Es ist schon so eine Sache mit den Zähnen.
Sie tun uns schon weh, bevor wir sie überhaupt haben. Davon können alle
Eltern, die ihre Säuglinge nächtelang herumgetragen haben, weil diese
zahnen, ein Lied singen. Wenige Jahre später erfolgt der Zahnwechsel, wir
verlieren die Milchzähne und es wachsen uns die Zähne, die uns viele
Jahre erhalten bleiben sollen. Das funktioniert aber auch nur, wenn wir
ihnen genügend Aufmerksamkeit und Pflege geben, mindestens dreimal täglich
putzen, Einsatz besonderer Hilfsmittel, regelmäßige Zahnarztkontrollen,
etc. Und dennoch erkrankt der eine oder andere Zahn, manchmal das
Zahnfleisch und der ganze Kiefer. Mitunter verlieren wir auch diese Zähne
und denken, jetzt haben wir es geschafft, kein Ärger mit den Zähnen
mehr. Diejenigen, die an einer Prothesenunverträglichkeit leiden, wissen,
dass es damit noch lange nicht zu Ende ist.
Und
nun soll auch noch unsere seelische Situation unsere Probleme mit den Zähnen
beeinflussen!? Ein Teil dieser Zusammenhänge zeigt sich bereits bei alltäglichen
Redewendungen, wie „jemandem die Zähne zeigen“, „jemand kriegt die
Zähne nicht auseinander“, „ich habe mich an einem Thema
festgebissen“, „an diesem Thema muss ich noch länger kauen“, „da
beiss’ ich auf Granit“, „zähneknirschend ertrage ich etwas“.
Welche
Bedeutung haben Zähne für den Menschen?
Zunächst
sind sie für die Nahrungsaufnahme und -zerkleinerung als Werkzeug von großer
Bedeutung, d.h. unser Grundbedürfnis Hunger steht in engem Zusammenhang
mit unseren Zähnen. Aber auch unsere lebensnotwendige Atmung würde sich
ohne Zähne anders gestalten. Außerdem können unsere Zähne uns auch als
wirksame Waffe dienen. Und nicht zuletzt helfen sie bei der Artikulation
der Sprache und damit auch dem Ausdruck von Gefühlen. Es gibt Menschen,
die nicht mehr richtig lachen, weil sie dabei den Mund weit öffnen würden
und dann jeder ihre Zahnlücke oder ihre Zahnfehlstellungen sehen würde.
Sprich: unser Leben ohne Zähne würde ganz schön anders aussehen.
Seelische
Folgen von Zahnerkrankungen?
Die
Psychosomatik fragt aber nicht nur nach den Funktionen eines Körperorgans,
sondern auch nach den seelischen Folgen, wenn ein Organ erkrankt. Dazu ist
für jeden, der schon Zahnschmerzen erlebt hat, klar, dass diese sehr quälend
sein können, so sehr, dass eine Ablenkung oder andere Beschäftigung
nicht mehr möglich wird. Halten solche Schmerzen über längere Zeiträume
an, entwickeln sich Gereiztheit, negative Empfindungen bis hin zu
depressiven Verstimmungen. Zusätzlich kann sich auch die Angst vor dem
Zahnarzt oder der Zahnarztbehandlung entwickeln bis hin zu einer
„Zahnarztphobie“.
In
diesem Abschnitt sind folgende Patienten zu unterscheiden: a.) allgemein
ängstliche Patienten, die z.B. vor allem neuen, unbekannten ängstlich
sind und somit auch der Zahnarztbehandlung skeptisch gegenüberstehen, b.)
Patienten mit Panikattacken, die u.a. Panikattacken in engen,
geschlossenen Räumen entwickeln oder wenn sie sich anderen ausgeliefert fühlen
und c.) Patienten mit einer eigentlichen Zahnarztphobie. Alle Patienten
aus diesen Gruppen benötigen bei der Zahnarztbehandlung besondere
Hilfestellung bis hin zur Hypnose, damit eine dringend erforderliche
Behandlung überhaupt durchgeführt werden kann. Durch hypnotherapeutische
Techniken können Patienten trotz extremer Ängste in die Lage versetzt
werden, eine Zahnarztbehandlung durchzuführen, die sie sonst allenfalls
mit Vollnarkose akzeptieren würden.
Besonderer Beachtung in der zahnärztlichen Praxis bedürfen auch
Patienten mit spezifischen seelischen Erkrankungen, vor allem mit Essstörungen
wie Bulimie. Die Ess-Brech-Sucht (Bulimie) ist für den Zahnarzt bereits
am Zustand von Zähnen und Zahnfleisch erkennbar, auch wenn der Patient
sich diese Erkrankung möglicherweise nicht selbst eingesteht und auch
noch nie mit einem anderen über seine Problematik gesprochen hat. Hier
ist einfühlsames Verstehen wie auch Konfrontation mit der Erkrankung und
ihren Folgen erforderlich. Vor allem für Patienten mit erlebten Gewalt-
und Missbrauchserfahrungen ist die Situation, liegend und hilflos fühlend
einen anderen Menschen in ihren Intimbereich (dazu gehört auch die
Mundregion) eindringen zu lassen, mit Schwierigkeiten verbunden. Auch für
diese Patienten ist unter Umständen eine spezielle Vorbereitung mit
psychotherapeutischen Methoden vor einer Zahnarztbehandlung notwendig.
Seelische
Ursachen für Zahnerkrankungen?
Bereits die chinesische Medizin zeigt Beziehungen zwischen Zähnen und
anderen Körperorganen anhand der Meridiane auf. Dabei wird jedem Zahn
spezifisch ein anderes Körperorgan zugeordnet, z.B. die Eckzähne im
Ober- und Unterkiefer rechts der Galle und Leber. Die dahinterstehende
These besagt, dass wenn ein Organ erkrankt sei, auch der entsprechende
Zahn Beschwerden bereiten könne und umgekehrt. (genauer nachzulesen bei:
Girra, Ralf: Zahnheilkunde der Zukunft, Idstein, 1993). Ein ähnliches
Diagnoseschema wurde von Dr. Reiner Voll entwickelt, der ebenfalls von
Wechselwirkungen zwischen Zahn-Kiefer-Gebieten und dem bestimmten anderen
Bereichen im Organismus ausgeht (der Fachbegriff hierfür ist
„Herderkrankung“. Der strikte naturwissenschaftliche Beweis ist für
diese Zusammenhänge noch nicht erbracht. Aber zumindest ist eines klar:
z.B. chronische Entzündungen in einem Teilgebiet des Körpers belasten
den gesamten Organismus und dies gilt auch für die Zähne.
Andererseits stellen sich zum Beispiel Fragen wie: Warum bekommen einige
Menschen kein Karies, obwohl sie sich genauso gut oder schlecht ernähren
und genauso gut oder schlecht ihre Zahnpflege betreiben wie die
Karieskranken? Warum stirbt ein äußerlich intakter Zahn plötzlich ab?
Warum hält ein anderer, obwohl voller Füllungen, noch zwanzig Jahre?
Warum klagt Patient A über seine Beschwerden nicht, während Patient B
mit dem gleichen Befund den zahnärztlichen Notdienst aufsucht?. In diesem
Zusammenhang sind auch seelische Probleme als Ursache für
Zahnerkrankungen denkbar. So ergab die Untersuchung durch den Zahnarzt Dr.
Wolfgang Hoppenstedt, Braunschweig von 300 Karies- und
Parodontose-Patienten einschließlich psychologischer Interviews folgendes
Ergebnis: 10% erkrankten aufgrund mangelnder Mundhygiene, 52% gaben
besondere Müdigkeit an, 43% Stress und 38% Trennung vom Partner, Ängste
und Depressionen.
Eine weitere Untersuchung mit Ratten zeigte, dass Tiere, die viel Auslauf
hatten, eine gute Pflege erhielten, etc. im Gegensatz zu Tieren, die
eingesperrt und hilflos gehalten wurden (beide Gruppen wurden mit einer
„zuckerreichen Diät“ ernährt), einen Calcium-Phosphat-Komplex
vermehrt produzierten. Dieser Wirkstoff hat eine Schutzfunktion für den
Zahnschmelz gegen Karies, so dass in der zweiten Gruppe statistisch tatsächlich
mehr Karieserkrankungen aufgetreten sind. Auch der Mensch produziert im
Stress weniger Speichel. Im Speichel sind chemische Bestandteile
enthalten, die die Zähne reinigen, mit Mineralien versorgen und den
pH-Wert neutralisieren. Stress kann also zu Karies führen.
Im
Bereich Bruxismus (Zähneknirschen) ist es noch deutlicher, dass seelische
Probleme die Ursache sein können. Oft wird Zähneknirschen nicht bemerkt,
da es häufig nachts geschieht. Erst Kopfschmerzen und Verspannungen am
Morgen zeigen, dass wir nachts aktiv waren. Wenn Zahnfehlstellungen und
Unebenheiten im Gebiss ausgeschlossen werden können, sind Stress und
seelische Konflikte als Ursache zu betrachten. Während des Schlafes
verarbeiten wir u.a. ungelöste Probleme des Tages (siehe auch
Traumforschung). Wenn wir dabei besonders angespannt sind, wird auch die
Kaumuskulatur aktiv und es entsteht das so genannte „Knirschen“.
Seitens des Zahnarztes kann eine Aufbiss-Schiene Linderung der Symptome
verschaffen.
Hilfestellung bieten außerdem Entspannungsverfahren wie Progressive
Muskelentspannung, Autogenes Training, Biofeedback Verfahren, Yoga. Wenn
Entspannung allein nicht ausreicht, sind Stressbewältigungsmethoden im
Sinne von Stressmanagement zu empfehlen. Sind tiefer liegende seelische
Konflikte als Ursache für Zahnprobleme anzunehmen, steht deren
psychotherapeutische Bearbeitung - z.B. im Rahmen einer ambulanten
Psychotherapie - im Vordergrund.
Vertiefende
und weiterführende Literatur:
Birner
U (1998) Psychologie in der Zahnmedizin. Quintessenz Verlag. Derzeit
leider vergriffen, teilweise gebraucht erhältlich.
Caffin
M (1997) Was Zähne zeigen. Aurum Verlag, Braunschweig.
Johnke
G (1997) Klinische Psychologie in der zahnärztlichen Praxis. Schlüterscher
Verlag.
Kiel-Hinrichsen
M, Kviske R (2001) Wackeln die Zähne, wackelt die Seele. Urachhaus.
Marxkors
R (1976) Psychogene Prothesenunverträglichkeit. Hanser Verlag. Leider
vergriffen, teilweise gebraucht erhältlich.
Staats
J, Krause WR (1995) Hypnotherapie in der zahnärztlichen Praxis. Hüthig
Verlag.
Strobel
H (1992) Das Zahnweh subjektiv genommen... Walter Verlag. Derzeit
leider vergriffen, teilweise gebraucht erhältlich.
Zörner
R (2000) Die Psyche, der heimliche Zahnkiller. BoD. Auch als Online
Buch.
Wer sich für Hypnose beim Zahnarzt interessiert, ist hier richtig:
Deutsche Gesellschaft für zahnärztliche Hypnose (DGZH e.V.),
Esslinger Str. 40, 70182 Stuttgart, Tel 0711/2360618, Fax 0711/244032, www.dgzh.de,
mail@dgzh.de
Und für alle
Interessierten, die die humoristische Seite lieben:
Willen
G (1998) Alle lieben Zahnärzte, Bilder & Worte. Lappan
Verlag.