Die Menschen sind verschieden – die einen genießen es, die eigene Welt
mit vielen Freunden und Bekannten teilen zu dürfen. Die anderen bleiben
ihr Leben lang Einzelgänger und beschränken die eigenen Kontakte auf
einige wenige vertraute Personen. Manche wünschen sich so etwas wie ein
Schneckenhaus, wo sie sich jederzeit zurückziehen können. Für einige
ist ein solches Schneckenhaus eines Tages zum Gefängnis geworden. Ich
rede von Menschen, die sich unter Fremden so unsicher fühlen, dass ihnen
jede Art von Kontakten zur Qual wird. Ob sie zu einer größeren Party
gehen oder jemanden nach dem Weg fragen müssen, machen die Angst und
seine körperliche Begleiter wie Erröten, Schwitzen, Herzklopfen, dieses
Vorhaben so gut wie unmöglich. Man fühlt sich lächerlich und
unangepasst. Fragen, wie die anderen wohl reagieren und was sie von einem
selbst halten, blockieren das Denken und Fühlen – so beschreiben einige
der Betroffenen diesen Zustand. Im Bus und in der Bahn fühlt man sich
gelegentlich ungemütlich – auch hier könnte man von Fremden beobachtet
und beurteilt werden. Die Zeit bringt oft eine Verschlimmerung der
Probleme mit sich: Je mehr sich der Betroffene zurückzieht, um so
seltener kommen positive Erfahrungen mit den Mitmenschen zustande. Die
Unsicherheit wird immer größer.
Bekannt ist, dass die meisten sozial ängstlichen Menschen schon als
Kinder oder Jugendliche durch ihren unsicheren Umgang mit Gleichaltrigen
auffallen. Liegt der Grund dafür in der mangelnden sozialen Kompetenz
dieser Kinder? Es gibt viele Forschungsergebnisse, die dafür sprechen.
Zum Beispiel haben sozial ängstliche Grundschulkinder mehr
Schwierigkeiten, wenn sie Gesichtausdrücke von anderen Personen
interpretieren sollen. Häufiger als andere Kinder übersehen sie den
Ausdruck von Ärger oder Angst und sind der Meinung, ein neutrales Gesicht
vor sich zu haben. Auch in ihrer Mimik unterscheiden sie sich von
Gleichaltrigen, vor allem dadurch, dass der Ausdruck von Freude bei ihnen
seltener vorkommt als bei anderen Kindern. Für ihre Spielpartner heißt
es, dass sie bei gemeinsamen Aktivitäten kaum positive Rückmeldung
bekommen. Sorgen vielleicht derartige Missverständnisse für die ersten
negativen Erfahrungen im sozialen Bereich und lösen den Teufelskreis aus
Verunsicherung und Rückzug aus? Könnten diese Schwierigkeiten durch
Training sozialer Fertigkeiten vermieden werden? In diese Richtung
arbeiten Verhaltenstherapeuten. Die Vertreter der Bindungstheorie gehen
davon aus, dass das eigentliche Problem viel tiefer liegt, nämlich in der
Beziehung eines Säuglings und Kleinkindes zu seinen ersten
Pflegepersonen. In dieser Bindung entstehen Muster, die in die späteren
Beziehungen mitgenommen werden. Dieser Annahme stimmen auch
tiefenpsychologisch orientierte Therapeuten zu: Eine schwierige Beziehung
mit den eigenen Eltern und evtl. psychische Traumata im frühen
Lebensalter beeinträchtigen das grundsätzliche Vertrauen in sich selbst
und die Welt. Soziale Angst ist nur eines der Symptome, das dadurch
verursacht sein könnte. Für die Therapie heißt es, diese Erfahrungen müssen
aus der Vergessenheit zurückgeholt und aufgearbeitet werden. So
unterschiedlich die therapeutischen Strategien sind, beide sind gleichermaßen
erfolgreich. In der Praxis verbinden viele Therapeuten beide Strategien
miteinander.
Im ersten Schritt werden die Ängste unter die Lupe genommen: Ist der
soziale Rückzug zu einem festen Bestandteil meines Selbstbildes geworden?
Bringt die Angst auch Vorteile für mich? Vielleicht als ein Vorwand, um
bestimmten Verpflichtungen zu entkommen oder unangenehmen Menschen aus dem
Weg zu gehen? In welchen Situationen ist meine Angst besonders stark und
wie äußert sie sich? Wenn körperliche Symptome besonders belastend
sind, versucht man diese mit Hilfe von Entspannungstechniken in den Griff
zu bekommen.
Als nächstes müssen die Erwartungen auf den Prüfstand, die in einer
konkreten Situation für das Entstehen der Angst verantwortlich sind.
Meistens sind unsere Befürchtungen, was alles als nächstes passieren könnte,
dafür zuständig, dass uns eine neue Situation bedrohlich erscheint. Nur
gehen diese uns so schnell durch den Kopf, dass sie häufig unbewusst
bleiben.
Solche Befürchtungen können bei verschiedenen Menschen sehr
unterschiedlich sein. Es gibt jedoch typische Muster, die bei sozial ängstlichen
Menschen aktiv werden. Vor allem vermuten die meisten, dass der Gesprächspartner
ihnen gegenüber von Anfang an negativ gestimmt ist. Dadurch achten sie im
Gespräch auf ganz andere Sachen als nicht ängstliche Menschen. Weder das
besprochene Thema, noch die Ansichten ihres Partners dazu stehen für sie
im Mittelpunkt, sondern das eigene Erscheinen. Im Nachhinein erinnern sie
sich am besten an die negativen Reaktionen der Gesprächsteilnehmer und
vor allem an solche, die auf ihre Person bezogen sein könnten. Diese
Tendenz lässt jeden sozialen Kontakt im Nachhinein als ein Misserfolg
erscheinen.
Woher kommen diese negativen Einstellungen, die bei jedem neuen Menschen
aktiv werden? Spiegelt sich darin die ablehnende und fordernde Haltung,
die wir eines Tages bei den eigenen Eltern erlebten? Sind sie die Folge
von vielen negativen Erfahrungen? Oder ist man durch die eigene Neigung
getäuscht, sich überwiegend an das Negative zu erinnern? Es ist
sinnvoll, sich nach einem Gespräch Zeit zu nehmen, sich an die einzelnen
Details in Ruhe zu erinnern und dabei bewusst auf positive Rückmeldungen
zu achten. Meistens findet sich mehr davon, als man vorher vermutete.
Auch wenn man das eigene Leben Revue passieren lässt, fallen einem einige
gelungene Beziehungen ein. Es könnte hilfreich sein, die Erinnerung an
diese Erfolge festzuhalten. Diese bietet eine gute Basis dafür, einen
neuen Versuch zu starten.
„Der neue Versuch“ ist das Stichwort für den nächsten Schritt der Therapie.
Jetzt gilt es, sich mit neu erworbenem Wissen wieder unter Menschen zu
begeben, genau die Dinge zu machen, vor denen man sich besonders fürchtet.
Dieser Schritt ist am schwierigsten. Deshalb fängt man am liebsten mit
einfacheren Aufgaben an. Wovor haben Sie am wenigsten Angst? In welcher
Situation fällt es Ihnen vermutlich am leichtesten, die eigenen Gefühle
unter Kontrolle zu behalten? Genau mit dieser Situation sollten Sie
anfangen. Einen großen Vorteil hat auch der Einstieg über therapeutische
Gruppen – meistens ist es leichter die Angst zu bewältigen, wenn man
sie offen zeigen darf. Ansonsten heißt es ab nun, sich vorsichtig immer
mehr unter die Leute mischen, immer wieder Neues ausprobieren und so seine
Handlungsspielräume erweitern.
Vertiefende
und weiterführende Literatur
Ambühl
H, Meier B, Willutzki U (2001) Soziale Angst verstehen und behandeln.
Klett-Cotta
Harms
H (2002) Selbstunsicher. Die unsichere Persönlichkeit. IPSIS
Müller
N (2002) Die soziale Angststörung bei Jugendlichen und jungen
Erwachsenen. Waxmann
Sonntag
R (2004) Hilfe, ich muss reden! Rede- und Sprachangst verstehen
und einfach überwinden. TRIAS
Stangier
U, Heidenreich T, Peitz M (2003) Soziale Phobien.
Beltz