Der eine
grübelt die halbe Nacht, weil ihn ein Kollege im Vorbeigehen nicht grüßte,
der andere geht am Freitag dem 13. am Liebsten gar nicht aus dem Haus. Wie
oft erleben wir, dass unsere Mitmenschen absolut unlogisch und doch
nachvollziehbar auf die Kleinigkeiten des Alltags reagieren. Manchmal grinst
man bloß innerlich über diese „Macken“, manchmal empfindet man sie als
belastend, aber nur selten sind die Auffälligkeiten so massiv, dass man sich
fragt, ob es sich um eine bizarre Charaktereigenschaft oder den Ausdruck
emotionaler Probleme handelt.
Persönlichkeitsstörungen sagen Psychologen und Psychotherapeuten dazu. Und
schon dieses Wort verrät uns einiges über die Natur des Problems: Ein Teil
der eigenen Person ist so weit „verformt“, dass es als gestört und störend
gleichzeitig empfunden wird. Manchmal so störend, dass die Betroffenen ihren
Alltag nicht mehr allein meistern können und zunehmend in die Isolation
geraten.
Vermutlich
liegen die Wurzeln dieser Verformung in der frühen Kindheit – in der Zeit,
wo wir die Welt um uns herum, den eigenen Körper und sich selbst als eine
Person entdecken. Sachen, die wir in dieser Lebensphase über uns selbst und
unsere Mitmenschen erfahren, begleiten uns meistens unser Leben lang. „So
wie du bist, bist du wertvoll! Du darfst die Welt erkunden und Spaß daran
haben! Du darfst Wünsche haben und diese durchsetzten! Deine Mitmenschen
meinen es gut mit dir!“ Es gibt nur einen Weg, wie ein Säugling und
Kleinkind diese Botschaften empfangen kann – es kann diese in den Augen
seiner Bezugspersonen lesen. Wenn dies gelungen ist, hat ein heranwachsender
Mensch eine stabile Grundlage, um den eigenen Weg im Leben zu suchen. Doch
manchmal geht dabei auch etwas schief. Die ungünstigen Umstände oder
emotionalen Probleme der Eltern sorgen dafür, dass die Botschaft nicht
empfangen wird. Das Kind nimmt eine gehörige Portion Unsicherheit mit auf
den Weg. Jetzt muss es mit dieser Unsicherheit leben und ständig dagegen
arbeiten. Wie? Die Strategien können sehr unterschiedlich sein.
Die Einen
kämpfen um die innere Sicherheit, indem sie versuchen, alles in ihrem Leben
unter Kontrolle zu behalten. In der Fachsprache bezeichnet man diese
Lebenshaltung als zwanghafte Persönlichkeitsstörung. Alles muss
genauestens geplant sein und effizient laufen, nichts darf dazwischen
kommen. Die Vorbereitung einer Tätigkeit verschlingt mehr Zeit als die
Tätigkeit selbst. Man räumt die Kleinigkeiten aus dem Weg und kommt nie
dazu, wichtige Sachen zu machen. Die Entscheidungen werden hinausgeschoben.
Ein geplanter Einkaufsgang findet nie statt, weil der Einkaufzettel im
entscheidenden Moment verschwunden ist. Der Rest des Tages wird mit Suchen
verbracht.
Die
anderen halten an einem Menschen fest, der ihnen Sicherheit und Geborgenheit
geben soll. Abhängige Persönlichkeit sagt man dazu, weil die
Betroffenen sich in die absolute Abhängigkeit von diesem Menschen begeben.
Sie brauchen seine Anwesenheit und die Zuwendung. Sie geben ihre Wünsche
auf, aber auch die Verantwortung für gemeinsame Entscheidungen wird auf den
Anderen abgeschoben. Eine schwierige Konstellation, die nur wenige Partner
über längere Zeit aushalten.
Noch
deutlicher wird die innere Unsicherheit bei einer ängstlichen Störung
ausgelebt. Die Betroffenen scheinen nichts Gutes von der Welt und von ihren
Mitmenschen zu erwarten. Die kleinsten Unstimmigkeiten mit den Mitmenschen
aber auch die Gefahren der Außenwelt werden sehr ernst genommen und geben
dem Betroffenen Anlass zur Sorge. Selbst die Gefahr, einen Fehler zu begehen
oder in den Mittelpunkt zu rücken, bringt einen derartig ängstlichen
Menschen für Stunden und Tage aus dem Gleichgewicht.
Ganz
anders äußert sich die histrionische Störung. Die Betroffenen leben
förmlich davon, gespannte Aufmerksamkeit ihrer Mitmenschen auf sich zu
ziehen. Betroffenheit und Verwunderung gibt ihnen das fehlende Gefühl „Ich
bin wertvoll!“. Und so tun sie einiges, um ins Scheinwerferlicht zu rücken.
Sie greifen zu diesem Zweck auf Masken zurück, sie denken sich Rollen aus
(zum Beispiel „unerkanntes Genie“), sie schmücken die eigene Biographie mit
Vorfällen, die nie stattfanden, oder sie spitzen die eigenen Probleme und
Gefühle zu einem Drama zu. Dies klingt oft nach einer ausweglosen Situation
und dem letzten Hilferuf, doch wer sich darauf einlässt, stellt schnell
fest, dass der Betroffene nicht bereit ist, etwas an dieser doch so
belastenden Situation zu ändern. Es geht ihm nicht darum, die eigenen
Probleme zu lösen, sondern viel mehr darum, mit deren Hilfe Aufmerksamkeit
zu erlangen. Wer mit zu viel Druck auf Veränderungen besteht, wird hart
abgewiesen. Bei Nahestehenden und engagierten Helfern sorgt diese Situation
immer wieder für tiefe Enttäuschung.
Ähnlich
schwierig gestalten sich die Beziehungen mit Borderline-Betroffenen. Man
spricht in diesem Fall auch von einer emotional-instabilen Persönlichkeit.
Unbeständige, emotional rastlose „Grenzgänger“ sind ihren wechselhaften
Launen förmlich ausgeliefert. Sie handeln oft impulsiv und sind unfähig,
sich mit eigenen Plänen, Problemen oder Mitmenschen über längere Zeit
auseinander zu setzen. Die dadurch entstehende Leere wird oft durch Drogen,
sinnlose Diebstähle, Selbstverletzungen oder ständigen Partnerwechsel
ausgefüllt.
Bei
einigen anderen Störungen rückt vor allem Unverständnis für Motive und
Wünsche der Mitmenschen in den Vordergrund. So zum Beispiel bei der
paranoiden Persönlichkeitsstörung: Die Betroffenen neigen dazu, das
Verhalten anderer falsch zu interpretieren. Sie bilden sich ein, überall die
Anzeichen einer bösen Absicht zu entdecken und sind daher oft misstrauisch,
überempfindlich und streitsüchtig. Die Betroffenen mit einer schizoiden
Störung wirken dagegen scheu, zurückgezogen und emotional kühl. Sie
handeln oft exzentrisch, missachten in manchen Situationen soziale Normen
und finden nur sehr schwer Anschluss an ihre Mitmenschen.
Ähnliche
Schwierigkeiten bringt auch die dissoziale Persönlichkeitsstörung mit
sich. Auch hier scheinen die Betroffenen sehr wenig Verständnis für die
Gefühle anderer Menschen und für soziale Normen zu haben. Doch in diesem
Fall sind oft Gewalthandlungen und Straftaten die Folge.
So
unterschiedlich die Störungsbilder auch sind, man stellt doch bei allen
fest, dass die Betroffenen in ihrer eigenen Vorstellungswelt gefangen sind.
Es ist für sie so gut wie unmöglich, offen mit den eigenen Gefühlen und
denen ihrer Mitmenschen umzugehen. Dadurch gestaltet sich die Begleitung und
Behandlung der Betroffenen besonders schwierig, denn auch der behandelnde
Therapeut oder freiwillige Helfer werden von ihnen als Teil ihres Spiels
gesehen: ein Mensch mit paranoider Persönlichkeit meint deren hinterlistige
Vorhaben zu erkennen, der Borderline-Betroffene bewundert oder entwertet die
Helfer, der Ängstliche tut alles, um deren Kritik zu vermeiden, die
histrionische Persönlichkeit wird alles darauf setzen, den Helfer durch
Selbstanalysen zu beeindrucken. Wer helfen will, muss bei all diesen Sachen
am Ball bleiben und sich aus dem Spiel raushalten. Doch hier besteht die
Gefahr, dass sich der Betroffene zurückzieht, denn die Beziehungen außerhalb
vom gewohnten Muster machen ihm Angst. Für die Helfer sind derartige
Erlebnisse äußerst entmutigend.
Doch es
gibt auch positive Erfahrungen in diesem Bereich. Meistens kommen diese
zustande, wenn die Betroffenen selbst die Hilfe eines Therapeuten suchen.
Oft geschieht das mit dem Ziel, einige Begleitprobleme in den Griff zu
bekommen. Entscheidend für den Erfolg ist, dass der behandelnde Arzt oder
Psychotherapeut die Schwere der Situation richtig einschätzt. Manchmal ist
es sinnvoll, die Behandlung mit einem Klinikaufenthalt einzuleiten. Hier
kann eine intensive Therapie mit der Kombination aus Einzel- und
Gruppentherapie, Kreativtherapie, Entspannungs- und Stabilisierungsübungen
usw. helfen, die tiefsitzenden Wurzeln der Probleme zu entdecken und zu
erforschen, um den ersten Schritt auf dem Weg der Veränderung zu machen. Den
Betroffenen ist es dann oft leichter möglich, trotz innerer Widerstände in
der Behandlung zu bleiben. Man wird auf diesem Weg nie zu einem völlig
anderen Mensch, doch man lernt – und das ist meistens das Ziel der Therapie
– die eigenen Probleme besser in den Griff zu bekommen, so dass im Alltag
wieder Freude und nicht nur Kampf erlebt werden kann.
Vertiefende
und weiterführende Literatur:
Harms H (2007) Emotional instabile
Persönlichkeit (Borderline-Typ). Rastlos, verzweifelt, einsam -
das Leben ohne Halt. IPSIS
Merod R (2005) Behandlung von Persönlichkeitsstörungen. Ein
schulenübergreifendes Handbuch. DGVT-Verlag
Rautenberg W & Rogoll R (2001) Werde, der du werden kannst.
Persönlichkeitserfahrung durch Transaktionsanalyse. Herder
Sachse R (2004) Persönlichkeitsstörungen. Leitfaden für die
Psychologische Psychotherapie. Hogrefe
Sachse R (2006) Persönlichkeitsstörungen verstehen. Zum Umgang mit
schwierigen Klienten.
Psychiatrie-Verlag
Schmitz B (2006) Persönlichkeitsstile und Persönlichkeitsstörungen.
Besser leben mit dem eigenen Ich. Trias
Trautmann RD (2004) Verhaltenstherapie bei Persönlichkeitsstörungen und
problematischen Persönlichkeitsstilen.
Klett-Cotta