Die Welt und den eigenen Körper in der
ganzen Intensität erleben – lautet das Motto der Gestalttherapie. Denn
viel zu oft flüchtet man in die surreale Welt der Vorstellungen und
Phantasien und verliert dadurch den Kontakt mit der Situation, so wie sie
hier und jetzt ist. Erinnerungen und unrealistische Erwartungen übernehmen
in diesem Fall die Macht über unsere Gefühle. Diesen Zustand erkennt man
am besten daran, dass die Wirklichkeit nur sehr unscharf und schematisch
wahrgenommen wird. So geht es einem schüchternen Menschen, der in die
Verlegenheit kommt, einen Vortrag halten zu müssen: wenn er vor seinem
Auditorium steht, erkennt er weder die Gesichter der Zuschauer noch die
Einzelheiten der Raumausstattung. Der Kontakt mit der Realität wird
eingeengt, fast unterbrochen. An dessen Stelle kommt die Vorstellung,
hilflos ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt, von vielen anonymen
Gesichtern neutral oder unfreundlich beobachtet zu werden, nicht flüchten
zu können. Solche Vorstellungen und nicht die reale Situation steuern in
diesem Moment seine Gefühle und Gedanken. Dadurch verpasst er immer
wieder die Chance, neue Erfahrungen zu sammeln. Die alten Muster
verfestigen sich mehr und mehr. Die Macht von surrealen Vorstellungen können
wir jedoch nur überlisten, wenn wir uns mit offenen Sinnen der Situation
stellen und auf die Einzelheiten achten. Unmöglich! – würden viele
sagen. Doch ein Gestalttherapeut geht davon aus, dass diese Fähigkeit
trainiert und in fast jeder Situation angewendet werden kann.
Die Gestalttherapie unterscheidet zwischen
drei Typen der Wahrnehmung: das Erleben der Welt um uns herum, das Erleben
des eigenen Körpers und die auf unseren Gedanken und Interpretationen
gegründete Wahrnehmung.
Bei der Wahrnehmung der Welt geht es um
Bilder, Töne und Gerüche, die von unseren Sinnesorganen vermittelt
werden. Lernt ein Mensch, diese bewusst aufzunehmen und ganz gezielt
darauf zu achten, was um ihn herum passiert, wird sein Erleben in vielen
Situationen intensiver und offener. Es fällt ihm dann auch leichter,
Kontakt mit der Situation im hier und jetzt immer wieder aufs Neue
aufzunehmen.
Mit der Wahrnehmung des eigenen Körpers
ist gemeint, dass man lernt auf das eigene körperliche und emotionale
Befinden bewusst zu achten. Die Körperhaltung ist in diesem Fall genauso
wichtig wie das erkennen von flüchtigen Emotionen und Stimmungen. Dies
sind Signale, die im Alttag sehr oft überhört werden. Wie oft müssen
erst die Rückenschmerzen auftreten, damit wir merken, dass die
Sitzhaltung über längere Zeit unbequem war.
Die dritte Art der Wahrnehmung bezieht sich
auf die Welt unserer Gedanken, Phantasien und Interpretationen. Diese sind
jedoch oft so eng mit den Eindrücken der realen Welt verbunden, dass es
fast unmöglich ist, dazwischen zu unterscheiden. Zum Beispiel beobachtet
man, dass der Gesprächspartner keinen Blickkontakt mehr aufnimmt und
vermutet daraus, dass der andere nicht zuhört. Schnell entsteht daraus
der Eindruck: „ Ich sehe, dass mir der andere nicht zuhört“, oder
wenn man noch einen Schritt weiter geht: „Ich sehe, dass ihn das Thema
nicht interessiert“. Eine Vermutung wird in diesem Fall als beobachtete
Realität erlebt. In vielen Fällen treffen solche Interpretationen auch
zu. Sie ermöglichen reibungslose Verständigung zwischen den Gesprächspartnern.
Sie können aber auch zu einer unerschöpflicher Quelle von Missverständnissen
und Konflikten werden, wenn die Signale eines Partners regelmäßig falsch
interpretiert werden. Neigt ein Mensch generell dazu, viele Ereignisse in
eine bestimmte Richtung, zum Beispiel negativ zu interpretieren, läuft er
außerdem die Gefahr, eine eigene surreale Welt zu schaffen, die ihm gegenüber
ausschließlich feindlich gesinnt ist. Wollen wir diese Art
Schwierigkeiten aufdecken, so ist es wichtig, zwischen realen
Beobachtungen und deren Interpretation unterscheiden zu lernen.
Darauf richtet sich das Hauptaugenmerk
eines Gestalttherapeuten. Die Achtsamkeit gegenüber dem eigenen Körpergefühl
und den eigenen Emotionen, das bewusste Erleben dessen, was man hört,
sieht, riecht und schmeckt, sollen den Zugang zur Wirklichkeit im hier und
jetzt ermöglichen. Man lernt zwischen der Realität und seinen
Interpretationen zu unterscheiden, sowie die eigene Wahrnehmung auf das
eine oder auf das andere gezielt auszurichten. Diese Fähigkeiten werden
im Rahmen von Konzentrationsübungen, Rollenspielen und Phantasiereisen
geschärft. Die realen und surrealen Erlebniswelten werden in Ton und
Farbe symbolisch dargestellt.
Aktiver Einsatz von solchen Techniken führte
unter anderem dazu, dass hinter dem Begriff „Gestalttherapie“ eine Art
Kunsttherapie vermutet wird, die sich hauptsächlich auf gestaltende Kunst
spezialisiert. Der Name geht jedoch auf die Gestaltpsychologie zurück,
die sich ähnlich wie die Gestalttherapie mit den Besonderheiten der
menschlichen Wahrnehmung beschäftigte. Die Gestaltpsychologen nahmen an,
dass die Eindrücke der Außenwelt vom Menschen unbewusst strukturiert
werden. So erkennt ein Mensch in einem chaotischen Linien-Wirrwarr eine
Struktur aus Kreisen und Quadraten und in einer zweidimensionalen
Zeichnung Abbildungen einer dreidimensionalen Figur. Man versuchte die
„Gestalten“ zu beschreiben, die optische und akustische Wahrnehmung
eines jeden Menschen zu ordnen. In Anlehnung daran versuchte der Gründer
der Gestalttherapie Frederick S. Perls die Gestalten zu erfassen, die aus
der Wahrnehmung unserer Umwelt und des eigenen Körpers auf der Grenze
zwischen beiden entstehen.
Vertiefende
und weiterführende Literatur:
Naranjo,
Claudio (1996). Gestalt
- Präsenz, Gewahrsein, Verantwortung. Arbor
Rebillot P, Kay M (1997). Die Heldenreise
- Das Abenteuer der kreativen Selbsterfahrung. Kösel, München
Perls,
F. S. (2002).
Grundlagen der Gestalt-Therapie. Einführung und
Sitzungsprotokolle. Klett-Cotta
Polster,
Erving & Polster, Miriam (2001). Gestalttherapie
-
Theorie und Praxis der integrativen Gestalttherapie. Hammer
Stevens
J. O. (2000).
Die
Kunst der Wahrnehmung.
Übungen
der Gestalt-Therapie. Gütersloher Verlagshaus