1. Einleitung
Kinder
mit Entwicklungsstörungen werden in der Regel in der kinderärztlichen
Praxis oder in einem Sozialpädiatrischen Zentrum (SPZ) vorgestellt. SPZs
sind ambulante Einrichtungen, die mit den Spätfolgen von Frühgeburten
und der Erstellung der dafür nötigen Förderkonzepte, aber auch mit
Kindern und Jugendlichen mit allgemeinen Entwicklungsstörungen (sozialer,
emotionaler und intellektueller Art) betraut sind. Das Team eines SPZs
besteht in der Regel aus der ärztlichen Leitung und weiteren Kinderärzten,
aus Psychologen, Sozialpädagogen, Logopäden, Ergotherapeuten,
Krankengymnasten und Kunsttherapeuten. Es erstellt neben der Diagnose ein
Förderkonzept und verweist die Familien an entsprechende therapeutische
Einrichtungen oder spricht eine Empfehlung für den sinnvoll erscheinenden
Schultyp aus. Neben Kindern mit relativ einfach zu stellenden Diagnosen
wie Legasthenie oder Sprachentwicklungsverzögerungen und den entsprechend
stark eingrenzbaren Therapiemaßnahmen gibt es aber auch solche, die als
kompakte „Problembündel“ angemeldet werden. Bei genauerer Betrachtung
des Familiensystems stellt sich dann heraus, dass es oft Kinder psychisch
kranker oder stark gestörter Eltern handelt.

2. Fallbeispiel
Der 12¾-jährige Peter (Name aus Datenschutzgründen geändert)
wird im Januar 2000 wegen Auffälligkeiten im schulischen und emotionalen
Bereich vorgestellt. Er wiegt bei einer Körperlänge von 174 cm 95 kg,
d.h. er hat ca. 30 kg Übergewicht, was seine körperliche Beweglichkeit
(z.B. Turnen) aber auch seine Attraktivität erheblich einschränkt. Er
verzichtet zwar regelmäßig aufs Frühstück, holt dann aber bei den
verbleibenden Mahlzeiten alles wieder nach und verschlingt riesige
Portionen. Seit 2-3 Jahren nässt Peter tagsüber ein, gelegentliches
Einkoten kam in letzter Zeit hinzu. Beides sind deutliche Alarmsignale in
der kindlichen Entwicklung, wenn es im späteren Alter und nach bereits
erfolgtem Trockensein erfolgt. In der Schule ist es bei Peter im letzten
Jahr zu einem Leistungseinbruch gekommen. Trotzdem ist er gut im
Klassenverband integriert und konnte an Klassenfahrten teilnehmen. Peter
wirkt apathisch, traurig und unglücklich, insgesamt ein gutmütiger Typ,
wie man das von „den Dicken“ oft kennt. Aus der Familiengeschichte
ergibt folgendes Bild: Peter ist das dritte, späte Kind einer
philippinischen Mutter, die ein halbes Jahr vor seiner Geburt von seinem
deutschen Vater nach Deutschland geholt wurde, und die aus erster Ehe zwei
weitere Töchter, Peters Halbschwestern mitbrachte. Ein halbes Jahr nach
Peters Geburt brach bei seiner Mutter eine Schizophrenie aus, bei der u.a.
Halluzinationen auftraten („Die Kaffeemaschine spricht mit mir!“) und
die mittlerweile chronifiziert ist. Seit dem ist sie in regelmäßiger
psychiatrischer Behandlung, ambulant und stationär, und entsprechend
medikamentös eingestellt. Die Ergebnisse der testpsychologischen
Untersuchung zeigten für Peter bei einer durchschnittlichen Intelligenz
vor allem eine erhebliche Verunsicherung über sich selbst als
pubertierenden Jugendlichen, über seine Perspektive als werdender Mann,
über seine Rolle als Stütze der Mutter und über seine nicht erlaubte
Abnabelung von Zuhause. In Gesprächen wird deutlich, dass Peter von
seiner kranken Mutter nicht die geistige und emotionale Nahrung bekommen
hat, die er für eine gesunde Entwicklung gebraucht hätte. Darüber
hinaus befindet er sich in einer moralischen Zwickmühle, da er einerseits
seine Mutter unterstützen, andererseits sich aber von ihr abwenden will,
um seinen eigenen Weg zu gehen. So versucht er selbst für seine
Versorgung zu sorgen und schießt dabei qualitativ und quantitativ übers
Ziel hinaus. In seinem Einnässen/Einkoten fällt er auf eine frühkindliche
Entwicklungsstufe zurück, als Ausdruck einer gestörten Beziehung
zwischen Mutter und Sohn, und er findet damit gleichermaßen ein
Alarmsignal, durch das die Umwelt schließlich auf seine Not aufmerksam
wird. Peter wurde für eine begrenzte Zeit im Rahmen eines stationären
Klinikaufenthaltes aus der Familie genommen, um ihm so einen Schutzraum zu
bieten, um abzunehmen und zu sich selbst zu finden. Des Weiteren wurde für
die Familie eine sozialpädagogische Familienhilfe beantragt.

3. Zahlen zur Verbreitung und beeinflussende Faktoren
Nach Angaben von Mitarbeitern des Kinderprojektes AURYN, ein
familien-psychiatrisches Angebot in Frankfurt/Main, das Kinder psychisch
kranker Eltern im Alter von 1-18 Jahren und ihre Eltern durch konkrete
Hilfen unterstützt, ist bei einer Stadt wie Frankfurt und einer
einprozentigen Verbreitung für schizophrene Erkrankungen mit rund 7.000
erkrankten erwachsenen Menschen zu rechnen. Und ca. 1.800 bis 2.500
Kindern tragen ein erhöhtes Risiko, selbst eine schwere
psychische Erkrankung zu entwickeln. Rechnet man noch die Kinder
depressiv erkrankter Eltern hinzu, ist für Frankfurt/Main mit ca. 4.000
Kindern psychotischer Eltern zu rechnen. Hochgerechnet auf die gesamte BRD
ergeben diese Schätzungen ca. 200.000 - 300.000 Kinder schizophren
erkrankter Eltern, ca. 300.000 Kinder depressiver Eltern und ca. 1.000.000
Kinder alkoholkranker Eltern. Faktoren, die das Ausmaß und den Zeitpunkt
einer Entwicklungsstörung bei den Kindern beeinflussen, sind:

4. Entwicklungsauffälligkeiten der Kinder
4.1.
Kinder schizophren erkrankter Eltern zeigen folgende Auffälligkeiten
a) im geistigen Bereich:
Störungen
der Aufmerksamkeit und der Informationsverarbeitung, evtl. Störungen des
Denkens und Wortverständnisses, geringere Abstraktionsfähigkeit, als
Folge auch Störungen der sprachlichen Ausdrucksfähigkeit und der
Kommunikationsfähigkeit (Einbeziehung in elterliche Wahnsysteme!). Die
Folgen sind Beeinträchtigungen der schulischen und beruflichen
Leistungen. Als Wirkmechanismen werden Reifungsverzögerungen des
Nervensystems sowie Verzögerungen der motorischen Entwicklung angenommen,
da die beeinträchtigten Eltern nicht als Modell für körperliche
Bewegungen dienen können.
b) im emotionalen Bereich:
Sie
sind häufiger emotional instabil, d.h. stressüberempfindlich, leicht
erregbar, ängstlich, unglücklich, stimmungsabhängig, zeigen eine
geringe Frustrationstoleranz, vermeidendes bzw. amibivalentes Bindungsverhalten
und vielfach Schuldgefühle.
c)
im Bereich des Sozialverhaltens und der Beziehung zu Gleichaltrigen:
Sie
weisen zahlreiche soziale Schwächen auf, sind aggressiver und sozial
isolierter.

4.2.
Kinder endogen-depressiver Eltern zeigen folgende Auffälligkeiten
a)
im allgemeinen Bereich:
30
– 45 % zeigen allgemeine Auffälligkeiten: Depressionen,
Selbstmordabsichten, Aufmerksamkeitsstörungen, Hyperaktivität,
Trennungsangst, emotionale Störungen, schulische Lern- und Leistungsstörungen
bis Schulverweigerung, Verhaltensauffälligkeiten und Entwicklungsverzögerungen.
Als Wirkmechanismus wird die Schwierigkeit der depressiv erkrankten Mütter,
eine durchgehend stabile Kommunikation mit ihren Kindern zu pflegen sowie
auf die Bedürfnisse der Kinder zu reagieren, angenommen.
b)
in Abhängigkeit von
Lebensalter:
Säuglings- und
Kleinkindalter:
Hier
fallen Kinder mit Problemen auf, ihren emotionalen Ausdruck zu
regulieren, aggressive Impulse zu kontrollieren und mit anderen zu
kooperieren und zu teilen. Durch weniger Sprachvorbild und -anregung
treten gehemmte Sprachentwicklung, Rückstände in der geistigen
Entwicklung und geringere soziale Verhaltensmöglichkeiten auf. Als
Wirkmechanismus wird die verminderte Empfindlichkeit der Mutter für die
Signale des Kindes angenommen.
Schulalter:
Hier
liegen Leistungsschwächen, Aufmerksamkeitsdefizite mit und ohne Hyperaktivität
und wenig Selbstwert vor. Auch Aggressivität, störende, anstrengende
oder zurückgezogene Verhaltensweisen, starke Gefühlsschwankungen und
Einnässen als Ausdruck emotionaler Auffälligkeiten.
Jugendzeit:
Die
zu bewältigenden Aufgaben (Sexualität und Partnersuche, Vorbereitung auf
den Beruf und angestrebte Unabhängigkeit von der Familie) stellen oft
eine Überforderung dar, da die Jugendlichen in ihren emotional beeinträchtigten
Eltern wenig Vorbild vorfinden.

4.3.
Kinder alkoholkranker Eltern
Familien von Alkoholabhängigen schotten
sich häufig nach außen ab, um negative Auswirkungen des Trinkens zu
vermeiden oder zu verbergen (Verheimlichung). Es kommt des weiteren zu Veränderungen
der Rollenaufteilung und Übernahme der Verantwortlichkeiten des Abhängigen,
um ihn zu entlasten und gleichzeitig die Familie vor den Folgen seiner
Unzuverlässigkeit zu schützen. Das Entgegenkommen und die
Konfliktvermeidung gegenüber dem Abhängigen geschieht in der Hoffnung,
dadurch seinen Alkoholkonsum, aber auch seine durch den Alkohol
gesteigerte Gewalttätigkeit zu senken. Die Angehörigen (v.a. Kinder)
leiden unter Unzuverlässigkeit, Vernachlässigung, emotionalen Ausbrüchen,
Aggression und Gewalttätigkeit, sexuellen Übergriffen und Missbrauch,
vermehrten Konflikten, finanziellen Schwierigkeiten bis sozialem
Abstieg, drohender oder tatsächlicher Arbeitslosigkeit, Notsituationen
durch Alkoholvergiftungen und der Angst vor Rückfällen oder
Verschlimmerungen der o.g. Symptome. In der familien-therapeutischen
Literatur (Wegscheider, 1988) werden Hinweise auf die Ausbildung von
bestimmten Rollen von Kindern aus Alkoholikerfamilien beschrieben, so z.B.
der „Clown“, der mit „Herumkaspern“ (Hyperaktivität) die
Aufmerksamkeit auf sich ziehen und der Familie Spaß bereiten will, oder
das „stille Kind“, das z. B. mittels Schüchternheit und Einzelgängertum
versucht, die Familie nicht noch mehr zu belasten und ihr eine
Erleichterung zu verschaffen. Zusammengefasst finden wir also eine ganze
Reihe von Symptomen, die die Lebensqualität der Kinder bzw. Jugendlichen
erheblich beeinflussen.
5. Abschließende Bemerkungen
Anliegen dieses Artikels ist, eine
Sensibilität für die Umwelten zu wecken, in denen Kinder sich entwickeln
und um die Wirkungen dieser Umwelten zu wissen. Es geht nicht darum, Mütter
oder Väter schuldig zu sprechen. Die Symptome des Kindes dürfen nicht
isoliert von der Familie betrachtet werden. So antwortete der als
„hyperaktiv“ diagnostizierte und mit Ritalin medikamentös
eingestellte 10-jährige Sohn einer depressiv gestimmten jungen Mutter auf
die Frage, warum er eigentlich immer so herumkaspere, „damit sie wieder
was zu lachen hat!“
Vertiefende und weiterführende Literatur:
Dachverband
Psychosozialer Hilfsvereinigungen e.V., Thomas-Mann Str. 49a, 53111 Bonn,
Broschüren und Videos für Kinder
& Jugendliche.
Mattejat
F & Lisofsky B (2001). ...nicht
von schlechten Eltern
– Kinder psychisch Kranker.
Psychiatrie-Verlag.
Remschmidt
H & Mattejat F (1994). Kinder
psychotischer Eltern. Hogrefe.
Wegscheider
S (1988). Es gibt doch eine Chance: Hoffnung und Heilung für die
Alkoholikerfamilie. Bögner-Kaufmann-Verlag. Derzeit vergriffen.
Zobel
M (1999). Kinder
aus alkoholbelasteten Familien. Hogrefe.
Der Autor
Bernhard
Broekman, Dipl.-Psychologe, Klinischer Psychologe BDP, von 1997 bis 2001
im sozialpädiatrischen Zentrum der Kinderklinik Wiesbaden angestellt,
mittlerweile als selbstständiger Psychotherapeut, Fortbildungsleiter und
Supervisor in Wiesbaden tätig.