Die
heilende Kraft der Musik ist seit Jahrtausenden bekannt. Musik vermag uns
in besondere Stimmungen und Schwingungen zu versetzen. Sie entspannt oder
aktiviert uns, wenn wir ihr konzentriert zuhören oder selbst musizieren.
Sie weckt in uns bewusste und unbewusste, angenehme und unangenehme
Erinnerungen. So wie Musik verschiedenartige emotionale Empfindungen
auszulösen vermag, so reagiert auch unser Körper sehr spezifisch auf
unterschiedliche Klänge und Rhythmen. Dieser Einfluss von Musik wird in
der Musiktherapie gezielt genutzt, um psychisches und physisches
Wohlbefinden wiederherzustellen, es zu erhalten oder zu fördern – sei es
durch aktives Spielen und Improvisieren (wie in der aktiven Musiktherapie)
oder durch konzentriertes Zuhören (rezeptive Musiktherapie). Im
Unterschied zu anderen Psychotherapiearten wird hier zuerst anhand von
Musik bisher Unausgesprochenes und Unaussprechliches dargestellt und erst
dann im sich anschließenden Gespräch therapeutisch bearbeitet.
Ursprung
Überliefert ist, dass schon Pythagoras vor mehr als 2.500 Jahren Lieder dazu
verwandt haben soll, um negative Gemütszustände wie Mutlosigkeit, Wut oder
unkontrollierte Leidenschaften auszugleichen. Auch Platon und Aristoteles
vertraten die Ansicht, dass sich mit Hilfe von Musik die Harmonie zwischen
Körper und Seele, zwischen Geist und Gefühl durch musikalische Elemente wie
Rhythmus und Melodie wiederherstellen lasse. Mozart und Händel schrieben mit
großem Erfolg "Heilmusik" für Menschen, die unter chronischen Kopfschmerzen
oder Melancholie litten. Vor fast 300 Jahren komponierte Bach seine
berühmten und noch heute in der Musiktherapie eingesetzten
"Goldberg-Variationen" für einen Grafen, der unter quälender Schlaflosigkeit
litt und durch wiederholtes Hören wieder zu Ruhe und Ausgeglichenheit fand.
Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts beschreiben alle historischen Quellen
die heilende Wirkung des bewussten Zuhörens und Musizierens – sei es allein
oder in einer Gruppe.
Als
eigenständiges Berufsbild entstand die Musiktherapie Mitte des letzten
Jahrhunderts. In diesem Zeitraum kam das therapeutische Gespräch mit der
Reflexion über die durch die Musik ausgelösten Gefühle hinzu. Deutschlands
Pioniere der Musiktherapie hörten damals gemeinsam mit ihren Patienten
Musik, die sie ihnen entweder auf einem Instrument oder Tonträger
vorspielten, um anschließend mit ihnen über das Gehörte und die mit der
Musik verbundenen Erlebnisse, Erinnerungen oder Gefühle zu sprechen. Damit
erhielt die Beziehung zwischen Therapeut und Klient – zusätzlich zum Medium
Musik – eine wesentliche Bedeutung. Ausgehend davon entwickelten sich im
Laufe der vergangenen Jahre verschiedene therapeutische Methoden und
Strömungen innerhalb der Musiktherapie. Umfangreiche wissenschaftliche
Untersuchungen zur Wirkung von Musik belegen, dass Klang und Rhythmus
nachweislich körperliche Funktionen wie Atmung und Herzschlagfrequenz, aber
auch das Schmerzerleben, psychische Empfindungen und die Gehirntätigkeit
insgesamt beeinflussen.
Was ist Musiktherapie?
Inzwischen
gibt es nicht nur d i e Musiktherapie an sich. Innerhalb der Musiktherapie
entwickelten sich parallel und gleichberechtigt verschiedene Methoden, die
jeweils tiefenpsychologischen, verhaltenstherapeutischen, systemischen,
anthroposophischen und ganzheitlich-humanistischen Ansätzen folgen. All
diese verschiedenen Ansätze verbindet, dass das Medium ‚Musik’ gezielt dazu
eingesetzt wird, um das, was man (noch) nicht mit Worten auszudrücken
vermag, zum Klingen und im anschließenden therapeutischen Gespräch in
Einklang zu bringen. Je nach Ausbildung verwendet deshalb der Musiktherapeut
abhängig vom Bedürfnis des Klienten und der bestehenden Problematik seine
spezifischen Methoden. Die Musiktherapie setzt schwerpunktmäßig zuerst im
nonverbalen Bereich ein. Doch ausgehend von den ausgelösten Bildern,
Gefühlen und Empfindungen wird anschließend das Erlebte unter Hilfestellung
des Therapeuten besprochen und bearbeitet. Unabhängig von den verschiedenen
Strömungen, die sich z.B. in der therapeutischen Sichtweise auf die
Beziehung zwischen Therapeut und Klient, den Ursprüngen von Krankheit und im
Menschenbild unterscheiden, lässt sich Musiktherapie in zwei wesentliche
Grundansätze unterteilen.
1. Aktive Musiktherapie:
Den Mittelpunkt der Aktiven Musiktherapie bildet das aktive Musizieren
mit Zupf-, Streich-, Blas- oder Schlaginstrumenten verschiedener
Kulturkreise, die ein breites Spektrum an Ausdrucks- und
Erlebnismöglichkeiten eröffnen. Über unterschiedliche Klänge kann das innere
Erleben auf besondere Weise einen symbolischen und konkreten Ausdruck in der
Musik finden. Dabei spielt es keine Rolle, welche musikalischen
Vorkenntnisse man besitzt. Wichtig ist vor allem der Mut und die
Bereitschaft zur freien Improvisation, in der Therapeut, Klient oder eine
ganze Gruppe miteinander musizieren. Das Gehörte und Erlebte wird
anschließend im Gespräch bearbeitet.
2. Rezeptive
Musiktherapie: In der rezeptiven Musiktherapie ist das bewusste Zuhören
das zentrale musiktherapeutische Element. Rezeptiv bedeutet, dass der
Patient selbst nicht aktiv am Musizieren beteiligt ist. Es wird direkt mit
bestimmten Musikstücken oder Tonfolgen gearbeitet, die entweder vom
Therapeuten vorgespielt oder von einer Aufnahme angehört werden. Das
gemeinsame Aussuchen und Anhören von Musik hilft Emotionen freizusetzen.
Was erwartet Sie in einer
Musiktherapie?
Musiktherapeuten arbeiten sowohl in stationären und ambulanten
Einrichtungen, als auch in freier Praxis. Der Therapieraum mit seinen
Bewegungsmöglichkeiten, Instrumenten und anderen Utensilien steht hier als
Aktionsfeld zur Verfügung. Im Ablauf einer Musiktherapie-Sitzung wechseln
sich Phasen der Musik mit Phasen des Sprechens über das Erlebte als verbale
Reflexion unter therapeutischer Begleitung ab. Bei den Instrumenten
handelt es sich im Allgemeinen um solche, bei denen die Tonerzeugung keiner
längeren Vorübung bedarf. Jeder Teilnehmer hat die Möglichkeit mit einem
festgelegten Instrument das musikalische Geschehen zu beenden, falls er/sie
sich überfordert fühlt. An diesem Punkt – dem Schutz der eigenen Grenzen –
beginnt häufig die verbale Therapie.
Für wen ist Musiktherapie
geeignet?
Da in der
Musiktherapie nicht ausschließlich das gesprochene Wort im Mittelpunkt
steht, kann sie unabhängig vom Alter eingesetzt werden. Musiktherapie eignet
sich deshalb sowohl für Kinder und Jugendliche, als auch für Erwachsene und
alte Menschen, die unter körperlichen und/oder seelisch bedingten
Schwierigkeiten oder Störungen im Erleben und Verhalten leiden. Die heilsame
Wirkung von Musik zeigt sich bei so genannten Schreib-Babys, bei
autistischen, geistig und körperlich behinderten, verhaltensauffälligen oder
hyperaktiven Kindern. Sie wird ebenso bei psychischen Problemen wie
Essstörungen, Angstzuständen, Suchterkrankungen, Schizophrenie,
Schlafstörungen oder Depression angewandt, wie auch bei psychosomatischen
Erkrankungen, nach Schlaganfällen oder bei Tinnitus bzw. Hörsturz.
Musiktherapie kann helfen, unheilbare oder schwere Krankheiten (wie z.B.
Krebs oder AIDS) anzunehmen, mit deren Folgen zu leben oder die Angst vor
dem Tod zu verarbeiten. Musiktherapie ist nicht geeignet bei fehlender
Motivation und akuten Psychosen.
Vertiefende
und weiterführende Literatur:
Kraus W (2002) Die Heilkraft der Musik. Einführung in die
Musiktherapie. C.H. Beck Verlag
Plahl C, Koch-Temming H (2005) Musiktherapie mit Kindern. Grundlagen
- Methoden - Praxisfelder. Huber
Schwarz A, Schweppe R (2000) Mit Musik heilen. Grundlagen und
Anwendungen der Musiktherapie. Südwest Verlag