Thema: Paarbeziehungen
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Paarkonflikt und Persönlichkeit

Die Zweierbeziehung als Kollusion (Nach J. Willi)

Von Dipl.-Psych. Claudia Schmalz
und Dr. med. Michael Unger  


   In diesem Artikel soll das unbewusste Zusammenspiel zwischen Partnerwahl und Partnerkonflikt beleuchtet werden. Dabei spielt der Begriff der Kollusion nach Jürg Willi eine wichtige Rolle. Er meint das unbewusste neurotische Zusammenspiel eines Paares, d.h. ein Zusammenspiel auf einem hintergründigen, unausgesprochenen Einvernehmen der Partner, sozusagen ein "geheimes Einverständnis".

Inhalt

  1. Abgrenzungsprinzip

  2. Regressives und progressives Verhalten

  3. Gleichwertigkeitsbalance

  4. Grundmuster der Kollusion
    4.1. Narzisstische Kollusion
    4.2. Orale Kollusion
    4.3. Anale Kollusion
    4.4. Phallische Kollusion

  5. Die "Lösung"


1. Das Abgrenzungsprinzip

Grenzen haben in einem System und somit auch in einer Zweierbeziehung einen wichtigen Stellenwert. Zum einen grenzen sich die Partner innerhalb der Paarbeziehung voneinander ab (Innengrenze). Zum anderen grenzt sich das Paar gegenüber anderen Personen ab (Außengrenze). Dabei zeichnen sich solche Grenzen dadurch aus, dass sie klar und durchlässig sein können ("gesunde Abgrenzung"), oder aber starr (fehlende Flexibilität) oder diffus (unklar).

Eine gesunde Beziehung zeichnet sich somit durch eine klare Außengrenze aus. Die Beziehung der Partner zueinander hat etwas typisches für dieses Paar, das es von anderen unterscheidet. Diese Zweierbeziehung ist von außen als solche zu erkennen. Die Partner fühlen sich als Paar und gestalten gemeinsamen Raum und Zeit. Zugleich sind die Partner auch innerhalb der Paarbeziehung klar voneinander zu unterscheiden und führen auch ein individuelles Leben, das sie gegenseitig respektieren.

Bei den pathologischen (krankhaften) Beziehungen können vor allem zwei Konstellationen unterschieden werden:
a. Paare mit starren Innengrenzen und diffusen Außengrenzen. Diese errichten häufig aus Angst vor Selbstverlust und zu großer Intimität einen Schutzwall zwischen sich. Verbindungen zu außenstehenden Personen sollen zusätzlich die Abgrenzung gegenüber dem Partner absichern. Hinzu kommen aber auch weltanschauliche Gründe, aus denen heraus außereheliche Beziehungen gesucht werden, was besonders problematisch wird, wenn dabei der Unterschied zwischen einer außerehelichen und der eigentlichen Paarbeziehung verschwimmt.
b. Paare mit diffusen Innengrenzen und starren Außengrenzen. Diese sehen in der Ehe eine exklusive Liebesbeziehung mit hohen Idealen und Erwartungen an sich selbst und den Partner. Es wird die totale Vereinigung (Symbiose) angestrebt. Auf Dauer überfordert diese unrealistische Erwartung die Partner, und durch die allzu starke Umklammerung erstickt die Liebe.

2. Regressives und progressives Verhalten

Ein "gesunder", "nicht-neurotischer" Mensch hat ein großes Verhaltensrepertoire, das er in unterschiedlichen Situationen angemessen einsetzen kann. Er besitzt ein hohes Maß an Gefühl und Verständnis für sich selbst, Selbstständigkeit und damit Stabilität. Er kann seinen "kindlichen", "regressiven" Bedürfnissen (wie Wünsche nach Schutz, Geborgenheit, Zärtlichkeit, Liebe, Einander-Gehören etc.) ebenso angemessen umgehen wie mit "erwachsenen", "progressiven" Bedürfnissen (z.B. Wünsche nach Stärke, Kompetenz, Tatkraft, Überlegenheit). In einer gesunden Beziehung können die Partner flexibel zwischen progressiven und regressiven Tendenzen wechseln.

Das Repertoire von regressiven und progressiven Verhaltensweisen ist bei "neurotischen Störungen" in seiner Flexibilität eingeschränkt. Die Möglichkeiten der persönlichen Entwicklung sind nicht voll ausgeschöpft. Solche Menschen sind in ihren Wünschen starr und ihr Verhalten auf wenige Muster eingeschränkt. Meist besteht eine Fixierung auf eine regressive oder progressive Position. In einer "neurotischen Kollusions-Beziehung" nimmt jeder Partner eine starre Position ein. Andere - besonders komplementäre, d.h. gegenpolige - Verhaltensweisen werden verdrängt. Die Partnerwahl findet unter dem Gesichtspunkt statt, die eigenen verdrängten Tendenzen und Wünsche an den Partner zu delegieren. Somit finden oft Paare zusammen, wo der eine in einer progressiven Position ist (der regressive Tendenzen verdrängt hat) und der andere in einer regressiven Position (bei verdrängten progressiven Tendenzen), um sich unbewusst gegenseitig zu ergänzen. Die Partner bilden aufeinander bezogene "Interaktionspersönlichkeiten", die sich durch gegenseitige Abhängigkeiten auszeichnen.

3. Gleichwertigkeitsbalance

In komplexen Paardynamiken pendelt sich auf die Dauer eine "Gleichwertigkeitsbalance" ein. Auch wenn es auf den ersten Blick oft so scheint, gibt es meist nicht einen Herrscher und einen Beherrschten oder einen Sieger und einen Besiegten. Oft werden - unbewusst - subtile, manipulative oder destruktive Mittel eingesetzt, um den Partner zu beherrschen. Wenn eine offene Gleichwertigkeit kurzfristig gestört wird, z.B. indem ein Partner scheinbar als Sieger aus einem Streit hervorgeht, hat der Verlierer wiederum die Möglichkeit, das Gleichgewicht wieder herzustellen. Dies kann er subtil oder destruktiv tun (z.B. mit Weinen, Vorwürfen, Davonlaufen, trotzigem Schweigen, Suizidversuche, Alkoholrausch). Damit "beherrscht" plötzlich der scheinbar Schwächere den Stärkeren.

4. Grundmuster der Kollusion

Etwas vereinfacht ausgedrückt gibt es vier Grundthemen, mit denen sich jedes Paar bei der Gestaltung einer Beziehung auseinander zusetzen hat:
a. Narzisstisches Beziehungsthema. Entwicklung von Selbstständigkeit/Selbstwertgefühl <---> Verwirklichung durch den Partner.
b. Orales Beziehungsthema. Ausmaß und Verteilung von Fürsorge, Helfen und Übernahme von Verantwortung für den anderen.
c. Anales Beziehungsthema. Beherrschung, Kontrolle, Führung <---> Abhängigkeit und passive Hingabe.
d. Phallisches Beziehungsthema. "Klassische" Geschlechterrollen <---> entgegengesetzte Tendenzen.

Der Begriff der Kollusion meint in diesem Zusammenhang, dass bei beiden Partnern ein gleichartiger unbewältigter Grundkonflikt besteht, der von beiden in verschiedenen Rollen ausgetragen wird. Ein Partner übernimmt mehr die regressive, der andere die progressive Seite. So entsteht der Eindruck, dass der eine Partner geradezu das Gegenteil des anderen ist, es handelt sich aber tatsächlich lediglich um polarisierte Varianten der gleichen Thematik. Diese "Rollenverteilung" bewirkt die Anziehung und Verklammerung der Partner. Jeder hofft, durch den Partner von seinem Grundkonflikt erlöst zu werden.

Im längeren Zusammenleben scheitert diese "kollusive Selbstheilungsversuch" aufgrund der Wiederkehr des Verdrängten bei beiden Partnern. Anfangs erscheint vordergründig eine perfekt gelungene Partnerwahl (da Gleichwertigkeitsbalance eingestellt). Oft entwickeln sich aber immer extremere Positionen der Partner. Dann wird es unerträglich, wenn der Partner die Tendenzen, die man selbst verdrängt hat, immer deutlicher auslebt: auf Dauer kann es der Progressive nicht ertragen, dem Partner jene regressive Befriedigung zu geben, die er sich selber versagt - und der Regressive hasst den Partner, weil ihn das Angewiesensein auf dessen Hilfe kränkt. So schlägt das Zusammenspiel der Partner in eine destruktive Kollusion (Partnerkonflikt) um. Das, was anfangs die Anziehung der Partner bewirkt hat, wird nachher zur Ursache des Konfliktes.

4.1. Narzisstische Kollusion

 

"Bewunderer" (regressiv)

"Narzisst", "Star" (progressiv)

Anfängliche Beziehung

Toll, dass Du so grandios und selbstbewusst bist!

Toll, dass Du mich so bewunderst, verehrst und bestätigst!

Konflikt/Kollusion

Unerträglich, dass Du so böse und rücksichtslos bist. Deine aufgeblähte Selbstherrlichkeit demütigt mich!

Unerträglich Deine demütige Kaninchenhaltung, die mich einengt, verpflichtet und mir Schuldgefühle macht!


4.2. Orale Kollusion

 

"Pflegling" (regressiv)

"Mutter", "Helfer" (progressiv)

Anfängliche Beziehung

Es tut mir gut, dass Du mir so viel innige Geborgenheit vermittelst!

Es tut mir gut, dass Du Dich mir so bedingungslos anvertraust!

Konflikt/Kollusion

Unerträglich, dass Du mich ständig als Kleinkind behandelst, außerdem gibst Du mir nicht genug!

Unerträglich, dass Du mich mit Deinen Ansprüchen total auslaugst und es mir überhaupt nicht dankst!


4.3. Anale Kollusion

 

"Untertan" (regressiv)

"Herrscher" (progressiv)

Anfängliche Beziehung

Toll, dass Du so stark, aktiv und durchsetzungsfähig bist!

Schön, dass Du so nachgiebig und lieb bist!

Konflikt/Kollusion

Unerträglich, dass Du so autoritär und tyrannisch bist!

Unerträglich, dass Du wie eine Marionette bist!


4.4. Phallische Kollusion

 

"Softi", "Graue Maus" (regressiv)

"Macho", "Weib" (progressiv)

Anfängliche Beziehung

Toll, dass Du so typisch männlich/weiblich bist!

Toll, dass Du mich in meiner Männlichkeit/ Weiblichkeit so bewunderst!

Konflikt/Kollusion

Unerträglich Deine aufgesetzte Männlichkeit/ aufgedonnerte Weiblichkeit! Bist Du überhaupt potent?

Unerträglich Deine Farblosigkeit (auf sexuellem Gebiet)! Du machst mich impotent.

5. Die Lösung

Ziel einer Therapie ist das Einspielen eines freien und flexiblen Gleichgewichts. So können die Kollusionsthemen zu einer beiderseitigen Bereicherung werden:
a. narzisstisch: durch die Bestätigung des Partners als eine abgegrenzte individuelle Persönlichkeit,
b. oral: durch ein gegenseitiges Geben und Nehmen,
c. anal: durch Solidarität ohne Zwang,
d. phallisch: durch gegenseitige Ergänzung in der Geschlechteridentität.

Lösung:

narzisstisch

"Bewunderer" (regressiv)

"Narzisst", "Star" (progressiv)

... "muss" selber mehr Selbstwertgefühl entwickeln

... "muss" einsehen, dass er nicht vollkommen ist

oral

"Pflegling" (regressiv)

"Mutter", "Helfer" (progressiv)

... "muss" selbstständiger und weniger anklammernd werden

... "muss" passiver werden und lernen, sich auch ´mal ´was zu nehmen

anal

"Untertan" (regressiv)

"Herrscher" (progressiv)

... "muss" lernen, sich selber besser zu vertreten und durchzusetzen

... "muss" lernen, auch ´mal nachzugeben und einzulenken

phallisch

"Softi", "Graue Maus" (regressiv)

"Macho", "Weib" (progressiv)

... "muss" sich etwas geschlechtsspezifischer verhalten;
Mann: männliche Seite entwickeln
Frau: weibliche Seite entwickeln

... "muss" sich etwas sachlicher verhalten;
Mann: "weibliche Seiten" zulassen
Frau: "männliche Seiten zulassen

Das Konzept von J. Willi ist psychoanalytisch, sieht aber auch Kommunikationsübungen und Partnerschaftstrainings bis hin zu konkreten verhaltenstherapeutischen Übungsprogrammen vor. Systemisch-familientherapeutischen und humanistischen Verfahren steht er positiv gegenüber.

Für jede Paartherapie ist wichtig:

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Förderung der Selbsterkenntnis, insbesondere bezogen auf die Persönlichkeitsaspekte, die man in der Kollusion an den Partner delegiert, und Integration dieser Anteile in das eigene Verhalten.

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Förderung des Verständnisses für den Partner, ihn so zu sehen und zu akzeptieren, wie er ist, und nicht so, wie man ihn gerne hätte.

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Förderung des Verständnisses der Paardynamik. Die Partner müssen begreifen, dass sie polarisierte Positionen desselben Themas eingenommen haben ("Wir sitzen im gleichen Boot."). So kann das Trennende zum Verbindenden werden ("Wir müssen nun gemeinsam das Gleichgewicht austarieren.").

 

Vertiefende und weiterführende Literatur:

1. Was hält Paare zusammen? - Der Prozess des Zusammenlebens in psycho-ökologischer Sicht. Jürg Willi. Rowohlt, 1993
2. Die Zweierbeziehung. - Spannungsursachen, Störungsmuster, Klärungsprozesse, Lösungsmodelle. Jürg Willi. Rowohlt, 1990
3.
Erstarrte Beziehung - heilendes Chaos. Einführung in die systemische Paartherapie und -beratung. Lenz et al. Herder Spektrum, 2000
4. Partnerschaftsprobleme - Möglichkeiten zur Bewältigung.
Schindler et al. Springer, 1999

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Veröffentlicht am 25. Februar 2001, korrigiert am 4. Juli 2007

 

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