Fordernde Stimmen im Kopf,
die nicht schweigen wollen – unangenehme Gedanken, die nicht unterbrochen
werden können – Gerüche, die belästigen – Menschen, die einen auf der Straße
oder über das Stromnetz, durch das Handy oder als Schatten verfolgen. Dinge
und Ereignisse geschehen anfangs auf unerklärliche Weise. Und alle Versuche,
ihr Vorhandensein beweisen zu wollen, rufen in der Familie, bei Freuden oder
Bekannten zunehmend Misstrauen und Unverständnis hervor. Obwohl der
Betroffene doch ganz genau weiß, wie und warum das alles geschieht – aber
keiner glaubt ihm. Sogar er selbst zweifelt manchmal an seinen
Wahrnehmungen, trotzdem es für ihn so ist, wie er es spürt. Oder ist er
verrückt? Zumindest halten andere ihn für verrückt, wenn sie bemerken, in
welch sonderbarer Welt er lebt und mehr und mehr darin zu versinken droht.
Die Angst, als schizophren
diagnostiziert zu werden, begründet sich nicht nur mit der zugrunde
liegenden Symptomatik an sich. Angststörungen, Depressionen oder
Essstörungen sind im Gegensatz zur Schizophrenie als Krankheit
gesellschaftlich besser akzeptiert. Ein Mensch, von dem es heißt, er sei
schizophren, trägt auch heute noch das unsichtbare Etikett: verrückt,
unberechenbar, unheilbar krank und gefährlich. Für den mit Sigmund Freud
befreundeten Bleuler, der den Begriff „Schizophrenie“ 1911 einführte, stand
die Beobachtung im Vordergrund, dass Menschen zunehmend innerlich
zersplittern und zerfahren und meinte die Bewusstseinsspaltung als
Übersetzung des Wortes „Schizophrenie“.
Ursachen
Es gibt nicht d i e
Ursache, die dazu führt, dass ein Mensch schizophren wird. Bis heute ist
nicht umfassend und bis ins Detail erklärbar, warum welche Einflüsse in
welchem Ausmaß bei der Entstehung der Erkrankung eine Rolle spielen. Durch
die Zwillings- und Familienforschung gilt als gesichert, dass genetische
Faktoren bedeutsam sind, weil die Erkrankungswahrscheinlichkeit zunimmt,
wenn bereits ein leiblicher Verwandter an Schizophrenie leidet. Mit Hilfe
der Zwillingsforschung wurde allerdings auch deutlich, dass bestimmte
negative Umwelteinflüsse die Erkrankung fördern. So konnte u.a. festgestellt
werden, dass bei Schizophrenen eine innige und nahe Beziehung zur eigenen
Mutter fehlt. In Familien schizophrener Patienten ist vielfach keine klare
Rollenstruktur vorhanden. Kinder und Heranwachsende wissen dadurch oft
nicht, mit welchem Anliegen sie sich an welches Elternteil wenden können.
Durch wechselseitige Abwertungen der Erwachsenen wird den Kindern im
familiären Zusammenleben die Möglichkeit der Identifikation erschwert. Ein
sich wiederholender Zwiespalt zwischen sprachlich und gefühlsmäßig
Vermitteltem führt zusätzlich zu einer Kommunikationsstörung.
Traumatische Erfahrungen
werden nicht verarbeitet, sondern abgespaltet und verdrängt. Dieser
Mechanismus bewirkt, dass unbewusst und ungewollt Gefühle, Gedanken und
Wahrnehmungen in anderen Gedankenkonstruktionen ihr Unwesen zu treiben
beginnen. Neben den genetischen Grundlagen und oben genannten negativen
Einflüssen auf die Persönlichkeitsentwicklung können auch vor- oder
nachgeburtliche Hirnschädigungen zur Erkrankung beitragen. Biochemische
Fehlreaktionen und psychologisch begründbare Störungen in der
Informationsverarbeitung scheinen den Ausbruch der Schizophrenie ebenso zu
fördern wie anatomische Hirnabnormitäten. Vor dem Hintergrund dieser
ungünstigen Faktoren genügt oft ein individueller Stressfaktor, der dann die
latent bestehende Schizophrenie akut werden lässt und für eine langsame oder
explosionsartige Spaltung sorgt.
Symptomatik
Die Symptomatik der
Schizophrenie ist sehr vielfältig. Von Schizophrenie wird dann gesprochen,
wenn Wahn, Halluzinationen, Denkstörungen und Ich-Störungen zu beobachten
sind. Wahngedanken zeichnen sich dadurch aus, dass mit subjektiver
Gewissheit Dinge als zusammengehörig empfunden werden, die aus Sicht des
sozialen Umfelds und der gesellschaftlich akzeptierten Realität nicht
zusammengehören. Vielfach kann Wesentliches nicht mehr von Unwesentlichem
unterschieden werden. Unwichtige Dinge erhalten eine doppeldeutige,
machtvolle und zentrale Rolle im Alltag. Schizophrene begleitet oft das
Gefühl, der Mittelpunkt in der Wahrnehmung anderer zu sein. Die Grenzen
zwischen dem eigenen Ich und anderen Menschen verschwimmen. Ein Betroffener
kann nicht mehr genau sagen, wer er eigentlich ist und hat oft das Gefühl,
von einer anderen Person beeinflusst zu werden. Seine persönliche Identität
droht verloren zu gehen. Gedanken und Gefühle lassen sich zunehmend schwerer
von "fremden" Gedanken abgrenzen, als ob sie regelrecht abgezogen werden. Er
fühlt sich von außen bedroht und diesen Bedrohungen hilflos ausgeliefert.
Zu den charakteristischen
Symptomen gehören neben diesen Denk- und Ich-Störungen vor allem
Halluzinationen aus allen Bereichen der Sinneswahrnehmung, wobei akustische
Halluzinationen (Stimmen hören) am häufigsten auftreten. Aber auch
unangenehme Gerüche, ungewollte Berührungen oder optische Erscheinungen
erreichen eine hohe, überflutende Intensität. Bizarre Wahnerlebnisse, die
sich unter anderem in Eifersuchts-, Beziehungs- oder Verfolgungswahn
widerspiegeln, sind aber nicht in jedem Stadium der Erkrankung vorhanden.
Wahngedanken äußern sich als plötzlicher gedanklicher Einfall ohne Bezug zur
Realität oder als Erklärungswahn, mit dem der Betroffene versucht, die ihm
rätselhaften Wahrnehmungen zu deuten.
Schizophrene Menschen
besitzen oft kaum Beziehungen zu anderen Menschen und scheinen dadurch
bindungsunfähig. Häufig besteht zu einer bestimmten, nahe stehenden Person,
wie der Mutter oder dem Beziehungspartner, ein zwiespältiges Verhältnis.
Fühlt sich ein Patient bedroht, überwiegen Erregung, Spannung und Angst.
Zusätzlich können psychomotorische Symptome einen Betroffenen entweder
bewegungslos in einer bestimmten Haltung oder Körperstellung erstarren
lassen (Stupor) oder bewirken eine starke motorische Unruhe mit monotonen,
überschießenden oder ungeordneten Bewegungsabläufen.
Bei Patienten mit der
Diagnose Schizophrenie sind diese charakteristischen Symptombereiche
individuell unterschiedlich ausgeprägt. Die Krankheit kann einmalig
auftreten, in Schüben verlaufen oder chronifizieren. In der akuten Phase
kann es zu schweren suizidalen Krisen kommen. Besteht aufgrund der
eingeschränkten Realitätswahrnehmung eine Selbst- oder Fremdgefährdung, wird
die Einweisung auf eine geschlossene psychiatrische Station unabdingbar.
Unter bestimmten juristischen Voraussetzungen kann eine Behandlung dann auch
gegen den Willen des Kranken notwendig werden, um Schaden für den
Betroffenen selbst oder seine Umgebung abzuwenden.

Therapie
Schizophrene Erkrankungen
erfordern ein Zusammenwirken unterschiedlicher therapeutischer Ansätze auf
verschiedenen Ebenen. Begleitend zur psychopharmakologischen Behandlung sind
deshalb je nach Ausprägung und Verlauf der Erkrankung individuell
abgestimmte psychotherapeutische und soziotherapeutische Maßnahmen wichtig,
die entweder stationär oder ambulant durchgeführt werden.
Psychopharmaka
(Neuroleptika) helfen in der akuten Phase die Symptomatik zu lindern und
können in den symptomfreien Intervallen einen Schutz vor erneuter Erkrankung
bieten. Zu Schwierigkeiten können in der akuten Phase die fehlende
Krankheitseinsicht oder die Medikamenten-Nebenwirkungen werden, so dass
Patienten die unbedingt notwenige regelmäßige Einnahme verweigern. Die
Medikamente helfen aber dabei, den Alltag besser zu bewältigen, da die
psychotischen Symptome in den Hintergrund treten. Durch die medikamentöse
Therapie kann oft auch erst eine Psychotherapiefähigkeit und
Mitwirkungsbereitschaft erreicht werden.
Verschiedene
psychotherapeutische Verfahren geben dem Patienten zusätzlich zur
Krankheitsinformation die Möglichkeit, ihr Krankheitserleben zu verstehen,
zu verarbeiten, meist schon vorhandene Lebensprobleme zu bewältigen und
Strategien zu entwickeln, um künftig mit belastenden Situationen besser
umgehen zu können.
In
psychodynamisch-tiefenpsychologischen Konzepten wird vor allem an der
individuellen Regulierung von Nähe und Distanz, an der Fähigkeit, Gefühle
und Bedürfnisse benennen zu können, und an der Gestaltung von Kontakten
gearbeitet. Anders als in der klassischen Psychoanalyse führt der Therapeut
ein aktives Gespräch, in dem es vor allem um Klärung belastender
Lebensumstände und schließlich Erarbeitung verträglicherer
Verhaltensmöglichkeiten geht.
Verhaltenstherapeutische
Konzepte konzentrieren sich hingegen überwiegend direkt auf die auslösenden
Stressoren. Ein Verhaltenstherapeut versucht, mit dem Klienten gezielt
erwünschte Verhaltensweisen zu erarbeiten, die ihm helfen, kritische
Situationen zu vermeiden oder zu bewältigen. Im Rahmen von Ergotherapie
können Aufmerksamkeit und Konzentrationsvermögen verbessert werden.
Soziotherapeutische
Maßnahmen zielen darauf ab, soziale Folgeschäden innerhalb der Familie, des
Wohnortes, der Arbeit und des gesellschaftlichen Lebens zu vermeiden. Das
Betreuungsangebot umfasst Arbeits- und Beschäftigungstherapien,
Strukturierung der Tagesabläufe oder berufsrehabilitative Angebote. Die
Einbeziehung der Familie und des sozialen Umfeldes spielt eine wesentliche
Rolle. Durch eine individuelle und stufenweise Förderung mit wachsenden
Anforderungen ist es möglich, den Verlauf der Krankheit positiv zu
beeinflussen.
Vertiefende und weiterführende Literatur:
Bäuml J (2006) Psychosen aus dem schizophrenen Formenkreis. Ein
Ratgeber für Patienten und Angehörige. Springer
Gaebel W, Möller HJ, Rössler W (2004) Stigma – Diskriminierung –
Bewältigung. Der Umgang mit sozialer Ausgrenzung psychisch Kranker.
Kohlhammer
Hahlweg K, Dose M (2005) Ratgeber Schizophrenie. Informationen für
Betroffene und Angehörige. Hogrefe
Klöppel R (2004) Die Schattenseite des Mondes. Ein Leben mit
Schizophrenie. Rowohlt
Siehe auch
IPSIS-Literaturseite
"Schizophrenie"