Jeder
Mensch erlebt und lebt auf seine ganz persönliche Weise Bindung und
Beziehung – geprägt durch die ersten Lebensjahre, in denen sich unser
Bindungsmuster entwickelt, erfahren durch Eltern und/oder andere wichtige
Bezugspersonen und deren Vorleben, bestimmt durch die erste Liebe, die
erste Trennung und nicht zuletzt beeinflusst durch die gesellschaftlichen
Veränderungen in der Gegenwart. Die Möglichkeiten, Beziehung zu leben und
zu erleben, sind so verschieden und zahlreich, wie die Anzahl von
Menschen, die sich in einer Beziehung zusammenfinden können. Ein non plus
ultra für die Bestandsgarantie einer Partnerschaft gibt es nicht – erst
recht nicht in der gegenwärtigen Zeit, da sich gesamtgesellschaftlich
bedingt Rollenbilder von Mann und Frau ändern, die zuvor über Jahrhunderte
galten. Man findet nicht unbedingt mehr nur zusammen, um eine Familie zu
gründen. „Bis dass der Tod uns scheidet…“ ist ein Versprechen, das auf
diese traditionelle Weise immer seltener gegeben und gehalten wird. An
Stelle dieses traditionellen Rollen- und Bindungsverständnisses treten
sehr individuelle Partnerschaftskonzepte; ob gleichgeschlechtliche,
heterosexuelle oder binationale Partnerschaften – die Eigenverantwortung
für die Gestaltung dieser Beziehung und deren Stabilität nimmt zu. Die
monogame Ehe bis zum Lebensende ist immer seltener zu finden. Phasen des
Alleinlebens wechseln sich mit Abschnitten des gemeinsamen Zusammenlebens
ab.
Befriedigende Erfüllung in unseren einzigartigen und komplexen Beziehungen
erleben wir nur dann, wenn die Bedürfnisse, Gefühle, Werte und Ziele beider
Partner ausgewogen berücksichtigt werden. Als Paar verstehen sich zwei
Menschen dann, wenn sie eine Sinn- und Kommunikationsgemeinschaft bilden
können. Was dazu alles gehört, erarbeiten sich beide Partner in der Phase
des verliebten Findens. Der Reiz des ersten und fortgesetzten Begehrens, der
in langlebigen Beziehungen oft erlischt, liegt darin, dass beide
herausbekommen müssen, welche ihrer persönlichen Facetten miteinander
harmonieren bzw. wo Unterschiedlichkeiten bestehen. Vor allem zu Beginn
einer Beziehung ist jede verbale und nonverbale Begegnung eine Erkundung und
ein ungewisser Balanceakt zwischen Sicherheit und Unsicherheit. Beide
Partner sind bemüht, sich so zueinander zu verhalten, damit jeder im anderen
dessen Einzigartigkeit erleben und wahrnehmen kann.
Die Phase
des Verliebtseins lebt von einer wechselseitig signalisiert bzw.
ausgesprochenen Wertschätzung. Alle Unterschiede werden als bereichernde
Ergänzung erlebt. Es gibt jedoch Phasen in einer Partnerschaft, in denen die
Beziehung unbefriedigend ist und Sprachlosigkeit einkehrt. Häufig merken
gerade Männer erst spät, wenn der Kontakt zueinander verloren geht. Frauen
leiden meist offensichtlicher an der eingefahrenen Beziehung und bringen
ihre Unzufriedenheit zum Ausdruck. Nicht selten verlieren wir uns dann in
gegenseitigen Vorwürfen und Unverständnis. Die unterschiedlichen Ziele und
Bedürfnisse scheinen unvereinbar. Frustration und Verzweiflung werden Teil
des Beziehungsalltags ein. Alle möglichen Unterschiede und Gemeinsamkeiten,
räumliche und emotionale Nähe und Distanz, gefühlte Spannung und ersehnte
Harmonie im erwünschten Gleichgewicht zu halten, ist ein fortdauernder
Prozess, der mit Irritationen und Konflikten verbunden ist. Diese Konflikte
und Krisen bieten aber auch die Chance einer Klärung und Veränderung, um
unterschiedlichen Zielen und Vorstellungen gerechter zu werden. Dies alles
kann der Anfang vom Ende der Paarbeziehung oder die Chance für Klärung und
einen Neuanfang sein.
Paartherapie
Eine
Paartherapie ist geeignet, wenn unausgesprochene Spannungen und Konflikte,
Schweigen oder Streit den gemeinsamen Alltag bestimmen oder die gemeinsame
Sexualität und/oder körperliche Nähe kaum noch eine Rolle im Beziehungsleben
spielen. Aber auch wenn das Thema Trennung in den eigenen Gedanken auftaucht
oder in Konflikten als Möglichkeit ausgesprochen wird, wenn es
beispielsweise keine gemeinsamen Lösungen für den Kinderwunsch eines
Partners zu geben scheint oder der Wunsch nach mehr Nähe, Intensität und
Gemeinsamkeit besteht – dann mag es sinnvoll sein, sich einen geeigneten
Paartherapeuten/in zu suchen.
Eine
Paartherapie bietet professionelle Hilfe, wenn der Alltag von Streit und
Konflikten bestimmt werden oder sich ein Partner eingeengt, kontrolliert,
abgelehnt oder betrogen fühlt, wenn Sex und körperliche Zärtlichkeit kaum
noch stattfinden oder durch äußere Umstände (wie Arbeitslosigkeit,
Krankheit, Zeitmangel) Probleme in der Beziehung entstehen, wenn kulturelle
Unterschiede Spannungen erzeugen bzw. dann, wenn die Beziehung und Liebe
zueinander wieder intensiver werden sollen.
Persönliche Reifung und Entwicklung wird im Erwachsenenalter durch keine
andere Beziehung so herausgefordert wie durch eine Liebesbeziehung. Partner
kennen sich in der Regel sehr genau und weisen einander auf anstehende
Entwicklungen hin. Oft sind sie jedoch nicht ansprechbar auf die
zutreffenden Hinweise, die sie einander geben, vielmehr versuchen sie, die
Vorwürfe durch Rechtfertigung und Gegenangriffe "unschädlich" zu machen.
Eine Paartherapie unterstützt dabei, Partnerschaftskonflikte aufzulösen, die
durch Prozesse wie Älterwerden, Verlust von Familienangehörigen, nicht
erfüllte Erwartungen an den/die Partner/in, unterschiedliche
Erziehungsauffassungen, ungenügend erlebte Abgrenzung gegenüber Dritten
(Eltern, Außenbeziehungen, Freunde) usw. entstehen.
Manchmal fehlt der Mut, bestimmte Anliegen und
Wünsche offen anzusprechen. Oder der ergebnislose Versuch, bestehende
Konflikte gemeinsam zu klären, führte dazu, dass geschwiegen, statt
konstruktiv gestritten wird. Eine Beratung oder Therapie ist dann
sinnvoll, wenn beide Beziehungspartner an ihrer Beziehung leiden und
gleichzeitig den Willen zur Verbesserung ihrer Beziehung haben.
Ablauf einer Paartherapie
In der
Regel wird zu Beginn einer Paartherapie ausführlich geklärt, welche Anliegen
und Erwartungen die Partner mitbringen. Umfang und Dauer der Therapie können
sehr unterschiedlich sein. Sie richten sich nach den Zielen und Wünschen des
Paares. Die Paartherapeutin/Paartherapeut moderiert das Gespräch so, dass
eine Atmosphäre entsteht, in der möglichst offen an den jeweiligen Themen
gearbeitet werden kann.
Das Ziel
der Paartherapie besteht darin, es beiden Partner zu ermöglichen, die Angst
vor der Mitteilung des eigenen Erlebens abzubauen, damit es so zu einer
Offenbarung eigener Hoffnungen, Wünsche und auch von erfahrenen
Enttäuschungen kommt. Die Länge der Paartherapie richtet sich nach der
Schwere der Beziehungsprobleme und den Zielen. Manchmal reicht eine
Paarberatung zur Orientierung. Manchmal braucht der Klärungsprozess einen
Monat oder auch längere Zeit. In der Regel finden 5 – 10 Sitzungen statt.
Durch die
gezielte Beziehungsarbeit in einer Paartherapie kann vieles geklärt und die
Beziehung neu gestaltet werden. Auch wenn es anfangs viel Mut und
Überwindung kostet, haben viele Paare eine Paartherapie als wichtige
Weichenstellung für eine glückliche Zukunft erlebt.
Vertiefende
und weiterführende Literatur:
Dechmann B, Ryffel C (2001) Vom Ende zum Anfang der Liebe.
Beltz
Hargens J (2005) Zu einem Paar gehören mehr als zwei… Verlag
Modernes Lernen
Jellouschek H (2005) Die Kunst als Paar zu leben.
Kreuz-Verlag
Schmalz C, Unger M (2001) Paarkonflikt und
Persönlichkeit.
Die Zweierbeziehung als Kollusion (Nach J. Willi). IPSIS
Stierlin H (2002) ‚Oh, dass sie ewig grünen bliebe…’.
Carl-Auer-Systeme Verlag