Manche wollen viele, etliche haben (noch)
keine, zahlreiche leben mit einem oder mehreren, und wir alle sind bzw.
waren es: Kinder nämlich. Kindsein ist ein Erfahrungsschatz, auf den wir
ein Leben lang zurückgreifen. Als Eltern suchen wir in unseren Kindern
mehr oder weniger uns selbst. Wir suchen nach dem, was wir einmal waren
oder sein wollten bzw. nicht waren, nicht sein wollten oder gar durften.
Die verschiedenen Facetten dieser Erfahrungen begleiten uns ständig,
ob wir nun Einzelkind, Älteste/r, Mittlere/r, Jüngste/r oder Zwilling
sind - sie beeinflussen unsere Partnerwahl, wirken sich im Berufsleben
aus, bestimmen die erwünschte Anzahl eigener Kinder und unser
Erziehungsverhalten als Mutter oder Vater.
Die folgenden Beschreibungen der verschiedenen Konstellationen
sollten Sie als Darstellung möglicher Unterschiede verstehen, die sich
ergeben können, aber nicht zwangsläufig ergeben müssen. Ihre persönlichen
Erfahrungen, der Anlass Ihrer Entscheidung zu einer bestimmten Kinderzahl
sowie Ihr sozialer und materieller Hintergrund haben maßgeblichen
Einfluss auf die Erziehung Ihrer Kinder. Daher soll die Beschreibung möglicher
„Fußangeln“ sensibilisieren helfen, bestimmte Verhaltensweisen Ihrer
Kinder besser einordnen zu können.
Einzelkinder
Um das Einzelkind ranken sich spezielle Mythen. Vielfach gilt es
als verwöhnt, unselbständig, altklug, in der Schule oft als Streber und
Egoist. Obwohl es das „typische“ Einzelkind an sich gar nicht gibt.
Denn auch Geschwister mit großem Altersabstand, Nachzügler oder das
gemeinsame Kind von neuen Partnern nach einer Trennung können wie ein
Einzelkind groß gezogen werden.
Welche möglichen Unterschiede bestehen beim Heranwachsen Ihres
einzigen Kindes im Vergleich zu mehreren? Innerhalb der Familie ist ein
Einzelkind ohne gleichaltrige Rivalen, mit dem es Ihre emotionale und
materielle Zuwendung teilen muss. Konkurrenzlos erhält es all das, was
ihm zusteht. Eine direkte Vergleichs- und deshalb auch Streitmöglichkeit
um die Wahrung einer gerechten Verteilung entfällt. Bleibt Ihr Kind
allein, dann fehlt ihm - im Gegensatz zu mehreren Geschwistern - die
Erfahrung der sogenannten Entthronung - eine Situation, die erstgeborene
Kinder sehr bewusst miterleben können, wenn ein weiteres Familienmitglied
auftaucht und sie aus dem Mittelpunkt des Geschehens rücken. Kein
weiteres Geschwisterkind rangelt mit ihm um Position und Stellung in der
Familie. Ohne Konkurrenz darf es allein elterliche Gunst genießen, dazu
oft auch die der Großeltern. Dementsprechend entfallen typische Machtkämpfe
und Geschwisterkonflikte, so dass Einzelkindern andere Kapazitäten zur
Verfügung stehen. Sie setzen sich beispielsweise intensiver mit Dingen
auseinander, die es besonders interessieren. Im häuslichen Alltag besitzt
Ihr Kind zwar ungeteilte Aufmerksamkeit, dadurch fehlt ihm aber der tägliche
Kontakt mit Gleichaltrigen, geht es nicht in eine entsprechende
Einrichtung.
Sie sind als Eltern in jungen Jahren sein wichtigster
Ansprechpartner. Das zeigt Auswirkung auf die Kommunikation mit anderen
Erwachsenen und Kindern. Aus diesem Grund verstehen es Einzelkind häufig
besser, auf Erwachsene einzugehen und diese für ihre ganz persönlichen
Interessen zu mobilisieren. Einerseits werden sie eher zu Vertrauten ihrer
Eltern (eventuell auch besonders zu einem Elternteil), andererseits fehlen
dem Einzelkind verbündete Geschwister als moralische Unterstützung in
manchen Konfliktsituationen, z.B. um das Aufdecken von „Schandtaten“
herauszuzögern. Geschwister können sich gegen ihre Eltern verbünden
oder sich Halt und Ablenkung geben, wenn Eltern Partnerprobleme bewältigen
müssen - eine Möglichkeit, die einem einzelnen Kind nicht zur Verfügung
steht.
Somit haben Einzelkinder nicht bessere oder schlechtere, sondern
eben andere Bedingungen, um Selbstvertrauen und den Glaube an die eigenen
Fähigkeiten zu entwickeln.
Pseudozwillinge
und Geschwisterpärchen
Zwei Kinder gelten landläufig als normal, drei rufen schon ein
wenig Verwunderung hervor, vier Kinder sind fast außergewöhnlich und
Eltern mit noch mehr Kindern werden ganze Fernsehsendungen gewidmet.
Wurden Ihre Kinder in kurzer Zeit hintereinander geboren, mussten
sie sehr zeitig lernen, Ihre Aufmerksamkeit zu teilen. Deshalb verwendet
man auch den Begriff der sogenannten „Entthronung“ beim Erstgeborenen,
das bis dahin als Einzelkind aufwuchs - eine Erfahrung, die z.B.
Zwillingen fehlt. Ein geringer Altersunterschied lässt Geschwisterpärchen
häufig als sogenannte Pseudozwillingen heranwachsen, bei dem das ältere
Kind seine Position dem jüngeren gegenüber stärker behaupten muss.
Machtkämpfe und Streitereien zwischen gleich- und gegengeschlechtlichen,
kurz nacheinander geborenen Geschwistern beschäftigen Eltern in einem
anderen Umfang als beispielsweise bei der offensichtlichen Unterscheidung
zwischen einem ältesten und jüngsten Kind. Diese Unterscheidung wird
erst bei einem Altersabstand von mehr als 3 Jahren eindeutig. Auf Grund
der entwicklungsbedingten Nähe können verstärkt Aggressionen auftreten,
weil diese Geschwister in einer besonderen Konkurrenzsituation leben. Sie
müssen sich möglicherweise übertrumpfen, um ihre Position zu behaupten.
Mädchen gehen damit anders um als Jungen - sie wetteifern eher in punkto
Weiblichkeit, während zwei Brüder Gerechtigkeit und Aufrechterhaltung
der Rangfolge „ausfechten“.
Eine Besonderheit bei gleichgeschlechtlichen Geschwistern besteht
auch darin, dass z.B. die jüngere von zwei Schwestern ihren ganz
individuellen Platz in der Familie gegenüber zwei „älteren“ Frauen
erkämpfen muss. Der jüngere von zwei Brüdern befindet sich Bruder und
Vater gegenüber in ähnlicher Situation. Die Kombination großer Bruder/
kleine Schwester - und umgekehrt - gewährt dem ältesten Kind eine
eindeutige Führungsposition, die es nicht ständig verteidigen muss.
Mehr
als zwei Kinder
Manchmal geraten bei mehreren, insbesondere bei
gleichgeschlechtlichen Geschwistern vor allem die mittleren in eine
vermeintliche Klemme - in die sogenannte „Sandwichposition“. Mittleren
Kindern könnte Gefahr drohen, übersehen zu werden. Im Unterschied dazu
muss sich ein gegengeschlechtliches mittleres Kind
um seine eigene Identität nicht in dem Umfang sorgen, wie eine
Schwester zwischen Schwestern oder ein Bruder zwischen Brüdern. Bei
diesen Konstellationen spielt Ihr klares Auftreten als Mutter oder Vater
als Identifikationsmöglichkeit für die Kinder eine wesentliche Rolle,
weil Sie es in Ihrer Familie mit einem „geschlechtlichen
Ungleichgewicht“ zu tun haben. Bei gleichgeschlechtlichen Geschwistern
entfällt zudem die Möglichkeit für die geschützte innerfamiliäre
Erfahrung mit Gleichaltrigen des anderen Geschlechts. Brüder lernen
geschlechtsspezifische Verhaltensweisen von gleichaltrigen Mädchen erst
im Kontakt außerhalb der Familie kennen, für Schwestern trifft
entsprechend das gleiche zu.
An die Position des ältesten und jüngsten Kindes sind
altersbedingt Besonderheiten geknüpft. Weil das älteste mehr
Verantwortung übernimmt bzw. übernehmen muss, kann es schnell ungewollt
zum stellvertretenden Elternteil werden. Im Gegensatz dazu kann das jüngste
Kind alle Vorteile genießen, die sich ihm durch die Gegenwart älterer
Geschwister bietet - weniger Aufgaben, mehr Schutz und „gebahnte“ Wege
durch die zunehmendere Erfahrung seiner Eltern. Die Anliegen an das älteste
Kind unterscheiden sich zwangsläufig von denen an die nachfolgenden
Geschwister. Auch erhält eine große Schwester vielfach als Mädchen
andere Aufgaben als der älteste Bruder. Lassen Sie Ihrem ältesten Kind
trotz bestehender Fürsorgepflichten, die Sie ihm übertragen, ausreichend
individuelle Freiräume, dann wirken Sie am sichersten der Gefahr seiner
Rolle als Ersatzmutter oder -vater entgegen. Sonst hinterlässt diese
Funktion möglicherweise den unbewussten Eindruck, dass seine Bedürfnisse
unwichtiger sind, als die der jüngeren Geschwister. Der langersehnte
Sohn/ Tochter nach vielen Schwestern/ Brüdern hat hingegen große Chance,
zum Nesthäkchen mit Ausnahmeposition zu werden. Die engste Bindung
entsteht übrigens häufig zwischen den in der Reihenfolge am nächsten
stehenden Geschwistern.
Doch ob Sie nun für zwei oder viele Kinder Verantwortung tragen: für
keines dieser Kinder muss sich ein besonderer Nachteil ergeben. Versuchen
Sie Aufmerksamkeit, Verantwortlichkeiten und Aufgaben klar, gerecht und
altersabhängig zu verteilen und geben Sie der entwicklungsbedingten und
persönlichen Individualität jedes einzelnen Kindes genügend Raum, dann
gedeiht Ihr Nachwuchs.
Vertiefende
und weiterführende Literatur:
Martensen-Larsen
O, Soerrig K (1995) Große
Schwester, kleiner Bruder.
Prägung durch die Familie. Heyne
Kasten
H (1995) Einzelkinder. Aufwachsen ohne Geschwister. Springer
Leman
K (2001) Geschwisterkonstellationen. Die Familie bestimmt Ihr
Leben. MVG
Toman
W (2002) Familienkonstellationen.
Ihr Einfluss auf den Menschen. Beck