Es gibt sie wirklich, Menschen, die mühelos Unmengen an Namen und
Zahlen im Kopf behalten. Nur scheint diese Fähigkeit nicht besonders
verbreitet zu sein. Auf jeden Fall zeigen sich die meisten Zeitgenossen
mit ihrem Gedächtnis eher unzufrieden. Meistens wird dabei über die
eigene Merkfähigkeit für Namen, Gesichter und jegliche Art von Zahlen
geklagt – ausgerechnet diejenigen Bereiche, die wir im alltäglichen
Leben ständig brauchen. Ist das ein Schicksal, mit dem man sich
unweigerlich abfinden muss? Wenn das Wort Gedächtnis fällt, denken die
meisten an einen gigantischen Aktenschrank oder einen Computerspeicher, wo
alle möglichen Informationen gelagert werden. Es erscheint plausibel,
dass manche Menschen mit mehr und die anderen mit weniger Speicherraum
ausgestattet sind, nun unterscheiden wir uns auch in der Schuhgröße und
Augenfarbe. Nur gibt es eine Menge Tatsachen, welche dieser Vorstellung
widersprechen. Zum Beispiel: Warum hat man häufig Schwierigkeiten mit nur
einer bestimmten Art von Informationen? Viele klagen über ein schlechtes
Gedächtnis für Zahlen, aber kaum einer erzählt, er hätte
Schwierigkeiten, seine persönlichen Erlebnisse in Erinnerung zu behalten.
Es scheint eine Instanz im Gehirn zu geben, welche darüber entscheidet,
was gespeichert wird und was nicht. Und diese Instanz arbeitet nach ganz
klaren Prinzipien: Alles, was persönlich erlebt wird, was emotional
geladen oder ungewöhnlich ist, was sich mit schon gespeicherten
Informationen verbinden lässt, das alles wird als wichtig angesehen und
behalten. Auch neue Informationen, die über mehrere Kanäle gleichzeitig
aufgenommen werden, also zum Beispiel Wort, Bild und möglichst noch einen
Geruch miteinander verbinden, haben gute Chancen. Weniger Prägnantes wird
entsprechend gelöscht. So schützt sich das Gehirn vor einer Überladung.
Nur fallen auch viele wichtige Informationen des modernen Zeitalters
dieser Zensur zum Opfer. Neue Namen und Telefonnummern halten den strengen
Kriterien unseres inneren Zensors nicht statt, sie riechen nicht,
schmecken nicht und lösen keine Emotionen aus. Wie schaffen es denn bloß
all die Menschen, die sich eines guten Gedächtnisses erfreuen, diese so mühelos
zu behalten? Die meisten setzen bewusst oder unbewusst ein paar Tricks
ein, um die Zensur zu überlisten. Einer der beliebtesten davon ist:
Neues
mit dem schon Bekannten verbinden
Haben Sie vielleicht schon mehrmals festgestellt, dass es Namen
gibt, die einfach hängen bleiben, manchmal sogar über Jahre, während
viele anderen ganz schnell wieder aus dem Gedächtnis verschwinden? Zum
Beispiel wenn einer genau so heißt wie Sie selbst, fällt es meistens so
ins Auge, dass der neue Name fast automatisch im Gedächtnis haften
bleibt. Aber auch wenn der Zufall nicht auf unserer Seite spielt, lohnt es
sich meist kurz innezuhalten und zu überlegen, ob uns der neue Name an
etwas erinnert. Vielleicht gab es mal einen Kollegen, der so hieß oder
jemanden aus der Verwandtschaft? Auch bekannte Persönlichkeiten und ähnlich
klingende Fremdwörter dürfen zum Einsatz kommen. Alles ist als Eselsbrücke
erlaubt. Schon dieses Innehalten und Nachdenken wird von unserem Gehirn
als ein Signal dafür gedeutet, dass neue Information wichtig sein könnte.
Und wenn die Suche erfolgreich war, hat der neue Name viel bessere Chancen
gespeichert zu werden. Natürlich hat man mitten im Gespräch meistens
keine Zeit für solche Überlegungen. Deswegen ist es sinnvoll, lange vor
dem Ernstfall mit dem Üben anzufangen. Es gibt tagtäglich Hunderte von
Namen, mit denen wir nur kurz konfrontiert werden – Fernsehjournalisten,
Talkshow-Gäste, Verkäufer im naheliegenden Supermarkt. All die Menschen
werden mit Namen vorgestellt, bzw. tragen diese auf ihren Kitteln. Wäre
das nicht ein gutes Übungsfeld? Wichtig ist nur, sich durch die ersten,
eher umständlichen Versuche nicht entmutigen zu lassen. Wenn etwas Übung
da ist, ordnen Sie neue Namen fast automatisch ein, ohne sich darum extra
Gedanken zu machen. Und das Gute ist: je häufiger Sie dann mit neuen
Namen konfrontiert werden, um so leichter behalten Sie diese. Eines Tages
geht es wie von selbst. Denn je mehr Vergleichsmaterial im Gehirn schon
gespeichert ist, um so leichter wird es, neue Informationen einzubinden.
Genau dieser Effekt ist für ein gutes Namensgedächtnis bei z.B. vielen
Ärzten und Lehrern verantwortlich, - aber auch dafür, dass Menschen, die
viel mit Zahlen arbeiten, keine Mühe haben, sich neue Telefonnummern zu
merken. Wäre das also auch eine gute Methode, um das eigene Zahlengedächtnis
zu verbessern? Vom Prinzip her, ja. Mit etwas Phantasie kann man auch eine
Telefonnummer als eine Abfolge von geschichtlichen und persönlichen Daten
darstellen. Zum Beispiel: 1990 haben wir geheiratet, 65 kg ist mein
aktuelles Gewicht und so weiter. Nur fällt es den meisten von uns sehr
schwer, etwas sinnvolles mit Zahlen einer Telefonnummer zu verbinden.
Deswegen wäre zu diesem Zweck eine ganz andere Strategie zu empfehlen.
Verschiedene
Sinne einsetzen
heißt da das Zauberwort. Zum Beispiel, indem man neue
Informationen aufschreibt, damit sie besser im Gedächtnis bleiben. So
wird der neue Name oder die Telefonnummer nicht nur gehört, sondern auch
gesehen und beim Aufschreiben noch mal zusätzlich im Gehirn verarbeitet.
Der nächste Schritt in dieselbe Richtung wäre, auf den Stift und
Schreibblock zu verzichten und sich einfach nur vorzustellen, wie die
Nummer oder das neue Wort geschrieben aussehen könnte. Schon dieser
einfache Trick verbessert die Merkfähigkeit erheblich. Noch bessere
Ergebnisse kann man erreichen, wenn man mit spezifischen Bildern für
Zahlen arbeitet. Für einige ist es sinnvoll, sich neue Telefonnummern als
ein Diagramm vorzustellen. Achten Sie dabei auf die „Individualität“
von jedem Diagramm. Fängt es eher oben oder eher unten an? Hat es
eindeutige Höhen und Tiefen? Andere haben es leichter, wenn die neue Zahl
als eine Abfolge von Fingerbewegungen dargestellt wird, dabei ist jedem
Finger eine Zahl zugeordnet. Gewöhnlich fängt man beim kleinen Finger
der linken Hand mit der Zahl „1“ an und endet beim kleinen Finger der
rechten Hand. Dieser bekommt die Bedeutung von „0“ zugewiesen. Etwas
aufwendiger ist das Erlernen einer Methode, wo einzelnen Zahlen Farben und
taktile Empfindungen zugewiesen werden. Die „Eins“ ist dann zum
Beispiel glatt, schwer und blau. Die „Zwei“ könnte dagegen grün und
weich sein. Sitzt das System von Kodierungen erst mal fest im Gedächtnis,
bleiben auf diese Art und Weise „erlebte“ Zahlen länger im Gedächtnis.
Bleibt ein Bild besser im Gedächtnis als hundert Worte? In diesem Fall
stimmt das wirklich. Aber manchmal ist es auch sinnvoll, ein Bild in Worte
umzuwandeln, um dieses besser behalten zu können. Zum Beispiel wenn man
Schwierigkeiten hat, sich neue Gesichter zu merken. Hier lautet die Lösung,
sich auf zwei, drei markante Züge zu konzentrieren und diese bewusst
innerlich zu benennen. Dank dieser Struktur bleibt das Bild leichter im
Gedächtnis haften.
Merken
von Listen
Etwas anders geht man heran, wenn das Gedächtnis für Listen
trainiert werden soll. Ein typisches Beispiel dafür ist ein
Einkaufszettel. Sachen, die darauf aufgezählt sind, sind uns keineswegs
neu, es kostet jedoch eine gewisse Mühe, genau die gewünschte
Kombination im Gedächtnis zu behalten. Bei einer ganz kurzen Liste kann
man sich eine Zeichnung vorstellen, wo alle Komponenten abgebildet sind.
Bunte und lustige Bilder bleiben dabei am besten haften. Bei einer längeren
Liste stößt diese Methode jedoch an ihre Grenzen. In diesem Fall wird
das Merken leichter, wenn man die einzelnen Komponenten der Liste mit
einer im Gedächtnis schon vorhandenen Struktur verbindet. Jeder, der
schon mal „Koffer Packen“ gespielt hat, konnte feststellen, dass es
leichter ist, sich an die vorgegebenen Gegenstände zu erinnern, wenn man
einen Teilnehmer nach dem anderen anschaut und kurz überlegt, was
derjenige „eingepackt“ hat. Ohne diese Gedächtnisstütze ist es fast
unmöglich, die Liste wieder herzustellen. Nur gibt es in den meisten Fällen
keine natürliche Struktur, die wir uns zu Hilfe nehmen können. Sie muss
also als erstes geschaffen werden. Die Vorstellung von einem gut bekannten
Weg erwies sich in diesem Fall als ein gutes Hilfsmittel.
Läuft man den Weg in der Phantasie durch und platziert einzelne
Komponenten der Liste an markanten Stellen, dann werden diese beim zweiten
„Durchgang“ fast automatisch erinnert.
Wie bei allen anderen Strategien dieser Art gilt auch hier: Je mehr
Übung man hat, um so leichter bleiben neue Informationen im Gedächtnis,
bis das Merken eines Tages weder Mühe noch eine bewusste Anstrengung
bedeutet. Allerdings darf man sich durch die ersten, eher umständlichen
Versuche nicht verunsichern lassen.
Vertiefende
und weiterführende Literatur:
Buzan
T (1999) Kopftraining. Goldmann
Buzan
T (2000) Nichts vergessen! Goldmann
Geisselhart
RR, Zerbst M (2001) Das perfekte Gedächtnis. Der schnelle Weg zum
Superhirn, Gedächtnistraining leicht gemacht. dtv
Heese
C (1999) Wenn das Erinnern schwer fällt. C.H.Beck
Mistler
T (2003) Der Schlüssel zum perfekten Gedächtnis. Junfermann
Oberbauer
M (2000) Abenteuer Gedächtnis. Wirkungsvolles Gehirnjogging als
packendes Lesevergnügen. Herbig
Sommer
LM (2003) Gutes Gedächtnis leicht gemacht. Krenn
Vogel
H (2001) Gedächtnis- und Intelligenzübungen (Bd. 1). Westermann
Lernspielverlag
Vogel
H (2001) Gedächtnis- und Intelligenzübungen (Bd. 2). Westermann
Lernspielverlag
Andere Medien:
Gedächtnistraining
- Der interaktive Gedächtnistrainer. HJP-Multimedia (2003)
Das
will ich mir merken! Gedächtnistechniken für Schule, Studium,
Beruf und Freizeit. Interaktive Medien (2003)