Übersicht
1.
Einleitung
2. Das
Unfassbare erleben
3. Massive Erschütterung des Selbst- und Weltverständnisses
4. Die
häufigsten psychischen Symptome traumatisierter Menschen
5. Die Überwindung des Traumas: das Unbegreifliche begreifen, das
Namenlose benennen
6. Wo
kann ich Hilfe bekommen?
Vertiefende
und weiterführende Literatur
Das Attentat auf die USA
am 11. September 2001, bei dem ein erheblicher Teil der amerikanischen Bevölkerung
nachhaltig traumatisiert wurde, und andere Katastrophen wie Flugzeug-,
Schiffs- und Zugunglücke schrecken uns auf und machen uns betroffen.
Gleiches gilt für Naturkatastrophen wie Hochwasser, Erdbeben und
Vulkanausbrüche. Dank einer verbesserten wissenschaftlichen Aufklärung
über die Folgen von traumatischen Erlebnissen werden heute in der Regel
die Überlebenden, die Angehörigen der Opfer und die Katastrophenhelfer
psychologisch betreut.
Psychisches Trauma meint dabei eine seelische
Verletzung, die durch ein Ereignis hervorgerufen wurde, das zu heftig und
zu unvorstellbar war, als dass es psychisch hätte eingeordnet und
verarbeitet werden können. Traumata ereignen sich jedoch nicht nur auf
spektakuläre Art und Weise, sondern auch und gerade im Alltag wie z. B.
schwere Verkehrsunfälle oder Gewalttaten. Traumatisierungen durch
Vergewaltigungen, sexuellen Missbrauch oder Folter geschehen darüber
hinaus im Verborgenen und Geheimen. Die Betroffenen erfahren ihr Erlebnis
als ihr persönliches, privates Schicksal. Sie fühlen sich von ihrer
Umwelt unverstanden und mit der Bewältigung ihres Traumas alleine
gelassen. Oft wissen sie nicht, wie und wo sie sich Hilfe holen können.
Dieser Artikel wendet sich in erster Linie an
Traumabetroffene, die sich eine Unterstützung bei der Verarbeitung ihres
Erlebnisses wünschen. Es wird versucht, Ihnen zu einem besseren Verständnis
der traumabedingten Veränderungen in ihrem Erleben und Verhalten zu
verhelfen. Hierbei geht es grundsätzlich darum, das eigene Verhalten,
psychische Beschwerden und Symptome als eine normale Reaktion auf ein außergewöhnlich
belastendes Ereignis zu betrachten: nicht Sie, als Betroffener sind
„verrückt“ geworden, sondern die Lebenssituation, in der Sie sich
befanden. Diese Einsicht ersetzt zwar keine Psychotherapie, sie kann aber
ein erster Schritt aus der inneren und äußeren Isolation und damit zur
Selbstheilung sein.
Alle übrigen Interessierten, insbesondere Angehörige,
Freunde und Bekannte von Traumabetroffenen sind natürlich ebenfalls
herzlich eingeladen, die folgenden Seiten zu lesen. Denn nicht zuletzt
bildet ein verständnisvolles soziales Umfeld einen sehr wichtigen Unterstützungsfaktor
im Heilungsprozess traumatisierter Menschen.
2.
Das
Unfassbare erleben
Die Überschrift dieses Abschnittes benennt bereits
den Kern der traumatischen Situation. Es handelt sich dabei um ein
Paradoxon: wir können Dinge, die wir „nicht fassen können“ auch
nicht wirklich erleben. Sie überfluten uns, ohne dass wir eine Möglichkeit
hätten, sie mit unserem bisherigen Kenntnis- und Erfahrungsschatz in
Einklang bringen zu können. Das hat zur Folge, dass wir in dem Moment, in
dem sich das Trauma ereignet und wir aus existentiellen Gründen dringend
wirksam handeln müssten, genau hierzu außerstande sind. Das Messer sitzt
uns an der Kehle. Wir möchten uns befreien, davonlaufen, Hilfe holen und
können doch nichts tun. Alle Versuche, uns aus der lebensbedrohlichen
Situation zu retten, sind vergeblich. Insofern lässt sich ein Trauma -
etwas nüchtern ausgedrückt - als eine „unterbrochene Handlung“
verstehen. Unser gesamter Organismus ist in Alarmbereitschaft versetzt und
dennoch sind wir äußerlich „wie erstarrt“. Wir können weder kämpfen
noch fliehen, fühlen uns absolut macht- und hilflos und dem Geschehen
vollkommen ausgeliefert.
Aufgrund dieser äußerlichen Unabwendbarkeit der
Ereignisse versuchen sich viele Menschen zu schützen, indem sie sich auf
einer inneren Ebene distanzieren. Die traumatische Situation erscheint
ihnen dann unwirklich, wie ein Film oder böser Traum, aus dem man nur
aufwachen muss, damit es vorbei ist. Manche haben sogar das Gefühl, über
dem Geschehen zu schweben und sich selbst von außen zu betrachten. „Das
bin ja gar nicht ich, dem das passiert.“ Oder es werden Teile des
eigenen Körpers nicht mehr als zu sich selbst dazugehörig empfunden bis
hin zu dem Phänomen, dass körperliche Schmerzen überhaupt nicht mehr
wahrgenommen werden.
Zusätzlich zu diesen
Unwirklichkeitsgefühlen verändert sich häufig auch das Zeitempfinden:
Sekunden werden im Erleben zu Minuten, Minuten zu Stunden. Im Nachhinein können
Traumabetroffene daher oft keine genauen Zeitangaben zu dem Geschehen
machen. Und es kann sein, dass Einzelheiten des Geschehens überdeutlich
erlebt werden, wie z. B. ein bestimmter Geruch, ein Geräusch oder ein Körperdetail
eines Täters.
Unmittelbar nach dem Ereignis befinden sich die meisten
Traumatisierten in einem Schockzustand. Dieser kann eine Stunde, aber auch
eine ganze Woche dauern. In dieser Zeit herrschen Verwirrtheit,
Desorientierung, Gedächtnislücken und Gefühle von Irrealität vor.
Manche handeln wie automatisiert, andere sind hingegen zu keiner Handlung
mehr in der Lage. In dieser Phase sind in der Regel medizinische Maßnahmen
zur Kreislaufstabilisierung und Beruhigung angezeigt.
3.
Massive Erschütterung des Selbst- und Weltverständnisses
Wenn
die anfängliche Schockphase überwunden ist, fällt es vielen
Traumatisierten noch immer schwer zu begreifen, was geschehen ist. Wie im
letzten Abschnitt dargestellt, besteht das Wesen des traumatischen
Ereignisses darin, dass es außerhalb unseres bisherigen Verständnisses
von uns selbst und der Welt liegt. Häufig lässt es sich nicht in Worte
fassen, will „einfach nicht in unseren Kopf hinein“. Viele haben das
Gefühl von ihrem bisherigen Leben wie abgeschnitten zu sein, nichts
erscheint ihnen mehr so wie es vorher war. Sie sind von den Erlebnissen
vollkommen in Anspruch genommen, leiden oft unter starken Selbstzweifeln,
Gefühlen der Hoffnungslosigkeit und Ohnmacht. Zutiefst erschüttert wurde
das Vertrauen in die eigene Handlungsfähigkeit und der Glaube an eine
kontrollierbare Welt, in der wir uns grundsätzlich sicher fühlen können.
Zusätzlich zu dieser tiefgreifenden Verunsicherung herrschen zumeist Gefühle
von Trauer und Wut vor. Trauer über den Verlust der eigenen seelischen
und körperlichen Unversehrtheit und Wut darüber, dass ihnen dieses
schreckliche Ereignis widerfahren ist. Häufig stellen sich
Traumabetroffene Fragen nach dem Sinn des Geschehens: „Warum jetzt,
warum gerade ich?“
Um ihr Sicherheitsgefühl
wiederherzustellen, beschäftigen sie sich immer und immer wieder mit der
quälenden Frage, ob und wie das furchtbare Geschehen vermeidbar gewesen wäre.
Einige machen sich Vorwürfe, dass sie sich während der Situation
„nicht richtig“ verhalten hätten. So können sie beispielsweise
aufgrund der veränderten Zeitwahrnehmung davon überzeugt sein, dass sie
viel mehr zum eigenen Schutz hätten tun können, als objektiv gesehen überhaupt
Zeit dazu vorhanden war. Auch können sie der Ansicht sein, dass sie das
Eintreten des Ereignisses hätten vorhersehen müssen: „Ich hätte doch
ahnen müssen, dass er ein Messer in der Tasche hat.“ Warum? Nur weil
sie diese Erfahrung schließlich machen mussten, aber nicht, weil irgend
etwas zuvor darauf hingedeutet hätte. Getreu nach dem Motto „Im
Nachhinein ist man immer klüger.“ darf hier nicht vergessen werden,
dass wir im Rückblick über Informationen verfügen, die wir während der
Situation noch gar nicht haben konnten.
Manchmal fördern Reaktionen aus dem sozialen Umfeld
derartige Selbstvorwürfe wie z. B. „Man fährt ja auch nicht nachts mit
der Straßenbahn.“ oder „Das musste ihr ja eines Tages passieren.“
Solche Kommentare sind als Abwehrformen zu verstehen, d. h. auf diese
Weise versuchen wir Menschen das Unheil, das jedem widerfahren kann, von
uns selbst fern zu halten.
Oft
wird schließlich auf der Grundlage unberechtigter Selbstbeschuldigungen
das Zustandekommen des traumatischen Geschehens erklärt: „Das ist mir
nur passiert, weil ich so vertrauensselig war.“ Und auf dieser Basis
werden dann Verhinderungsstrategien für die Zukunft entworfen: „Ich
muss also meinen Mitmenschen gegenüber misstrauischer werden, um eine
Wiederholung zu verhindern.“ Es widerspricht grundsätzlich unserem
lebensnotwendigen Sicherheitsgefühl zu akzeptieren, dass es Ereignisse im
Leben gibt, die nicht vorhersehbar sind, keinerlei Handlungsspielraum eröffnen
und denen wir somit hilflos ausgeliefert sind. Trotz aller Selbstbelastung
fällt es einigen Menschen daher letztendlich leichter, mit Schuldgefühlen
zu leben als in einer Welt, in der sich unfassbare, unausweichliche Dinge
ereignen.
4.
Die
häufigsten psychischen Symptome traumatisierter Menschen
Während der sogenannten
„Einwirkungsphase“ (Fischer, Riedesser, 1999), die bis zu vier Wochen
nach einem traumatischen Ereignis andauern kann, leiden die meisten
Menschen unter folgenden veränderten Erlebens- u. Verhaltensweisen
(Symptomen):
1.
Wiederkehrende, plötzliche Erinnerungen an das Ereignis in sog.
„flash-backs“, in denen Szenen des traumatischen Geschehens so
wiedererlebt werden, als würden sie sich in dem Moment ereignen und/oder
Alpträume von dem Geschehen. Manchmal tauchen auch nur Bruchstücke aus
der traumatischen Situation auf wie z. B. ein bestimmter Geruch oder eine
bestimmte Köperempfindung.
2.
Vermeiden von Orten und Aktivitäten, die an das Trauma erinnern
oder erinnern könnten, wie z. B. Unterführungen oder Straßenbahn fahren
nach einem Raubüberfall, der sich in einer U-Bahnstation ereignet hat.
Bewusstes Vermeiden von Gesprächen, Gedanken und Gefühlen, die mit dem
Trauma in Verbindung stehen.
3.
Symptome von Angst und gesteigerter Erregbarkeit. Hierzu gehören
Schlafstörungen wie Ein- oder Durchschlafschwierigkeiten, erhöhte
Reizbarkeit und unkontrollierte Wutausbrüche.
Konzentrationsschwierigkeiten, übermäßige Wachsamkeit und
Schreckhaftigkeit. Der Körper befindet sich noch immer in erhöhter
Alarmbereitschaft, alle Sinne sind aufs Äußerste gespannt.
Die traumabedingten Veränderungen
aus diesen drei Bereichen bilden zusammen das Störungsbild „Akute
Belastungsreaktion“ (Diagnostische Kriterien des „Diagnostisch
Statistischen Manual“ der American Psychiatric Association (DSM IV)).
Erst wenn diese Symptome länger als einen Monat fortbestehen, werden sie
als eine „Posttraumatische Belastungsstörung“ (PTSD) diagnostiziert.
Die ängstliche Vermeidungshaltung kann sich hier immer weiter
ausgebreitet haben, und soziale Rückzugstendenzen können sich verstärkt
haben: angefangen von einer allgemein verminderten Teilnahme an wichtigen
Aktivitäten bis hin zu Gefühlen der Losgelöstheit und Entfremdung von
anderen. Eigene Gefühle werden häufig nur noch in einer eingeschränkten
Bandbreite erfahren. Andauernde Erregungszustände führen am Ende zu körperlichen
und seelischen Erschöpfungen. Die Zukunftserwartungen sind in der Regel
negativ und von Hoffnungslosigkeit geprägt.
Je nach Art und Schwere der
Traumatisierung können weitere gravierende Veränderungen im Erleben und
Verhalten hinzukommen bzw. andere Störungsbilder entstehen. Schwere, frühkindliche
Schädigungen können beispielsweise dissoziative Identitätsstörungen
(„Multiple Persönlichkeitsstörung“) und Borderline-Persönlichkeitsstörungen
zur Folge haben. Da es im Rahmen dieses Artikels zu weit führen würde,
diese Zusammenhänge genauer darzustellen, soll hier lediglich auf sie
hingewiesen werden.
5.
Die
Überwindung des Traumas: das Unbegreifliche begreifen, das Namenlose
benennen
Eine akute
Belastungsreaktion muss nicht zwangsläufig in eine posttraumatische
Belastungsstörung übergehen. Vielmehr können die Symptome im Zeitraum
der ersten zwei bis vier Wochen allmählich zurückgehen und schließlich
- auch ohne psychotherapeutische Hilfe - ganz verschwinden. Wie eingangs
erwähnt, lassen sich die Symptome als eine normale Reaktion auf ein außergewöhnlich
belastendes Ereignis verstehen. Darüber hinaus sind sie ein wichtiger
Bestandteil eines „natürlichen Selbstheilungsprozesses“ (Fischer,
Riedesser 1999). Da es das Wesen einer traumatischen Erfahrung ist, dass sie in
dem Moment, in dem sie sich ereignet, nicht in unser Verständnis von uns
selbst und unsere Sicht der Welt integriert werden kann, bedarf sie der
nachträglichen Bearbeitung. Die traumatische Erfahrung als
„unvollendete Handlung“ drängt danach so lange in unser Bewusstsein,
bis sie „abgearbeitet“ und „erledigt“ ist. Für den Verlauf dieses
Bearbeitungsprozesses ist es charakteristisch, dass sich Phasen der
Verleugnung und Vermeidung mit Phasen von eindringlichen
Wiedererinnerungen abwechseln (vgl.
Horowitz 1974). Das bedeutet, dass wir auf der einen Seite
versuchen uns zu beruhigen, zu vergessen und den normalen Alltag wieder
aufzunehmen. Auf der anderen Seite spüren wir aber, dass wir uns noch
immer mit dem traumatischen Geschehen beschäftigen müssen. Die Symptome
„helfen“ schließlich zu erkennen, ob die Traumaverarbeitung als
abgeschlossen betrachtet werden kann oder ob noch Reste in unser Selbst-
und Weltverständnis eingearbeitet werden müssen.
Das Ziel einer nachträglichen
Bearbeitung einer traumatischen Erfahrung ist eine realistische und vollständige
Rekonstruktion der Ereignisse: aus dem Schrecken, das sich nicht in Worte
fassen lässt, soll eine erzählbare Geschichte werden. Wie andere
Erinnerungen auch, soll sie willentlich abgerufen werden können, aber sie
soll nicht länger unser Leben bestimmen.
Das Trauma überwinden
bedeutet auch, dass wir unsere Annahmen von uns selbst und der Welt so
umarbeiten müssen, dass die Erfahrung darin einen Platz hat. Ein
traumatisches Ereignis veranlasst uns also häufig dazu, das eigene Leben
komplett neu zu überdenken. Konstruktionen wie „Ich habe gemerkt, dass
ich mich auf Unsicherheiten einstellen und mit ihnen leben kann, also kann
ich mich wieder sicher fühlen.“ können die Grundlage eines erweiterten
Lebensentwurfes bilden.
Damit der
Verarbeitungsprozess allmählich von der „Einwirkungsphase“ in eine
„Erholungsphase“ übergehen kann, benötigen Traumabetroffene in
erster Linie Ruhe und eine Umgebung in der sie sich grundsätzlich sicher
fühlen können. Ebenso wie körperliche Wunden brauchen seelische Wunden
Zeit und die richtige Pflege, um zu heilen. Hierbei kann ein verständnisvolles
soziales Umfeld von zentraler Bedeutung sein. Traumatisierte sollten
jedoch nicht davor zurückschrecken, weitere „Hilfe zur Selbsthilfe“
in Anspruch zu nehmen. Dieser Rat gilt in besonderer Weise, wenn nach ca.
vier Wochen keine deutliche Besserung der Symptomatik zu verzeichnen ist.
Das kann z. B. an besonders schwerwiegenden seelischen und/oder körperlichen
Verletzungen liegen oder an weiteren Belastungen in der ersten Zeit nach
einem traumatischen Erlebnis. Dann ist davon auszugehen, dass der „natürliche
Heilungsprozess“ behindert ist und zu befürchten, dass er einen
chronischen Verlauf nimmt.
6.
Wo
kann ich Hilfe bekommen?
Eine gute und übersichtliche Zusammenstellung aller
Beratungsstellen in Deutschland zu unterschiedlichen Themenbereichen
finden Sie in dem Beratungsführer der „Deutschen Arbeitsgemeinschaft für
Jugend- und Eheberatung“ (DAJEB), Neumarkter Str. 84 c, 81673 München,
Tel. 089/4361091 oder im Internet unter der Adresse: http://www.dajeb.de.
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