Jedes Jahr im Herbst, wenn die Tage kürzer und dunkler werden klagen
viele Menschen über einen allgemeinen Leistungsabfall, verringerten
Antrieb und eine verstärkte Müdigkeit, wobei der Schlaf nicht erholsam
ist. Häufig berichten sie dann, dass "das wohl am Wetter
liegt".
Tatsächlich sind jahreszeitlich abhängige Änderungen des psychischen Befindens und der Aktivität schon sehr lange bekannt. Sie stellen
wahrscheinlich ein altes, stammesgeschichtliches Erbe aus einer Zeit dar,
als der Mensch noch stärker der Natur ausgesetzt war und sich den
jahreszeitlichen Witterungsbedingungen angepasst hat. Hinweise hierfür
lassen sich in einem bestimmten Hirnareal finden, wo sich ein Botenstoff
der Nerven, das Melatonin, in einem zyklischen Verlauf und unter dem
Einfluss von Licht gebildet wird. Möglicherweise wird der Organismus
dadurch auf die Jahreszeiten "eingestimmt", um z.B. im Winter
Energiereserven (Fett) anzulegen und eine sichere und warme Behausung
aufzusuchen. In der heutigen Zeit, in der der Mensch sich durchgängig vor
den Umwelteinflüssen schützt und nicht mehr auf die saisonal wechselnden
Nahrungsangebote angewiesen ist, kann diese Einstimmung als unpassend und
störend erlebt werden.
Ein Großteil der Menschen (ca. 75%) gibt auf Befragung an, dass sich die
Jahreszeiten auf die Stimmung niederschlägt, ohne dass sie sich jedoch in
ihrer Leistungsfähigkeit und Lebensqualität zu sehr eingeschränkt fühlen.
Für etwa 10% der Bevölkerung stellt sich aber eine Beeinträchtigung mit
Krankheitswert ein, so dass sie eine Arzt aufsuchen müssen. Regelmäßig
im Herbst bricht bei ihnen eine Depression aus, die typischerweise mit
einer Herabgestimmtheit, Antriebslosigkeit, Angst, inneren Unruhe,
Reizbarkeit und Rückzug einhergeht. Daneben treten aber auch als
"untypische" Symptome ein verstärkter Appetit und ein erhöhtes
Schlafbedürfnis auf. Diese Beschwerden bilden sich dann im Frühjahr und
Sommer wieder vollständig zurück, so dass das typische Bild einer saisonal
abhängigen Depression entsteht.
Diese Depressionsform kann in vielen Fällen durch eine Lichttherapie
gut und nebenwirkungsarm behandelt werden. Unter der regelmäßigen
Beleuchtung mit hellem und weißem Licht bildet sich die Depression zurück.
Dabei ist von Bedeutung, dass die Wirkung nicht über eine Bestrahlung der
Haut, sondern über die Netzhaut der Augen erfolgt, so dass der Patient in
das Licht blicken muss.
Schwere Verläufe der Depression können zusätzlich die Gabe von
antidepressiven Medikamenten nötig machen.
Grundsätzlich sollte aber auch die Eigeninitiative des Einzelnen nicht
unterschätzt werden. Körperliche Aktivität und sportliche Betätigung -
möglichst bei Tageslicht - können bei dieser Depressionsform eine günstige
und vorbeugende Wirkung haben.
Vertiefende
und weiterführende Literatur:
Lichttherapie. Zulley/Wirz-Justice. Roderer, 1999
Licht
für die Seele - Raus aus dem Stimmungstief. Schwarz/Schweppe.
Gräfe und Unzer, 1999
Licht-Therapie.
Das Programm gegen Winterdepressionen.
Rosenthal/Kasper. Heyne, 1997
Seelische Störungen heute -
Wie sie sich zeigen und was man tun kann. Volker
Faust. Beck, 1999
Depressionen überwinden - Ein Ratgeber für
Betroffene, Angehörige und Helfer. Niklewski/Riecke-Niklewski. Stiftung Warentest, 1998
Licht am Ende des Tunnels - Wie Depressive und ihre
Angehörigen sich selbst helfen können. Jay Cleve. Huber,
2000
Veröffentlicht: 24.11.2000, ergänzt: 17.08.2001