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1.
Krankenkassen bieten wieder Präventionsprogramme an
Seit einigen Jahren sind die Gesundheitspräventionsprogramme „Gelassen
und sicher im Stress“ sowie „Rauchfrei in 10 Schritten“ wieder im
Programm bei vielen Krankenkassen. Bei einer entsprechenden Qualifikation
des Anbieters erstatten die Krankenkassen den Teilnehmern die Kosten des
Kurses. Auf jeden Fall sollten sich die Teilnehmer vor Beginn des Kurses
aber bei ihrer Krankenkasse erkundigen, ob und wie viel sie erstattet
bekommen. Im folgenden Artikel stelle ich zuerst die physiologischen
Mechanismen des Stressgeschehens und dann den Aufbau des Stressbewältigungsprogramms
dar.
2. Was
ist Stress?
Stress ist in unserer hektischen Zeit zu einem Modewort geworden, jeder
benutzt es, und sagt: „Ich hab` Stress!“ Jeder benutzt es
wahrscheinlich sehr individuell, und keiner fragt eigentlich genau nach,
was der- oder diejenige damit meint. Der Begriff Stress umfasst eine
Vielfalt von Wirkungen auf den menschlichen Organismus und setzt sich aus
unterschiedlichen Aspekten zusammen. Eine allgemeine Definition von Stress
könnte lauten: „Stress ist eine Reaktion des menschlichen Organismus
und der Psyche auf sogenannte Stressoren, die aus der Umwelt oder aus dem
Inneren des Menschen selbst stammen und eine erhöhte Anspannung
verursachen.“ Der biologische Mechanismus, der dem Stressphänomen
zugrunde liegt, ist hinlänglich bekannt. Auf eine plötzliche
Beanspruchung von außen (z. B. Gefahr) reagiert der menschliche
Organismus mit zwei entwicklungsgeschichtlich sinnvollen Reaktionsmustern:
Flucht oder Angriff – für beides benötigt er schnell verfügbare
Energie, die dem Körper über Hormone (der berühmte Adrenalinstoss) und
der dadurch veranlassten Freisetzung von Zucker, Eiweiß und Fettsäuren
zur Verfügung gestellt werden. Diese Energie wird in der Handlung
abgebaut, die Leistung wird erfüllt. Der moderne Mensch erlebt Stress häufig
durch ein zuviel an Anforderungen von außen (äußere Stressoren) wie
z.B. die Übernahme neuer Aufgaben, hoher Termindruck, Ärger mit dem Chef
oder Mitarbeitern, Partnerschaftskonflikte oder Umweltfaktoren wie Lärm
und Abgase oder (innere Stressoren) wie überzogener Ehrgeiz oder unbewältigte
Konflikte aus der Familie oder der eigenen Biographie. Nun ist der moderne
Mensch ein ausgesprochen bewegungsarmer Mensch, und die zur Verfügung
gestellte Energie wird nicht mehr oder nur sehr wenig in Bewegung
umgesetzt. Stress ist sozusagen ein Daueralarmzustand, der nicht
entsprechend abgebaut werden kann.
3. Drei
Ebenen der Stressreaktion
Auf die oben genannten Stressoren reagiert nun jeder Mensch anders, die
Stressreaktion läuft aber erwiesenermaßen immer mit körperlichen,
gedanklichen und verhaltensbezogenen Anteilen ab (Abb. 1).
Abb.
1: Körperliche, gedankliche und verhaltensbezogene Stressreaktionen.
Bleiben wir einen Moment bei den körperlichen Reaktionen, so wird
deutlich, warum Stress so gesundheitsgefährdend ist und für eine Reihe
von typischen Zivilisationskrankheiten (wie u.a. Arteriosklerose = Gefäßverkalkung,
Bluthochdruck, Herzinfarkt und Schlaganfall) mit verantwortlich gemacht
werden kann. Vor allem zwei Mechanismen sind dabei wichtig: Erstens die
vermehrte Bereitstellung von Blutzucker (v.a. für das Gehirn) durch Abbau
von Körpereiweiß (v.a. aus der Muskulatur) und die Freisetzung von Fettsäuren
zur Verbrennung in den Muskeln aus den Fettvorräten des Körpers.
Zweitens die im Falle von Flucht oder Angriff durchaus sinnvolle erhöhte
Gerinnungsfähigkeit des Blutes. Beide Faktoren bedingen zusammen genommen
eine „Verdickung“ des Blutes. Aber auch Immunsystem und Sexualität
sind beeinträchtigt: Wir finden Zyklusstörungen, Impotenz und Störungen
der Samenreife. Auch dies ist biologisch sinnvoll – der Organismus benötigt
für Fortpflanzung und Lust in der Liebe Ruhe und Entspannung und nicht
einen ständigen Alarmzustand. Nun neigen wir Menschen dazu, im Stress
weitere gesundheitsschädliche Dinge zu tun, im Bemühen, mit dem Stress
fertig zu werden: Wir greifen vermehrt zur Zigarette (Rauchen unterdrückt
die durch den Stress entstandene physiologische Erregung), wir ernähren
uns ungesund und unregelmäßig und bewegen uns viel zu wenig – ein
Kreislauf mit fatalen Folgen.
4. Das
Antistressprogramm
Das Antistressprogramm „Gelassen und sicher im Stress“ folgt über
einen Zeitraum von 12 Wochen einem relativ festgelegten Schema, in dem es
neben der Vermittlung von medizinischem Wissen über die o.g. Abläufe um
die Entschärfung der äußeren Stressoren und um die innere Bewältigung
von Stress und um Entspannung, Ernährung, Bewegung und Genuss geht. In
der Regel wird dieser Kurs über den o.g. Zeitraum von den Krankenkassen
angeboten oder im Rahmen der innerbetrieblichen Gesundheitsförderung auch
schon einmal auf 6 halbe oder drei ganze Tage verteilt.
Um sich selbst in Bezug auf mögliche Stresssymptome zu überprüfen,
arbeitet das Programm mit einer Reihe von Checklisten, z.B.:
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Checkliste:
Warnsignale für Stress
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| Die
folgenden Punkte können Anzeichen für Überforderung sein. Welche davon
haben Sie in den letzten 14 Tagen an sich feststellen können?
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Körperliche
Warnsignale
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stark
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leicht
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kaum/gar
nicht
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Punkte
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| Herzklopfen/Herzstiche
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2 |
1 |
0 |
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| Engegefühl
in der Brust
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2 |
1 |
0 |
|
| Atembeschwerden
|
2 |
1 |
0 |
|
| Einschlafstörungen
|
2 |
1 |
0 |
|
| chronische
Müdigkeit
|
2 |
1 |
0 |
|
| ...................
|
2 |
1 |
0 |
|
Abb.
2: Checkliste körperlicher Warnsignale

Eine wichtige
Unterscheidung habe ich bisher noch nicht getroffen, die für die Bewältigung
von Stress eine große Bedeutung hat, und der ich mich jetzt zuwenden
will. Es ist die Unterscheidung von Eustress und Disstress. Die
griechische Vorsilbe „Eu“ deutet schon darauf hin, dass es sich dabei
um guten Stress handelt, der für das Überleben der Menschheit und die
Selbsterhaltung des Einzelnen unentbehrlich ist. Die oben beschriebenen
Stressoren bewirken einen kurzen Alarmzustand des Organismus und eine vorübergehende
Aktivierung. Dem folgt eine Erholungs- bzw. Entspannungsphase. Eustress
ist ein Wechselspiel von Arbeit/Leistung und Erholung/Entspannung.
Disstress meint den beschriebenen Dauerzustand von ständiger
Alarmbereitschaft und damit ein Übermaß an Belastung und Anspannung.
Daraus folgt, dass der eigenen Fähigkeit, eine stressige Situation zu
beenden und äußere Anforderungen als Herausforderung und nicht als
Belastung zu sehen, eine große Rolle in der Stressbewältigung zukommt.
Dazu im folgenden das Modell der Stressbewertung nach Lazarus, das in zwei
Schritten erfolgt. Demnach ist unsere Stressreaktion davon abhängig, mit
welcher gedanklichen Bewertung wir an äußere Ereignisse herangehen.
Folgende Beispielsituation in Abb. 3 macht dies deutlich:
| Zusätzlich
zu Ihrer vielen Arbeit bekommen Sie vom Chef eine neue Aufgabe zugeteilt
mit der Bemerkung, dass er dafür einen fähigen Mitarbeiter brauche.
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Einschätzen
der Situation (primäre Bewertung)
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| irrelevant:
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stressbezogen:
|
positiv/günstig:
|
|
„O.K.,
das mache ich mit links. Alles Routine!“
|
„Wenn
das nur gut geht. Ich darf jetzt keinen Fehler machen.“
(Bedrohung)
„Immer
ich. Das nächste Wochenende ist damit gestorben.“
(Schaden/Verlust)
„Das
ist eine Chance! Ich werde mich anstrengen.“ (Herausforderung)
|
„Interessante
Tätigkeit! Endlich 'mal 'was Neues. Gut, dass er mich ausgewählt
hat.“
|
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 |
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Einschätzen
eigener Kompetenzen (sekundäre Bewertung)
|
|
„Wie soll ich das bloß schaffen?“
„Bisher
habe ich neue Aufgaben immer gepackt.“
„Was
ich nicht kann, kann ich lernen.“
„Ich
bin diesem ständigen Druck nicht gewachsen.“ etc. |
Abb. 3: Das Modell der
primären und sekundären Stressbewertung nach Lazarus

Wann
immer wir also äußeren Ereignissen mit einer stressbezogenen Bewertung (mittlerer Kasten) begegnen, erhöhen wir die Wahrscheinlichkeit, dass wir
eine äußere Anforderung als Stress erleben. Eine weitere Checkliste
zielt denn auch auf stressverschärfende Gedanken, wie in Abb. 4 zu sehen
ist.
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Dieser
Gedanke ist mir
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vertraut
|
nicht
vertraut
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| Schwarzmalerei
und Hilflosigkeit
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| „Ich
halte das nicht durch.“
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|
| „Das
geht bestimmt schief.“
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| „Ich
werde versagen.“
|
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|
| „Ich
habe doch sowieso immer Pech.“
|
|
|
| ............................
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Abb. 4: Checkliste
stressverschärfender Gedanken.
Unseren
von vielen scheinbaren Sachzwängen selbstgeschaffenen Disstress können
wir einiges entgegensetzen. Mit der Entwicklung der Fähigkeit,
Stresssituationen mehr als Herausforderung denn als Belastung zu sehen, können
wir ein leistungsfähiges und trotzdem entspanntes Leben führen und damit
unserer Gesundheit einen großen Dienst erweisen.
Vertiefende
und weiterführende Literatur:
Harms
H (2002) Entspannungstechniken.
Wege zur inneren Ruhe. IPSIS
Kaluza G (2002). Gelassen
und sicher im Stress. Springer-Verlag
Ohm/Garattoni
(1998) Stressfrei durch Progressive Relaxation.
CD. TRIAS
Sammer
U (1999) Entspannung erfolgreich vermitteln - Progressive
Muskelentspannung und andere Verfahren. Klett-Cotta
Schultz
JH (2000) Das
Original-Übungsheft für das Autogene Training -
Konzentrative Selbstentspannung. TRIAS
Wagner-Link
A (2001). Aktive Entspannung und Stressbewältigung. expert-Verlag.
Derzeit vergriffen, gebraucht erhältlich.
Wilk
D (1999) Autogenes Training - Ruhe und Gelassenheit lernen.
Verlag Huber
Autor:
Bernhard Broekman, Dipl.-Psychologe, Klinischer Psychologe BDP,
Psychotherapeut in freier Praxis, Supervisor und Lehrbeauftragter für das
Gestalt-Institut-Frankfurt, führt seit 10 Jahren im Raum Wiesbaden/Mainz
für Krankenkassen und Unternehmen Nichtraucherkurse und
Stressmanagementkurse durch.
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