Es gibt praktisch kein körperbezogenes Symptom, das neben einer
organischen Ursache nicht auch seelisch bedingt sein könnte:
Kopfschmerzen, Herzrasen, Blähungen, Rückenschmerzen, Ohrgeräusche,
Lähmungserscheinungen. Dies sind nur einige der Beschwerden, mit denen
Patienten immer wieder und häufig zu vielen verschiedenen Ärzten
gehen, um sich helfen zu lassen. Nicht selten bekommen sie zu hören,
dass die körperlichen, röntgenologischen und laborchemischen
Untersuchungen ebenso wie EKG und EEG eigentlich in Ordnung seien.
Wenn man also davon ausgehen
kann, dass eine organische Erkrankung als Ursache der Beschwerden
ausscheidet – und dies muss ärztlicherseits geklärt sein – spricht
man von einer sogenannten somatoformen Störung (d.h. einer psychischen
Störung, die einer körperlichen Erkrankung ähnlich sieht) oder auch
von einer Organneurose. Michael Ermann (2) definiert: „Organneurosen
sind körperliche Befindensstörungen auf der Basis einer seelischen
Fehlentwicklung. Es handelt sich also um körperliche Manifestationen
von Neurosen. Sie umfassen körperliche Missempfindungen und
Störungen von Funktionsabläufen von somatisch intakten Organen.“
Nun mag sich mancher fragen,
ob es das tatsächlich gibt. Besonders unter ihren Schmerzen und anderen
Beschwerden leidende Patienten können oft – vielleicht meist –
nicht nachvollziehen, dass ihr zutiefst spürbares Leiden „nur“
psychisch bedingt sein könnte. Verlassen wir an dieser Stelle einmal
die wissenschaftliche Betrachtungsweise und wenden uns gängigen
Redewendungen zu, die nicht selten alte Lebensweisheiten als „geflügeltes
Wort“ zusammenfassen. Wer hat nicht selber schon einmal formuliert: „Das
ist mir aber auf den Magen geschlagen“ – und hat damit
beispielsweise gemeint, dass die herbe Kritik des Chefs am Morgen einen
großen Ärger ausgelöst hat, er den Chef aus verständlichen Gründen
aber nicht in gleicher Weise angefahren hat, und in der Folge
tatsächlich Magenschmerzen aufgetreten sind? Oder hatten Sie schon
einmal „Wut im Bauch“, hat Ihnen etwas „die Kehle
zugeschnürt“ oder „die Sprache verschlagen“, oder Sie
haben „kalte Füße bekommen“?
Hier wird deutlich, dass es
auslösende Situationen gab, die ein bestimmtes Gefühl als Antwort
entstehen ließen, das – aus welchen Gründen auch immer – nicht
unmittelbar als solches wahrgenommen wurde, um damit aktiv umzugehen. Vielmehr
wurde das Gefühl in einem körperlichen Symptom verschlüsselt.
Warum das? Dieser unbewusst ablaufende Vorgang bewirkt beispielsweise,
dass man sich mit dem unangenehmen oder als bedrohlich erlebten Gefühl
zunächst nicht beschäftigen muss. Wie das Beispiel oben zeigt, kann
dies auch im Sinne des Selbstschutzes sehr sinnvoll sein. Denn was
passieren würde, wenn der vom Chef Kritisierte seinen Ärger
unverblümt an diesen
zurückgeben würde, ist nicht schwer vorherzusagen. Vermutlich würde
er noch mehr Ärger bekommen, womöglich eine Abmahnung oder gar eine
Kündigung.

Spielt dieser in der
Psychoanalyse als Affektabwehr (d.h. Abwehr bestimmter intensiver
Gemütsbewegungen) bezeichnete Mechanismus nicht nur in einzelnen
Situationen eine Rolle, sondern wiederholt sich regelmäßig und
verhindert systematisch eine bewusste und aktive Auseinandersetzung mit
eben diesem ungeliebten Gefühl, dann spricht man von einer Neurose.
Tritt eine körperliche Empfindung regelmäßig an die Stelle des
Erlebens einer bestimmten Gemütsbewegung, spricht man folglich von
einer Organneurose oder somatoformen Störung. Dies stellt die erste Art
der „neurotischen Symptombildung“ im körperlichen Bereich dar und
wird Affektsomatisierung genannt.
Eine zweite Möglichkeit ist
die „symbolhafte Somatisierung“ (Konversion), das heißt die
körperlichen Symptome bringen symbolhaft ein unbewusstes
innerseelisches Thema zum Ausdruck. So können sich beispielsweise
enttäuschte Liebeswünsche in Herzschmerzen darstellen. Oder nicht
zugelassene Impulse, einer Beziehung zu entfliehen, zeigen sich in einer
Beinmuskelschwäche. Dabei ist dem Patienten selber die Botschaft der
ausdrucksstarken Symptomatik meist nicht bewusst. Waren früher
dramatische Lähmungen, Erblindung oder plötzliche Taubheit typisch
für eine solche „Konversionsneurose“, treten heutzutage eher
diskretere Symptome wie umschriebene Gehstörungen, begrenzte
Gesichtsfeldausfälle oder Ohrgeräusche (Tinnitus) auf.
Für eine Behandlung kommt
sowohl eine analytische Therapie als auch eine Verhaltenstherapie
in Frage. Mit beiden kann häufig eine dauerhafte Beseitigung der
Symptomatik erreicht werden, indem der Patient mit Unterstützung des
Therapeuten zunächst ein Verständnis für seine individuelle
Problematik entwickelt und hierauf aufbauend alternative Lösungs- und
Verhaltensmöglichkeiten entwickelt, mit denen er symptomauslösenden
Situationen angemessener begegnen kann.

Vertiefende
und weiterführende Literatur:
1.
Thomas Loew, Wenn die Seele den Körper leiden läßt. TRIAS
1998
2.
Michael Ermann, Psychotherapeutische und psychosomatische Medizin.
Kohlhammer 1999