Immer bereit nachzugeben, immer froh, wenn
wichtige Entscheidungen an andere abgegeben werden können, nie in der
Lage, die eigenen Rechte einzufordern – im Alltag bezeichnet man solche
Menschen als nicht durchsetzungsfähig, in der Psychologie spricht man von
einer unsicheren Persönlichkeit. Die Bereitwilligkeit, mit der solche
Menschen die eigenen Ansprüche aufgeben und sich anderen unterordnen,
bringt eine Menge Probleme mit sich: der Betroffene fühlt sich überfordert
und ausgenutzt, ohne dass er aus eigener Kraft eine Möglichkeit findet,
der belastenden Situation zu entfliehen. Auch die gut gemeinten Ratschläge
der freiwilligen Helfer, endlich mal die eigenen Rechte einzufordern,
nicht nachzugeben, bringen oft nur zusätzlichen Druck mit sich und lassen
die Situation schon fast ausweglos erscheinen.
Wie kommt es dazu, dass die „Selbstsicherheit“, von der die einen nur
so protzen, bei anderen fehlt? Handelt es sich dabei um eine Störung, die
behandelt werden muss? Gibt es sichere Wege, die aus der Sackgasse führen?
Dies sind die Fragen, die sich sowohl die Betroffenen, wie auch ihnen
nahstehende Menschen oft stellen.
Fast jeder kennt das Gefühl der beklemmenden Unsicherheit, den Wunsch, an
die Hand genommen zu werden und die Verantwortung für schwierige
Entscheidungen an jemand größeres und stärkeres zu delegieren. Das ist
eine ganz normale menschliche Reaktion auf Überforderung. Insbesondere
wenn der Überblick über die Situation eingeschränkt ist, die
grundlegenden Werte in Konflikt zueinander geraten und man durch eine
Reihe von Misserfolgen verunsichert wird, kommen diese Tendenzen besonders
stark zum Vorschein. Das wirkt so, als wollten wir für eine kurze Zeit
unseren Erwachsenen-Status aufgeben und wieder als Kinder behandelt
werden. Bei einigen kommen solche Phasen nur sehr selten vor, andere
neigen stärker dazu. Problematisch wird es erst, wenn ein Mensch dadurch
in seiner Entwicklung und seinen alltäglichen Aktivitäten behindert
wird. In diesem Fall ist oft zu beobachten, dass alle lebenswichtigen
Entscheidungen von anderen abgenommen werden. Der Betroffene ist nicht in
der Lage, die eigenen Wünsche zu äußern. Oft erweckt es den Anschein,
als hätte er gar keine eigenen Interessen und lebe ausschließlich für
die anderen. Auch die negativen Gefühle, vor allem Traurigkeit und Ärger,
werden kaum gezeigt. Der Betroffene steckt alles zurück und erscheint
rundum zufrieden. Diese Haltung entsteht jedoch weniger durch Genügsamkeit
als mehr durch die Überzeugung, man wäre ohne Unterstützung von anderen
nicht überlebensfähig. Damit wird die Befürchtung, die anderen, seien
es Arbeitskollegen, Vorgesetzte oder Angehörige, könnten einen zurückstoßen,
zu einer existenziellen Bedrohung, die durch Gefügigkeit abgewendet
werden muss. Vor allem der Aufbau von neuen Beziehungen wird dadurch in
entscheidendem Maße beeinflusst: die Entscheidungsmacht wird an den
Partner übergeben, gebündelt mit der Erwartung, dass er dem Idealbild
eines Beschützers entspricht. Entweder fühlt sich der Partner dadurch überfordert
und zieht sich zurück, oder er begibt sich in die Rolle des Stärkeren
und bekräftigt damit das Abhängigkeitsverhältnis. So kommt es, dass das
alte Muster in immer neuen Beziehungen wiederbelebt und sogar verstärkt
wird.
Daher können solche Probleme meistens nicht durch eine einfache Veränderung
der Lebensumstände, wie eine Trennung von einem tyrannischen Partner oder
Wechsel der Arbeitsstelle dauerhaft gelöst werden. Viel wichtiger ist zu
verstehen, wie die zugrundeliegenden Strukturen der Persönlichkeit
entstanden sind. Die Ursachen werden meistens in der Kindheit vermutet.
Macht das Kind oft die Erfahrung, dass es den Launen der Eltern hilflos
ausgesetzt ist, kommt es zu der Überzeugung, nichts in seinem Leben
eigenständig in die Hand nehmen zu können und vollkommen von der Gunst
anderer abhängig zu sein. Diese Konstellation findet man bei Erwachsenen,
die als Kinder misshandelt oder vernachlässigt wurden, aber auch in stark
autoritären Familien und Familien, wo sich die Eltern inkonsequent verwöhnend
verhalten. Die große Schwierigkeit besteht jedoch darin, dass die meisten
dieser Erfahrungen im Gedächtnis schon längst verwischt sind und kaum
noch in die Verbindung mit der aktuellen Situation gebracht werden. Die
daraus entstandenen Überzeugungen sind dagegen zu einem festen Teil der
eigenen Persönlichkeit geworden.
Der erste Schritt zu der Befreiung aus dem Teufelskreis ist daher zu
erkennen, wie die Situation entstanden ist und welche Mechanismen sie
aufrechterhalten. Darin liegt meistens der Schwerpunkt der
tiefenpsychologischen Therapie bei dieser Art von Störungen: man versucht
die Erinnerungen zu beleben und festzustellen, wie Konflikte aus früheren
Zeiten die aktuellen Beziehungen belasten. Zusammen mit dem Therapeuten
rekonstruiert der Patient, wie Traumata und unerfüllte Wünsche zu
Hirngespinsten wurden, welche die Gegebenheiten der realen Welt mit sich
ersetzen. Dadurch bekommt der Patient eine Chance, ein neues Selbstbild zu
schaffen und sich im eigenen Leben und in den Beziehungen neu zu
definieren. Die verhaltenstherapeutische Schule geht das Problem etwas
anders an: Es wird weniger nach der Vorgeschichte und der Entstehung der
Probleme gefragt, sondern eher danach, wie das Selbstwertgefühl wieder
aufgebaut werden kann. Man versucht, die unrealistischen Überzeugungen,
ausfindig zu machen und diese zu widerlegen. Der Betroffene lernt dabei
Schritt für Schritt, die Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen.
Mit den Beziehungsproblemen, die durch unsichere Haltung entstehen,
befasst sich auch die systemische Therapie. Diese Art der Therapie, die überwiegend
im Bereich der Familienberatung vertreten ist, beschäftigt sich mit der
Frage, wie die Haltung einzelner Partner
oder Mitglieder einer Gruppe das Gesamtgefüge der Beziehungen
beeinflusst. Es geht auch darum, unbewusste Forderungen und Ängste dem
anderen gegenüber aufzudecken und deren Einfluss auf die Beziehung zu überprüfen.
Vertiefende
und weiterführende Literatur:
Dörner
K et al. (2002)
Irren ist menschlich. Lehrbuch der Psychiatrie und Psychotherapie.
Mosaik Verlag
Fiedler
P (2001) Persönlichkeitsstörungen. Beltz
Harms
H (2004) Soziale Ängste. Wie sie entstehen und wie man sie
behandelt. IPSIS