Wer
schon mal mit dem Problem „Übergewicht“ zu tun hatte, weiß wie mühselig
sich der Kampf gestaltet. Die meisten Diät-Kuren werden lange vor dem
Erreichen des Wunschgewichtes abgebrochen. Viele ziehen sogar den
„Jojo-Effekt“ nach sich: nach längerer Fastenzeit greift man bei dem einen
oder anderen Leckerbissen besonders gern zu und bald zeigt die Waage
wieder das alte Gewicht an. Häufig kommt man auch darüber. Wer diesen
Kreis schon mehrmals durchgemacht hat, fragt sich eines Tages, ob
dauerhafte Gewichtsreduktion überhaupt möglich ist. Man hat das Gefühl,
gegen sich selbst und den eigenen Körper anzukämpfen. Ein Grund dafür:
Unser Verstand entscheidet nicht allein darüber, was und wie viel wir
essen. Es gibt mehrere Instanzen in unserem Kopf, die in dieser Frage
mitbestimmen. Eines ist das „primäre Hungergefühl“. Dieses entsteht, wenn
der Magen leer ist und im Blut kaum noch Energiestoffe vorhanden sind. Wer
sich durch dieses Gefühl leiten lässt, leidet selten an Übergewicht.
Häufig lassen wir uns jedoch von unserer Umwelt zum Essen verführen. Der
angenehme Essensgeruch oder übertrieben freundliche Gastgeber sorgen
manchmal dafür, dass wir mehr essen als sinnvoll wäre. Ähnliche Gefahren
bergen in sich auch Situationen, in denen wir gewohnt sind zu essen. Wer
die traditionelle „Kaffeepause“ am Nachmittag einhält, bekommt zu dieser
Zeit zwangsläufig Heißhunger auf Süßes, egal wie der Energiehaushalt
seines Körpers in diesem Moment aussieht. Für viele andere ist das Essen
an eine bestimmte Umgebung geknüpft, wie das gemütliche Knabbern vor dem
Fernseher. Häufig wird der Essensgenuss als Ausgleich für emotionale
Schwankungen eingesetzt. Viele setzen den Gang zum Kühlschrank als Mittel
gegen Langeweile oder Einsamkeit ein. Das wirkt so, als würden sie
versuchen, sich voll zu stopfen, weil sie sich emotional so leer fühlen.
Wenn man die Entwicklung des Übergewichtes beobachtet, fällt immer wieder
auf, dass Zeiten, in denen langjährige Verpflichtungen weg fallen,
besonders kritisch sind. Der Auszug der Kinder, Übergang in die Rente oder
Arbeitslosigkeit, gehen häufig mit einem rapiden Anstieg des
Körpergewichtes einher.
Gibt es
Menschentypen, die besonders zu Übergewicht neigen? Statistisch lässt sich
diese Frage nicht eindeutig beantworten. Psychotherapeuten, die lange Zeit
mit Übergewichtigen arbeiten, berichten jedoch, dass ihre Patienten oft von
der Angst geplagt sind, ihre geliebten Menschen zu verlieren. Viele trennen
sich nie vollständig von ihrem Elternhaus. Manchmal hat man den Eindruck,
als würden sie lieber ihren Bewegungsfreiraum aufgeben, um dafür die sichere
Umgebung zu behalten. Ob diese unbewusst gewählte Unbeweglichkeit auch das
körperliche Bild bestimmt? Ein starkes Bedürfnis nach Harmonie und die Angst
vor Auseinandersetzungen runden dieses Bild ab. Bei Interessenkonflikten
neigen die Betroffenen dazu, sich anzupassen und Ärger herunterzuschlucken.
Auch das „Herunterschlucken“ wird oft als vermehrtes Essen umgesetzt. Daran
können vorgefertigte Diäten, welche sich überwiegend an Essensvorschriften
orientieren, nur sehr wenig ändern. Vielmehr sind individuelle Lösungen
gefragt, welche die individuellen Besonderheiten der Betroffenen
berücksichtigen.
In welchen
Situationen esse ich zu viel? Warum passiert mir das? Ist gutes Essen für
mich zum Synonym der Lebensfreude geworden? Bringt das Essen bestimmte
Vorteile mit sich? Und wie kann ich diese Vorteile vom Essen abkoppeln? Es
ist sinnvoll, diese Fragen vor dem Anfang einer Diät zu beantworten. Ein
gutes Beispiel dafür wäre die Kuchenpause am Nachmittag. Wer im Rahmen eines
Diätplans von Heute auf Morgen auf diese verzichtet, streicht nicht nur ein
paar überflüssige Kalorien aus seinem Tagesablauf, auch das gemütliche
Sitzen fällt weg; auch die gewohnte Gesprächsrunde oder andere angenehme
Sachen, die dazu gehören. Je stärker die Umstellung, je strenger deren
Bedingungen, umso schwerer wird es dem Betroffenen fallen, diese ins Leben
umzusetzen. Der Rückfall an einem stressigen Tag, „an dem man sich doch auch
mal was gönnen muss“ ist vorprogrammiert. Verzichtet man jedoch nur auf den
Kuchen und führt eine Obstpause ein, sind die Chancen auf Erfolg viel
größer. Ähnliche Effekte wirken auch in der Fernseh-Ess-Situation. Gut
beraten sind diejenigen, die sich vor dem Anfang einer Diät-Kur einen
kalorienarmen Ersatz für solche Situationen überlegen. Gut geeignet sind
Obst und Gemüse, Tees, Mineralwasser oder Kaugummi.
Eine
weitere Falle bei den traditionellen Diät-Kuren besteht darin, dass sie sich
an die Angaben der Waage knüpfen und ausschließlich als Abnahmekuren
präsentieren. Stellt sich der erwünschte Erfolg schnell ein, neigen viele
der Betroffenen dazu, sich mehr zu „gönnen“, „weil man bis jetzt so gut
durchgehalten hat“, damit werden die positiven Ergebnisse der ersten Wochen
meistens zunichte gemacht. Braucht der Körper länger, bis die ersten Erfolge
bemerkbar werden, kann auch dies ein Grund für den Abbruch der Kur sein. Man
hat das Gefühl, dass die Diät nichts bringt. Spätestens jedoch wenn das
gewünschte Gewicht erreicht ist, gilt die Kur als abgeschlossen und der
Betroffene ist der Meinung zu seiner gewohnten Ernährung zurückkehren zu
dürfen. Oft beginnt die Rückkehr, indem man feststellt, dass „kleine Sünden“
sich nicht sofort am Gewicht bemerkbar machen. Es folgt der Fehlschluss,
diese „machen nichts aus“. Der langsame Gewichtsanstieg wird dagegen als
Katastrophe empfunden und sorgt nicht selten dafür, dass sämtliche
Anstrengungen aufgegeben werden. Wer sich übermäßig an der Gewichtsreduktion
orientiert, neigt außerdem zum „Energiebilanz-Denken“. „Es ist nicht
schlimm, dass ich heute etwas mehr esse, dafür esse ich morgen weniger.“
Auch diese Rechnung geht selten auf. Die rasche Abfolge von Sündigen- und
Fastentagen destabilisiert den Energiehaushalt im Körper. Nun werden noch
mehr Pölsterchen gebildet, denn es gibt offensichtlich mal mehr mal weniger
Nahrung.
Wer all
diese Effekte vermeiden will, sollte nicht die Gewichtsabnahme, sondern eine
dauerhafte Umstellung der Ernährung zu seinem Ziel machen. Der Erfolg
wird dabei nicht an der Waage kontrolliert, sondern abends, indem man
durchgeht, was man alles gegessen und getrunken hat. Für den Erfolg dieses
Unterfangens ist es sehr wichtig, dieses Ziel nicht nur unserem Verstand,
sondern auch unserem Unbewussten schmackhaft zu machen. Und dieses
orientiert sich am Genuss. Daher beschäftigt man sich lieber weniger mit der
Frage, worauf man ab sofort verzichten muss, sondern schaut sich nach
interessanten Möglichkeiten um, welche in das neue Lebenskonzept passen.
Neue kalorienarme Rezepte und Produkte ausprobieren, neue Aktivitäten
planen, um Langeweile zu vermeiden, sich überlegen, was man sich anstelle
vom Essen gönnen will. Eine derartige Einstellung bewirkt in vielen Fällen
mehr als ein strenger Essensplan. Weniger geeignet sind dagegen äußere
Anreize, wie Wetten. Spätestens nach dem Ablauf der Wette kommt meistens das
große Festessen zustande, bei dem all die Erfolge wieder zunichte gemacht
werden. Zu lange hat man sich nun gedanklich mit verbotenen Speisen
beschäftigt, zu stark ist dadurch das Verlangen geworden. Mindestens genau
so gefährlich sind Versuche von den uns nahe stehenden Menschen, unser Essen
zu überwachen und in Grenzen zu halten. Was damit erreicht wird, ist eine
bewusste oder unbewusste Trotzreaktion. Häufig fangen die Betroffenen
dadurch an, heimlich zu essen. Die Portionen werden dadurch meistens nicht
kleiner sondern größer. Der beste Weg, dieser Art von Druck zu entkommen,
liegt darin, das Problem offen anzusprechen. „Wenn du mich jedes Mal so beim
Essen anschaust, muss ich aus Trotz immer wieder Nachschlag holen.“ Ähnliche
Auswirkungen haben meistens die guten Vorsätze, nie wieder etwas zu essen
oder nie wieder rückfällig zu werden. Die Ausrutscher sind bei einem
Diät-Plan unvermeidlich. Es ist daher besser, ihnen von Anfang an einen
gewissen Platz einzuräumen. Ansonsten wirken sie wie ein Dammbruch. „Ich
wollte nie von dem Diät-Plan abweichen. Nun ist es passiert und jetzt ist
alles egal. Ich habe das sowieso nicht durchgehalten“, sagt uns die innere
Stimme, und die Diät wird ganz aufgegeben, obwohl sie nach einem Ausrutscher
genau so sinnvoll ist wie vorher. Wichtig ist nur, diese Art von Toleranz
nicht als Schlupfloch zu benutzen, um langsam wieder zum gewohnten
Essensrhythmus zurück zu kehren. Erfolgskontrollen, bei denen man abends
aufschreibt oder gedanklich durchgeht, was man am Tage alles gegessen hat,
sind daher zu empfehlen. Und die Waage? Diese darf man zur gelegentlichen
Kontrolle einsetzen. Wenn sich die Ernährung geändert hat, wird auch sie
bald ihre Angaben ändern. Man darf nur nicht zu viel erwarten. Überzogene
und rigide definierte Ziele von der Art „bis zum nächsten Monat nehme ich 10
Kilo ab“ sind der verlässlichste Weg, eine erfolglose Diät-Kur zu beginnen.
Vertiefende
und weiterführende Literatur:
Jung M (2005) Über Gewicht. Der Kampf mit dem eigenen Körper.
Emu-Verlag
Petermann F, Pudel V (2003) Übergewicht und Adipositas. Hogrefe
Pudel V (2003) Adipositas. Hogrefe
Tuschhoff T (1996). Mit Bauch und Kopf. Therapiemanual zur
gruppentherapeutischen Behandlung von Adipositas in der stationären
Rehabilitation. DGVT-Verlag