Familie und in der Gesellschaft
zu bestimmen. Sie wollen durch Erziehung erworbene Ideale mit den
Angeboten der Umwelt messen. Je nach dem, wie sie von den Eltern
angehalten wurden, mit Wünschen, Bedürfnissen, Gedanken und Gefühlen
unterschiedlicher Art umzugehen, beeinflusst eine innere Zensur wie ein
Filter ihr künftiges Handeln. Die Nahrungsaufnahme an sich und alle zugehörigen
familiären Rituale gewinnen in dieser Zeit der Adoleszenz eine andere und
neue Bedeutung. Sie wird zu mehr als nur zum notwendigen Stillen von
Hunger. Hauptsächlich 14- bis 18-jährigen Mädchen - eine stark durch
die Medien geprägte Altersgruppe - finden
im übertriebenen Schlanksein ein persönliches Ziel und eine
Wertorientierung – vor allem dann, wenn sie in ihrem sozialen Umkreis
widersprüchliche Normen erleben, die sie bei ihrer Suche nach
Orientierung noch mehr verunsichern. Denn schlank, gar mager zu sein, gilt
heutzutage oft als begehrliches Schönheitsideal und wird entsprechend in
den Medien ausführlich vermarktet. Die Grenzen können schnell
verschwimmen, die das Kalorien bewusste Essen hin zur Essstörung verändern
und bei denen der Wunsch nach weniger Kilos bedrohlichen Krankheitswert
erhält.
Bis das besorgniserregende Ausmaß der körperlichen Veränderungen in den
jeweiligen Familien als dringend behandlungsbedürftig wahrgenommen und
die Notwendigkeit von den Jugendlichen selbst akzeptiert wird, vergeht oft
eine lange Zeit. Der elterlichen Sorge und Verletzung folgen verdeckte und
lautstarke Auseinandersetzungen, die die Themen rund um das Essen zum
Machtkampf werden lassen. Im Folgenden finden Sie allgemeine Informationen
zu den beiden Krankheitsbildern und therapeutischen Möglichkeiten zur Veränderung.
Bulimia
nervosa – Die Sucht des Essens und Brechens
Fressattacken kennt im Grunde jeder. Viele Feste und Veranstaltungen laden
uns ein, die Sattheitsgrenze weit zu überschreiten. Erinnert sei nur an
die Weihnachtsfeiertage. Bei der Verhaltensvariante des festlichen oder
auch Stress bedingten, unkontrollierten Essens bewirkt der anschließende
Blick auf die Waage normalerweise nur kurzzeitig mehr oder minder heftige
Schuldgefühle und Ärger über sich selbst.
Ins Deutsche übersetzt bedeutet Bulimie wörtlich „Stier- bzw.
Ochsenhunger“. Dieser ‚Ochsenhunger’ beschreibt das Kernsymptom der
Essstörung Bulimie. Gemeint sind die wöchentlich oder täglich
auftretenden Heißhungeranfälle, bei denen große Nahrungsmengen weicher
Konsistenz - und möglichst
hochkalorienhaltig - herunter geschlungen werden. Ein begonnener Essanfall
vermag auf Grund des „Alles-oder-Nichts“-Musters vom Jugendlichen
nicht gestoppt zu werden, sondern endet erst dann, wenn die
unkontrollierbare Gier befriedigt scheint. Den Anfällen gehen oft Gefühle
der inneren Anspannung, Einsamkeit, Langeweile oder Kränkungen voraus,
die allerdings durch den Essanfall nur kurzzeitig überdeckt bzw. unterdrückt
werden. Das anschließende Völlegefühl löst bei den Betroffenen Ekel
und Selbsthass aus und führt zum Wunsch des Erbrechens. Ab einer gewissen
Häufigkeit läuft das Erbrechen wie ein Mechanismus fast reflexartig und
ohne Stimulierung durch die Finger ab. Mögliche Verletzungen, die durch
das manuelle Auslösen des Würgereflexes entstehen, lassen sich bei
Bulimie-Patienten an Handrücken oder den Fingern finden. Zwar erleben sie
das Erbrechen als unangenehmen Zwang, der sie jedoch vor der massiven
Furcht der Gewichtszunahme zu befreien vermag. Die psychische Entlastung
ist nur von kurzer Dauer, denn diesen Vorgängen folgen Scham- und
Schuldgefühle. Sie bedeuten Geheimhaltung und führen in einen
unangenehmen Kreislauf. Depressive Stimmungen beeinträchtigen zusätzlich
das häufig gering ausgeprägte Selbstwertgefühl der Jugendlichen und können
zu ernsthafter Selbstmordgefährdung führen.
Dieser Kreislauf bringt langfristig aber nicht nur psychische, sondern
auch körperliche Folgen, wie Karies, Übelkeit, Kopfschmerzen und Störungen
im Magen-Darm-Trakt mit sich. Im Gegensatz zur Magersucht erkennt man
Menschen mit einer bulimischen Störung nicht unbedingt am äußeren
Erscheinungsbild, da sie normalgewichtig erscheinen und ihr Gewicht durch
Diät, Abführmittel bzw. das Erbrechen zu halten versuchen. Ähnlich wie
bei der Magersucht wird die Angst vor dem dick werden für die Betroffenen
zu einem beherrschenden Alltagsinhalt.
Anorexia nervosa – Die Sucht des Magerns
In der wörtlichen Übersetzung heißt das griechische Wort An-orexis:
‚frei von Begierde, frei von Hunger, fehlendes Verlangen’.
Krankheitswert erhält eine zu geringe Nahrungsaufnahme dann, wenn das
tatsächliche Körpergewicht um mindestens 15% geringer ist als das
altersgerechte.
Häufig lassen sich Hinweise auf den Beginn der Erkrankung bis in den
Zeitraum zurückverfolgen, in dem die hormonellen Veränderungen der
Pubertät einsetzten. Durch das zunehmend weibliche Äußere werden junge Mädchen
von ihrem sozialen Umfeld als anders erlebt, obwohl sie sich selbst zunächst
noch unverändert fühlen. Familiäre und soziale Zurückweisungen, Enttäuschungen
und Verletzungen können dann bei ihnen zu der fatalen Erklärung führen:
das ist deshalb so, weil ich zu dick bin. Sie beginnen mit einer Diät, für
die sie zuhauf Anleitung in den Medien finden. Die folgenden positive Äußerungen
über ihre schlanke Figur, die zugehörige Selbstbeherrschung und
Konsequenz verschaffen den
eher unsicher wirkenden Mädchen wichtige, doch sehr einseitige Selbstbestätigung
und Anerkennung. Mit allen möglichen Tricks versuchen sie immer häufiger
ein gemeinsames Essen zu umgehen. Zwangsläufig auftretende Hungergefühle
werden einerseits durch die umfangreiche Beschäftigung mit Lebensmittel
kompensiert, andererseits trinken sie große Mengen Wasser und nehmen nur
winzige Portionen ‚erlaubter’ Nahrungsmittel mit wenig Kalorien zu
sich.
Ihre sportliche Betätigung kann extreme Dimensionen annehmen, mit der sie
nicht nur ihre Leistungsfähigkeit unterstreichen wollen, sondern mit der
aufgenommene Kalorien sofort wieder verbrannt werden sollen.
Der Widerspruch zwischen ihrem rationalen Wissen, dass jedes weitere
Hungern bedrohliche Folgen haben könnte und außerdem Ursache für ihre Müdigkeit
und Konzentrationsstörung ist, grenzen sie aus ihrer bewussten
Wahrnehmung aus. Das persönlich sehr harte und kritische Urteil über das
eigene Körpergewicht widerspricht der eigentlichen optischen hageren
Erscheinung. Jeder Hinweis auf ihren bedrohlichen Allgemeinzustand wird
oft verleugnet und massiv abgelehnt, da die eigene Körperwahrnehmung
permanent signalisiert: ich bin immer noch zu dick. Treten Magersüchtige
sonst eher zurückhaltend und unauffällig auf, kann ihre Stimmung spontan
ins Gegenteil umschlagen, wenn es ums Essen geht. Die körperlichen Folgen
der bewusst verringerten Nahrungsaufnahme zeigen sich bei Mädchen und
Frauen nicht nur im – teils lebensbedrohlichen – Untergewicht, sondern
oft auch im Ausbleiben der Menstruation als Folge hormoneller Veränderungen.
Therapeutische
Unterstützung
Eine große Schwierigkeit beim Umgang mit Essgestörten besteht darin,
dass es ihnen nicht leicht fällt, alle o.g. psychischen und physischen
Folgen als Probleme zu bewerten. Das erschwert die erforderliche
medizinische Klärung und die notwendige Auseinandersetzung mit einer möglichen
und grundsätzlichen Veränderung im Essverhalten. Denn Essen kann man
nicht wie andere Süchte aufgeben. Es geht eher darum, parallel zur
medizinischen Betreuung mit Hilfe therapeutischer Unterstützung wieder
das richtige Maß zu finden. Allerdings bringt eine Psychotherapie wider
Willen allen Beteiligten nur noch mehr emotionale Belastung. Der Wunsch
nach Veränderung sollte deshalb vom Betroffenen unbedingt mitgetragen
werden. Bei der Suche nach entsprechenden Angeboten empfiehlt es sich, auf
einen passenden Bezug zwischen den individuellen Faktoren der Jugendlichen
und ihren sozialen Gegebenheiten zu achten, die eine angemessene
medizinische Betreuung mit einer Therapie verbinden. Der Auswahl eines
geeigneten Therapieverfahrens könnten auch die gemeinsamen Überlegungen
zum Rahmen vorausgehen: Wird
eine ambulante oder eine stationäre Therapie bevorzugt? Möglicherweise
fallen diese Entscheidungen leichter, wenn sie zuerst an einer
Selbsthilfegruppe teilnehmen, um anhand der Schilderung ähnlicher
Erfahrungen von Betroffenen sowohl hilfreiche Entlastung als auch
sachliche Informationen zu erhalten.
Betroffene, Angehörige und Therapeuten unterschieden sich häufig in
ihrer Sicht hinsichtlich des Ziels von gewünschter Veränderung. Während
sich der eine möglicherweise mehr Kilos wünscht, legt der andere
vielleicht mehr Wert auf eine grundsätzliche Verhaltensänderung. Sich
auf ein gemeinsames Ziel zu einigen, schafft die Voraussetzung dafür,
dass man zusammen nach Bewältigungsstrategien für die Lösung des
Essproblems sucht. Je nach Alter und Lebenssituation des Essgestörten
kann die Einbeziehung des gesamten familiären Umfelds zu einer Chance
werden, über eine künftige Lebensgestaltung nachzudenken. Manchmal ist
aber gerade die Distanzierung des Betroffenen aus dem familiären System
Voraussetzung für Veränderungsmöglichkeiten. Hier kann therapeutische
Beratung hilfreich sein, angemessene eigene Lösungswege zu finden.
Vertiefende
und weiterführende Literatur:
Claude-Pierre
P (2001) Der Weg zurück ins Leben - Magersucht und Bulimie
verstehen und heilen. Fischer TB
Ehle
G (1992) Ich finde nicht mein Maß. Verlag Gesundheit. Derzeit
vergriffen, gebraucht erhältlich.
Erpen
H (1994) Die Sucht mager zu sein - Essstörungen und ihre
Bewältigung. Humboldt Verlag. Derzeit vergriffen, gebraucht
erhältlich.
Gerlinghoff
M, Backmund H (1999) Wege aus der Essstörung. TRIAS
Gerlinghoff
M, Backmund H (2001) Was sind Ess-Störungen? - Ein kleines
Handbuch zur Diagnostik, Therapie und Vorbeugung. Beltz.
Schimpf
M (1999) Selbstheilung von Essstörung für langjährig Betroffene. Ein
Arbeitshandbuch. Verlag Modernes Lernen
Weitere
Literaturhinweise zum Thema finden Sie auf unserer Literaturseite
"Essstörungen".