Sind Sie on oder off?
Zu oft 'on'? Drehen sich Ihre Gedanken häufig darum, wann Sie wieder im
Netz sein werden und wie wohl der Mensch hinterm Bildschirm sein mag, mit
dem Sie sich kürzlich schrieben? Genießen Sie die Wirkung der gelesenen
Komplimente, die vermeintliche Seelenverwandtschaft oder eher den
unverbindlichen Chatsex? Unterliegen Sie dem Drang, diese unterhaltsame
virtuelle Kneipe „chatroom“ zu besuchen, weil Sie dort nur den Teil zu
offenbaren brauchen, der vieles Ihres konkreten Alltags auszusparen vermag
und nicht Probleme, Einsamkeit und Selbstzweifel sicht- bzw. hörbar
nebenbei präsentiert? Die Anonymität gestattet Ihnen eine technisch
geschützte, emotionale Offen- und Enthemmtheit, die Sie außerhalb des
Netzes nicht zeigen würden oder können. Sind es inzwischen viel zu viele
kostenpflichtige Stunden der Ablenkung, die nicht nachwirken, wenn Sie den
Computer ausschalten? Oder hilft Ihnen darüber die erneute Möglichkeit
hinweg, bald wieder ins ‚on’ zu flüchten, ein paar Stunden weg von
irgendwelchen Problemen, die die Eigenart besitzen, hartnäckig und
kontinuierlich zu wachsen? Was tun?
Rien ne va plus - nichts geht mehr
Im Hinterkopf meldet sich der Gedanke: Heute schaff ich es, den bisherigen
Verlust auszugleichen. Sichere Kombinationen werden durchgespielt, Ihre
Beobachtung über Spielverläufe stimmt Sie zuversichtlich. Es zählt
nicht nur der Zufall, er erscheint Ihnen beeinflussbar. Das geborgte Geld
werden Sie mit dem kommenden Gewinn endlich zurückzahlen. Oder heimlich
zurücklegen? Beim Eintritt in die Spielwelten bleibt mit dem Tageslicht
die Realität vor der Tür. Chips aus Plastik verhelfen zu ausreichender
Distanz dem Geld gegenüber. In konzentrierter Atmosphäre verfolgen Sie
aus den Augenwinkeln das Spiel der anderen, warten fiebernd auf den
Gewinn, der gleich kommen muss... Irgendwann ist auch dieses Geld durch
die Finger geronnen. Nach der Hoffnung holen Sie Zweifel, Enttäuschung
und Ärger ein. Die kostengünstigere Variante - zu den optisch mit
stilsicherer Kleidung gerahmten Spielkasinos - steht in vielen Kneipen
oder den sogenannten Spielhöllen: Zockerautomaten, die sich mit
geringeren Beträgen ‚füttern’ lassen, beim Bier nach getaner Arbeit.
Wurde aus der anfangs unterhaltsamen Entspannung inzwischen euphorisches
Lauschen nach dem ersehnten Klappern des Geldes, wenn endlich mal der
Automat verliert, der immer nur scheinbar verliert. Denn verloren hat
stets der Spieler: sein Geld, seine Hoffnung, Probleme in den Griff zu
bekommen und zunehmend Menschen, die ihm nahe stehen. Gibt es eine Chance,
dem zu entkommen?
Kaufrausch
Der Weg zum Einkaufszentrum bringt Abwechslung in Ihren Alltag. Per Zufall
entdecken Sie etwas, das Sie unbedingt kaufen müssen, so sehr gefällt es
Ihnen. Sie erspähen ein verlockendes Sonderangebot, wollen sich mit etwas
Schönem belohnen. Man gönnt sich ja sonst nichts! Es gibt garantiert
einen zwingend notwendigen Anlass, warum Sie sich gerade diesen Gegenstand
kaufen müssen. Vielleicht ist etwas kaputt gegangen und muss ersetzt
werden. Sie entdecken etwas lang Gesuchtes. Nachvollziehbare Gründe, die
Ihren Einkauf rechtfertigen, finden Sie ausreichend. Oder wollten Sie
einfach nur mal den Stress vergessen, sich ablenken und Ihre Zeit auf
angenehme Weise verbringen? Hatten Sie gerade noch so viel Geld übrig, um
sich den Augenblickswunsch zu erfüllen? Wie lange hält Ihre Freude beim
Auspacken zu Hause an? Unterscheiden sich Ihre Gefühle vor, während und
nach dem Einkauf? Konnten Sie sich das Gekaufte wirklich leisten? Welche
Situationen lösen bei Ihnen das Bedürfnis nach einem Einkaufsbummel aus?
Einkaufen ist eine notwendige Tätigkeit. Sie können diese nicht grundweg
lassen - so wie zum Beispiel ein Alkoholiker, der sich entscheidet, nicht
mehr zu trinken. Aber vielleicht können Sie trotzdem etwas verändern.
Lust und Frust mit den Kalorien
Wie ist Ihre persönliche Beziehung zum Kühlschrank und zum Essengeruch,
der uns auf Schritt und Tritt im Alltag begegnet? Oder zu den griffbereit
liegenden Nascherein an der Kasse im Supermarkt, die verlocken, während
sich in Ihrem Einkaufskorb abgezählte Kalorien befinden? Wie viele Tafeln
Schokolade benötigen Sie, um Frust in vorübergehende Zufriedenheit zu
wandeln? Die Waage - das verhasste Kultobjekt mit grammgenauer Anzeige?
Haben Sie so viel gegessen, dass Sie statt des Gefühls, wohlig satt zu
sein, ein beängstigender Druck und der Gedanke an den Weg zur Toilette überkommt?
Bleiben der emotionale Hunger und Ihr Wunsch, sich mit der Aufnahme oder
Ablehnung von Kalorien zu betäuben, beruhigen oder abzulenken,
unbefriedigt? Nahrungsverweigerung gilt als Kampfmittel von Gefängnisinsassen.
Essen koppelt sich in der Kindheit mit Belohnung oder Bestrafung. Welche
Gefühle fressen Sie in sich hinein? Die ständige Beschäftigung mit
Nichtessen bedarf hoher Konzentration und Aufmerksamkeit. Wozu würden Sie
diese verwenden, wenn es das Thema ‚Essen’ nicht gäbe?
Arbeit ist das ganze Leben
Ein immer voller Terminkalender strukturiert Ihre Zeit zwischen Wachen und
Schlafen. Kennen Sie freie Zeit nur als das, wovon andere scheinbar zu
viel haben? Oder verstehen Sie darunter Ihre organisierte Zeit außerhalb
bezahlter Arbeit, deren Aktivitäten stille Bewunderung, Erstaunen, ein
bisschen Neid bei anderen Menschen hervorrufen? Vielleicht verbinden Sie
Ihre freie Zeit so effektiv mit Arbeit, dass alles miteinander verwoben
nichts dem Zufall und einem möglichen Leerlauf überlassen bleibt. Gehören
Sie eher zu den Tüchtigen dieser Leistungsgesellschaft, die sich unter
Kontrolle halten, geforderte und mehr Leistung erbringen, wann immer man
sie direkt oder indirekt abverlangt? Selbst am Wochenende, abends oder im
Urlaub nimmt Arbeit einen festen Platz ein. Was ist für Sie verschwendete
Zeit? Ist Entspannung für Sie ein Fremdwort? Beine hochlegen, Seele
baumeln lassen, nichts tun... Wie lange können Sie das aushalten? Was
geschieht, wenn Sie nichts tuend innehalten? Was schätzen Sie: Über
welches Ausmaß an physischer und psychischer Kraftreserve verfügen Sie
noch?
Nichtstoffliche Süchte nisten sich schleichend ein und benötigen oft
mehr Zeit, bis sie als solche erkannt werden. Im Gegensatz zu
drogeninduzierten Suchtformen erzeugen sie keine körperliche Abhängigkeit.
Dementsprechend fehlen physischen Entzugssymptome. Nur die Psyche beginnt
zu flattern und verlangt nach der sogenannten nichtstofflichen Droge, die
schwerer zu etikettieren ist. Man kann nicht essen, arbeiten oder
einkaufen. Das Bewusstwerden und Eingeständnis, auf diese Weise süchtig
zu sein, wird durch die Tatsache erschwert, dass sie gleichzeitig als
nichtsüchtiges Verhalten sinnvoller und notwendiger Teil unseres Lebens
sind. Oft ahnt man zuerst unbewusst, dass etwas nicht stimmt, spürt es an
den sozialen Folgen und Auseinandersetzungen, die den jeweiligen
Verhaltensweisen zwangsläufig folgen, weil sie zusätzlich bestehende
Schwierigkeiten verdoppeln, statt sie zu halbieren. Selbstzweifel,
Unzufriedenheit, Hass auf sich selbst, dazu die Last des Geheimnisses, die
Folgen der Sucht formieren sich zum Teufelskreis. Aus Gebrauch und Genuss
wird Missbrauch, gefolgt von Abhängigkeit.
Angenommen, Sie fanden sich irgendwo in einer der o.g. Aufzählungen
wieder. Und angenommen, Sie tragen schon lange diese erdrückenden Last.
Dann sollten Sie an dieser Stelle ein unverbindliches Gedankenspiel wagen.
Stellen Sie sich vor, Sie wachen eines Morgens auf und diese belastende
Sucht wäre verschwunden. Es gäbe sie auf einmal nicht mehr. Woran würde
Ihnen das zuerst auffallen - morgens, wenn Sie aufstehen? Was wäre
anders? Wie viel Zeit stünde Ihnen mehr zur Verfügung, wenn dieser
energiefressende Suchtpartner weg wäre, der sich zum festen und leider
auch berechenbaren Bestandteil Ihres Lebens entwickelte? Was würden Sie
mit der gewonnenen Zeit und Energie tun? Welche scheinbar unlösbaren
Schwierigkeiten, langersehnten Wünsche oder Ziele tauchen auf? Wie viel
Zeit würden Sie sich geben, um Ihre Situation so zu verändern, dass Sie
sich wieder wohlfühlen? Wie viele Vorteile fallen Ihnen ein, angenommen,
Sie würden den Versuch wagen, diesen Teufelskreis zu durchbrechen? Die
nachfolgenden Literaturhinweisen können Ihnen zu mehr Wissen, aber auch
zu mehr Hoffnung verhelfen, dass Veränderung möglich ist. Dabei
professionelle Hilfe zu nutzen, ist kein Ausdruck von Unfähigkeit und
Versagen. Oder bezeichnen Sie sich als unfähig, bloß weil Sie Ihr Auto
zum Mechaniker in die Werkstatt bringen?
Vertiefende
und weiterführende Literatur:
Gerlinghoff
M, Backmund H (2001) Was sind Ess-Störungen? Ein kleines Handbuch
zur Diagnostik, Therapie und Vorbeugung. Beltz.
Gross
W, Dersch B (1995) Was ist das Süchtige an der Sucht? Neuland.
Heide
H (2002) Massenphänomen Arbeitssucht. Atlantik.
Mohr
Catalano E, Sonenberg N (1996) Kaufen, kaufen, kaufen... Wegweiser
für Menschen mit zwanghaftem Kaufverhalten. TRIAS.
Derzeit
leider vergriffen, teilweise gebraucht erhältlich.
Richter
A (2003) Suchtverhalten.
Über
Genuss, Missbrauch und Abhängigkeit. IPSIS
Weitere Literaturhinweise
finden Sie auf unserer Literaturseite
"Abhängigkeiten".