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Zwischen Mensch und Tier herrscht eine tiefe Verbundenheit, die
nicht zuletzt auf kulturhistorische und religiöse Wurzeln zurückzuführen
ist. Menschen können Beziehungen zu Tieren aufbauen, die denen zu anderen
Menschen qualitativ gleichen. Dies stellt eine Voraussetzung zur Nutzung
von Tieren als therapeutisches Medium dar. Das Pferd hat historisch wohl
neben dem Hund die engste Verbindung zum Menschen und ist aufgrund seiner
besonderen physischen und psychischen Beschaffenheit ein idealer
Therapiepartner.
Die Bezeichnung „therapeutisches Reiten“ als Oberbegriff
umfasst mindestens drei unterschiedliche Bereiche von Aktivitäten mit und
um das Pferd:
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Hippotherapie
/ Reittherapie
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Heilpädagogisches
Reiten / Voltigieren
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Behindertenreiten
/ Rehabilitation
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Im Folgenden möchte ich
diese Einsatzmöglichkeiten des Pferdes je nach Indikation und Zielsetzung
näher erläutern.
Hippotherapie / Reittherapie
Das Wort „Hippos“ stammt
aus dem griechischen und bedeutet „Pferd“, „Therapie“ bedeutet
Heilbehandlung im medizinischen Sinne. Die Hippotherapie will also
Krankheiten heilen, bzw. Schädigungen bessern und ist damit dem
Fachgebiet der Medizin zugeordnet. Ärzte verordnen und überwachen diese
bewegungstherapeutischen Maßnahmen, die in der Regel von qualifizierten
Krankengymnasten durchgeführt werden. Die Hippotherapie stellt ein
allgemein wissenschaftlich anerkanntes Verfahren dar. Ende der 50er Jahre
entdeckten Ärzte und Physiotherapeuten die Chance, das Pferd im rahmen
krankengymnastischer Behandlungen einzusetzen.
Dabei kann das Pferd als Übungspartner vor allen Dingen hilfreich
sein durch seine eigenen Bewegungen, „Gänge“, die während des
Reitens auf den Patienten wirken. Die rhythmischen, dreidimensionalen
Schwingungen des Pferderückens in allen drei Gangarten übertragen sich
auf den Menschenkörper, wobei sie wohltuende Effekte auf den Stütz- und
Bewegungsapparat des Menschen haben (Becken, Wirbelsäule, Gelenke,
Muskulatur), aber auch auf die inneren Organe (Darm,
Herz-Kreislauf-System). Die Gangarten wirken durchblutungsfördernd,
lockernd, kräftigend und anregend durch ihren ständigen Wechsel von
statischen und dynamischen Bewegungen. Hinzu kommt, dass die Körpertemperatur
des Pferdes circa 1 °C höher ist als die des Menschen und sich so günstig
auf muskuläre Verspannungen auswirkt.
In der Hippotherapie ist der Reiter überwiegend passiv und stellt
sich auf die Bewegungen des Pferdes ein, welches meist geführt oder
longiert wird. Der Rücken des Pferdes sollte bequem schwingen. Dies
stellt auch Ansprüche an das Therapiepferd. Es muss selber locker und gut
durchgymnastiziert sein, es muss zuverlässig mitarbeiten und ein
ausgeglichenes Temperament haben. Im Laufe der Jahre haben sich bestimmte
Rassen als besonders geeignet herausgestellt, beispielsweise die Tinker.
Diese sind auch nicht zu groß, so dass ein problemloses Aufsteigen möglich
ist; außerdem sind sie gute Gewichtsträger.
Anwendungsgebiete der
Hippotherapie sind
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psychiatrische und psychosomatische
Erkrankungen wie entaktualisierte Psychosen, Persönlichkeitsstörungen,
Störungen der Kontaktgestaltung, bei Verlusterfahrungen und
Traumatisierungen,
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neurologische Erkrankungen wie cerebrale
Bewegungsstörungen und Lähmungen,
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orthopädische Erkrankungen wie Wirbelsäulen-Syndrome
sowie
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geistige, körperliche und kombinierte
Behinderungen.
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Heilpädagogisches Reiten / Voltigieren
Zu diesem Bereich des Therapeutischen Reitens passt der Begriff der
„Reittherapie“ eigentlich am ehesten. Psychologen oder Pädagogen mit
entsprechenden Zusatzqualifikationen führen diese Therapie durch. In den
60 er Jahren hatte sich ein eigenständiger Ansatz zur pädagogischen
Nutzung des Pferdes entwickelt.
Menschen mit verschiedensten Behinderungen und Verhaltensauffälligkeiten
turnen auf dem Pferd. Dies kann als Einzel- oder Gruppenangebot durchgeführt
werden. Im Gegensatz zum herkömmlichen Voltigieren steht nicht der
sportliche oder Leistungsaspekt im Vordergrund, sondern die individuelle Förderung
insbesondere von Kindern hinsichtlich deren körperlicher geistiger und
sozialer Entwicklung.
Das Heilpädagogische Reiten / Voltigieren macht sich das natürliche
Bedürfnis und die natürliche Freude von Kindern zu nutze, die gerne
geliebt und getragen werden wollen, Streicheln, Füttern und Pflegen genießen.
Im Umgang mit dem Tier können Menschen mit dem Tier immer wieder neue
Aufgabenstellungen erfahren und bewältigen.
Behindertenreiten
/ Rehabilitation
Das Behindertenreiten gehört zu den wenigen Sportarten, die
Behinderte und Nichtbehinderte gemeinsam in einer Gruppe ausüben können.
Für Sinnes-geschädigte, körperlich Behinderte und geistig Behinderte
wird eine „alte“ Sportart erschlossen und die konventionelle Reitlehre
weiterentwickelt. Gegebenenfalls sind alle Formen des Reitens sogar dem
Schwerbehinderten mit speziellen Hilfsmitteln zugänglich. Das Reiten wird
dann als Hobby oder als Leistungssport bis hin zur Teilnahme an den
Paralympics ausgeübt. In diesem Bereich steht der sportliche Aspekt und
die reitsportliche Ausbildung des Reiters im Vordergrund. Zu diesen
sportlichen Betätigungen zählt auch das Fahren mit der Kutsche.
Die
besondere Eignung des Pferdes als therapeutisches Medium
rührt daher, dass das
Pferd
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keine Vorstellung davon hat,
was „normal“ ist und daher Kindern und behinderten Menschen im
Allgemeinen ohne Vorbehalte begegnet; so können diese Menschen den
Teufelskreis von gestörten Eigenwahrnehmung und der bedingenden
Reaktion anderer Menschen unterbrechen
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Körperkontakt beinahe uneingeschränkt
erlaubt und genießt
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Stimmungen des Menschen wahrnimmt und
darauf eingeht
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hochmotivierend wirkt und der so
genannten
„Mattenmüdigkeit“ von Kindern in krankengymnastischer
Langzeitbehandlung vorbeugt; auch kann das Pferd hilfreich in der
Anbahnung der Therapeut-Patient-Beziehung sein
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sich bei guter Ausbildung dem Menschen
unterordnet – Kontrolle über ein so großes und starkes Lebewesen
stärkt das Selbstvertrauen
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durch seine Bewegungen ein Gefühl des
Getragenwerdens vermittelt und somit Defizite früher
Entwicklungsphasen – mangelhaftes Urvertrauen – zum Teil
ausgleichen kann
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Diese Aspekte lassen das
Pferd zu einem vertrauenswürdigen Partner in der Therapie werden.
Die Möglichkeiten des Pferdes, im Bereich der Wahrnehmung positiv
zu wirken, liegen darin, dass alle Sinne des Menschen angesprochen und
aktiviert werden (Riech-, Tast-, Gleichgewichts-, Nah-/Weitsinn). Im
Bereich der Motorik kann das Therapeutische Reiten zur Schulung der Fein-
und Grobmotorik, wie auch der Gesamtkörperkoordination eingesetzt werden,
was den Handlungsspielraum enorm erweitern kann.
Unter ganzheitlichen therapeutischen Gesichtspunkten ist der Umgang
mit dem Pferd nicht zu unterschätzen. Durch Aufgaben wie Pflege, Fütterung,
Stallreinigung und Vieles mehr werden die mit dem Umgang betrauten
Menschen in ein System eingebunden, in dem individuelle Stärken zum
Tragen kommen aber auch das gemeinsame Tun Bedeutung hat. Das Erleben der
eigenen Fähigkeiten und der eigenen Hilfsbereitschaft sind wesentlich in
der Sozialisation von Kindern und als Erfolgserlebnisse zu schätzen.
Grenzen der therapeutischen Nutzung von Pferden liegen in den
Kontraindikationen wie schwerer Epilepsie oder Herzschwächen der
Betroffenen. Hier sollten andere Verfahren Anwendung finden. Hinsichtlich
des allgemeinen Unfallrisikos gibt es nur Erfahrungsberichte
unterschiedlicher Institutionen, die allerdings von einem eher geringen
Risiko ausgehen. Entscheidend ist aber letztendlich die Ausbildung von
Pferdeführer / Therapeut und dem Therapiepferd. Um auch die Freude des
Pferdes an seiner verantwortungsvollen und wichtigen Aufgabe zu erhalten,
sollte das Tier artgerecht gehalten werden. Nur so kann seine emotionale
Zuverlässigkeit gewährleistet werden.
Vertiefende
und weiterführende Literatur:
Gäng
M (2003) Reittherapie. Reinhardt Verlag. Derzeit vergriffen
Gäng
M (2003) Ausbildung und Praxisfelder im Heilpädagogischen Reiten und
Voltigieren. Reinhardt Verlag
Greiffenhagen
S, Buck O (2003) Tiere als Therapie. Neue Wege in Erziehung und
Heilung. Kynos Verlag. Derzeit vergriffen
Heipertz
W (1982) Therapeutisches Reiten. Medizin, Pädagogik, Sport.
Kosmos. Derzeit vergriffen
Reckeweg W (1997)
Miteinander – nicht nebeneinander. Förderung des Wir-Gefühls beim
Umgang mit dem Partner Pferd. In: ZS für Heilpädagogik, Heft 7
Rieger
C (1978) Wissenschaftliche Grundlage der Hippo- und Reittherapie. In:
Die Rehabilitation, Heft 1
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