So banal es klingen mag: Konflikte gehören zum Leben. Sie sind das Salz
in der Suppe unserer Art, miteinander zu kommunizieren, ob wir nun mit
Freunden, Kollegen, Verwandten oder dem Partner reden. Zuviel davon und
sie belasten manchmal sehr nachhaltig unseren Alltag. Zu wenig bedeuten
Leere und Stillstand. Die Ursachen für ihre Entstehung können genauso
verschieden sein, wie die Möglichkeiten zu ihrer Lösung. Eines eint
jedoch alle Konflikte: Sie beginnen sich aufzulösen, wenn Sie eine
Entscheidung treffen. Doch das ist leichter gesagt, als getan. Denn nicht
jeden Konflikt kann man sofort, klar und eindeutig benennen. Und nach
einer getroffenen Entscheidung verschwindet kein Konflikt, sondern
verlangt möglicherweise Folgeentscheidungen. Viele Menschen verharren
unbewusst in belastenden Konfliktsituationen und sorgen unter Umständen
ungewollt dafür, dass andere das Problem für sie lösen, mit dessen
Ergebnis sie sich dann zwangsläufig arrangieren müssen. Sie reagieren,
statt zu agieren. Konflikte haben neben der positiven Eigenschaft, dass
sie Veränderungen auslösen, auch die unangenehme Eigenart, dass sie
lange vor sich hin glimmen können. Eventuell kündigen sie sich
zwischendurch über körperliches Unbehagen an, in dem Sie sich spürbar
den Kopf zerbrechen, Ihnen etwas auf den Magen schlägt, es Ihnen die
Sprache verschlägt oder Schulter- bzw. Rückenschmerzen stärker werden.
Erwähnt sei am Rande das immer häufiger anzutreffende Phänomen des
Mobbing als Folge ungeklärter Arbeitskonflikte, an dem immer mehr
Menschen physisch und psychisch schwer tragen.
Ein Blick auf den Konflikt als solchen
Was ist eigentlich ein Konflikt? In der Psychologie wird allgemein davon
ausgegangen, dass man von einem Konflikt spricht, wenn mindestens zwei
verschiedene Verhaltenstendenzen gleichzeitig in uns bestehen bzw. ausgelöst
werden. Je komplexer uns ein solcher Konflikt erscheint und je
weitreichender die persönlichen Konsequenzen bei einer notwendigen
Entscheidung für oder gegen bestimmte wahrgenommene Verhaltenstendenzen
sind, um so schwerer fällt es uns, gelassen zwischen der Vielzahl möglicher
Alternativen zu wählen und die einzelnen Lösungsschritte zu durchdenken.
Aus verschiedenen Gründen kann gerade dieses Wählen mehr oder weniger
schwierig werden und zu Zögern und immer wiederkehrenden Schwankungen
zwischen den unterschiedlichen Alternativen führen. Dann wird es
belastend, weil wir uns oft in folgendem Dilemma befinden: Wir sollen oder
müssen uns entscheiden, ohne die Alternativen noch nicht oder nicht genau
zu kennen. Wir wissen nicht präzise, was bei einer Entscheidung auf dem
Spiel stehen könnte und wie wahrscheinlich erhoffte Ereignisse eintreten
oder welche Folgen eine Wahl für uns selbst und für andere hat. Häufig
ist uns auch nicht klar – obwohl die äußeren Rahmenbedingungen
eindeutig erscheinen – was wir persönlich eigentlich wollen und ob bzw.
wie lange wir eine Entscheidung verschieben können/wollen/müssen. Selbst
nach einem gefassten Entschluss ist die Unsicherheit bisweilen nicht
beseitigt und ein Prozess der Umbewertung der Alternativen beginnt.
Lohnt es sich auch wirklich, einen anstehenden Konflikt zu lösen? Die
Varianten des Umgangs mit problematischen Situationen sind so vielfältig
wie die individuellen Strategien, auf die wir dann erfahrungsgemäß zurückgreifen.
Sie reichen von Vermeidung bis zur Konfrontation.
Vom heimlichen Sprengstoff der Rollenkonflikte
Ein erster hilfreicher Schritt auf den Weg zu einer passenden Entscheidung
für eine Konfliktlösung kann folgende Unterscheidung sein: Handelt es
sich bei der von Ihnen wahrgenommenen Problematik ausschließlich um ein
ganz persönliches Problem, das nur Sie allein durch eine Entscheidung verändern
wollen bzw. müssen? Oder
sind Sie Teil eines Konflikts, zu dem mindestens ein anderer Mensch gehört
– ob nun Partner, Kind oder Kollege?
Ein Beispiel: Viele hadern mit ihrem Gewicht: das äußere Bild und das
Wohlfühlgewicht stimmen nicht mehr mit dem gewünschten Bild von sich
selbst überein oder medizinische Gründe zwingen zu einer Gewichtsab-
bzw. -zunahme. Die Entscheidung, an dieser Situation etwas zu verändern,
kann jeder nur für sich treffen. Vielleicht hilft es Ihnen, wenn Sie sich
dabei Unterstützung suchen, um Ihre Entscheidung langfristig und
erfolgreich umzusetzen. Doch die Entscheidung und die konkreten Schritte
zu Ihrem beabsichtigten Ergebnis müssen Sie allein treffen.
Diese intrapersonellen –
nur Sie persönlich betreffenden –
Konflikte entstehen u.a. auch dann, wenn Sie mit einer Rolle, die Sie im
Laufe Ihres Lebens erlernt haben, nicht mehr zufrieden sind. Im Rahmen
Ihrer sozialen Beziehungen und/oder in Ihrer Familie füllen Sie
beispielsweise die Rollen des Lebensgefährten/ Ehepartners, des Vaters
oder der Mutter, Mann oder Frau, auch Tochter/Sohn aus. Freunden verhalten
Sie sich anders gegenüber als z.B. Ihren Arbeitskollegen. In Ihrem
Arbeitsumfeld erfüllen Sie eine Vielzahl von Aufgaben, zu denen immer
entsprechend andere Rollen bzw. Rollenanteile gehören. Sie schlüpfen
automatisch in die Rolle des Arbeitskollegen, um sich mit direkten oder
indirekten Anforderungen in diesem Rahmen auseinander zusetzen. Sie werden
zum Teammitglied, Vorgesetzten, Beobachter, Kummerkasten, Organisator,
Auftragnehmer… Wir sind durchaus in der Lage, mehrere Rollen
gleichzeitig zu besetzen. All das gelingt auf Grund der Vielzahl von
Verhaltensmöglichkeiten, die wir im Laufe unseres Lebens erwerben. Ihre
ganz individuelle Entwicklung verändert jedoch Ihre Ansprüche. Neue
private oder berufliche Erfahrungen verdrängen bzw. ersetzen gewohnte
Handlungen und Gedanken, auf deren Hintergrund in uns neue
Verhaltenstendenzen ausgelöst werden können.
Aber auch das Konfliktpotential ist groß, wenn sich Rollen zwischen zwei
oder mehreren Personen nicht mehr ergänzen und Sie damit zum Teil eines
Konflikts werden, weil sich die gemeinsamen Interessen, Aufgaben und Ziele
aus oben genannten Gründen verändert haben. Viele Mütter und Väter
ordnen beispielsweise jahrelang ihre ganz persönlichen Wünsche und
Interessen dem Familienleben unter. Sie ergänzen sich in ihren Rollen,
den dazugehörigen Aufgaben und Erwartungen, die zum Elternsein gehören.
Mit dem Heranwachsen der Kinder verändern sich diese individuellen und
gemeinsamen Anforderungen. Deshalb führen verschiedene
Entwicklungsabschnitte notwendigerweise zu Konflikten, um einen Prozess
des Neuaushandelns dieser Erwartungen in Gang zu setzen – oft ein sehr
normaler und alltäglicher Vorgang, bei dem wir die positiven Aspekte von
Konflikten nutzen. Der klassische Generationenkonflikt ist ein
unabdingbares Phänomen des Erwachsenwerdens. Kinder und Jugendliche
entdecken Ihre eigene Welt und stehen im Spannungsbogen zwischen eigenem
Lernen und Erfahren und dem elterlichen Bedürfnis, ihre Kinder durch
Verhaltensregeln schützen zu wollen. Dieser Konflikt ist ewig.
Mögliche Schritte zur passenden Lösung
Oftmals sorgt allerdings die eingeschränkte Vorhersagbarkeit –
ob sich eine Entscheidung später als sinnvoll erweist –
dafür, dass uns notwendige Entschlüsse schwerer fallen. Das
weitreichende Spektrum an unberechenbaren Faktoren, die zu einer Veränderung
gehören, verlangt ein gründliches Abwägen. Einen Moment innezuhalten
und sich bei einer privaten oder beruflichen Konfliktsituation zu fragen,
welche Rolle gerade die Oberhand gewonnen hat, kann hilfreich sein.
Haben Sie sich schon einmal vor Augen geführt, welche indirekten
Erwartungen man an Sie richtet, wenn Sie um etwas gebeten werden? Fragen
Sie danach, wenn Unklarheiten auftreten. Welche Rolle aus Ihrem persönlichen,
ganz privaten Leben wird im Berufsalltag von Ihnen ungewollt mit
angesprochen? Was erwarten Sie von sich selbst in der jeweiligen
Situation? Wissen Sie, mit welcher Rolle Sie sich schwer tun oder in
welche Sie gar ungewollt immer wieder hineinrutschen? Erfahrungsgemäß
blicken wir in emotional geladenen Situationen nur einseitig auf uns nahe
liegende, bekannte und vertraute Aspekte und sehen die eventuellen
Nachteile an erster Stelle, statt den Mut zu haben, gedanklich mit möglichen
Vorteilen zu spielen. Prüfen Sie für sich ganz allein: Lohnt es sich für
Sie, den Konflikt zu lösen?
Perspektivenwechsel
An für Sie ungewohnten Orten über Probleme zu sprechen, verändert
automatisch den Blick auf die Dinge. Den gleichen Konflikt werden Sie in
verschiedenen äußeren Rahmenbedingungen anders wiedergeben. Auch Ihre Körperhaltung
– ob Sie sich nun sitzend, liegend oder stehend mit etwas
auseinandersetzen – beeinflusst Ihre Gedanken. Gehen ist übrigens die
einfachste Form der Meditation. Beim Spazieren gehen kann auch keiner in
Ihren Kopf hineinschauen, wenn Sie fluchen und Ihnen die vermeintlich
schlimmsten Sachen durch Ihren Kopf marschieren, damit auch Ihr Ärger,
Ihre Wut oder Hilflosigkeit notwendigen Raum bekommen. Am Fuße eines
Problemberges zu stehen, vermittelt außerdem stets eine andere Dimension,
als wenn Sie ihn aus der Entfernung heraus mit ein wenig Abstand
betrachten.
Kommunikation
Das Gespräch mit Menschen, denen Sie sich anvertrauen und von denen Sie
sich Rat, Information oder Entlastung erhoffen, unterstützt Sie dabei,
andere Aspekte beim Beschreiben Ihrer Situation zu benennen. Denken findet
immer über Sprache statt. Wenn wir gezwungen sind, ein ungutes Bauchgefühl
klar formuliert in Worte zu fassen, bis es unser Gesprächspartner
verstanden hat, erhalten wir mehr Klarheit über mögliche Alternativen
bei einer anstehenden Entscheidung. Zwar haben Ratschläge u.a. auch die
unangenehme Eigenschaft, dass sie erschlagen können. Doch sich einen
Ratschlag einzuholen und anschließend zu überlegen, welches Detail davon
zu Ihrem Ziel passen könnte, kann ein lohnender Versuch sein. Entlastung
und Verständnis benötigen Sie bei der Bewältigung von Konflikten oder
Krisen genauso wie den kontinuierlichen Austausch beim möglichen Danach,
dem Umsetzen nach einer getroffenen Entscheidung. Denn möglicherweise
ziehen sie langfristige Veränderungen nach sich, die nicht von heute auf
morgen geschehen. Beobachten Sie sich einmal selbst beim Reden. Manchmal
scheint das Ohr, mit dem wir den sachlichen Inhalt einer Information
aufnehmen müssten, regelrecht taub. Wir hören nur die Anklage, den
Angriff auf unsere Person. Die Antwort kann sich dann sehr schnell auf das
vermeintlich Gehörte, statt eigentlich Gesagte beziehen. Übrigens: Ist
der erste Schritt nach einer Entscheidung zu groß, dann könnten Sie
leicht ins Wackeln geraden und Ihre Standfestigkeit verlieren. Deshalb wählen
Sie besser die kleineren Schritte – einen Fuß vor den anderen.
Vertiefende
und weiterführende Literatur:
Schulz
von Thun F (1989-1998) Miteinander reden (3 Bde.). Rowohlt Tb
Thomann
C, Schulz von Thun F (2003) Klärungshilfe. Rowohlt Tb