Psychotherapeut und Patient – zwei Menschen im Gespräch. Der eine berichtet
über seine Schwierigkeiten, der andere hört zu, sucht nach Wurzeln und
Lösungswegen. Kann diese Art von Begegnungen wirklich heilen? Vor allem wenn
es um ernsthafte emotionale Probleme geht, fällt es uns immer wieder schwer,
das zu glauben. Sollen Panikattacken oder chronische Schmerzen auf diesem
Weg wirklich verschwinden? Oder anders gefragt:
Sind die Psychotherapien
überhaupt wirksam?
Diese
Frage wurde relativ spät zum Gegenstand der öffentlichen Diskussion. In den
1960er Jahren gab es die ersten wissenschaftlich-statistisch ausgelegten
Studien dazu. Zu diesem Zeitpunkt blickte die Psychoanalyse auf mehr als ein
halbes Jahrhundert Behandlungserfahrungen und eigene Forschung zurück. Diese
Forschung basierte jedoch auf so genannte Fallgeschichten. Die
Psychotherapeuten wurden angehalten, den Verlauf ihrer Behandlungen genau zu
dokumentieren. Besonders interessante Fälle veröffentlichte man nach
Rücksprache mit dem Patienten unter einem fiktiven Namen. Die Leser durften
hautnah miterleben, wie die Neurosen und Ängste im Laufe der Therapie
verschwanden, wie die Patienten ihren Lebensmut aufs Neue entdeckten und ihr
Leben ohne Krankheit aufbauten.
Diese
Geschichten wirken überzeugend. Für einen Skeptiker liefern sie jedoch
keinen Beweis für die Wirksamkeit der Psychotherapie. Wie wollen ihre
Verfasser auch beweisen, dass positive Veränderungen wirklich durch die
Behandlung hervorgerufen wurden? Wären vielleicht die Symptome im Laufe der
Zeit auch von selbst verschwunden? Solche „spontanen“, unerklärlichen
Besserungen gibt es immer wieder. Ob dieser Effekt das Geheimnis des
psychotherapeutischen Erfolges ist? Um das herauszufinden, verglich man die
Gruppen von Patienten, die sich in einer psychotherapeutischen Behandlung
befanden, mit denen, die auf ihre Behandlung noch warten mussten. Ob die
belastenden Symptome im Rahmen einer Behandlung häufiger verschwinden als in
dieser so genannten Kontrollgruppe? Diese Frage musste in vielen Studien mit
„ja“ beantwortet werden. Weder der Faktor „Zeit“ noch eine Betreuung durch
einen engagierten Laien konnte eine Psychotherapie ersetzen.
Aber was meinen wir eigentlich, wenn wir von der „Psychotherapie“ sprechen?
Es gibt sehr viele unterschiedliche Schulen im Rahmen der Psychotherapie.
Verhaltenstherapie, Gesprächspsychotherapie und Psychoanalyse sind drei
bekannte Vertreter. Wenn es schon um handfeste Behandlungserfolge geht,
stellt sich schnell die Frage:
Welche der
psychotherapeutischen Schulen ist am erfolgreichsten?
Auch diese Frage wurde zum Gegenstand der Forschung. Doch die ersten
Ergebnisse fielen überraschend aus. Statistisch gesehen gab es keinen
eindeutigen Favoriten. Ob der Psychotherapeut sein Augenmerk auf die
Lebensgeschichte seiner Patienten oder auf ihr Verhalten richtete, die
Behandlungserfolge waren ungefähr gleich. In manchen Studien hatte die
Verhaltenstherapie die Nase vorn, gefolgt von Gesprächspsychotherapie und
dann der Psychoanalyse. Gleichzeitig stellte man jedoch immer wieder fest,
dass sich insgesamt eher „leichtere“ Fälle in der verhaltenstherapeutischen
Behandlung befinden. Und so war der Vorsprung wieder relativiert.
Wie kann es sein, dass auf so unterschiedlichen Wegen, derartig ähnliche
Ergebnisse erzielt werden? Im Vergleich unterschiedlicher Therapien kam man
zu dem Ergebnis, dass das Kernstück der Behandlung immer dasselbe ist. Es
gibt drei Faktoren, die im Rahmen jeder Therapie wirken:
Das Lernen auf diesen drei Ebenen scheint den Erfolg einer
psychotherapeutischen Behandlung auszumachen. Dieses Lernen kann sehr
unterschiedliche Formen annehmen, im Rahmen von Gruppen- oder Einzeltherapie
stattfinden, es bleibt aber immer ein Kernstück einer Psychotherapie.
In ihrer Grundlage sind sich unterschiedliche psychotherapeutische Schulen
also recht ähnlich. Wer sich aber für eine Behandlung entscheidet, steht
trotzdem eines Tages vor der Frage:
Welche Art Psychotherapie
ist für mich am Besten?
Hier bringt uns das eigene Bauchgefühl oft weiter als statistische
Auswertungen, denn unser Charakter, unsere Vorgeschichte und unsere
Erwartungen entscheiden darüber, welche der Schulen für uns am Besten sein
wird. Psychoanalytische Behandlungen kommen bei introvertierten Menschen gut
an; bei denen, die etwas unsicher sind und leicht in Selbstzweifel geraten.
Auch diejenigen Patienten, die gewohnt sind, besonders fein auf die eigenen
emotionalen Veränderungen zu achten und die Hintergründe der eigenen Gefühle
genau verstehen wollen, sind in der Regel gut bei einem Psychoanalytiker
aufgehoben. Langjährige gesprächstherapeutische Behandlungen haben sich ganz
besonders bei den Patienten bewährt, die durch eine schwere körperliche
Erkrankung oder Behinderung zusätzlich belastet werden; aber auch dann, wenn
das soziale Netzt des Betroffenen „ausgedünnt“ ist.
Die Verhaltenstherapie scheint dagegen besonders gut für extrovertierte
Menschen geeignet zu sein, für diejenigen die ungern das Ruder aus der Hand
geben, die lieber Handeln als analysieren. Vor allem, wenn das Problem klar
eingegrenzt und der Patient sehr an der aktiven Mitarbeit interessiert ist,
sind die Erfolge der verhaltenstherapeutischen Behandlung am besten. Ein
gutes Beispiel dafür ist Konfrontationstherapie bei Phobien und
Zwangsstörungen. In Begleitung des Therapeuten stellt sich der Patient dem
beängstigenden Objekt und verändert dabei schrittweise die eigene
Einstellung dazu. Gut erprobte verhaltenstherapeutische Programme gibt es
aber auch für die Behandlung von Einnässen, chronischen Schmerzen,
Agoraphobie und Paniksyndrom. Für die Veränderung von sozialen Ängsten
bewährte sich kognitive Verhaltenstherapie in Gruppen. Für die Behandlung
von Persönlichkeitsstörungen gibt es inzwischen von mehreren Schulen
nachgewiesenermaßen wirksame Behandlungskonzepte.
Manchmal kann es auch sinnvoll sein, verschiedene Arten von Therapien
miteinander zu verbinden, z.B. bei Depressionen, Angststörungen,
Essstörungen, posttraumatischen Belastungsstörungen oder selbstverletzendem
Verhalten. Auch die Behandlung in einer Klinik, wo Therapeuten verschiedener
Schulen zusammenarbeiten und neben der klassischen Psychotherapie auch
kreative Verfahren (wie Bewegungs-, Musik- und Kunsttherapie) in Verbindung
mit Sport, Freizeitgestaltung etc. angeboten werden, kann ein guter Ansatz
sein.
Die neuesten Forschungen belegen, dass auch in äußerst schwierigen Fällen
die psychotherapeutische Behandlung erfolgreich ist, vor allem wenn sie
störungsspezifisch ist. Die Gespräche mit dem Psychotherapeuten können
heilen, man muss sich allerdings darauf einlassen.
Vertiefende
und weiterführende Literatur:
Beese F (2004) Was ist Psychotherapie? Vandenhoek & Ruprecht
Brockert S (2002) Praxisführer Psychotherapie. Droemer Knaur
Hiß P (1998) So finden Sie den richtigen Therapeuten. Beltz
Kraiker C, Peter B (1998) Psychotherapieführer. C.H. Beck
Mayr U (2001) Wenn Therapien nicht helfen. Klett-Cotta
Rusch C (2003) Der kleine Therapiekompass. So finden Sie die
richtige Therapie. Kreuz
Seiler SG (1998) Die richtige Therapie finden. Rowohlt
Tschuschke V (1998) Nützt mir Psychotherapie? Vandenhoek & Ruprecht