Die Diagnose „Krebs“ bedeutet für jeden
Betroffenen einen Schock. Selbst wenn man das Ergebnis der Diagnostik
schon ahnt, kommt für die meisten die letzte Bestätigung wie ein
gewaltiger Schlag. Dieser ist mit dem Erleben von Katastrophen
vergleichbar: große Unfälle, Kriegshandlungen, Naturkatastrophen
hinterlassen ähnliche seelische Narben, wenn man diese hautnah miterleben
muss. Was geht einem in diesen Minuten durch den Kopf? Pläne und Träume,
die sich wahrscheinlich nicht mehr verwirklichen lassen, Angst vor
bevorstehenden Schmerzen, Sorge um Angehörige, den Partner oder die
eigenen Kinder, die man eventuell viel zu früh verlassen muss? Oder sind
es Leere, Müdigkeit und emotionale Stumpfheit, was die Seele auf einmal fühlt.
Auch dies ist nur ein Zeichen dafür, wie massiv und belastend diese neue
Bedrohung ist. Ein Teil unserer Seele merkt, dass wir den Schmerz und die
Angst in diesem Ausmaß nicht aushalten können und schaltet die Emotionen
weg, schiebt diese zur Seite, um einen möglichen Zusammenbruch zu
verhindern. Diesen kann man sich nicht leisten, denn der Kampf beginnt ja
erst. Man muss jetzt Entscheidungen treffen, sich über Therapien
informieren, sich mit ärztlichen Vorschlägen auseinandersetzen. Plötzlich
steht man am Anfang eines neuen Lebensabschnittes.
Warum gerade ich? Diese Frage geht vielen in einer solchen Situation durch
den Kopf. Hat man etwas falsch gemacht? Gibt es Faktoren, welche die
Krankheit verursachten? Und wenn man diese wüsste, könnte man vielleicht
den Verlauf günstig beeinflussen? Um die körperliche Seite kümmern sich
nun die Ärzte. Und die Psyche? Liegen vielleicht da die Wurzeln der
Erkrankung? Schon in der Antike machte man das emotionale Erleben für das
Entstehen von Krebserkrankungen verantwortlich. Im 20. Jahrhundert
entstand sogar eine Theorie, dass es eine „Krebspersönlichkeit“ geben
muss. Menschen, die für Krebserkrankungen anfällig seien, zeichneten
sich durch ihre freundliche, zurückgezogene Art aus. Sie hätten
Schwierigkeiten, ihren Emotionen freien Lauf zu lassen und einzufordern,
was ihnen zusteht. Diese Theorie ließ sich jedoch nicht nachweisen. Die
Ergebnisse von verschiedenen Studien zu diesem Thema sind sehr
unterschiedlich, die einen sprechen dafür, die anderen dagegen. Kein
Wunder – die Durchführung solcher Untersuchungen ist sehr schwierig,
weil man die psychischen Eigenschaften von vielen gesunden Menschen
erheben müsste und dann abwarten, ob einige von ihnen später Krebs
bekommen. Und dann bliebe immer noch unberücksichtigt, dass sich die
Menschen zwischenzeitlich verändert haben. Etwas besser gesichert sind
die Erkenntnisse aus der Tierforschung. So wissen wir, dass Dauerstress
bei Ratten die Aktivität von Killerlymphozyten hemmt. Das sind genau
diejenigen Blutkörperchen, die für das Erkennen und Vernichten von
Krebszellen verantwortlich sind. Folglich wachsen die Tumore bei Ratten,
die ständig unter Stress stehen, schneller. Können wir diese
Erkenntnisse auf den Menschen übertragen? Es gibt einiges, was dafür
spricht. Auch beim Menschen hängen emotionale Schwankungen eng mit
Aktivitäten des Immunsystems zusammen. Auch beim Menschen sinkt die
Lebenserwartung, wenn der an Krebs erkrankte Mensch depressiv wird.
Nur
was heißt es, in einer solchen Situation depressiv zu werden? Ist es
nicht natürlich, traurig und verzweifelt zu sein, wenn man mit einer
solch schwerwiegenden Diagnose konfrontiert wird? Ja und nein. Die Fähigkeit,
Katastrophen dieser Art zu verkraften, ist bei den Menschen sehr
unterschiedlich. Die einen reagieren zwar mit Angst, Verzweiflung und
Traurigkeit, sind aber trotzdem in der Lage, ihr Leben selbst zu
gestalten. Das soziale Netz wird aufrecht erhalten. Man bleibt in der
Lage, über die eigenen Probleme und Ängste zu sprechen. Die anderen
hingegen sind wie gelähmt: man geht kaum noch aus dem Haus, meidet
Kontakte, weil man sich so schrecklich vorkommt oder das Zusammensein mit
anderen Menschen kaum noch auszuhalten ist. Der Schlaf-Wach-Rhythmus
bricht zusammen, auch der gewohnte Essens-Rhythmus funktioniert nicht
mehr. Überlebenswichtige Behandlungen werden aus Wut oder Unschlüssigkeit
abgelehnt. Der Kampf scheint von Anfang an verloren zu sein.
Professionelle Hilfe durch einen Psychotherapeuten? Diese könnte einen
Ausweg bedeuten und trotzdem wird sie viel zu selten in Anspruch genommen.
Der Betroffene ist in seiner Sprachlosigkeit gefangen, die ihm
Nahestehenden sind häufig durch ihre eigene Situation überfordert. Auch
sie sind durch Verlustängste und Unsicherheit gequält. Spannungen und
Konflikte, die über Jahre die Beziehung unbemerkt mitgeprägt haben,
kommen nun mit ungeahnter Kraft an die Oberfläche.
Für
den Betroffenen bedeutet dies viel zu oft eine Sackgasse. Viele spüren
intuitiv, dass sie emotionale Unterstützung im Kampf gegen die Krankheit
dringend brauchen und trauen sich nicht, diese in Anspruch zu nehmen.
Einige, weil sie in ihrer Wut und Verzweiflung jegliche Hilfe von außen
ablehnen. Andere haben die Befürchtung, der Therapeut würde ihre
seelische Not als eine Krankheit missverstehen. Wiederum andere kommen
einfach nicht auf die Idee, auf diese Art und Weise Hilfe zu suchen.
Stattdessen greift man häufig auf alltagspsychologische Theorien wie das
„positive Denken“ oder auf fertige Entspannungsprogramme auf CDs und
Kassetten zurück. Beides ist in den Zeiten der akuten Belastung nicht
ganz ungefährlich. Werden die pauschalen Versprechungen der
Alltagspsychologen nicht erfüllt, bricht für den Betroffenen häufig die
Welt aufs Neue zusammen. Das Vertrauen in sich selbst und in die anderen
ist enttäuscht, man steht einer neuen Welle der Verzweiflung hilflos
gegenüber. Andersartig ist die Gefahr bei den Entspannungstechniken und
Phantasiereisen. Beides sind Instrumente, die auch im Rahmen von
Psychotherapie häufig angewendet werden, etwa um den Schmerz und die
Angst unter Kontrolle zu bringen, aber auch um neue Einblicke in das
verborgene Leben unserer Seele zu gewinnen. Innere Bilder, die während
der Übungen ins Bewusstsein dringen, erzählen eine Menge über unsere
versteckten Ängste und Wünsche. Nur können diese überwiegend harmlosen
„Ausflüge“ in den Zeiten der extremen Belastung zu einem Horrortrip
werden. Es besteht die Gefahr, dass das mit viel Mühe hergestellte
seelische Gleichgewicht zusammenbricht und dadurch belastende Bilder und
Gedanken das Bewusstsein überfüllen, wie eine Flut, die schwer wieder zu
stoppen ist. Unruhe, Anspannung und Schlaflosigkeit könnten die Folgen
sein. Deswegen ist es sicherer, entsprechende Techniken mit Unterstützung
eines Therapeuten zu lernen. Es gibt eine Fülle weiterer Strategien, die
es dem Betroffenen ermöglicht, mehr Kontrolle über die eigene Situation
auszuüben: endlose Gedankenschleifen zu unterbrechen, belastenden
Gedanken auf eigenen Wunsch einen Riegel vorzuschieben, besser
einzuschlafen, selbstbewusst Hilfe und Informationen einzuholen, auch wenn
die Situation beängstigend oder irritierend ist. Insbesondere Verhaltenstherapeuten
spezialisieren sich auf die Vermittlung von solchen Fertigkeiten. Etwas
anders arbeiten die tiefenpsychologisch und psychoanalytisch
orientierten Psychotherapeuten. Das verletzte Ich steht hier im
Vordergrund der Therapie. Wie gehe ich mit meiner Krankheit um? Was
belastet mich am meisten? Was kann ich dem entgegenstellen? Diese und ähnliche
Fragen werden aufgegriffen und bearbeitet. Der Therapeut versteht sich als
ein Begleiter auf dem Weg der Krankheitsverarbeitung. Manchmal werden
dadurch alte Konflikte und Traumata wieder wach. Es macht aber in einer
solchen Situation keinen Sinn, das gesamte Leben aufarbeiten zu wollen.
Hilfen und Stabilisierungen in der Gegenwart mit ihren Problemen und
Belastungen stehen im Vordergrund. Auch Kunsttherapie kann bei der
Auseinandersetzung mit der Krankheit gute Dienste leisten. Diese arbeitet
überwiegend mit Bildern und Formen – eine Sprache, die für unser
Unbewusstes besonders nah und verständlich ist. Vor allem wenn man keine
Worte für das Geschehen findet, wenn einem Tränen sofort die Kehle
verschnüren, oder wenn man das Gefühl hat, man hätte gar nichts
mitzuteilen. Gerade in solchen Fällen ist die Sprache der Bilder oft eine
gute Möglichkeit, die inneren Blockaden zu überwinden. In diesem Fall können
auch die vom Therapeuten angeleiteten Phantasiereisen ein hilfreiches
Mittel sein.
Die
Menschen, die von einem Therapeuten durch die Krankheit begleitet werden,
schätzen ihre Lebensqualität bis in die hohen Krankheitsstadien als
besser ein im Vergleich zu denjenigen, die diesen Kampf allein austragen.
Wir wissen leider noch wenig darüber, inwieweit derartige Unterstützung
das Leben einzelnen Patienten auch verlängern kann. Aber die vorhandenen
Forschungsergebnisse sprechen dafür, dass auch dies möglich ist.
Vertiefende
und weiterführende Literatur:
Benjamin
HJ (2002) Chancen gegen Krebs. Herder
LeSchan
L (2001) Psychotherapie gegen Krebs. Klett-Cotta
Sellschopp
A et al. (2002) Psychoonkologie. Zuckschwerdt
Siegel
BS (2003) Prognose Hoffnung. Ullstein.
Tschuschke
V (2002) Psychoonkologie. Schattauer