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Wer
an den Spiegel tritt, um sich zu verändern, der hat sich schon geändert.
Lucius Annaeus Seneca
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Wenn
das System Familie kränkelt
Eine
Übersicht über familientherapeutische Ansätze
Von Dipl.-Psych. Andrea Richter |
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„Wir
kommen mit unserem ältesten Sohn nicht mehr klar. Er schwänzt die
Schule, kommt zu spät nach Hause. Mit Unterstützung im Haushalt rechnen
wir schon gar nicht mehr.“ Die Mutter spricht hastig, sie sieht erschöpft
aus. Ihr Mann schweigt, sein Unbehagen ist ihm anzusehen. Es war
offensichtlich ihre Idee, dass sich etwas in der Familie ändern solle.
Sie wisse nicht mehr weiter. Nur noch mit der jüngeren Tochter könne sie
reden. Der Mann schaut auf seine Schuhspitzen...
Vielfältig sind die Schwierigkeiten, die Paare, Eltern, aber auch Singles
veranlassen, nach familientherapeutischer Unterstützung zu suchen. Dabei
kann es sich um Erziehungsprobleme handeln oder um den Wunsch, ein
beginnendes Schweigen zwischen den Partnern, die ihre Aufgaben als Eltern
erfüllt haben, zu beenden.
Es kann die Flucht in Alkohol, zu einem neuen Partner oder in Arbeit sein,
wie auch eine plötzliche Krankheit, ein unerwarteter Todesfall oder der
Arbeitsplatzverlust. Möchte man bestehende Probleme ändern,
eingefahrenes Verhalten und Konflikte zur Zufriedenheit aller Beteiligten
lösen und sich über persönliche Bedürfnisse klarer werden, dann kann
die Unterstützung eines Familientherapeuten hilfreich sein.
Oftmals wird Familientherapie dann in Betracht gezogen, wenn
Schwierigkeiten ganz offensichtlich die gesamte Familie so beeinflussen,
dass ein gewohnten Ablauf aus dem Gleis geriet.
Doch
Familientherapie ist nicht gleich Familientherapie. Der Markt vermeintlich
professioneller Hilfsangebote ist groß, so dass es schwer fällt, die
Spreu vom Weizen zu trennen und das passende Angebot für die eigene
Situation zu finden.
Entscheiden Sie sich für eine Familientherapie – im Unterschied zu
einer Einzel- oder Gruppentherapie –, dann kann Ihnen vielleicht
folgende orientierende Darstellung familientherapeutischer Ausrichtungen
bei der Auswahl helfen.
Familientherapie ist ein vergleichsweise junges Verfahren, das sich etwa
Mitte des 20. Jahrhunderts entwickelte. Im Gegensatz zur Freudschen
Psychoanalyse ist sie nicht auf einen Begründer, sondern auf eine Reihe
verschiedener Pioniere zurückzuführen, die sich auf sehr
unterschiedliche Aspekte einer Familie konzentrierten.
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Die
psychoanalytischen Ansätze widmen der Art und Weise von
Beziehungen, den innerfamiliären Konflikten bzw. dem Inhalt der über
Generationen unbewusst vermittelten Aufträge und Rollen besondere
Aufmerksamkeit. Der Therapeut wird Sie eher nach dem Warum eines
Problems fragen, um ähnlich wie in der Psychoanalyse mögliche
Ursachen dafür freizulegen. Es geht darum, dass Sie sich in einem
geschützten Rahmen mit Dingen der Vergangenheit auseinander setzen können,
die Sie bisher nicht auszusprechen wagten, wie zum Beispiel
Familiengeheimnisse, enttäuschte Erwartungen oder Ungerechtigkeiten. |
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Ein struktureller
Familientherapeut konzentriert sich intensiver auf die Organisation
und die Interaktion eines Familienlebens. Der Blick auf die Struktur
Ihrer Familie ermöglicht eine andere Perspektive (im Gegensatz zum
Blick auf das einzelne Familienmitglied). Es geht dabei nicht so sehr
um den Inhalt eines Konflikts und die daraus resultierenden Gefühle
oder Verletzungen, sondern um Grenzen und Regeln, die in Ihrer Familie
bestehen. Je nach Qualität bestimmen diese Grenzen das Zusammenspiel
zwischen den Eltern, zwischen Eltern und Kindern oder weiteren
Familienangehörigen anderer Generationen. Sie zu erkennen, hilft bei
beabsichtigten Veränderungen.
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Die
systemische Familientherapie geht davon aus, dass das aktuelle
Verhalten eines einzelnen Familienmitglieds aus Einflüssen seines
Umfelds resultiert und entsteht, das er wiederum durch sein Verhalten
beeinflusst. Systemische Therapeuten arbeiten mit der Grundannahme,
dass die Veränderung des Einzelnen zwangsläufig Einfluss auf alle
angrenzenden Systeme zeigt, mit denen er in Wechselwirkung steht –
und umgekehrt genauso. Bei dieser Therapieform wird mit Ihnen an Ihren
Veränderungsmöglichkeiten diese Wechselwirkung gearbeitet. |
Dieser Versuch o.g. Beschreibungen ist eine sehr starke Vereinfachung der
vorhandenen familientherapeutischen Ausrichtungen. Wenn Sie sich für eine
Familientherapie entscheiden, so erkundigen Sie sich bei dem Therapeuten
nach seiner Arbeitsweise. Das mag Ihnen auch einen ersten persönlichen
Eindruck vermitteln, ob Sie sich mit Ihrem Anliegen „gut aufgehoben“ fühlen.
Denn unabhängig von der Ausbildung ist das Vertrauensverhältnis eine
wichtige Basis, damit Sie zu den Lösungen gelangen, die für Sie
hilfreich sind.
Vertiefende
und weiterführende Literatur:
von
Schlippe A (1995). Familientherapie im Überblick.
Basiskonzepte, Formen, Anwendungsmöglichkeiten. Junfermann Verlag
von
Schlippe A, Schweitzer J (2002). Lehrbuch der systemischen Therapie und
Beratung. Vandenhoeck
& Ruprecht
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