„Das
Ganze hat mich auf 180 gebracht“, sagen wir manchmal, wenn wir uns über
etwas ärgern. „Ich stehe unter Druck“, berichtet jemand, der sich gezwungen
fühlt, gegen den eigenen Wunsch zu handeln. Die meisten von uns kommen gar
nicht auf die Idee, solche Aussagen mit Veränderungen im eigenen Körper zu
verbinden. Würde man aber in solchen Situationen den Blutdruck des
Betroffenen messen, würde man in vielen Fällen feststellen, dass dieser
erhöht ist.
Der
erhöhte Blutdruck ist eine natürliche Reaktion unseres Körpers auf physische
und psychische Belastungen. Vor allem wenn wir uns ärgern, schnellen die
Blutdruckwerte in die Höhe. Diesen Anpassungsmechanismus übernahm die
Spezies Mensch von ihren Vorfahren. Beim Leben in der Wildbahn bedeutete
Ärger, dass Konkurrenz oder Feinde in der Nähe waren. Es hieß daher, Kräfte
für Flucht oder Kampf zu mobilisieren. Und der Körper traf notwendige
Vorbereitungen: Die Gefäße in der Haut und inneren Organen verengten sich,
der Blutdruck stieg, das Blut wurde mit erhöhter Kraft in die Muskel
gepumpt. War die Auseinandersetzung vorbei, sanken die Blutdruckwerte auf
das alte Niveau. Es kam eine Phase der Erholung.
In der
modernen Welt scheint dieser Kreislauf nicht mehr zu funktionieren. In den
Industriestaaten leiden ungefähr 20-25% der Bevölkerung unter Hypertonie,
dem dauerhaft erhöhten Blutdruck. Viele davon ahnen das nicht einmal. Und in
den meisten Fällen findet man keine medizinischen Ursachen dafür. Es wirkt
so, als hätten die Körper der Betroffenen eines Tages verlernt, den
Normalzustand wiederherzustellen. Die Ärzte sprechen von einer
Zivilisationskrankheit, welche durch mangelnde Bewegung, Übergewicht und
genetische Veranlagung begünstigt wird. Die Betroffenen machen vor allem
Stress im Beruf und Privatleben für die Erkrankung verantwortlich. Auf
Nachfrage schildern viele von ihnen die eigene Lebenssituation als ein enges
Korsett aus verschiedenartigen Zwängen und Ungerechtigkeiten: Sticheleien
und übertriebene Forderungen des Chefs, denen man sich nicht entziehen kann;
Überstunden, die aus Angst um den eigenen Arbeitsplatz geleistet und wie
selbstverständlich angenommen werden; die Rücksichtslosigkeit anderer
Familienmitglieder, aufgestaute Konflikte, die man aus verschiedenen
Gründen, nicht aufrollen kann. Man steht ständig unter Druck. Es gibt so
viele Sachen, die einen Tag für Tag immer wieder „auf 180 bringen“. Mit
aller Kraft versucht man diese Situation zu managen. Häufig ist auch eine
große Portion Selbstaufopferung dabei. Ist es nicht ungerecht, dass der
eigene Körper einen auch noch im Stich lässt? Warum kommen auch noch
Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit und erhöhter Blutdruck dazu? Oder nutzt unser
Körper diese Symptome, um uns etwas wichtiges zu sagen? Ist es möglich, dass
sich ein Druck von Außen in den Blutdruck verwandelt? Häufig ist der Blick
hinter die Kulissen unserer Seele notwendig, um dieses Rätsel zu lösen. Denn
immer wieder entdeckt man dahinter eine weitere Art von Druck, den
emotionalen Druck von Innen. Dieser Druck nährt sich aus unseren Ängsten und
Erwartungen, aus überzogen strengen Normen, die wir verinnerlicht haben. Bei
einem ist es die Angst, einen bestimmten Lebensstandard zu verlieren, bei
dem anderen der Anspruch, eine perfekte Mutter oder ein liebenswerter Mensch
zu sein, was auch immer man unter „liebenswert“ versteht. Auch der Zwang,
erfolgreich zu sein, spielt im Hintergrund häufig eine entscheidende Rolle.
Dabei bedient sich jeder seines eigenen Maßstabes für den Lebenserfolg.
Geld, Karrieresprünge, Einfluss oder Erfüllung eines ganz bestimmten Traums,
all das kann für den inneren Druck sorgen, und dieser hält die äußeren
Zwänge aufrecht. Man ist gezwungen, sich den Forderungen der Umwelt zu
beugen, weil man sonst bestimmte Standards nicht erfüllen würde. Wenn man
dies erkennt, steht man vor der nächsten entscheidenden Frage: Sind es
eigene Wünsche und Vorstellungen, um die es sich hier handelt? Denn häufig
jagen wir nur Bildern hinterher, die wir eines Tages von unseren Eltern oder
unseren Idolen aus früheren Zeiten übernommen haben. Die Wurzel des
Bluthochdrucks finden sich so in unseren Kindheitsträumen. Dies vermuten
tiefenpsychologisch orientierte Psychotherapeuten. Sie setzen folglich bei
der Behandlung der Hypertonie darauf, die inneren Zwänge, die hinter den
äußeren Zwängen stehen, zu entdecken, ihre Hintergründe zu verstehen und
ausgewogenere und angemessene Lebenskonzepte zu entwickeln.
Etwas
anders gehen die kognitiv-verhaltenstherapeutisch orientierten Kollegen
dieses Problem an. Auch sie sehen verdeckten Ärger und ungelöste Konflikte
als Mitverursacher von Hypertonie. Auch sie vermuten, dass hinter dem Druck
der Umstände sich häufig der Druck der eigenen Gedanken versteckt. Es gilt
daher zu verstehen, wie wir es in einer konkreten Situation schaffen, sich
selbst „auf 180 zu bringen“. Meistens finden sich dabei ganz bestimmte
Muster, die sich in vielen verschiedenen Situationen wiederholen. Zum
Beispiel setzt man sich für die eigenen Interessen nicht ein aus Angst, dies
würde alles nur schlimmer machen oder aus der Überzeugung, man wäre dafür
nicht schlagfertig genug. Im Nachhinein kreisen die Gedanken jedoch lange
Zeit um die unangenehme Situation. Man sucht denkbar ungünstige Erklärungen
für das Verhalten anderer.„Sie hat es nur gesagt, um mich zu ärgern“ oder
„Dies beweist, dass ich das nie schaffen werde“ wären typische Beispiele
dafür. Diese hält man sich immer wieder vor Augen. Auf diesem Weg entsteht
der Dauerstress. Die Phase der Entspannung und Erholung fällt weg,
stattdessen ist unser Körper gezwungen, die Stressreaktionen, darunter auch
den erhöhten Blutdruck über längere Zeit aufrechtzuerhalten.
Will man
dieser Entwicklung entgegenwirken, handelt man auf drei Ebenen gleichzeitig:
Man lernt die ungünstigen Gedanken rechtzeitig zu erkennen und zu steuern.
Hier kommen die überzogenen Erwartungen an sich selbst und die Mitmenschen
zur Sprache. Was sind die typischen Situationen, welche für Ärger sorgen?
Wie realistisch sind meine Urteile darüber? So einfach diese Fragen sind, es
ist ausgesprochen schwierig, diese im Alleingang zu beantworten. Ein
„blinder Fleck“ in der Seele sorgt immer wieder dafür, dass man eigene
Überzeugungen nur schwer in Frage stellen kann. Ein Dialog mit einem
Therapeuten ist daher auf jeden Fall zu empfehlen. Erwarten wir vielleicht
von den anderen, dass sie immer ausgeglichen und zuvorkommend uns gegenüber
sind? Dass sie unsere Interessen genau wie ihre eigenen berücksichtigen?
Wenn das stimmt, dann erwarten wir entschieden zu viel von unseren
Mitmenschen. Wollen wir stets freundlich und schlagfertig erscheinen, alles
auf Anhieb verstehen und jegliche Art von Problemen im Handumdrehen lösen?
Auch hier verlangen wir viel zu viel, diesmal von uns selbst. Und wie
reagieren wir, wenn die Realität von den Erwartungen abweicht? Wenn
Katastrophenszenarien und Rachephantasien sich im Kopf drängen, wenn das
Gedankenkreisen uns keine Ruhe lässt, wäre man manchmal froh, wenn man den
eigenen Gedanken „Stopp“ sagen könnte. Und dies lernt man auch im Rahmen der
verhaltenstherapeutischen Behandlung: das Gedankenchaos zu unterbrechen und
nach wahren Lösungen für das Problem zu suchen.
„Handeln“
heißt in diesem Fall meistens das Schlüsselwort. In vielen Fällen bedeutet
dies: Probleme ansprechen, den eigenen Ärger deutlich machen, zusammen mit
anderen Betroffenen nach Lösungen suchen, anstatt tagelang zu grübeln.
Dieser Weg ist oft nicht leicht, denn meistens steht uns die eigene Angst im
Weg, direkte Aussprache würde große oder kleine Katastrophen auslösen. Wie
und wann spricht man das Problem am besten an? Welche Lösungen wären
möglich? Auch diese Fragen werden zum Teil der Therapie.
Gleichzeitig versucht man der inneren Anspannung, die inzwischen zur
Gewohnheit geworden ist, entgegen zu wirken. Die Entspannungsübungen sorgen
dafür, dass der Körper wieder seine Erholungspausen bekommt. Im Rahmen
dieser Übungen werden die Stressreaktionen des Körpers gelöst, der Blutdruck
sinkt. Leider kann man auf diesem Weg keine dauerhafte Normalisierung des
Blutdrucks erreichen. Setzt man diese jedoch in den belastenden Situationen
ein, so kann man vermeiden, dass der Blutdruck weiter steigt und neue
Rekordhöhen erreicht.
Vertiefende und weiterführende Literatur:
Morschitzky H, Sator S (2004) Wenn die Seele durch den Körper spricht.
Psychosomatische Störungen verstehen und heilen. Patmos
Vaitl D (2004) Ratgeber Bluthochdruck. Hogrefe
Vaitl D (2001) Hypertonie. Hogrefe