Ist es wirklich so, dass die seelischen Belastungen körperliche Abwehrkräfte
mindern? Die Psychoneuroimmunologie ist ein Bereich der medizinischen
Forschung, der sich mit diesen und ähnlichen Fragen befasst. Es geht um
Einfluss der Emotionen auf das Immunsystem.
Dass eine ruhige und sichere Umgebung für besseres körperliches Befinden
bei Tieren sorgt, ist inzwischen nachgewiesen. In vielen Tierversuchen
konnte gezeigt werden, dass die Sterberate bei den mit verschiedenen Viren
infizierten Mäusen und Ratten deutlich steigt, wenn sie übermäßigem
Stress ausgesetzt sind. Die Art der Belastung ist dabei unwichtig: unabhängig
davon ob die Tiere durch Lärm, den Geruch von natürlichen Feinden oder
durch beengte Käfige unter Druck gesetzt werden, die Überlebenschancen für
den Einzelnen werden dadurch deutlich gesenkt. Etwas schwieriger ist es zu
überprüfen, ob es auch beim Menschen einen Zusammenhang zwischen der
seelischen Belastung und der Anfälligkeit für Infektionen gibt. Die
Forschung in diesem Bereich steckt noch in den Kinderschuhen. Viele
Ergebnisse sind widersprüchlich und können kaum verallgemeinert werden.
Es spricht jedoch vieles dafür, dass die Abwehmechanismen unseres Körpers
durch Stress verändert werden. Zum Beispiel scheint soziale Unterstützung
in den Trauerphasen das Risiko und die Dauer von infektiösen Erkrankungen
zu verringern. Die Häufung von Alltagsstress erhöht die Anfälligkeit für
grippale Infekte. Der Verlauf von Krebserkrankungen wird vermutlich durch
emotionale Unterstützung und Erlernen von Entspannungstechniken positiv
beeinflusst.

Wie kommt das zustande? Unser Immunsystem funktioniert in
einer Stresssituation anders, als im Ruhezustand. „Schuld“ daran ist
das Hormon Kortison, das bei Belastungen ausgeschüttet wird. Kommt dieses
Hormon in den Blutkreislauf, wird das Abwehrsystem des Körpers unterdrückt.
Auf den ersten Blick erscheint diese Reaktion paradox, für das Überleben
unserer frühen Vorfahren im Wald war sie jedoch von entscheidender
Bedeutung. Das liegt daran, dass die meisten unangenehmen Symptome, wie
Fieber und Schnupfen, die wir als Begleiter einer Krankheit kennen,
Reaktionen unseres Immunsystems auf die Krankheit sind. Auf diese Art bekämpft
der Körper Eindringlinge. Auch die Tatsache, dass wir uns in dieser Zeit
matt und kraftlos fühlen, dient dem großen Ziel, unnötige
Energieverluste zu vermeiden. Tritt jedoch eine lebensgefährliche
Situation ein, geht es darum, zu kämpfen oder zu flüchten. Um zu überleben,
kann sich ein Mensch oder Tier diese Symptome nicht mehr leisten. Genau in
solchen Situationen werden die Abwehrkräfte des Körpers durch Kortison
unterdrückt. Ist die Gefahr vorbei, kommt es zu einer verstärkten
Aktivität des Immunsystems. Eine ähnliche Wirkung ist zu beobachten,
wenn wir leicht erkältet zu einer Prüfung oder einem wichtigen Gespräch
gehen. In der belastenden Situation scheint die Erkältung einfach weg zu
sein, dafür werden die Symptome deutlich stärker, wenn sich die
Aufregung gelegt hat.
Was passiert aber, wenn die emotionale Belastung zu einem Dauerzustand
wird? Durch dauerhafte Unterdrückung wird die Abwehr geschwächt. Fällt
die Anspannung nach mehreren
Wochen weg, braucht das Immunsystem eine längere Erholungszeit. Die Phase
der überschießenden Aktivität des Immunsystems tritt in diesem Fall
nicht ein. Das heißt, dass der Organismus über längere Zeit anfällig für
Infektionen bleibt.
Leider lässt sich diese Art von Belastungen kaum vermeiden.
Konfliktbeladene Beziehungen, Stress am Arbeitsplatz, Trauer und Zukunftsängste
begleiten uns oft über mehrere Monate.

Dies bedeutet jedoch nicht, dass wir dem Druck der Ereignisse hilflos
ausgeliefert sind. Anders als beim Tier ist beim Menschen nicht die reale
Situation in den meisten Fällen die Quelle der Belastung, sondern die
Einstellung und die persönliche Bewertung solcher Situationen dazu. So
zum Beispiel wird eine mittelmäßige Note für eine Prüfung von einigen
als ein großes Glück von anderen als eine Katastrophe erlebt. Auch
unrealistische Erwartungen, übertriebene Anforderungen an sich selbst
oder andere, traurige Erinnerungen können diese Art von Stress erzeugen.
Es gibt jedoch gerade in diesem Fall Möglichkeiten, die Belastung zu
reduzieren. Diese reichen von einer gedanklichen Aufarbeitung der
Situation bis zur Veränderung der körperlichen Reaktionen durch gezielte
Entspannung. Dadurch wird es möglich,
die übermäßige Belastung des Körpers durch Stress zu reduzieren.
Vertiefende
und weiterführende Literatur:
Psychoneuroimmunologie.
Jürgen Hennig. Hogrefe, 1998
Psychoneuroimmunologie.
Manfred Schedlowski, Uwe Tewes. Spektrum Akad. Vlg., 1996
Psychoneuroimmunologie
- Ein interdisziplinäres Forschungsfeld. Schulz, Kugler,
Schedlowski. Huber, 1997