Ein Leben lang wissen wir um ihn. Und doch scheint der Tod nie zur rechten
Zeit zu kommen. Wir werden meist unerwartet mit ihm konfrontiert, wenn wir
erfahren, dass ein uns bekannter oder nahe stehender Mensch plötzlich
nicht mehr lebt. Trennung und Tod gehören zu den schwersten psychischen
Ereignissen, mit denen wir uns auseinandersetzen müssen. Der Umgang mit
dem Tod ist in unserem westlichen Kulturkreis eher ein Umgehen des Themas,
oder anders: ein Todschweigen. Auch wenn wir ihn einerseits täglich in den
Medien in seiner drastischen und oft brutalen Form präsentiert bekommen,
so wird andererseits bei dieser Form der Darstellung die natürliche
Tatsache unserer eigenen Sterblichkeit verdrängt und ausgeklammert. Der
mediale Blick ist abgewendet vom Sterbewesen ‚Mensch’ mit seinem
natürlichen Altern, dem zugehörigen Sterben, das schließlich mit einem
menschenwürdigen Tod enden sollte. Der Fokus öffentlicher Betrachtung
konzentriert sich hauptsächlich auf das Lebewesen ‚Mensch’ mit allen
Vorteilen seiner Jugendlichkeit, der Gesundheit und seiner vitalen
Schönheit. Die Lebenserwartung steht im Vordergrund, nicht der Prozess des
Sterbens.
Da
unterschiedliche Generationen einer Familie nicht mehr unter einem Dach
leben (können), fehlt in unserem Erinnerungsrepertoire – gleichwertig zum
Erlebnis der Geburt eines neuen Menschen – zwangsläufig die Erfahrung des
Sterbens eines Menschen als ein natürlicher Prozess, der zum Leben dazu
gehört. Immer seltener bleibt uns die wichtige Erfahrung vorbehalten, wie
sich ältere Menschen bewusst schrittweise von ihrem Leben verabschieden und
Frieden schließen mit dem Gewesenen. An einem solchen Prozess teilzuhaben,
der mit einem letzten Atemzug endet, und bei dem alle wichtigen Worte gesagt
sind, ist nur wenigen Menschen vorbehalten. Viele alte Menschen sterben
einsam, unbemerkt oder ohne Begleitung. Sie verschwinden aus dem Leben, wie
kurze Zeit später die Erinnerung an sie verschwindet, wenn es keine
nachfolgenden Generationen gibt, die die Erinnerung an diesen Mensch und
sein Lebenswerk aufrechterhalten.
Und
durch das gesellschaftlich bedingte Auseinanderdriften der Familien fehlt in
unserer Erfahrungswelt der natürliche, normal ins Leben integrierte Umgang
mit dem Tod, der auch auf Wunsch als Erfüllung zu kommen vermag und die
Angst vor dem Ende zu nehmen hilft. Der Tod erscheint dadurch vielen
Menschen als Bedrohung, die uns Angst machen kann, die Unruhe, Panik und
Verlorenheit auslöst. Selten erleben wir ihn als Erlösung. Auch wenn man
beim Tod alter Menschen oft geneigt ist zu sagen, sie haben ihr Leben
gelebt, so verbindet sich mit ihrem Tod oft zuerst das Bewusstwerden der
eigenen Endlichkeit und die Klarheit darüber, dass eine Generation geht und
man selbst immer mehr in diese ältere, letzte Generation einer Familie
hineinwächst. Je unerwarteter der harte Schicksalsschlag ‚Tod’ zum Teil des
Lebens für alle Hinterbliebene wird, umso schmerzhafter ist das Gefühl des
Verlustes und der Trauer. Das Unerwartete führt zum Unfassbaren der
absoluten Unumkehrbarkeit dieses Ereignisses. Durch den Tod werden
gemeinsame Geschichten abrupt unterbrochen; manch wichtiges Wort bleibt für
immer ungesagt; offene Dinge sind nicht mehr gemeinsam zu klären.
Phasen der Trauer
Jeder
reagiert in ganz besonderer Weise auf den Tod eines nahe stehenden Menschen
und abhängig davon, welche Geschichte sie miteinander verband. Das
eigentliche Ereignis des Todes bestimmt ebenso die Trauer wie das Alter des
verlorenen Menschen. Frauen trauern anders als Männer. Letztere lenken sich
eher ab, um mit der Härte des Ereignisses fertig zu werden. Trauer ist eine
normale menschliche Reaktion auf einen schwerwiegenden Schicksalsschlag des
Verlustes, die in verschiedenen Phasen verläuft. Das Wissen um diese Phasen
kann Freunden und Hinterbliebenen helfen, Probleme und Schwierigkeiten zu
erkennen, mit denen sich Trauernde auseinandersetzen müssen.
Phase des Schocks
In dieser Phase spürt der Trauernde nach dem Bekannt werden des Todes
einen unsagbaren Schmerz, der ihn lähmt und versteinern lässt. Angehörige
und Freunde haben häufig das Gefühl, dass der Trauernde mit seinen Gedanken
nicht mehr in der Realität anwesend ist. Es ist die Phase, in der jegliche
Vitalität verloren zu gehen scheint, weil man den Verlust des geliebten
Menschen nicht wahrhaben kann und will. Bei einem plötzlichen, dramatischen
oder gewaltsamen Tod verlängert und intensiviert sich die Schockphase
maßgeblich.
Phase der Kontrolle
Der Trauernde ist in dieser Phase damit beschäftigt, durch sein ganz
konkretes Tun all das zu regeln, was mit der Bestattung zusammenhängt. Durch
die aktive Hilfe von Freunden und Angehörigen erhält er Entlastung und
erlebt dadurch eine Art von ‚Schonzeit’, die vom Schmerz ablenken hilft.
Phase der Trauer
Ist die Bestattung vorüber, nehmen die damit verbundenen Kontakte von
anderen Menschen wieder ab; der Trauernde ist auf sich allein gestellt. In
dieser Phase spielt sich die eigentliche Trauer ab, denn der erlittene
Verlust muss verarbeitet werden. Heftige Gefühle wie Schmerz, Schuld, Angst,
aber auch Wut oder quälende Sehnsucht lassen den Trauernden in Intervallen
an nichts anderes mehr denken, als an den erlittenen Verlust. Hilflosigkeit
und Apathie können zu seinem Rückzug führen. Er versucht den Tod zu
verdrängen, lehnt sich gegen die Wirklichkeit auf. Das Leben kommt ihm
sinnlos und leer vor. Er fühlt sich im Stich gelassen. Dennoch zwingen sich
viele Trauernde zu einem ‚normalen’ Verhalten, da sie nach einer gewissen
Zeit die Erwartung ihrer Umgebung spüren, doch endlich wieder ‚zur
Tagesordnung’ übergehen zu müssen. Schrittweise wird der Hinterbliebene
wieder von der Realität eingeholt, so dass er den Verlust langsam
akzeptieren lernt - wenn auch oft mit sehr widersprüchlichen Gefühlen. Trotz
allen Schmerzes entdeckt er, dass ein Leben ohne den Verstorbenen möglich
ist bzw. dass es irgendwie weiter geht. Idealerweise findet der Trauernde
erneut Anschluss und erlebt in und durch alte Beziehungen etwas Neues und
Anderes.
Freunde und Familienmitglieder stehen bei dramatischen Todesfällen oft vor
der Situation, dass sie sich fragen, wie sie am hilfreichsten den Prozess
des Trauerns unterstützen können. Auch wenn Sprüche wie z.B. „Die Zeit heilt
alle Wunden.“ und „Das Leben geht weiter.“ rational völlig richtig
erscheinen, verletzen sie den Trauernden oft mehr, als dass sie sein Leid
lindern helfen. Auch Ratschläge und Appelle – sich zum Beispiel wieder ins
Leben zu stürzen, etwas zu unternehmen usw. – wirken in dieser Situation auf
den Trauernden eher erschlagend und zusätzlich schmerzhaft. Es erscheint
wenig ratsam, dem Trauernden seine Trauer nehmen zu wollen, indem man ihn
abzulenken versucht und eine mögliche Welle seines Schmerzes ignoriert.
Besonders bei jüngeren Betroffenen, aber auch bei Menschen im höheren Alter
sollte man nie seine ganz persönlichen Maßstäbe zum Umgang mit einem Verlust
anlegen. Denn der Trauerprozess ist etwas sehr Individuelles und schwer
festlegbar. Die Intensität und Dauer dieses Prozesses wird auch bestimmt
durch die Nähe, die zwischen dem Trauernden und dem verstorbenen Menschen
bestand.
Trauerarbeit
Der
eher abstrakte Begriff ‚Trauerarbeit’ bezeichnet den Abschnitt, in dem der
Trauernde versucht, den Tod eines nahe stehenden Menschen zu verwinden. Es
ist keine körperliche oder äußere Arbeit, sondern eine Arbeit und
Auseinandersetzung mit der eigenen Seele, um den Verlust einzuordnen.
Niemand muss, aber jeder kann Trauerarbeit leisten. Nicht verarbeitete
Trauer kann sich rächen, indem sie an ungewollter Stelle und völlig
unberechenbar in Erscheinung tritt. Im Zeitraum der Trauerarbeit wird
versucht, das Besondere und Geliebte des Verstorbenen in die eigene Person
zu integrieren und ihm sozusagen nach seiner physischen Bestattung einen
Platz im eigenen Herzen zu geben. Dazu gehört das ungehemmte Weinen dürfen,
wie auch die Erinnerung an den Verstorbenen, um ihm gedanklich nah sein zu
können. Gefühle wie Wut darüber, dass man allein zurückgelassen wurde,
benötigen ebenso ihren Raum. In den meisten Fällen stehen Familie und
Freunde den Trauernden zur Seite. Viele Menschen finden Halt und
Unterstützung in ihrem Glauben. Fehlen solche Möglichkeiten, so sollte die
Scham, Hilfe in Form von psychotherapeutischer Trauerbegleitung in Anspruch
zu nehmen, überwunden werden. Denn hat der Verstorbene seine Ruhestätte in
uns gefunden, sinkt der physische und psychische Stress des Trauererlebens.
Dann kann durch die Trauerarbeit eine persönliche und soziale Beruhigung des
beunruhigenden Ereignisses Tod erreicht werden.
Vertiefende
und weiterführende Literatur
Kast V (2000) Sich einlassen und loslassen. Herder Verlag
Wolf D (2000) Einen geliebten Menschen verlieren – Vom schmerzlichen Umgang
mit der Trauer. PAL Verlag