Sexualität
ist etwas Natürliches, aber selten von Natur aus vollkommen. Als Menschen
sind wir zwar mit unserem Körper und unserer Psyche zum Erleben einer
befriedigenden Sexualität geschaffen. Läuft jedoch es im Liebes- oder
Sexualleben nicht so, wie es sich der eigene oder der Kopf und Körper des
Partners wünschen, hat man(n) bzw. Frau ein Problem. Wenn der Körper
streikt und Ängste aufgebaut werden, ist stets das Ausleben einer
befriedigenden Sexualität beeinträchtigt. Vor allem Paare leiden
darunter, wenn sie miteinander trotz aller Bemühungen gemeinsam keine erfüllende
sexuelle Befriedigung erhalten. Die Auswirkungen enden oft in einem
Teufelskreis. Aus der fortgesetzten Erfahrung des Versagens erwachsen bei
beiden Partnern zunehmend Schuldgefühlen. Damit verbundene Ängste können
bis hin zum vollständigen Rückzug aus jeglicher Form der Sexualität führen.
Das Selbstbewusstsein leidet zunehmend, je öfter ein erneuter Versuch
unerfüllt scheitert.
Die Häufigkeit
sexueller Störungen wird in der Öffentlichkeit vielfach unterschätzt.
Obwohl in allen Medien jedwede Themen über Sex und Erotik freizügig und
allgegenwärtig präsentiert werden, ist und bleibt die Schamgrenze hoch,
darüber zu sprechen, wenn es im Bett nicht so funktioniert, wie man es
sich erhofft und ersehnt. Bleibt die eigene Lust über einen längeren
Zeitraum unbefriedigt, wächst die sexuelle Frustration. Es gibt kaum ein
Gebiet, bei dem sich organische Schwierigkeiten so deutlich und nachhaltig
auf die Psyche niederschlagen. Es ist allerdings schwer einzuschätzen, ab
wann eine klinisch relevante Sexualstörung vorliegt. Denn Erotik und
Sexualität sind ein sehr subjektives und persönliches Empfinden bezüglich
Häufigkeit und Praktik. Sie verändern sich im Laufe des Lebens und abhängig
vom jeweiligen Partner.
Die
Auswirkungen eines beeinträchtigten Sexualempfindens zeigen sich bei Mann
und Frau in unterschiedlicher Weise. Funktionsstörungen werden allgemein
den Bereich des Verlangens, der Erregung, des Orgasmus oder der
Entspannung zugeordnet.
Sexuelle
Störungen beim Mann
1. Erektionsstörung
Von
einer Erektionsstörung spricht man dann, wenn trotz ausreichender
sexueller Erregung der Penis nicht – oder nicht lang genug – steif
wird, um den Geschlechtsverkehr erfüllend zu vollziehen. Bleibt eine
Erektion auch bei der Selbstbefriedigung aus, sollte ein Urologe
konsultiert werden, um mögliche organische Ursachen auszuschließen.
Diese so genannte Impotenz wird allerdings auch von der sexuellen
Erfahrung und dem Alter des Mannes beeinflusst.
2. Vorzeitiger Samenerguss (Ejakulation)
Es kann
nicht sinnvoll objektiviert werden, ab wann man vom vorzeitigen Erguss
sprechen sollte. Denn häufig erlebt es eher der Mann als vorzeitig, wenn
er beim oder kurz nach dem Einführen des Penis zum Samenerguss kommt. Häufig
wird dieser Zeitraum subjektiv zwar als zu kurz empfunden, was aber nicht
zwangsläufig Ausdruck einer sexuellen Störung sein muss. Bei der
vorzeitigen Ejakulation fehlt vielfach ein intensives und befriedigendes
Erleben.
3. Ausbleibender Samenerguss
Bei
diesem relativ selten auftretenden Problem erfolgt trotz Erregung keine
Ejakulation. Jede weitere Stimulierung wird als ermüdend bzw. schmerzhaft
erlebt. Dieses Symptom ist verwandt mit einem verzögerten Erguss, bei dem
der Mann erst nach subjektiv als quälend lang empfundenem Verkehr zum
Orgasmus kommt.
Sexuelle Störungen
bei der Frau
1. Schmerzhafter Verkehr
Verspürt
die Frau beim Geschlechtsverkehr ohne körperliche Ursachen (die durch
Infektionen, Narben oder Geburt eines Kindes bedingt sein können)
Schmerzen und wird ihre Scheide nur unzureichend feucht, liegen die Gründe
oft im psychischen Erleben. Die
Berührung des Scheideneingangs durch Finger oder Penis werden als
unangenehm und sehr schmerzhaft erlebt.
2. Orgasmusstörungen
Von
einer Orgasmusstörung spricht man dann, wenn weder eine psychische noch körperliche
Reaktion durch sexuelle Stimulierung erfahren werden kann und diese auch
bei der Selbstbefriedigung ausbleibt. Frauen, die unter einer solchen Störung
leiden, kommen trotz eigenen Wunsches nicht über eine bestimmte Phase der
sexuellen Erregung hinaus. Das Gefühl eines Höhepunkts bleibt aus.
3. Vaginismus
Dabei
handelt es sich um eine unwillkürliche, reflexartige Verkrampfung des
Scheideneingangs beim Versuch des Geschlechtsverkehrs. Diese Verengung ist
so stark, dass das Einführen des Penis unmöglich wird. In Folge führt
die damit verbundene Angst häufig dazu, dass der Geschlechtsverkehr
vermieden wird.
4. Erregungsstörungen
Unter
dieser Störung versteht man, dass die Scheide nicht feucht wird und die
damit verbundenen sexuellen Erregungsgefühle bei der Frau ausbleiben,
obwohl Lust empfunden werden kann. Das Orgasmuserleben ist in diesem Fall
häufig mit betroffen.
Ursachen
sexueller Störungen
Die
Frage, warum ein Intimleben unerfüllt bleibt, kann viele Antworten haben.
Ein sexuelles Problem ist in der Regel niemals durch eine einzige Ursache,
sondern durch ein Bündel von Ursachen bedingt. Vor allem Bereich der
Sexualität lassen sich große individuelle Unterschiede im Bedürfnis
nach Häufigkeit und in der Art des Auslebens finden, die sowohl von
kultureller Prägung, persönlicher Erziehung und Einstellung, als auch
vom Partner abhängig sind. Außerdem beeinflussen grundsätzlich der körperliche
Allgemeinzustand und das eigene Wohlbefinden unser momentanes Erleben.
Entsprechend wirken sich positiver und negativer Stress,
Medikamenteneinnahme, Drogen- und Alkoholkonsum, Operationen und
Erkrankungen auf unsere Sexualität aus. Altersbedingte Unkenntnis oder
unzureichendes Wissen über sexuelle Abläufe können ebenso zu Missverständnissen
bzw. Unsicherheit hervorrufen, wie die Angst vor einer ungewollten
Schwangerschaft. Traumatische Erfahrungen – ob bewusst oder unbewusst in
der Erinnerung präsent – zeigen stets tief greifende Wirkung auf den
sehr sensibel reagierenden Bereich des sexuellen Erlebens.
Aber
auch langjährige Beziehungen führen dazu, dass
sich das Verlangen und die Lust aufeinander verringern bzw.
unbefriedigt bleiben. Verschwindet der Reiz des Neuen, schläft in vielen
Beziehungen das vormals aktive Sexualleben ein. Manche Partner können
sich mit dieser Situation lange Zeit arrangieren. In vielen Beziehungen
resultieren daraus jedoch häufig belastende Konflikte im Alltag, die bis
zur Trennung führen, wenn beiden Partnern der Mut fehlt, miteinander über
Fantasien, veränderte Vorlieben oder Techniken zu sprechen. Angst,
Leistungsdruck und eine die Lust beeinträchtigende Erwartungshaltung sind
Folgeerscheinungen, die die Wahrscheinlichkeit für ein erneutes Auftreten
von sexuellen Problemen bis zum Teufelskreis hochschaukeln.
Therapeutische
Behandlungsmöglichkeiten
Die
Suche nach geeigneter Unterstützung wird von vielen Menschen fälschlicher
Weise aus einem Schamgefühl oder der Unwissenheit heraus, was in der
Therapie geschehen könnte, abgelehnt bzw. ausgeschlossen. Unabhängig
davon, durch welche Ursache und auf welche Weise das sexuelle Erleben
beeinträchtigt wird, wächst jedoch bei den Betroffenen der Leidensdruck
so sehr, dass daraus – ohne entsprechende Hilfe - auch ein relevantes
psychiatrisches Problem entstehen kann.
Da sich
bei sexuellen Störungen eine direkte Beziehung zwischen seelischen und körperlichen
Funktionen besonders deutlich zeigt, empfiehlt sich eine medizinische
Untersuchung, um abzuklären, inwieweit die sexuelle Funktion durch
etwaige körperliche Faktoren beeinträchtigt sein könnte. Denn daraus
leitet sich ab, ob ausschließlich eine medizinische Behandlung oder diese
in Kombination mit einer Therapie sinnvoll ist.
Die
größten Erfolge in der Therapie sexueller Störungen wurden bisher mit
verhaltenstherapeutischen Methoden erreicht. Bei dieser Therapieform
werden in einem vertrauensvollen Gespräch zuerst alle notwendigen
Informationen über die persönliche sexuelle Entwicklung (wie frühkindliche
Erfahrungen, erster Geschlechtsverkehr, Umgang mit Selbstbefriedigung,
Wahl des Partners, aktuelle Situation in der Paarbeziehung) erfragt. Auf
dieser Grundlage erfolgt die Analyse des gegenwärtigen sexuellen Problems
und möglicher aufrechterhaltender Bedingungen, um dann zu klären, welche
Veränderungen beabsichtigt sind. Zum therapeutischen Prozess gehören
situationsabhängig das direkte Gespräch, individuelle
Selbstbeobachtungen, Hausaufgaben wie Körperübungen, die der
Selbsterfahrung dienen bzw. das Führen eines Tagebuchs. Als sinnvoll
erweist sich außerdem die Einbeziehung des Partners in die Therapie, um
vorhandene Kommunikationsschwierigkeiten so zu verändern, dass das
gegenseitige offene Ansprechen von Einstellungen, Wünschen und Bedürfnissen
möglich wird.
Vertiefende
und weiterführende Literatur
Kochenstein
P (2002) Ratgeber Sexualität.
Leidenschaft neu entdecken, sexuelle Störungen beheben, Sexualität
lustvoll erleben. Klinkhardt
Ludigs
D (2002) Beziehungsweise Sex. Tipps
für Paare.
dtv