Die meisten Menschen beschäftigen sich irgendwann in ihrem Leben mit der
existenziellen Frage nach dem Sinn des Lebens. Dabei ist es wie mit der
Gesundheit: Erst wenn sie fehlt, bemerken wir, wie wichtig sie für uns
ist. Solange die eigene Lebensführung nicht fragwürdig erscheint oder aus
dem Gleichgewicht gerät, sind klassisch-philosophische Fragen häufig kein
Thema, doch kritische Ereignisse oder ein neuer Lebensabschnitt können das
Blatt wenden. Wenn wir von den großen Fragen des Lebens sprechen, die die
Menschheit seit Anbeginn beschäftigt haben, ist etwa folgende
Zusammenstellung gemeint: Wo kommen wir her? Wo gehen wir hin? Wie sollen
wir leben? Möglicherweise auch: Warum gibt es das Böse in der Welt - und
wie kann es überwunden werden?
Auch wenn Menschen therapeutische Hilfe suchen, spielen diese Themen mehr
oder weniger bewusst eine Rolle. Eine Herausforderung mag darin bestehen,
dies zu erkennen. Daneben stellt sich jedoch die Frage nach der Bewältigung.
In diesem Kontext kann es hilfreich sein, zu wissen, wie andere mit der
Thematik umgegangen sind bzw. welche Umgangsweisen überhaupt denkbar sind.
Wenden wir uns vorerst den eher problematischen Ansätzen zu.
Zunächst besteht die Möglichkeit, die Frage nicht weiter zu beachten bzw.
sie zu verdrängen („So ist das Leben eben.“ „Mit solchen Dingen kann man
sich doch nicht täglich beschäftigen.“). Diese Strategie mag über weite
Strecken wirksam und für bestimmte Lebensphasen sogar eine gute Wahl sein.
Eine Lösung des Problems steht allerdings aus. Die unbewältigte Aufgabe
schwelt möglicherweise im Individuum weiter. Kompliziert wird es, wenn ein
Bedürfnis nach Sinn erkennbar besteht, diesem jedoch nicht nachgegangen
wird. Das Leben kann dann zu einer Kette aus Pflichterfüllung und
Sachzwängen werden. Nicht selten ist dies der Ausgangspunkt zahlreicher
Methoden des Ausweichens etwa mittels Alkohol, Drogen oder Medikamenten.
Exzessive Beschäftigungen - aktuell schauen die Deutschen z.B. pro Tag
durchschnittlich 3,5 Stunden fern - tragen mit dazu bei, grundsätzliche
Fragen zu verdecken.
Eine positivere Art der Vermeidung wäre dagegen die Haltung, dass das Leben
an sich keinen Sinn hat. Bei dieser Anschauung wird die Frage ohne positive
oder negative Wertung einfach ausgeklammert. Zugespitzt heißt das: Es lohnt
sich nicht, diese Fragen zu stellen, da keine Aussicht darauf besteht, je
eine Antwort zu finden. Es gibt aber auch die Antwort, dass der Sinn des
Lebens das Leben selbst ist. Ähnlich karg ist die biologische Sichtweise,
bei der sich die Antwort darauf reduziert, dass der Lebenssinn des Menschen
in der Erhaltung der Art liegt. Die jeweils hinter diesen Haltungen
stehenden Argumente mögen durchaus überzeugen und doch bleibt das Gefühl,
mit der Erkenntnis nicht wirklich weiter gekommen zu sein.
Und schließlich kann ein akuter Mangel an Lebenssinn im Extrem auch mit
ernsthaften Erkrankungen einhergehen, z.B. einer schweren Depression. In
diesem Fall finden sich jedoch noch weitere Veränderungen im Bereich des
Verhaltens, der Gefühle, der Motivation und des körperlichen Empfindens. In
schwächerer Ausprägung kann sich – möglicherweise dauerhaft – eine
existenzielle Müdigkeit, ein Überdruss, ein Gefühl der Sinnlosigkeit und
inneren Leere einstellen. Dass es keine verbindlichen, allgemein gültigen
Antworten zu diesem Thema gibt, kann zusätzlich als verunsichernd,
unbefriedigend oder belastend empfunden werden.
Die Auseinandersetzung mit dem eigenen Lebenssinn kann aber auch zu einer
oder mehreren positiven Antworten führen. Dies ist insbesondere dann der
Fall, wenn Menschen Ziele verfolgen. Wer z.B. eine Prüfung bestehen will
oder einen Familienzuwachs plant, dem stellt sich die Frage nach dem Sinn
des Lebens in der Regel nicht. Auch im Augenblick tritt diese Fragestellung
in den Hintergrund. Wer ohne ein Ziel anzustreben dazu in der Lage ist, den
Augenblick zu genießen, kann in der Beschaulichkeit und Besinnlichkeit des
Moments eine Bedeutung finden. Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass sich
Ansichten über den Sinn des Lebens von Mensch zu Mensch unterscheiden und
auch im Laufe eines Lebens ändern können. Jede/r kann selbst entscheiden,
wie er/sie mit der Frage umgehen möchte. 
Schauen wir uns mögliche Ziele etwas genauer an: Steht die eigene Person im
Zentrum der Suche nach Lebenssinn, so können Wünsche nach Befriedigung
körperlicher (Sport, Ernährung), materieller (Besitz), familiärer
(Partnerschaft, Kinder), beruflicher (Ansehen, Macht), kreativer (Musik,
Kunst) oder geistiger (Erkenntnis, persönliche Entwicklung,
Selbstverwirklichung) Bedürfnisse im Vordergrund stehen. Sinnerfüllung kann
etwa im Verfolgen paralleler Ziele bestehen, die zwischenzeitlich erreicht
werden und in die Formulierung neuer Ziele münden.
Sinn wird aber auch in religiösen oder philosophischen Überzeugungen gesucht
und gefunden. Die meisten Glaubensrichtungen beinhalten die Sinnfrage, wobei
sich Sinn oft verbindlich und logisch aus den grundsätzlichen Annahmen der
jeweiligen Religion ergibt. Dabei können die Suche nach Erleuchtung, die
Befreiung von den Sünden oder das Streben nach Vereinigung mit Gott im
Mittelpunkt stehen. Um diesen Überzeugungen Ausdruck zu verleihen, wäre es
möglich, einer Religionsgemeinschaft beizutreten oder einem geistlichen
Vorbild zu folgen. Orientierungspunkte für die alltägliche Lebensgestaltung
sind beispielsweise der Besuch des Gottesdienstes, das Fasten oder die
Beichte. Spiritualität findet sich aber auch außerhalb von
Religionen. Hierzu gehörige
Praktiken und Rituale sind z.B. die regelmäßige Meditation, Yoga oder
vegetarische Ernährung. Esoterische Formen der Spiritualität kombinieren
Elemente aus verschiedenen Religionen und Weltanschauungen.
Rückt man die Mitmenschen stärker ins Blickfeld, kann Bedeutung aus der
Weitergabe von Wissen und Fertigkeiten oder aus alltäglich gelebter
Mitmenschlichkeit entstehen. Solches Handeln orientiert sich häufig an einem
Ideal, z.B. Barmherzigkeit, Liebe oder Gerechtigkeit. Auch politisches
Engagement zählt hierzu.
Weitere Antworten könnten – locker und ungeordnet zusammengefasst – wie
folgt lauten: Der Sinn des Lebens besteht … aus Freundschaft, Selbstprüfung,
Einsicht, der Sorge für einen anderen Menschen, im Verzicht, Bescheidenheit,
Autonomie, Selbstakzeptanz, darin, sein Bestes zu geben, sich an moralischen
Maximen zu orientieren, sich selbst nichts vorwerfen zu müssen, Hoffnung,
Humor, Loslassen, der Aufgabe von schädlichen Handlungen und Versprechungen,
Veränderung, der Beschäftigung mit dem Tod, Gemeinschaft, im ästhetischen
Genuss, in der Befriedigung von Bedürfnissen, Lustempfinden, der Nähe zur
Natur, im Schutz und Erhalt der Lebensgrundlagen usw. Bei allen diesen
Schlagworten stellt sich jeweils die Frage: Passt diese Form der Sinnfindung
zu den Neigungen und realen Möglichkeiten des Einzelnen, und wie
konkretisiert sich die Bedeutung im alltäglichen Denken und Handeln? Die
Beschäftigung mit dem Thema, soll ein Ziel erreicht werden, setzt Geduld
voraus. Es handelt sich um ein längeres Projekt, das im besten Fall in der
Lage ist, eine urmenschliche Sehnsucht zu stillen und Orientierung und
Stabilität zu geben, das aber gleichzeitig Frustration auslösen kann.
Unsere heutige Gesellschaft betont sehr stark den Stellenwert der Arbeit und
damit den Gesichtspunkt des Zwecks einer Sache. Unter den heutigen
Arbeitsbedingungen, in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit und einer geringer
werdenden Anzahl von unmittelbar sinnvoll erlebten beruflichen Tätigkeiten,
muss daran erinnert werden, dass der Mensch nicht erst aufgrund bezahlter
Arbeit ein sinnerfülltes Leben entfaltet. Die Menschen der modernen
Industrie- und Dienstleistungsnationen stehen vor der Aufgabe, lernen zu
müssen, ihren Lebenssinn bestimmter in anderen Zusammenhängen als der Arbeit
zu suchen. Neben der Selbst- und Laienhilfe können Therapeuten Unterstützung
bieten, die sich darauf spezialisiert haben, gemeinsam mit einem Patienten
danach Ausschau zu halten, was diesen geistig fordert, ethisch berührt und
dazu in der Lage ist, ihn anzusprechen und zu erfüllen.
Vertiefende
und weiterführende Literatur:
Fehige C, Meggle G, Wessels U (2000) Der Sinn des Lebens. dtv
Fromm E (2005) Haben oder Sein. dtv
Frankl VE (2006) ...trotzdem Ja zum Leben sagen. Ein Psychologe
erlebt das Konzentrationslager. dtv
Lukas E (2004) Sehnsucht nach Sinn. Logotherapeutische Antworten auf
existenzielle Fragen. Profil Verlag
Spitzer M (2007) Vom Sinn des Lebens. Schattauer
Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Sinn_des_Lebens (Seite
besucht am 19.03.2007)