Angst vor den Prüfungen ist etwas ganz Natürliches. Immerhin bedeutet jede
Prüfung eine extreme Situation: Der Lernstoff von Monaten oder Jahren muss
auf einmal präsentiert werden, die Bedeutung eines jeden Fehlers steigt,
leichte Konzentrationsschwäche oder schlechte Tagesform können über die
Ereignisse der nächsten Tage und Monate entscheiden. Eine derartige
Botschaft nimmt unser Körper sehr ernst. Und so bereitet auch er sich auf
eine extreme Situation vor, so wie er das im Laufe der Evolution gelernt
hat. Die Muskeln und das Gehirn werden zusätzlich mit Blut versorgt. Dafür
wird die Versorgung von Haut und vielen inneren Organen reduziert.
Bestimmte Aktivitäten des Immunsystems, aber auch des Magen-Darm-Trakts
werden unterdrückt, damit wir in der entscheidenden Situation nicht durch
eine laufende Nase oder Magenkoliken gestört werden. Die Ausrichtung der
Aufmerksamkeit stellt sich um. Nun registrieren wir viel weniger
Einzelheiten um uns herum. Wie der Strahl eines Scheinwerfers greift unser
innerer Blick nur diejenigen Aspekte der Situation, die besonders wichtig
oder bedrohlich erscheinen. So versucht unser Körper sicher zu stellen,
dass wir in der entscheidenden Situation wirklich unser Bestes geben
können. Diese Veränderungen bleiben nicht unbemerkt und sorgen immer
wieder für Missverständnisse, denn sie fühlen sich überhaupt nicht
angenehm an: kalte, zitternde Finger, das Gefühl von Beklommenheit,
merkwürdige Leere im Kopf. „Dein Körper ist jetzt für den Notfall
vorbereitet, du kannst loslegen“, sollte uns diese Botschaft eigentlich
sagen. „Mensch, habe ich Angst. Die Finger zittern schon, der Kopf ist
leer, es wird garantiert alles schief gehen!“ ist aber oft unsere Reaktion
darauf. Wir fangen an, ganz besonders auf das eigene körperliche Befinden
zu achten und bleiben gedanklich daran kleben. Anstelle der
Prüfungssituation steht nun der eigene Körper im Lichtkegel der
Scheinwerfer-Aufmerksamkeit. Für etwas anderes bleiben kaum noch
Kapazitäten übrig. Wir befürchten einen Black out, und gerade dadurch
führen wir diesen herbei.
Wer
schon einmal diese Erfahrung gemacht hat, geht verunsichert in die nächste
Prüfung. Nicht, dass der eigene Kopf einen wieder im Stich lässt!
Prüfungssituation, kalte Finger, pochendes Herz und dann die entscheidende
Niederlage, diese Verbindung bleibt lange in unserem Kopf aktiv. Ob diese zu
einer lähmenden Prüfungsangst heranwächst, hängt von weiteren Faktoren ab.
Zum Beispiel davon, wie oft man überhaupt Prüfungssituationen erlebt. Bei
häufigen Prüfungen überlagern sich positive und negative Erfahrungen. Kommt
nach der Niederlage über lange Zeit keine Prüfung mehr, dann hat die
negative Erfahrung beste Chancen, sich in unserem Kopf „festzufressen“. Auch
die Charaktereigenschaften spielen dabei eine wichtige Rolle.
Selbstunsichere Menschen neigen eher dazu, die Bedeutung von einem
Misserfolg auf andere ähnliche Situationen zu übertragen. Dasselbe gilt aber
auch für Menschen, die besonders hohe Anforderungen an sich selbst stellen
oder die Bedeutung von Prüfungen für die eigene Laufbahn überschätzen. Was
war die Ursache von Misserfolgen? Die Antwort auf diese Frage kann für
spätere Prüfungen entscheidend sein. Wer auf veränderliche Ursachen wie eine
schlechte Tagesform tippt, wird es bei der nächsten Prüfung leichter haben
als derjenige, der globale Gründe wie die eigene Unfähigkeit oder tief
sitzende Prüfungsangst zur Erklärung heranzieht.
Wer
also sicher und entspannt in der nächsten Prüfung erscheinen will, muss als
Erstes den irrationalen Glauben an die eigene Prüfungsangst aufgeben. Denn
oft tun wir selbst am meisten, um die Prüfungsangst aufrecht zu halten, zum
Beispiel indem wir uns Druck machen. Halten Sie sich für unfähig für das
entsprechende Fach? Oder stellen Sie sich auf einen Kampf um die höchste
Note ein? In beiden Fällen erreichen Sie nur eins: die Angst steigt.
Erinnern Sie sich doch an die Fälle, wo Sie die Aufgaben im entsprechenden
Fach erfolgreich gemeistert haben oder an die Situationen, wo Sie oder
andere nicht perfekt und trotzdem erfolgreich waren. Machen Sie eine Liste
von Argumenten, die für oder gegen Ihre Einstellung sprechen. Wenn Sie es
nicht schaffen, derartige irrationalen Überzeugungen ganz aufzugeben, so
schwächen Sie diese so weit wie möglich ab.
Und
nun achten Sie auf die Zeichen der nahenden Angst. Diese zeigen sich auf
drei Ebenen: im Denken, in den Emotionen und als körperliche Empfindungen.
„Ich werde es nie schaffen. Das hat eh keinen Sinn. Letztens habe ich genau
so gelernt und bin durchgefallen.“ Wer sich bei diesen oder ähnlichen
Gedanken im Vorfeld der Prüfung ertappt, sollte sich bewusst machen, dass
diese weniger mit der Realität zu tun haben, als viel mehr mit der inneren
Spannung, die sich im Vorfeld einer Prüfung einstellt. Und genau so sollten
diese auch behandelt werden – als Nebenprodukt der aktivierten
Hirntätigkeit. Je mehr wir uns damit beschäftigen, zwischen „richtig“ und
„falsch“ zu unterscheiden oder nach Gegenargumenten zu suchen, umso
aufdringlicher werden sie. In der Psychotherapie etablierte sich daher eine
Technik des Gedankenstopps. Mit einem klaren inneren „Stopp“ unterbricht man
die störenden Gedanken. In Verbindung mit Entspannungs- und Atemübungen
bringt diese Technik meistens gute Ergebnisse, muss aber konsequent immer
wieder geübt werden. Die Entspannungsübungen helfen auch gegen die
körperlichen Symptome von Angst. Schlaflosigkeit und Unruhe im Vorfeld der
Prüfung lassen sich damit meistens lindern. Auch in der Prüfungssituation
ist es beruhigend zu wissen, dass wir unseren Körper einigermaßen unter
Kontrolle haben. Man darf jedoch nicht wieder in die alte Falle tappen:
Kalte Hände und eine gewisse Anspannung sind in einer solchen Situation
völlig normal. Es wird uns nicht gelingen, diese komplett zum Verschwinden
zu bringen. Vielmehr besteht die emotionale Vorbereitung auf eine Prüfung
darin, diese Signale als etwas Positives zu sehen, als ein Zeichen dafür,
dass unser Körper für die Extremsituation gut vorbereitet ist. Insgesamt
gilt, wer viele positive innere Bilder zur Prüfung mitnimmt, hat schon halb
gewonnen. Es lohnt sich daher, im Zuge der Vorbereitung, sich an die Person
des Prüfers zu erinnern und gedanklich ihre sympathischen Seiten
hervorzuheben. Dies schützt uns davor, sich unbewusst das Bild eines
feuerspuckenden Drachen an ihrer Stelle auszumalen. Dasselbe betrifft auch
die Prüfungssituation an sich. Wer diese als den Höhepunkt seines bisherigen
Lebens empfindet, steht unter besonders hohem Druck. Stellen Sie sich doch
vor, wie sie in zwanzig Jahren über diese Prüfung urteilen werden. Können
Sie sich noch an Ihre ersten Schulnoten erinnern? Eines Tages ist vielleicht
auch diese Prüfung halb in Vergessenheit geraten? Deswegen können Sie diese
ruhig als eine Übung ansehen – eine Übung darin, wie man Prüfungssituationen
meistert. Stellen Sie sich genau vor, was Sie beim schlimmsten Misserfolg
erwartet. Auch hier erscheinen die Ergebnisse meist nicht so bedrohlich,
wenn man sie direkt vor Augen hat. Stellen Sie sich auch Ihre Angst vor.
Erscheint sie Ihnen immer noch als übermächtig? Viele erleben, dass ihre
Gestalt im Laufe der Vorbereitung schon mal geschrumpft ist. Machen Sie
Ihrer Angst und sich selbst klar, dass sie bei der Prüfung dabei sein darf,
sie darf nur nicht stören.
Bei
leichter Prüfungsängstlichkeit reichen diese Tricks aus, um sicher und
vielleicht sogar mit Freude zum Prüfungstermin zu erscheinen. Schwieriger
wird es, wenn die Situation richtig festgefahren ist. Oft ist der Druck so
hoch, dass wir diesem im Alleingang nicht mehr trotzen können. In diesem
Fall ist es besser, Hilfe bei einem Psychotherapeuten zu suchen, um
Techniken für Entspannung und Gedankenstopp richtig zu lernen,
beziehungsweise spezielle für die eigene Situation zugeschnittene Lösungen
zu finden. Denn manchmal bildet die Prüfungsangst nur die Spitze des
Eisbergs: Wir weigern uns unbewusst, die Leistungsanforderungen zu erfüllen
und setzen unsere Prüfungsangst als Schutzschild ein. Manchmal steckt tiefe
Resignation dahinter oder die Befürchtung, dem eigenen Selbstbild nicht
gerecht zu werden. Erst wenn wir diese erkennen und aus der Welt schaffen,
können wir uns entspannt und sicher auf die nächste Prüfung vorbereiten und
diese mit Erfolg meistern.
Vertiefende
und weiterführende Literatur:
Charbel A (2005) Top vorbereitet in die mündliche Prüfung. Bw
Verlag
Knigge-Illner H (2002) Ohne Angst in die Prüfung. Eichborn
Tabbert-Haugg, C (2003) Alptraum Prüfung. Pfeiffer