Man
liegt die halbe Nacht mit offenen Augen, kann nicht einschlafen, wacht bei
jedem Geräusch sofort wieder auf. Die Nacht ist in den frühen
Morgenstunden vorbei, obwohl man ständig müde ist und den Schlaf
eigentlich gebrauchen könnte. Es gibt zwar eine ganze Reihe von Schlafstörungen,
die unterschiedlich geartet sind. Die meisten von uns haben aber genau
dieses Bild im Kopf, wenn von Schlafschwierigkeiten geredet wird. Treten
derartige Probleme oft und über einen längeren Zeitraum auf, spricht man
von Insomnie oder Hyposomnie, was aus dem Lateinischen als Schlafmangel
frei übersetzt werden könnte.
Die
Ursachen dafür sind verschieden. Chronischer Stress und Übermüdung,
mangelnde Bewegung am Tage, stark wechselnde Schlafzeiten, die Gewohnheit
im Bett über Sorgen nachzugrübeln oder Ängstlichkeit gehören meistens
dazu. Das Schwierige an der Situation ist, dass Schlafstörungen dieser
Art sehr schnell ihr Eigenleben entwickeln: Ist das Problem erst einmal
aufgetreten, neigen die Betroffenen dazu, angespannt auf das Einschlafen
zu warten, und genau diese Spannung vertreibt den Schlaf am sichersten.
Unbemerkt schleicht sich oft ein weiteres Problem ein: auch andere
Rhythmen im Körper werden gestört. Viele physiologische Funktionen wie
Blutdruck, Körpertemperatur, Konzentration, Schmerzempfindlichkeit und
die Hormonproduktion verändern sich im Laufe des Tages. So ist
beispielsweise die Schmerzempfindlichkeit bei den meisten Menschen am
Nachmittag am geringsten, nach Mitternacht erreicht sie dagegen ihr
Maximum. Die Körpertemperatur sinkt vor dem Ins-Bett-Gehen und steigt vor
dem Aufwachen wieder an. Diese Zyklen sind jedoch eng an den
Schlaf-Wach-Rhythmus gebunden. Wird dieser über lange Zeit systematisch
gestört, geraten auch andere Rhythmen aus den Fugen. So kommt es oft vor,
dass Menschen, die unter Schlafstörungen leiden, mit steigender Körpertemperatur
ins Bett gehen. Der Körper stellt sich so zu sagen auf eine Phase der
Aktivität ein, dadurch wird das Einschlafen zusätzlich erschwert.
Auch
die Einnahme von Schlafmitteln bringt keine entscheidende Lösung mit
sich. Die Betroffenen haben zwar dadurch oft das Gefühl, tief und fest
schlafen zu können, die meisten solcher Mittel haben jedoch die
Eigenschaft, den Schlaf zu verändern. Je nach Wahl des Medikamentes verkürzen
sich die Phasen von REM- bzw. Tiefschlaf. Wird das Schlafmittel nicht mehr
eingenommen, versucht der Körper vor allem den REM-Schlaf nachzuholen.
Dadurch erleben die Betroffenen meist einige unruhigen Nächte mit sehr
bewegten Träumen, manchmal auch Alpträumen. Man ist nach dem Aufwachen
oft müde und hat das Gefühl, nicht richtig geschlafen zu haben. Um
diesen Schwierigkeiten zu entkommen, kommt es zur Einnahme von neuen
Medikamenten. Man gerät in einen Teufelskreis, der nur sehr schwer zu
durchbrechen ist.
Will
man systematisch gegen diese Art von Schlafstörungen ankämpfen, ist es
ratsam, über einige Wochen ein Schlaftagebuch zu führen, also täglich
zu vermerken, wie lange und wann man geschlafen hat, bzw. was man sonst am
Tag gemacht hat. Schon beim Durchblättern dieses Tagebuchs wird eventuell
auffallen, dass Schlafschwierigkeiten mit bestimmten Aktivitäten oder
auch mit mangelnder Aktivität zusammenfallen. Außerdem kann man dadurch
herausfinden, ob es sich vielleicht um eine Umkehrung des
Tag-Nacht-Rhythmus handelt. Das heißt, man schläft zwar ausreichend
lange, aber überwiegend am Tage. Es kann auch sein, dass man das Gefühl
hat, zu wenig und schlecht zu schlafen, obwohl die Schlafdauer eigentlich
normal ist. Diese Art „Missverständnisse“ kommt öfters in der
zweiten Lebenshälfte vor. In dieser Zeit braucht man weniger Schlaf als
in jungen Jahren, auch der Anteil des Tiefschlafes sinkt. Man hat dadurch
automatisch das Gefühl, schlechter zu schlafen als früher.
Handelt
es sich um einen „echten“ Schlafmangel, wäre der nächste Schritt, zu
lernen, den eigenen Körper bewusst auf das Einschlafen einzustimmen. Zu
diesem Zweck sind eine Reihe von Entspannungstechniken entwickelt worden.
Auch psychotherapeutische Behandlung ist in vielen Fällen sinnvoll. Im
Rahmen der Verhaltenstherapie lernt man Strategien, wie das quälende Grübeln
vor dem Einschlafen, aber auch am Tage bewusst eingeschränkt werden kann.
Zudem ist es wichtig, sicher zu stellen, dass sich hinter den Schlafstörungen
keine weitere Krankheit versteckt. Herz- und Atemprobleme können zum häufigen
Aufwachen in der Nacht führen. Auch eine Depression oder andere
psychische Störungen können die Ursache von hartnäckigen
Schlafstörungen sein. Dann steht natürlich die Behandlung der
Grunderkrankung im Vordergrund.
Auch
die Umkehrung des Tages-Nacht-Rhythmus kann zu einem schwerwiegenden
Problem werden. Die Ratschläge, weniger am Tage zu schlafen, damit man
abends müde ist, nützen in den meisten Fällen wenig. Der Grund dafür
ist die Tatsache, dass der Schlaf-Wach-Rhythmus, der im Schnitt ca. 25
Stunden beträgt, dem Menschen angeboren ist. Von allen Zeitgebern und
gesellschaftlichen Zwängen isoliert, behält ein Mensch normalerweise
diesen Zyklus bei. Man kann sich zwar in einem gewissen Rahmen an den von
außen vorgegebenen Rhythmus anpassen. Es gibt aber individuelle
Unterschiede in der Anpassungsfähigkeit in diesem Bereich, und der Sprung
über zwölf Stunden scheint für die meisten Betroffenen zu groß zu
sein. Für die Behandlung von Störungen dieser Art ist die so genannte
Chronotherapie entwickelt worden: Nachdem die individuellen Schlaf- und
Wachzeiten ermittelt worden sind, wird ein 27-Stunden-Tag eingeführt. Das
heißt, dass der Patient erst 27 Stunden nach dem letzten Ins-Bett-Gehen
sich wieder zum Schlafen legen kann. 27 Stunden scheinen eine Grenze zu
sein, die für die meisten erträglich ist. Auf diese Weise kann der
Schlaf-Wach-Rhythmus in wenigen Tagen verschoben werden. Ist die
Verschiebung gelungen, wird der Betroffene angehalten, wenigstens in der
Anfangszeit ganz penibel den 24-Stunden-Tag einzuhalten.
Weniger
bekannt ist die Gruppe von Schlafstörungen, die mit zu viel und nicht zu
wenig Schlaf einher gehen - die so genannten Hypersomnien. Bezeichnend dafür
ist, dass die Betroffenen viel mehr Schlaf brauchen, als es für ihre
Altersgruppe normal ist. Trotz der ausreichenden Schlafdauer klagen die
Betroffenen immer wieder über Müdigkeit, in manchen Fällen kommt es zu
richtigen Schlafanfällen im Laufe des Tages, bei denen der Mensch in
einer oft unpassenden Situation plötzlich einschläft. Bei diesen Anfällen
handelt sich um das eindringen von REM-Episoden in den Wachzustand. Man
vermutet daher, dass die Strukturen im Gehirn, die den REM-Schlaf in
bestimmten Situationen unterdrücken müssen, in diesem Fall nicht richtig
funktionieren.
Ähnlich
verhält es sich mit dem Schlafwandeln. In den REM-Schlafphasen, wenn die
Träume besonders lebhaft sind und wir darin auch oft körperlich aktiv
sind, sorgt ein spezielles System im Gehirn dafür, dass Bewegungsimpulse
nicht an die Muskeln weitergeleitet werden. Im Normalfall ist die
Muskulatur beim Schlafenden während einer REM-Phase besonders entspannt.
Untersuchungen bei Katzen haben gezeigt, dass es bei Zerstörungen der
entsprechenden Bereiche im Gehirn zum REM-Schlaf ohne Muskelentspannung
kommt. Am Anfang der REM-Episode wird die Katze aktiv und bewegt sich so,
als würde sie eine unsichtbare Maus jagen, wacht dabei jedoch nicht auf.
Es wird vermutet, dass das Schlafwandeln beim Menschen auf ähnliche Weise
funktioniert, indem bei einigen REM-Episoden die Muskelentspannung nicht
herbeigeführt wird. Man kann jedoch noch nicht viel zu den Ursachen und
Behandlungsmöglichkeiten dieser Störung sagen.
Vertiefende
und weiterführende Literatur:
Birbaumer
R, Schmidt RF (2003). Biologische Psychologie. Springer. Das Buch
bietet einen sehr guten Überblick über theoretische Erkenntnisse in
Bezug auf Schlaf, ist jedoch sehr stark in der Fachsprache gehalten.
Dement
C, Vaughan C (2002). Der Schlaf und unsere Gesundheit. Lübbe
Harms
H (2003). Gesunder Schlaf. Über Schlafphasen, Körperreaktionen und Träume. IPSIS
Lavie
P (1999). Die wundersame Welt des Schlafes. Entdeckungen, Träume,
Phänomene. dtv
Möller
HJ u.a. (1995). Psychiatrie. Hippokrates. Derzeit vergriffen,
ggf. gebraucht erhältlich.
Zulley
J, Knab B (2002). Die kleine Schlafschule. Wege zum guten Schlaf.
Herder