Wohl jeder kennt eigene "Marotten",
typische Angewohnheiten, die für sich betrachtet wenig Sinn ergeben.
Beispielsweise immer mit demselben Bein aufzustehen, bestimmte Zahlen oder
Strukturen zu meiden, auf die strenge Einhaltung von Handlungsabläufen zu
achten. Solche stereotypen, gleichförmig wiederkehrenden Verhaltensmuster
oder Gedanken machen dann Sinn, wenn sie alltägliche Abläufe regeln und
hierdurch geistige Kapazität und Kreativität für wesentliche Fragen
frei wird. Als normal sind aber auch noch solche "Marotten" zu
bezeichnen, die einfach etwas mehr Vertrautes und Sicherheitsgefühl
bewirken.
Hiervon sind die Zwangsstörungen zu unterscheiden, bei denen alltägliche
Abläufe blockiert oder gestört werden, durch die ein
"normales" Leben mitunter stark behindert oder gar unmöglich
wird. So kann ein ausgeprägter Zwang, sich permanent die Hände zu
waschen, zu kontrollieren ob Fenster und Türen tatsächlich abgeschlossen
sind, oder bestimmte Gedanken ständig neu denken zu müssen, lahm legen,
sozial isolieren oder zu Depressionen führen.
Bei Zwangsstörungen ist das Denken verändert. Ein innerer Drang lässt
Gedanken, denen eine magische Bedeutung zukommt, regelmäßig wiederholen.
Meist wird die Unsinnigkeit solcher Zwangsgedanken
eingesehen, aber der Betroffene sieht sich diesen hilflos ausgeliefert.
Der Versuch, diese Gedanken zu unterdrücken, löst meist Ängste aus.
Aus Zwangsgedanken können Zwangsimpulse entstehen,
beispielsweise eine Person vom Balkon zu stoßen. Solche Impulse sind für
den Betroffenen sehr quälend. Zur Umsetzung kommt es bei der klassischen
Zwangsneurose in der Regel nicht - anders kann es beim Vorliegen einer
Persönlichkeitsstörung aussehen, da hier die Impulskontrolle gestört
ist.
Häufig sind hingegen Zwangshandlungen wie Ordnungs-,
Kontroll- oder Reinigungszwänge, die oft mit Schuldvorstellungen
verbunden sind und deren Vermeidung bzw. Beseitigung dienen soll.
Hintergrund für die Entstehung von Zwängen ist aus psychoanalytischer
Sicht ein innerer Konflikt zwischen autonomen Bestrebungen, aggressiven
oder sexuellen Impulsen einerseits und höheren reglementierenden Normen
andererseits. So wäre es beispielsweise denkbar, dass jemand, der sehr
streng, einengend und mit vielen Bestrafungen aufgewachsen ist, wenig
Fähigkeiten entwickeln konnte, mit Wut, Eigenwille und Spontaneität
umzugehen. Er versucht stattdessen, seine Gefühle und Impulse durch
starre, zwanghafte Rahmenbedingungen in Schach zu halten. Übertretungen
dieser inneren Normen würden zu Angst- und Schuldgefühlen führen.
Solche inneren Konflikte können durch bestimmte auslösende Situationen
aktiviert werden und zu Zwangssymptomen führen.
Aus verhaltenstherapeutischer Sicht wird bei der Entstehung von Zwängen
von zwei Phasen ausgegangen. In der ersten wird eine ursprünglich
neutrale Situation (z.B. das Anfassen eines Telefonhörers) in Verbindung
gebracht mit einer emotional unangenehmen Reaktion (z.B. Hören einer
kränkenden und verletzenden Aussage). Aufgrund der Erfahrung, durch
Zwangshandlungen (z.B. exzessives Händewaschen oder Putzen von Telefon
und Wohnung) eine Spannungsabfuhr zu erfahren, wird solches
Zwangsverhalten in einer zweiten Phase als Verhaltensmuster etabliert.
Eine Parallele besteht zu Angststörungen: während der Angstkranke meist
durch das Vermeiden angstauslösender Situationen Angst reduziert,
erreicht der Zwangskranke dies durch das Ausführen ritualisierter
Handlungen.
Therapeutisch lassen sich Zwangsstörungen sowohl
psychoanalytisch/tiefenpsychologisch (durch das Bearbeiten der zu Grunde
liegenden Konflikte) als auch verhaltenstherapeutisch (durch das
Auseinandersetzen mit dem angstbesetzten Zustand, von dem der Zwang
ablenkt) angehen. Besonders bei chronifizierten, lange bestehenden
Zwängen gestaltet sich die Therapie mitunter schwierig und langwierig.
Von medikamentöser Seite kommen neuere Antidepressiva (sog.
"selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer") in Frage, ggf. auch
angstlösende Präparate.
Vertiefende
und weiterführende Literatur:
Zwangshandlungen
- und wie man sich davon befreit. Schwartz/Beyette. Fischer-TB-Verlag, 1999
Zwangshandlungen und Zwangsgedanken - Wie Sie den
inneren Teufelskreis durchbrechen. Klepsch/Wilcken. TRIAS, 1998
Der Weg aus der Zwangserkrankung.
S./Crombach/Reinecker. Vandenhoeck & Ruprecht, 1996
Von Angst bis Zwang
- Ein ABC der psychischen Störungen: Formen, Ursachen und Behandlung.
Barnow/Freyberger/Fischer/Linden. Huber, 2000