Wir
mögen es alle nicht, verletzt zu werden. Schon ein Baby zieht die Hand von
einem interessanten Objekt zurück, wenn die Mutter warnend „heiß“ ruft. Und
auch im Erwachsenenalter versuchen wir jeden Stoß oder Piekser zu vermeiden.
Dem eigenen Körper sollte nach Möglichkeit nichts passieren, das ist eines
der wichtigsten Überlebensgesetze, die in unseren Genen festgeschrieben
sind.
Umso
schlimmer die Auswirkungen, wenn jemand bewusst diese Grenze überschreitet.
Ob der Betroffene sich heimlich Arme oder Beine ritzt, ob er vor Wut und
Hilflosigkeit mit dem Kopf gegen eine Wand schlägt oder sich Verbrennungen
zufügt, für nahe stehende Menschen bedeutet das jedes Mal einen Schock. Man
fühlt sich wütend, hilflos, häufig wie gelähmt und durch die Situation
überfordert. Wie sollte man bloß dem anderen klar machen, dass er sofort und
für immer damit aufhören soll, dass das mitunter lebensgefährlich ist und
nichts zu der Lösung der Probleme beiträgt? Man hat kaum Mittel dafür.
Schreien, Flehen, Verbieten, eigene Besorgnis klar machen, all diese Wege
werden immer wieder ausprobiert. Sie führen nur selten zum Erfolg. Der
Betroffene sichert vielleicht zu, nie wieder zur Rasierklinge zu greifen. Er
schämt sich selbst seines Verhaltens wegen, häufig wird der Vorfall aus
diesem Grund auch geheim gehalten. Doch bald sind die guten Vorsätze
vergessen. Ein Rückfall sorgt erneut für Verzweiflung auf beiden Seiten. Es
scheint oft so, als gäbe es keinen Ausweg aus dieser Situation.
Und
die Betroffenen? Sie erzählen immer wieder von der inneren Leere, die ihrer
Selbstverletzung vorausgeht, vom quälenden Gefühl, es wäre egal, was man tut
oder lässt. Alles erscheint sinnlos, man findet keinen Bezug zu der eigenen
Umgebung, auch nicht zu den geliebten Menschen. Häufig ist dies von einer
merkwürdigen Stumpfheit im ganzen Körper begleitet oder von einer fast
unerträglichen inneren Spannung. Die Aufmerksamkeit rutscht unkontrolliert
von einem Gegenstand zum nächsten oder bleibt fest an etwas kleben, meistens
an etwas Unangenehmem. Man fühlt sich in die Ecke gedrängt, und doch kennt
man einen Weg, mit diesem Zustand fertig zu werden. Das ist der Schmerz. Man
greift doch zu einer Rasierklinge. Sehr viele machen es heimlich, wollen
nicht, dass die nahe stehenden Menschen etwas davon erfahren. Und doch, wenn
das Thema zur Sprache kommt, erzählen viele bereitwillig davon, um den
anderen klar zu machen, wie schlecht es ihnen ging.
Wenn
die Psychologen von der Situation der Betroffenen sprechen, fällt immer
wieder das Wort „eingeengt“ und dieses beschreibt einiges: tiefe Ablehnung
der eigenen Umgebung und der eigenen Position darin, einen verzweifelten
Wunsch nach Veränderung und das Fehlen der Perspektiven. Mit positiver
Lebenshaltung und einer Menge Selbstvertrauen hätte man eine Chance, das
eigene Leben in den Griff zu bekommen, doch diese fehlen. Denn auch die
emotionale Welt der Betroffenen ist meistens „eingeengt“. Durch aufgestaute
Konflikte und Spannungen fehlt der freie Blick auf die Situation. Oft liegen
auch weitere emotionale Schwierigkeiten vor, nicht selten werden diese
übersehen. Depressive aber auch besonders impulsive Menschen, die zu starken
Stimmungsschwankungen neigen, gehören zu der Risikogruppe. Ihnen fällt es
besonders schwer, die eigenen Probleme systematisch Schritt für Schritt
anzugehen, vielmehr werden „alles oder nichts“ - Forderungen aufgebaut, die
ins Leere führen. Häufig sorgen auch Alkohol und Drogen dafür, dass das
eigene Leben entgleitet.
Aber
wie und warum kommen die Menschen auf die Idee, in so einer Situation sich
selbst zu verletzen? Vielleicht kommt auf diese Art der aufgestaute Ärger
zum Ausdruck, der über lange Zeit unterdrückt werden musste. Die Aggression
gegen die Umwelt und einstige Bezugspersonen wird gegen sich selbst
eingesetzt, weil sie auf keinem anderen Weg abreagiert werden kann.
Vielleicht mussten die Betroffenen als Kinder lernen, dass eine Verletzung
der sicherste Weg ist, die Zuwendung und Aufmerksamkeit zu erhalten, die
ihnen fehlten. Und nun wird dieses Wissen unbewusst in die Tat umgesetzt.
Wenn die Kindheitserfahrungen zur Sprache kommen, wird oft über eine kühle
und angespannte Stimmung im Elternhaus berichtet. Man hört, dass die
Betroffenen als Kinder wenig wertgeschätzt und unterstützt wurden. In der
Zeit, in der die Kinder anfangen, die äußere Welt als eine von ihnen
unabhängige Realität zu be-greifen, bringt für ein Kind diese
Sinneserfahrung Faszination und Frust zugleich, denn auch die Grenzen der
eigenen Handlungen werden dadurch spürbar. In diesem Prozess lernt das Kind
die eigenen Grenzen zu akzeptieren und die Aufmerksamkeit zu steuern, es
entwickelt das Gefühl für den eigenen Körper. Dieser Prozess kann jedoch nur
in einer sicheren Umgebung stattfinden, unterstützt durch die liebevolle
Zuwendung der Mutter. Ein zu strenger abweisender Erziehungsstil gefährdet
diese Entwicklung genau so wie maßlose Verwöhnung, die dem Kind jegliche
negativen Erfahrungen vorenthält. Der Kontakt zur Realität bleibt
oberflächlich, die Grenzen vom eigenen Handeln unklar. Die Betroffenen
bleiben auf der Suche nach festen Orientierungspunkten. Manche entdecken
dabei den Schmerz. Und nicht selten stellt das Zufügen von Schmerz dabei die
wirksamste Maßnahme dar, Gefühle von Gefühllosigkeit zu durchbrechen.
Und
die Auswege? Der erste und wichtigste Ratschlag für Betroffene und
Angehörige lautet: Professionelle therapeutische Hilfe suchen. Und dies
nicht nur mitten in der Krise, wenn man das Gefühl hat, mit der Situation
nicht selbst fertig zu werden, sondern auch in den ruhigen Zeiten. Viel zu
leicht redet man sich ein, ein neuer „Anfall“ wird nicht kommen, beim
nächsten Mal bekommt man das Problem selbst in den Griff. In den meisten
Fällen müssen wir jedoch erleben, dass unsere Emotionen stärker sind als
unser Verstand. Dies bedeutet noch lange nicht, dass man „verrückt“ ist.
Vielmehr geht es darum, einen eigenen Weg zu finden, wie man in einer
Krisensituation die Gefühle unter Kontrolle behält. Es geht auch darum, die
eigene Situation besser zu verstehen und einen Ansprechpartner zu haben, der
einen bei den Veränderungen unterstützt. Denn meistens reicht es nicht aus,
die Krisen zu vermeiden. Solange die Probleme im Hintergrund bestehen
bleiben, werden diese immer wieder für heftige Reaktionen sorgen. Es tritt
dann ein anderes Symptom an die Stelle von Selbstverletzungen.
Deshalb lautet ein weiterer wichtiger Ratschlag für Angehörige: behalten sie
die gesamte Situation des Betroffenen im Auge. Versuchen Sie herauszufinden,
warum er sich immer wieder wehtun muss. Ist das ein verzweifelter Versuch,
zusätzliche Aufmerksamkeit zu erlangen? Ist das seine Methode, die Probleme
des Alltags von sich wegzuschieben? Will er damit sich selbst bestrafen oder
die aufgestaute Wut loswerden? Und gegen wen wäre diese Wut eigentlich
gerichtet? Vielleicht bringt es etwas, diese Fragen dem Betroffenen selbst
zu stellen. An diesem Punkt wird es aber auch schon schwierig, denn so ein
Gespräch bringt nur etwas, wenn eine gute stabile Beziehung besteht und wenn
es ohne innere Wut und versteckte Vorwürfe angefangen wird. Für die
Angehörigen heißt das, im ersten Schritt sich die eigenen Emotionen bewusst
zu machen. Wie weit bin ich selbst durch die Situation betroffen? Was bewegt
mich, wenn ich auf den anderen einrede? Der verzweifelte Wunsch, das
„uneinsichtige Kind“ sofort an der Stelle unter Kontrolle zu bekommen, führt
genauso in die Sackgasse wie eine distanziert-abwertende Haltung: „Er will
nur mal wieder im Mittelpunkt stehen“. Die letztere wird oft mit
medizinischen Begriffen und psychiatrischen „Diagnosen“ untermauert, zu
einer Lösung des Problems trägt sie jedoch wenig bei. Meistens dient sie
dazu, innerlich aus der Situation zu fliehen. Hilfreich kann sein, wenn wir
dabei bleiben, betroffen, mitfühlend und ratlos, so wie wir sind, uns jedoch
von der Unruhe und Verzweiflung der Krisenzeiten nicht anstecken lassen. Ein
Angehöriger einer Borderline-Patientin verglich diese Haltung mit der eines
Leuchtturmes: Ein Leuchtturm bleibt stehen und gibt den Schiffen dadurch
Orientierung. Er kann nicht zu einem Schiff rennen, es packen und schreien
„Sieh mal zu, da ist das Ufer, da darfst du nicht hin!“ Dabei sollte die
Aufmerksamkeit allerdings nicht auf die Selbstverletzung gerichtet sein. Das
Notwendige an medizinischer Versorgung sollte getan werden, aber keine
übermäßige Aufmerksamkeit, eher ein zügiges Zurückkehren zu den Aufgaben des
Alltags. Der Betroffene muss vor allem lernen, in Situationen des
Verletzungsdrucks alternative, verträglichere Verhaltensmöglichkeiten
einzuüben. In spezialisierten stationären Abteilungen und inzwischen auch
vielerorts ambulant werden sog. Skill-Trainings angeboten, d.h. das Erlernen
von Fertigkeiten, die das selbstverletzende Verhalten nach und nach
ersetzen. Solche Skills können z.B. Cool-Packs, Igelbälle, Duftstoffe,
bestimmte Musik u.s.w. sein, also deutliche und starke Reize, die
verschiedene Sinnesorgane betreffen und für den Betroffenen geeignet sind,
den Selbstverletzungsdruck zu reduzieren. Hiermit einen sicheren Umgang zu
entwickeln stellt zumeist eine wichtige Voraussetzung für das weitere
erfolgreiche therapeutische Vorgehen dar.
Vertiefende und weiterführende Literatur:
Levenkron S (2001) Der Schmerz sitzt tiefer. Selbstverletzung
verstehen und überwinden. Kösel
Bergmann W (2003) Das Drama des modernen Kindes. Hyperaktivität,
Magersucht, Selbstverletzung. Walters Verlag
Sachsse U (2002) Selbstverletzendes Verhalten. Vandenhoek & Ruprecht